A sleazy narcissus: Martin Heidegger

Vor ein paar Tagen gefunden im Vodcast des Graduate Center der City University of New York: Eine recht lebendige und – vor allem – faktenreiche Podiumsdiskussion vom 11. September (ausgerechnet, und ausgerechnet in New York) über Martin Heideggers heuer erstmalig (!) publizierte „Schwarze Hefte„, einer Sammlung vermischter Aufzeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der der Philosoph wohl (ich habe sie nicht gelesen) seinem Antisemitismus in bisher so nicht gekannter Explizitheit freien Lauf gelassen hat.

Als an Heidegger philosophisch nur mäßig, aber zeitgeschichtlich sehr wohl Interessierter habe ich diesen gut einstündigen Kessel Braunes recht aufmerksam verfolgt. Aufgefallen sind mir folgende Punkte:

  • die echte Bewunderung, mit der der Gastgeber, der US-Historiker Richard Wolin (auf dem Podim ganz links, im Video-Screenshot oben nicht zu sehen) die deutsche Feuilleton-Debatte zum Thema referiert. Von „aufrichtigen“ Äußerungen ist die Rede, und „erstaunlich wenigen Entschuldigungen“. Die Demokratie in Deutschland sei „sehr stark“, andere Nationen mit totalitärer Vergangenheit sollten sich an der deutschen Geschichtsbewältigung „ein Beispiel nehmen“
  • die persönliche Offenheit, mit der Heidegger-Dokumentarfilmer (und Jazzdrummer – und Hemingway-Lookalike) Jeffrey van Davis  (auf dem Podium der Zweite von links) – sein Film „Only A God Can Save Us“ aus dem Jahr 2009 lief offenbar direkt vor dem Panel – seinen Werdegang vom Katholiken zum Heideggerianer zum Nicht-mehr-ganz so-Heideggerianer schildert
  • die Beharrlichkeit, mit der der katholische US-Philosoph Thomas Sheehan (ganz rechts, fast nie im Bild) die ganze lange Stunde zu der ganzen schmutzigen Angelegenheit (renommierter Philosoph dient sich ohne Not totalitärem Regime an) gar nichts sagt, damit sein Studienobjekt MH getreulich nachahmend

Die beiden übrigen Panelisten Emmanuel Faye (Frankreich) und Karsten Harries (Deutschland/USA) haben – so mein Eindruck – nur wenig zur Diskussion beizutragen, sind aber immerhin ausgezeichnet in der Lage, eine Aura von sachlich-nachdenklicher Kompetenz um sich zu verbreiten.

Die Publikumsfragen (u. a. zu den „üblichen Verdächtigen“ Hannah Arendt und Carl Schmitt) sind erfreulich artiukuliert, aber nicht zu klugscheißerisch, und sie werden – v. a. von van Davis – sehr sorgfältig und ohne jede Herablassung beantwortet.

P.S.: Der Wikipedia-Eintrag zu den „Schwarzen Heften“ existiert nur auf Englisch und Persisch (!). Im deutschsprachigen Eintrag „Martin Heidegger“ –  immerhin von der Wikipedia als Exzellenz-Artikel ausgezeichnet – sucht man das Schlagwort vergebens (Stand 2014-09-27).

A sleazy narcissus: Martin Heidegger

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