«Sykorujabing» for microtonal piano (ePlayer-Realisierung)

Soundfont Deatons Steinway

Sample Player sforzando 1.848

Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (Fokke van Saane), unter Verwendung des VST-Plugins Freeverb3 Impulser

Kompositionsnotiz (Selbstbeobachtung)

Skrjabins 5-teiliges Prélude op. 74 aus dem Jahr 1914 begegnete mir schon vor einiger Zeit hier als von einem gewissen Jof Lee sequenzierte Standard MIDI Files (Mittlerweile weiß ich, dass sich seine Sequenzierung rhythmisch vom Original an einigen Stellen unterscheidet, aber das spielt hier keine Rolle).

Ich war sofort fasziniert von der harmonischen Architektur der Miniaturen – sie wirken wie aus einem Guss, sozusagen „modal“ („beruhigend“), atmen aber den Geist „expressionistischer“ Sinnsuche („beunruhigend“) – und erinnerte mich dabei an einen anderen, harmonisch ebenfalls recht eigenständigen Komponisten: La Monte Young. Dessen in den 1960er Jahren für sein Werk „The Well-Tuned Piano“ entwickelte Temperierung applizierte ich kurzerhand auf das Prélude von Александр Николаевич – und staunte nicht schlecht, als dieses sich plötzlich in eine charmante Chinoiserie  verwandelte.

Die Abfolge der 5 Préludes habe ich aus dramaturgischen Gründen verändert, sie erklingen in der Reihenfolge 2, 5, 1, 3, 4. Der Kompositionstitel ist ein Anagramm aus den Worten „Skrjabin“ und „Young“.

[Nerd-Info: Hier Youngs Temperierung als Quelltext für die Software intun

NAME La Monte Young's Well-Tuned Piano (ca. 1960)
DEGREES 12
PITCH 311.127
CENTRE 63
1 j567/512
2 j9/8
3 j147/128
4 j21/16
5 j1323/1024
6 j189/128
7 j3/2
8 j49/32
9 j7/4
10 j441/256
11 j63/32
12 j2/1
END

…und ein Artikel des Musikologen Kyle Gann über Youngs Temperierung für „The Well-Tuned Piano“.]

«Sykorujabing» for microtonal piano (ePlayer-Realisierung)

25 Gedanken zu “«Sykorujabing» for microtonal piano (ePlayer-Realisierung)

  1. @Stefan: Den Einführungstext finde ich wieder einmal wunderbar, den Track selber kann ich wegen der extremen Verstimmung gar nicht länger anhören. Wahrscheinlich würdest du jetzt gleich sagen, darum geht’s doch, eben, dass man sich als Hörer für neueartige, vom etablierten Standard abweichende Stimmungskonzepte öffnet. Vielleicht bin ich da einfach zu eingefahren und konservativ, beim Hören frage ich mich aber die ganze Zeit, wo die versteckte Kamera steht und ob Hape gleich durchs Zimmer tanzt und singt. Ganz vielleicht hat sich ja das etablierte Stimmungssystem auch mit einer gewissen Berechtigung durchgesetzt. Könnte das sein?

    Es fällt mir übrigens etwas leichter die LoFi-Prozesse und Aging-Effekte zu akzeptieren (falls die Differenzierung zwischen Alt. Stimmung und Effekten nicht ein Hirngespinst ist). Warum spielt du die Komposition nicht einfach selbst auf einem alten Piano ein und nimmst es auf? Das fände ich irgendwie ehrlicher.

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  2. @Dennis: Na sicher hat sich die 12TET-Stimmung „mit einer gewissen Berechtigung durchgesetzt“, sie ist z. B. extrem flexibel einsetzbar, aber das heißt ja nicht, dass sie in Stein gemeißelt ist, oder? Ich plädiere für einen funktional ausdifferenzierten Pluralismus der Temperierungen.

