Zäh ist sie schon, die Digitalisierung der Kunstmusik

Zu dieser Erkenntnis kann man kommen, liest man Johannes Kreidlers eben im Fachblatt Positionen erschienenen heiteren Besinnungsaufsatz über seinen digitalisierten Alltag als eKomponist „Mein tägliches Festival“. Wenigstens weiß ich jetzt aus berufenem Munde, wo ich mit der „Weltsicht“ stehe in der Hitparade der deutschsprachigen Kunstmusik-Blogs: auf Platz 2 nach Moritz Eggerts und Alexander Strauchs Bad Blog of Musick.

Wow.

Ein bisschen relativiert wird das allerdings dadurch, dass Kreidler überhaupt nur 4 nennenswerte derartige Blogs bekannt sind (die ich alle in meiner Blogroll aufführe). „Vergessen“ hat er lediglich Philipp E. Dollfußens knopfspiel – aber das ist ja auch noch ein recht junges Projekt.

Es ist irgendwie faszinierend und, Entschuldigung, beruhigend, dass die Konkurrenz so klein ist. Wie viele „offizielle“ eKomponisten gibt’s noch mal im deutschsprachigen Raum? Jedenfalls möchten sich ganz offensichtlich nur ein halbes Dutzend davon regelmäßig in der (Netz-)Öffentlichkeit über ihre Arbeit äußern. Erstaunlich. Und was macht der Rest? Ich meine, wenn er nicht grade komponiert (denn bekanntermaßen komponieren eKomponistInnen pausenlos)?

Gut, ein Komponist muss nicht schreiben – aber sie könnte ja auch einfach ihre Musik posten (als billiges MIDI-Demo, oder als Partiturfragment, dann ist ein Missbrauch hochunwahrscheinlich). Macht sie aber auch nicht? Warum eigentlich?

Worauf warten all diese schöpferischen Menschen? Was treiben sie? Wie verbringen sie ihre Zeit? Wie finden sie neue Gesprächspartner? Wie knüpfen sie ihre Netzwerke?

Eins ist klar: Ganz offensichtlich nicht in der Blogosphäre. Aber wo dann? Auf Facebook? Google Plus? Twitter? Oder – und das erscheint mir wahrscheinlicher – durch beharrliches, demütigendes Antichambrieren vor MusikhochschulprofessorInnensprechzimmern? Durch beharrliche, demütigende Teilnahme an Kompositionswettbewerben, deren Gewinn (außer ein bisschen Geld) keinerlei Konsequenzen nach sich zieht? Durch den beharrlichen, demütigenden Versuch, einen Kompositionsauftrag zu ergattern, bei dem es vor allem darum geht, das beauftragende Ensemble gut dastehen zu lassen? Oder so.

Ok.

Ist das vielleicht der ganz profane Grund, warum ein Gutteil der mir bekannten Neuen Musik gerade jüngerer Kräfte schlicht, äh, „depressionistisch“ rüberkommt oder, was noch schlimmer ist, heulsusig?

Nein, das kann nicht sein, das muss ganz andere Gründe haben. Schließlich steht die Welt ja am Abgrund oder so. Die sensible Künstlerin spürt das natürlich besonders, klar.

Logisch.

Und einer der Gründe, warum das so ist, ist bekanntlich das böhse Internet.

Mit seinen sozialen Netzwerken und so.

„Da wär ich ja blöd, als tief besorgter, ernster Künstler, mich da auch noch zu beteiligen. Ich käme mir irgendwie beschmutzt vor, unrein, besudelt. Schließlich gibt es ja bekanntermaßen kein richtiges Leben im F…“

Ist es das? Oder fantasiere ich mir hier was zusammen?

Hallo?

Ist da jemand?

Zäh ist sie schon, die Digitalisierung der Kunstmusik

4 Gedanken zu “Zäh ist sie schon, die Digitalisierung der Kunstmusik

  1. Erich Hermann schreibt:

    Nö, hier ist keiner. Ausser den immergleichen Pappnasen (inklusive mir selbst). Das „Versprechen der umfassenden Vernetzung“, um den Medientheoretiker Hartmut Winkler zu paraphrasieren, klappt allmählich wieder um zum „Versprechen der umfassenden Separierung“, nämlich derjenigen, die die neuen Medien nutzen, von denjenigen, die lieber immer noch Instrumentalstimmen aus einer Kopie der handschriftlichen Partitur ausschnippeln und sie zusammenkleben. Ich hatte mir mehr erhofft.

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  2. Hier!

    Ich hatte eigentlich gar nicht die Absicht, einen „Komponistenblog“ zu machen, aber anscheinend werden diese ja dringend gebraucht. Eigenartig, wie solche Lücken eine gewisse magnetische Wirkung haben können.

    Was ich mir dringender wünsche als Blogs wäre ein Forum für Komponisten. In Blogs gehen interessante Diskussionen gerne verloren, in Foren bleiben sie erhalten; zudem bietet es eben auch die Möglichkeit, mal Abseits von den immergleichen Themen zu schreiben (wobei das auch in den Blogs schon passiert) – denkbar wäre dann eben auch, über aktuelle Projekte aus dem Nähkästchen zu plaudern und sich Meinungen anderer einzuholen, Ideensammlungen von Konzepten, die man selber nicht umsetzen mag, …

    Was meinst du, ist das eine realistische Idee? Oder würde es doch nur wieder die selben zehn Leute interessieren, die eh schon bloggen?

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  3. @Philipp: Danke für die Meldung erstmal🙂 Keine Ahnung, ob ein Forum in diesem Fall (Vernetzung freiheitsliebender Individualisten) mehr leisten würde als Blogs. Ich denke aber, es reicht erst mal aus, wenn jedes der in Johannes‘ Text genannten Blogs eine gut sichtbare Blogroll hätte, in der die jeweils anderen Blogs gelistet sind – am besten mit einem kurzen Kommentar, da sich der interessierte Nutzer unter den Blognamen allein ja gar nichts vorstellen kann. „Weltsicht aus der Nische“ ist da genauso kryptisch wie, pardon, „knopfspiel“. Gut wäre auch, gelegentlich die Artikel des bzw. der jeweils anderen kommentierend zur Kenntnis zu nehmen – aber das geschieht ja hier bereits🙂

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