«rowing song [line groover 07]»

Field recording: Poul Rovsing Olsen 1962, Samples: SC-88 Pro, Entstehungsjahr: 2006 / electronica

Dieses „Ruderlied“, oder, besser, „Lied der Ruderer“ lässt zusammenwachsen, was so gar nicht zusammengehört. Man könnte auch – in einer schon etwas altmodischen Metapher – von einer musikalischen Doppelbelichtung sprechen.

Das grandiose field recording des dänischen Ethnomusikologen und eKomponisten Poul Rovsing Olsen, mit dem der Track beginnt, dokumentiert den traditionellen Gesang im Ruderboot ausziehender Perlenfischer im Persischen Golf, genauer gesagt, in Bahrain. Die Rauheit dieser Aufnahme, die ich von einer knacksenden Schallplatte selber heruntergesampelt habe, hat mich stets emotional tief berührt – wenn auch auf sehr ambivalente Art und Weise.

Dem gegenüber stehen Strukuren früher House music aus den 1980er Jahren, die ich, unter ausgiebiger Nutzung der mehr als adäquaten Sample-Bibliothek eines Desktop-Soundmoduls der Firma Roland, „frei nachempfand“, wie man so schön sagt.

Was beide Musiken für mich verbindet, ist – abgesehen von ihrer Repetitivität – ihr funktionaler Charakter: Die rhythmischen Gesänge der arabischen Fischer (für mich klingen sie ganz und gar archaisch, aber, wie gesagt, Olsens Aufnahme dokumentiert lediglich den bahrainischen Arbeitsalltag von vor ca. 50 Jahren) sollten diesen ihren vermutlich öden und superharten Job ein wenig erleichtern, die elektronische Musik, die in den 1980er Jahren von (oft übrigens schwarzen) DJs in den US-Metropolen Chicago und Detroit entwickelt wurde, sollte die post-industrielle Multitude in tänzerische Ekstase versetzen.

Beide Zielgruppen verrichten also eine Art von Arbeit. Beide rudern.

Der arabische Fischer rudert aufs Meer, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und die Seinen durchzubringen, der House-Party-Teilnehmer rudert (mit den Armen, den Beinen etc.), um zu vergessen (was auch immer, vielleicht ja ebenfalls einen öden und superharten Job, vielleicht aber auch die genauso hart empfundene Job-Losigkeit, oder, drittens, die Angst im Job vor der möglichen, demnächst kommenden Job-Losigkeit).

Ich bestehe demzufolge darauf, dass «rowing song [line groover 07]» eine Form von Kunstmusik ist. Es handelt sich nicht um Pop-Musik (und schon gar nicht um „Weltmusik“, falls jemand auf die Idee kommen sollte). Man kann die Komposition natürlich als (epigonalen) house track mit Ethno-Einschlag hören – aber da gibt es sicher Besseres, aufwändiger und perfekter bzw. „professioneller“ Produziertes. Es geht mir aber hier nicht um Aufwand, Perfektion und Professionalität im Sinne einer Reproduktion von Standards, die ich mir nicht selber gesetzt habe, sondern um die möglichst effektive Umsetzung einer konzeptuellen Idee mit ästhetischen Mitteln.

«rowing song [line groover 07]»

6 Gedanken zu “«rowing song [line groover 07]»

  1. @Stefan: Danke auch für diese Ausführung zum Track. Ich finde deine neue Mitteilsamkeit in Bezug auf deine Re-Release sehr erfreulich, hatte über die Jahre ja auch immer mal dbzgl. gemeckert, weil mir die Informationen früher zu karg gewesen waren. Jetzt lese ich in aller Ruhe und mit Gewinn deine Erklärungen und kann mich dabei auf das folgende Hörerlebnis freuen. Nur: Manchmal finde ich deine „liner notes“ total gut, bin dann aber vom eigentlichen Track enttäuscht, weil ich trotz detaillierter Heranführung keinen persönlichen Zugang finden kann. Mit gefällt also gegebenenfalls das Konzept durchaus, aber die Ausführung gar nicht. So geht es mir übrigens fast durchweg bei den neu-konzeptionalistischen Konstruktionen deiner „komponierenden“ Kollegen. Konzept: hochinteressant, Klangergebnis: enttäuschend. Das fühlt sich komisch an und ist auch irgendwie blöde, weil bisher war für mich bei Musik das Konzept nachrangig, wenn mich das klangliche Ergebnis überzeugt hat. Teilweise neige ich bei der von dir auf dem Blog präsentierten Musik sogar dazu, (d)eine Beschreibung des Konstruktionsprinzips aufmerksam zu lesen und mir das Hören danach gleich komplett zu sparen. Aber das kann ja nicht der Sinn sein, oder?