    Dass es, äh, „ehrlicher“ gewesen wäre, wenn ich die Skrjabin-Préludes selber eingespielt hätte, verstehe ich nicht. Es sind ja nicht meine Stücke, es ist Fremdmaterial, entfremdetes Material, das ich nicht im herkömmlichen Sinn „interpretieren“ wollte. Das ist unzählige Male bereits gemacht worden (o.k., bei Skrjabin vielleicht nicht ganz so oft wie bei Chopin) und ich habe dem nichts hinzuzufügen.

    Ist es nicht – auf eine zugegeben andere Weise – viel „ehrlicher“, musikalisches Material auch als solches zu betrachten (ohne den Respekt vor und die Liebe zur Musik dabei zu verlieren natürlich!) und damit im Wortsinn zu, äh, komponieren?

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  3. kreidler schreibt:

    Hab mich auch erst gefragt, warum du’s nicht selber spielst, finde deine Begründung aber einleuchtend. Was das anhören geht, vielleicht gilt hier ja auch die #18 aus meinen „Sätzen über musikalische Konzeptkunst“, dass man ein solches Stück nicht ganz anhören muss.

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  4. @Stefan: Das, was du mit der Komposition gemacht hast, geht schon weit über das hinaus, was man im konventionellen Sinne „Interpretation“ nennt. Wo ist für dich die Grenze? Ist alles erlaubt was machbar ist? Keine Rücksicht auf Verluste? Die Intention des Komponisten spielt anscheinend keine Rolle mehr. In gewisser Weise wird die Komposition auch benutzt (missbraucht?), denn bei einer unbekannten Eigenkomposition würde deine „Interpretation“ nicht annähernd den gleichen Effekt haben. Du weißt, dass es im deutschen Urheberrecht (wie ich meine zu Recht) Gesetze gegen derartige Formen der Verzerrung gibt, oder? Wenn es am Ende nur noch um die Präsentation des (eigenen) „Konzept“ geht (Kreidler), warum machst du dir dann überhaupt die Mühe das Ganze hörbar zu machen, da würde doch eigentlich der Einführungstext vollkommen ausreichen? Geht es am Ende um die blanke Provokation? (Erich Hermann, bitte übernehmen Sie!)

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  5. @Johannes: Man könnte auch sagen, der MIDI-Sequenzierer Jof Lee (habe diesen Namen in den Metadaten der Skrjabin-Datei gefunden, mehr weiß ich nicht) hat – unentgeltlich und unwissentlich – „Fremdarbeit“ für mich geleistet😉

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  6. @Dennis:

    „Wo ist für dich die Grenze?“ – Die Grenze beginnt da, wo mich das Ganze beginnt, zu langweilen.

    „Ist alles erlaubt, was machbar ist?“ – Ja (Eines der wenigen Dinge, die man von der Datenverknüpfungsmanie bsp.weise der NSA lernen kann).

    „Keine Rücksicht auf Verluste?“ – Wer wurde hier geschädigt? Skrjabin? Young? Jof Lee?

    „Die Intention des Komponisten spielt anscheinend keine Rolle mehr.“ – Ich respektiere die Intentionen von Skrjabin und Young, da die sie zu ihrem jeweiligen Werk geführt haben, welches ich liebe und verehre. Auf der anderen Seite gibt es da aber *meine* künstlerische Intention, der ich mich verpflichtet fühle. Ich habe keine andere Wahl, als diese den mir immer fremd bleiben müssenden Skrjabins und Youngs überzustülpen. Das hat etwas Gewaltsames, da hast du sicher recht. Es ist genau das *Gegenteil* von „einfühlender Interpretation“, von Hermeneutik im konservativen Sinn. Aber exakt das ist das avantgardistische bzw. konzeptuelle Moment in dieser Vorgehensweise.

    „In gewisser Weise wird die Komposition auch benutzt (missbraucht?), denn bei einer unbekannten Eigenkomposition würde deine ‚Interpretation‘ nicht annähernd den gleichen Effekt haben.“ – Sehr richtig, durch die Verwendung von Material halbwegs bekannter Schöpfer wird das Konzept deutlicher und die ästhetische Wirkung verstärkt.

