«catachresis [line groover 08]»

Samples: SD-80, Entstehungsjahr: 2010 / electronica

Vorbild für diesen line groover waren Arbeiten der frühen Autechre. Ich habe deren Intelligent dance music-Ansatz (=die „Sprache“ von Techno wird kunstmusikalisch transformiert) weiter in Richtung dogmatischer Minimal music entwickelt (Repetitivität fokussiert das Hören auf minimale Veränderungen und Entwicklungen des Materials). Wer das langweilig findet, dem wird der Track natürlich viel zu lang erscheinen. Es geht aber bei dieser Komposition nicht um Ekstase wie beim herkömmlichen Techno, sondern eben um’s (etwas distanziertere) Hören.

«catachresis [line groover 08]»

11 Gedanken zu “«catachresis [line groover 08]»

  1. So, ich hörs grad zum zweiten Mal…

    Die stark 4/4-forcierten Teile haben mich beim ersten Mal gestört, der Effekt verschwindet jetzt gerade. Irgendwie Gewöhnung; dass mich das überhaupt stört, ist vermutlich anerzogen (?)

    Ich wär vom Hören nie draufgekommen, dass da was distanziert sein soll. Ich finds im Gegenteil recht immersiv, sagen wir mal. Langweilig ist es auch nicht, die Ohren freuen sich über die Polymetrik und die LR-Positionierung.

    Es wird auch während der Gewöhnungsphase weniger langweilig. D.h. unmittelbar der erste Eindruck war noch anders. Wahrscheinlich passt sich das Hören allmählich an die Informationsmenge und Art an.

    Ob was distanziert gehört wird, hängt vielleicht weniger vom Stück selber ab, als von den Hörgewohnheiten. Ich höre z.B. alles was aus dem (Pop-)Radio kommt, automatisch sehr distanziert, eigentlich als eine Art Lärmbelästigung. Das selbe Stück in einem anderen Kontext (extra vorgestellt von einem Freund) würde ganz anders gehört werden.

    Ich gehe also ein bisschen auf Distanz, wenn ich den Einsatz der Basedrum und die Betonungen auf 2 und 4 höre, aber diese Distanz wird danach wieder abgebaut, und bei der zweiten Wiederholung ist es bereits vertraut, und wird gewissermaßen akzeptiert, kommt an einer inneren Zensur-Instanz schon leichter vorbei, die beim ersten Mal noch einen Riegel vorgeschoben hat.

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  2. @Philipp: Danke für diese sehr aufschlussreiche Selbstbeobachtung. Der Begriff des „etwas distanzierteren Hörens“ aus meiner Kompositionsnotiz war – und das merke ich jetzt erst aufgrund deines Feedbacks – an popsozialisierte HörerInnen adressiert, die die „Sprache“ (oder – besser – das Sprachspiel) „Techno“ ganz sicher sofort nach Beginn der Komposition identifizieren können. Da rauscht dann aber oft gleich eine ganze Flutwelle an Vorerfahrungen heran, wie denn „Techno“ so „klingt“ bzw. klingen soll (wie du vielleicht weißt oder auch nicht, gibt es ja nicht nur eine Jazz-, sondern auch eine Technopolizei). Meine Bemerkung zielte also darauf ab, solchen genretypischen Erwartungen gleich mal die Luft rauszulassen. Bleibt das Problem, dass die popsozialisierte HörerIn das Stück nicht mehr ernst nimmt, wenn es kein „richtiges“ Techno (also dancefloor-optimierte Elektromucke) ist. Nun, den Schuh muss ich mir dann aber nicht mehr anziehen😉 Bei dir als eMusik-sozialisiertem Hörer mit leichter 4/4-Allergie😉 liegen die Hör-Probleme (siehe dein Kommentar) natürlich exakt spiegelverkehrt.

    Ich führe also (aber das ist bei meiner Musik schon immer so gewesen) einen, äh, „Zweifrontenkrieg“: typischen Pophörern ist meine Musik zu, hm, „abgefahren“ (?), Freunden der Kunstmusik aber in der Regel zu simpel und, eben zu „poppig“ (Was – nebenbei bemerkt – zu einer meiner ältesten Lieblingsfragen führt: Existiert musikalische Qualität nur in und mithilfe von „Klischees“ – also z. B. musikalischen Genres, Formen, Gepflogenheiten? In der Rückschau stelle ich fest, dass mir stets Musik am besten gefiel – und gefällt – die „mit ihrer eigenen Sprache spielt“. Das trifft – in meinen Ohren – für die besten Arbeiten etwa von Luc Ferrari, Robert Fripp, Richard D. James, Laurie Spiegel, Cecil Taylor und Lennie Tristano zu. Was sie (also die Arbeiten jetzt) gemeinsam haben, ist nicht an die Verwendung eines bestimmten musikalischen Materials gebunden – vielmehr scheint mich die Art und Weise anzuziehen, wie diese Musiker mit ihrem jeweiligen Material umgehen: respektvoll, aber ohne jede Rücksicht auf ein wie auch immer geartetes „Das tut man nicht!“