    Da kommt mir noch ein Gedanke: Es besteht ja ganz augenscheinlich in deiner Szene ein Missverhältnis zwischen schriftlichen und musikalischen Output (siehe Blogs, Facebook, Twitter, Artikel, Bücher, Konferenzen etc.) Sind die Macher Neuer Musik und insbesondere die Macher des Neuen Konzeptionalismus vielleicht gar nicht Komponisten im eigentlichen Sinn, sondern in Wirklichkeit eher gewitzte Geschichtenerfinder, begnadete Märchenerzähler und überzeugende Präsentatoren? Sind diese Qualitäten (denen ich im übrigen sehr viel abgewinnen kann) evtl. viel wichtiger als starke musikalische Ergebnisse? Kannst du dazu was sagen?

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  2. Zu Komponisten, die keine Komponisten mehr sind: Begrüßenswert, ich finde es langweilig, wenn Menschen sich auf eins spezialisieren und nichts sonst machen.🙂
    (Frühere Komponisten waren auch zugleich Literaten, Maler, usw.)

    Mit dem Stück geht es mir ähnlich wie Dennis; allerdings freunde ich mich in den letzten Jahren langsam mit dem „Monotonen“ an, gewissermaßen um meine bürgerliche Erziehung (dass man ’so was‘ eben nicht hört) rückgängig zu machen.

    Der letzte Absatz im Artikel irritiert mich ein bisschen. Eine Abgrenzung von Popmusik und Kunst finde ich irgendwie langsam sinnlos; wenn die wer machen will, gut, ignoriere ich dann halt. Wenn du dich also davon abgrenzt, indem du sagst, dass du das Stück extra als konzeptionalistisch gewertet sehen willst, baust du indirekt erst recht wieder eine Barriere dazwischen auf. Warum nicht sagen, das Stück ist billiger Pop, ist Kunst, ist Konzept, alles gleichzeitig.😉

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  3. Gerhard schreibt:

    Ich kann dieser Musik durchaus etwas abgewinnen – vielleicht einfach deswegen, weil ich „solche“ Sachen öfters höre.
    Wichtig ist ja hierbei auch die Intention des Komponisten, die im Stück „verborgen“ ist: Die Gegenüberstellung einer ähnlichen Funktion von Musik zweier unterschiedlicher Kulturen. Ohne die Erläuterung wäre mir das natürlich nicht aufgefallen.
    In der Bildenden Kunst genügt es meist auch nicht, sich die Werke anzuschauen.Man muß sich um den Hintergrund bemühen. Das gilt umso mehr, wenn der Output nicht primär ästhetischen Prinzipien zu genügen scheint.

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  4. @Dennis: Es gibt wohl kaum eine Musik, die *gar* keine Geschichte erzählt („Absolute Musik“ erzählt übrigens folgende Geschichte: „Hej, hör mich doch einfach nur an, sonst nichts! Bin ich nicht bildlos, abstrakt, schwer greifbar, spirituell? Und ist das nicht verdammt cool?“).

    Ich denke schon, dass man Konzeptmusik (wir reden jetzt nicht über «rowing song») anders hören muss als bsp.weise Charlie Parker. Duchamps Urinal schaut man ja auch anders an als ein Gemälde von Picasso.

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  5. @knopfspiel: Ich möchte nur vermeiden, dass dieses Stück einfach als irgendwie schräge Disco-Mucke rezipiert wird – dadurch würde es reichlich witzlos bzw. epigonal (im Sinne von „Ist ja ganz nett, hab ich aber bei den Künstlern XX, YY und ZZ schon besser gehört.“). Diese Art der Rezeption empfände ich ungefähr so intelligent, wie über Duchamps Urinal zu sagen: „Mein Gott, es gibt doch viel schönere Urinale!“

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