    „Du weißt, dass es im deutschen Urheberrecht (wie ich meine zu Recht) Gesetze gegen derartige Formen der Verzerrung gibt, oder?“ – Ich möchte mich jetzt nicht mit Strawinski vergleichen, aber: Wäre es denkbar, dass dieser wg. seiner „Pulcinella-Suite“ von Pergolesi nach dem deutschen Urheberrecht auf Schadenersatz verklagt werden könnte? Und Strawinski wiederum könnte Klarenz Barlow verklagen, weil letzterer den „Sacre“ erkennbar in seinem Orchesterstück „Orchideæ Ordinariæ“ verbraten hat?

    „Wenn es am Ende nur noch um die Präsentation des (eigenen) ‚Konzepts‘ geht (Kreidler), warum machst du dir dann überhaupt die Mühe, das Ganze hörbar zu machen, da würde doch eigentlich der Einführungstext vollkommen ausreichen?“ – Ich kann nur für mich sprechen, nicht für Johannes. Mir geht es immer um Musik, die ich mir selber gerne anhöre (selbst wenn sie von mir ist, hihi). Durch den Neuen Konzeptualismus und speziell die Arbeiten von Johannes ist mir aber viel klarer geworden, wie groß eigentlich die konzeptuellen Anteile an meiner eigenen Arbeit schon immer waren. Aus diesem Grund tauchen jetzt mehr und mehr dieser „Kompositionsnotizen / Selbstbeobachtungen“ in der Weltsicht auf (zu denen du mich ja dankenswerterweise ermutigst). *Vor* meiner intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Neuen Konzeptualismus war ich tatsächlich viel stärker der Meinung, meine Musik würde schon „für sich selbst sprechen“ und bedürfe keiner Erläuterungen. Ich hatte dabei immer die Figur der idealtypischen „geneigten Hörerin“ vor Augen, die meiner Arbeit wohlwollend gegenübersteht – der „Rest“ würde sich dann quasi von selbst verstehen. Werch ein Illtum! Damit habe ich mir – wie ich jetzt weiß – jahrelang freiwillig selbst einen gewaltigen Hemmschuh verpasst. Und damit ist jetzt langsam Schluss. Meine „Einführungstexte“ sind also eher „Hinausführungstexte“, die meine (zugegeben manchmal recht hermetischen) „reinmusikalischen“ Gedanken verständlich machen sollen. Das Konzept ist (für mich) Mittel zum Zweck, es ist ein außermusikalischer Anhaltspunkt, der zu meiner Musik hinführen soll. Der Text allein kann die Musik aber nicht ersetzen, er kann auch nicht „für die Musik stehen“ (wie das für einige Fluxus-Arbeiten der 1960er Jahre durchaus möglich war).

    „Geht es am Ende um die blanke Provokation?“ – Es geht um Provokation, ja, aber diese ist nicht „blank“, da, ich wiederhole mich hier gerne, „gute Musik“ herauskommen soll. Ich gebe mir immer die größte Mühe, dass *ganz am Schluss* alles möglichst gut klingt. Ich höre immer erst auf, dran rumzuschrauben, bis mich „nichts mehr stört“ (pardon, schon wieder ein Selbstzitat, aber die Formulierung trifft halt mein subjektives Empfinden auf den Kopf).

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  7. kreidler schreibt:

    Nebenbei: Die Musik von Alexander Skrjabin (†1915) ist in Deutschland seit 1986 frei. Ob La Monte Young für ein Stimmungssystem Copyright geltend machen kann, halte ich für ziemlich fraglich, insofern schätze ich, dass hier urheberrechtsmäßig keine Bedenken nötig sind.

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  8. @Kreidler: Danke für den Hinweis. Es geht mir natürlich nicht darum Stefan Hetzel einen Rechtsbruch nachzuweisen, das wäre wirklich albern. Ich wollte darauf hinweisen, dass nach deutschem Urheberrecht derartige Verzerrungen bzw. „Interpretationen“ nicht einfach so erlaubt sind. Man kann von mir aus gerne über die Dauer der Fristen streiten (persönlich finde ich bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers viel zu lang), aber es ist doch auch eine Errungenschaft des deutschen Rechts, dass eben nicht jeder mit dem Werk eines anderen machen kann was er gerade will, wenn er Wesentliches (z.B. Kontext, Liedtext oder eben die Stimmung) verändert, hinzufügt oder weglässt. Oder etwa nicht?
    Für mein Empfinden geht Stefan bei seiner „Interpretation“ deutlich zu weit. Es ergibt sich für mich dabei kein hörenswerter, musikalisch-künstlerischer Mehrwert. Sehe das nur ich so? Bin ich vielleicht einfach nur ein elender Spießer? Könnte ja sein.

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  9. @Dennis:

    „…es ist doch auch eine Errungenschaft des deutschen Rechts, dass eben nicht jeder mit dem Werk eines anderen machen kann was er gerade will, wenn er Wesentliches (z.B. Kontext, Liedtext oder eben die Stimmung) verändert, hinzufügt oder weglässt. Oder etwa nicht?“ – Die Übernahme der Skrjabin’schen MIDI-Daten *mit komplett veränderten Tonhöhen* – ist das etwa im juristischen Sinn ein Zitat? Kaum. Oder würdest du etwa dafür plädieren, die freie Nachbearbeitung kanonischer Werke der Musikgeschichte *generell* unter Strafe zu stellen (Das wäre dann die Daniel-Kehlmann-Position, die, etwas zugespitzt, so geht: Jegliche Form von „Regietheater“, die etwas am Originalstück ändert, ist abzulehnen. Shakespeare ist nicht mehr optimierbar.)?

    „Es ergibt sich für mich dabei kein hörenswerter, musikalisch-künstlerischer Mehrwert.“ – Zugegeben, der Reiz des Stückes erhöht sich beträchtlich, wenn man ein bisschen über Skrjabin und Young Bescheid weiß. Beide hatten bzw. haben eine mystische Ader, beide interessier(t)en sich für den Zusammenhang von Klang und Farbe (bzw. farbigem Licht), beide entwickelten eine mehr oder minder „private“ Musiktheorie. Ich denke aber, bzw. ich möchte, dass man das Stück auch ganz oberflächlich als zwar irgendwie merkwürdige, aber doch auch „schöne“ Klaviermusik genießen kann.

    „Bin ich vielleicht einfach nur ein elender Spießer?“ – Nein, denn der würde sich kaum so intensiv mit der Sache auseinandersetzen, sondern „Sykorujabing“ ohne Umschweife als digitale Spielart Entarteter Kunst qualifizieren und als weiteren Beleg für den Untergang des Abendlandes werten („Da schau sie an, die jungen Komponisten! Sie *können* nichts mehr, sind nur mehr Zwerge auf den Schultern von Riesen, ohne Originalität, ohne Talent, ohne wirkliche Gestaltungskraft. Infantile Datenspielereien ohne jede Tiefe, Computertricks, ja, das können sie, aber sonst, pah etc.“)😉

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  10. Kreidler schreibt:

    @Schütze Ich wollte das hier eigentlich nicht weiter diskutieren, da ich nicht sehe, dass Stefans Bearbeitung Skrjabins Erben oder La Monte Young juristisch Unrecht tut. Nichts für Ungut, ich könnte aber eine Pointe anbringen: Wenn man in der Sache streng ist, dann hat Stefan womöglich mein Urheberrecht (höchstwahrscheinlich unwissentlich) verletzt, denn das Konzept – frühmoderne Klaviermusik anders zu skalieren – habe ich bereits 2006, meines Wissens als erster, gehabt: https://www.youtube.com/watch?v=3ur_G4HfM2Y
    (in dem Beispiel wird ein Zwölftonstück von Schönberg wiederum tonal-diatonisiert).😉
    (Oder hat Barlow solche Schandtaten auch schon in den 70ern getan..?!)

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  11. @Johannes: Hat er🙂

    http://books.google.de/books/about/Fuge_%C3%BCber_den_Namen_C_A_G_E.html?id=ASEnAQAAMAAJ&redir_esc=y

    Barlow hat Sechs Fugen Robert Schumanns über den Namen B – A – C – H nach C – A – G – E transkribiert. Hab ihn (Barlow) das um 1990 rum selbst in Köln spielen hören. Es hörte sich sehr gruselig an – und sehr lustig🙂

    Also: Barlow muss Kreidler verklagen, dieser wiederum Hetzel usw.

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  12. Gerhard schreibt:

    Don’t dig any deeper…;-)

    „Alles hat es schon mal gegeben“, habe ich schon öfters, was Kunstdinge anbelangt, gehört. Das ist natürlich in der einen oder anderen Form oftmals richtig.

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  13. Volker schreibt:

    Lauter kleine Epigonen…allerdings glaube ich kaum, dass sich für die vorgeschlagene Verklagerei irgendein Anwalt interessieren würde, da gibt’s doch viel lukrativeres😉

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  14. Erich Hermann schreibt:

    Das ist ja die wohl mit Bastand kleinkarierteste Diskussion, die sich zu dem Thema denken läßt. Immer diese Denkverbote. Keine Oktaven, keine Quintparallelen, keine Elektronik, kein Vibrato, keine Zitate…
    Natürlich darf Kunst alles. Auch und vor allem die „heiligen“ Schriften auseinandernehmen, umbauen, verzerren, zerstören. Den Skrjabin kann man sich doch in zig Einspielungen von irgendwelchen hoffnungsvollen Klavierdebütantinnen „unverfälscht“ anhören, wenn einem der so wichtig ist. Oder einfach die Partitur lesen, dann hat man den wirklich wahren Skrjabin vor sich (wenn ordentliche redaktionelle Arbeit geleistet wurde).
    Das einzige Kriterium, das man anlegen muss, ist nur das: Ob nachher was Gescheites bei rumkommt. Wenn nicht, dann hat’s halt nicht funktioniert und es gibt ein Stück Kunst mehr, das keine Sau braucht. Dann braucht man aber auch nicht das deutsche Urheberrecht bemühen, denn die Sache hat sich von selbst erledigt. Wenn’s aber doch funktioniert, dann ist doch alles wunderbar (z.B. Berio, Sinfonia).
    Insofern habe ich nur ein Problem mit, naja, eher eine Frage an Stefans Bearbeitung: Aus konzeptueller Sicht finde ich (wie übrigens bei deinen anderen Stücken auch) die Trennung bzw. Arbitrarität von Musik und Erklärtext unglücklich. Irgendwie denke ich, das müßte ein Paket sein. Es sei denn, du betrachtest den Blogpost als „das“ Stück. Dann wiederum stellt sich für mich die Frage, wie dieser Blogpost sich von anderen Blogposts unterscheidet, die keine künstlerische Absicht verfolgen. Nur dadurch, dass er eben Musik enthält?

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  15. @Erich: Danke erstmal für deine so aufmerksame Beteiligung an dieser Diskussion, ist immer eine Bereicherung🙂 – Tja – „Arbitrarität“, da legst du natürlich den Finger in die Wunde. Aber, um hier nicht lang rumzueiern: Nein, meine Kompositionsnotizen sind kein Werkbestandteil und schon gar nicht – vade retro satana! – „Anleitungen zum richtigen Hören“ oder sowas. Das ist es vielleicht auch, was meine Arbeiten vom „richtigen“ Neuen Konzeptualismus unterscheidet, wo der Diskurs und die Idee mindestens so wichtig sind wie die Musik. Nein, da bin ich – bei aller Sympathie – ein wenig konservativer. Sei die Idee auch noch so gut, wenn’s (in meinen Ohren) nicht gut klingt, lass ich’s eben. Oder, andersrum, wenn’s musikalisch nicht funktioniert, interessiert mich auch die Idee nicht mehr so wirklich, vielleicht war’s dann ja auch keine wirklich gute Idee?

    Wenn jemand „Sykorujabing“ ohne jegliche Hintergrund-Info hört, sagt er sich vielleicht: „Ach ja, lustig, aber warum ist das Klavier so verstimmt?“ Und dann holt er vielleicht Informationen ein usw. So soll’s eigentlich laufen. Jemandem, der *erstmals* Duchamps Urinal / Warhols Suppendose / Christos verpackten Reichstag sieht, geht’s auch nicht anders, oder? Diese Werke sind nur schon derartig in unser Hintergrundbasiswissen eingesunken, dass kaum noch jemand sich extra zu informieren braucht. In der Kunstmusik ist man da noch nicht so weit.

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  16. Gerhard schreibt:

    Ich möchte den sehen, der soviel Hintergrundwissen hat, um die Werke der Kunstgeschichte voll zu verstehen, selbst wenn es um Popart geht. Durchs Draufgucken oder dadurch, daß sie in aller Munde sind oder schon oft gesehen, passiert dieser Akt der Aneignung jedenfalls nicht. Das ist auch ähnlich wie mit Darwin und der Evolution. Darwin kennt jeder, aber hat jeder die Prinzipien der Evolution inne (so wie von Darwin urspr. gedacht und genauestens ausgeführt)?

    Ich finde daher, je mehr Hintergrundinfo, umso besser. Der ganze Kontext sollte aufscheinen. Wenn es dann noch gut klingt, umso besser.

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  17. So wie ihr kann man wirklich nur argumentieren, wenn man entweder gar nicht komponiert oder wirklich gar keine reelle Chance sieht, dass das eigene Werk mal von jemandem anderem außer einem selbst interpretiert wird.
    Natürlich will ich als Urheber bestimmen können in welchen Zusammenhang mein Werk gesetzt wird, zumal dann, wenn massiv eingegriffen wird (ich rede nicht von Interpretationen im traditionellen Sinn, das geht selbstverständlich klar, liegt in meinem Interesse und ist auch geregelt). Ich will als Songwriter nicht, dass meine Songs oder meine Songtexte in missverständliche, Sinn verdrehende oder sonstwie perverse Zusammenhänge gerückt werden. Genau das legt das deutsche Urheberrechts u.a. fest und da bin ich wirklich froh drüber. Kunst darf eben nicht alles.

    Würde echt gerne mal eure Gesichter sehen, wenn eine von euren Kompositionen vollkommen verdreht werden würde und am besten noch jemand anderes Geld damit verdient. Da wärt ihr mit Sicherheit die ersten, die dann ankommen und sagen: Äh, nee, so war das eigentlich nicht gemeint mit der Freiheit der Kunst. Wenn man nix hat, nix verdient und nix zu verlieren hat, ist’s halt immer leicht den progressiven Revoluzzer zu mimen.

    Schöne Grüße von einem, der mit engagierter Musik Geld verdient. Wäre vielleicht auch mal ein nettes, nächstes Etappenziel für euch.

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  18. Erich Hermann schreibt:

    Ach, so langsam geht mir der „nix verdienen“-Quatsch von Ihnen auf den Keks. Hatten wir ja neulich schon mal. Was soll das denn überhaupt für ein Argument sein? Wer nix verdient hat die Fresse zu halten, oder was? Willkommen in der Welt der Aktienderivate und Investmentfonds.
    Mir scheint, Sie verwechseln künstlerische Aneignung mit politischem Missbrauch, von wegen „perverse Zusammenhänge“ und so. Ich kann mir in Kunstsachen keinen perversen Zusammenhang vorstellen. Nur in politischen.
    Mir kommt es vor, als hätte das an sich ja harmlose (Entschuldigung, Stefan) Stück bei Ihnen einen extrem wunden Kleingärtnersatzungspunkt berührt, was ja irgendwie für das Stück spricht.

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  19. Hier ein erstbestes Beispiel, das heute im Feuilleton der SZ („Hofnarr des Regimes“) thematisiert wurde. „Take on me“ von der norwegischen Band A-ha wird für nordkoreanische Propaganda missbraucht.

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  20. @Dennis:

    „Natürlich will ich als Urheber bestimmen können in welchen Zusammenhang mein Werk gesetzt wird […]“ – Ok, angenommen, einer deiner Songs würde von der NPD ohne dein Einverständnis zur neuen Parteihymne erklärt, *dagegen* könntest du klagen – und würdest vermutlich recht bekommen. Und das finde ich auch in Ordnung so. – Aber nimm zum Beispiel Heinos Rammstein-Interpretation. Angenommen, Rammstein hätten gegen diese Interpretation geklagt und recht bekommen – das hätte dich dann ja prinzipiell freuen müssen, weil sich der Urheber durchgesetzt hätte. – Mich gruselt halt bei der Vorstellung, Kreativität vor allem als urheberrechtliches Problem zu sehen. Es hat was Strangulierendes und – gib’s zu – im Zeitalter von Retro auch was ziemlich Weltfremdes…

    „Kunst darf eben nicht alles.“ – Falsch. Nur, wenn etwas *keine* Kunst ist, gibt es enge Grenzen (vgl. das NPD-Beispiel oben). Das Problem ist vielmehr, dass Juristen klären müssen, ob etwas überhaupt Kunst ist oder nicht (vgl. auch den „Esra“-Prozess Maxim Billers).

    „Wenn man nix hat, nix verdient und nix zu verlieren hat, ist’s halt immer leicht den progressiven Revoluzzer zu mimen.“ – Wen adressierst du hier bitte? Falls du damit Kreidler, Hermann und Hetzel meinst, müssten wir uns ja fast überlegen, juristische Schritte gegen dich einzuleiten (wg. übler Nachrede und so).

    „Schöne Grüße von einem, der mit engagierter Musik Geld verdient. Wäre vielleicht auch mal ein nettes, nächstes Etappenziel für euch.“ – Danke, recht herzlichen Gruß zurück🙂 Derlei unerbetene Ratschläge nimmt man immer besonders gern zur Kenntnis. Ich finde es reichlich erbärmlich, dass du es für nötig erachtest, dieses bisher erfreulich kultivierte Forum für „Eure Armut kotzt mich an“-Protzereien zu missbrauchen. Ist dein Niveau eigentlich nach unten komplett offen oder gibt’s da irgendeine Grenze? Würde mich freuen. Echt.

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  21. Erich Hermann schreibt:

    Ich find’s bemerkenswert, wie im Grunde ästhetische Diskussionen immer und immer wieder eskalieren. Und wie immer und immer wieder nach kurzer Zeit von ästhetischen Argumenten auf moralische, ökonomische, juristische, historische („Nazi“) Behelfsargumente ausgewichen wird. Das ist doch eigentlich super, weil es ja bedeutet, dass der ganze Kunstkram wichtig ist. So wichtig, dass man es kaum aushält, einfach nur drüber zu reden, nee, es ist immer gleich ’ne ganz persönliche Sache.

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  22. @Erich: Du sagst es🙂 Es ist ein – indirekter – Beweis dafür, wie eng „rein“ ästhetische Ansichten dann doch immer wieder mit Dingen wie Geld, Recht und Moral verwoben sind. Es ist zwar schrecklich abgedroschen, aber ich zitiere Wittgenstein: „Ethik und Ästhetik sind Eins.“
    @Dennis: Sorry, habe mich grade ein wenig hinreißen lassen. Es gelingt dir halt immer wieder hervorragend, mich nachhaltig zu provozieren, danke dafür🙂 Inhaltlich nur so viel: Ich fühle mich dir als relativ brotloser eKomponist in *keinster Weise* moralisch überlegen, nur weil du als Musikant ganz gut verdienst. Es bleibt aber – und so habe ich dich eben verstanden – eine Zumutung, mir meine (ohne Not selbstgewählte!) relative Brotlosigkeit auf selbiges zu schmieren und daraus für die eigenen Arbeiten ästhetische Überlegenheit abzuleiten. So.

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