    Die Liebe zum Material (z. B. zu „avantgardistischer Musik“, aber auch z. B. „dem amerikanischen Folksong“) befördert immer und automatisch die Produktion von Klischees (man möchte „das Material“ schließlich so „authentisch“ wie möglich durchdringen). – Irgendwann aber war es bsp.weise Ferrari scheißegal, wie Musique concrète „an sich“ zu klingen hat. Er schuf „Presque rien“ – ein narratives Hörstück ohne jegliche Klangverzerrung – und wurde prompt aus der Musique concrète-Community ausgeschlossen. – Laurie Spiegel wurde von Max Matthews als hochbegabte Programmiererin von Musiksoftware geschätzt. Sie liebte aber Folk statt atonaler Musik und ihre Computermusik klang auch so – deshalb wurde sie als eKomponistin nicht wirklich ernstgenommen. – Lennie Tristano verstand die Logik des Bebop auf analytischer Ebene vermutlich besser als Charlie Parker – wurde aber aus der Jazz-Community exkludiert, weil er die dominante Rolle des Schlagzeugs im Jazz ablehnte und Swing nicht für einen konstitutiven Bestandteil des modernen Jazz hielt.)

    Mir bleibt also nichts anderes übrig, als wieder und wieder darüber zu reden, was ich da tue. Das ist schwerer als gedacht, denn ich komponiere ja komplett intuitiv. Versuche, mein eigenes kreatives Tun im Nachhinein zu „erklären“, können da auch schon mal gewaltig in die Hosen gehen. Vor Jahren beschrieb ich einem Freund – Kontrabassist, Musikwissenschaftler – offenbar recht überzeugend ein gerade fertiggestelltes Stück – er war anschließend ganz scharf darauf, es zu hören. Etwas später kam er auf mich zu und sagte: „Ich habe nichts von dem, was du mir beschrieben hast, in deinem Stück wiedergefunden.“

    Damals schwor ich mir, nie wieder etwas über meine Stücke zu sagen – und habe mich auch sehr lange daran gehalten. Erst in den letzten Jahren bin ich wieder gesprächiger geworden.

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  3. „Die Liebe zum Material (z. B. zu “avantgardistischer Musik”, aber auch z. B. “dem amerikanischen Folksong”) befördert immer und automatisch die Produktion von Klischees (man möchte “das Material” schließlich so “authentisch” wie möglich durchdringen). “

    Interessanter Satz. Ich weiß noch nicht, ob ich dem zustimme.

    Anscheinend ist „das Material“ in dem Satz bereits gleichgesetzt mit Klischees, oder? Wodurch es eigentlich eine Tautologie wird. Aber natürlich muss man den Begriff nicht so verstehen. Schwierig. Ich hab wenig Ahnung davon, wie gewisse Begriffe im ästhetischen Diskurs der letzten Jahrzehnte definiert werden, ich verwende normalerweise mein eigenes Vokabular.

    Mir scheint, dass mit „Liebe zum Material“ hier eigentlich gemeint ist, bestimmte zusammengesetzten Bausteine zu mögen, d.h. Klischees bzw. tropes. Ich finde in dem Zusammenhang interessant, wie die Seite tvtropes bestimmte Klischees herausfasst, und damit indirekt wieder beeinflusst, wie neue Werke (Bücher, Filme) gemacht werden. Da gibts jedenfalls eine Entwicklung, die dafür sorgt, dass ältere Bücher oft extrem klischeehaft rüberkommen, obwohl sie es zu ihrer Zeit gar nicht waren.

    Gäbe es einen verbindlichen Katalog von Neue-Musik-Klischees, der ständig aktuell gehalten wird, so könnte man als Musikschaffender auch viel eher mit diesen Klischees arbeiten. Im Moment wird eher implizit erwartet, alle Klischees zu vermeiden, was halt auch schade ist (und letztlich eh nicht funktioniert, weil es selbst zu einem Klischee wird).

    Arbeiten mit Klischees setzt grundsätzlich mehr Kenntnis beim Publikum voraus. Insofern ist halt echt die Frage, mit was für Klischees man arbeiten will; solchen, die nur 3 Spezialisten verstehen, oder welche, die allgemeine Verbreitung haben. (So ein allgemeines Klischee wäre zum Beispiel „orientalische Melodik“, die immer wieder durch Filme usw. weiter kodifiziert wird, und deren Ursprung aus der alten arabischen Musik damit fürs Klischee eigentlich irrelevant wird)

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  4. Gerhard schreibt:

    Knopfspiel:
    „Da gibts jedenfalls eine Entwicklung, die dafür sorgt, dass ältere Bücher oft extrem klischeehaft rüberkommen, obwohl sie es zu ihrer Zeit gar nicht waren“.
    Das gibt es in jeder Kunstrichtung. Und das ist eigentlich immer zu beachten, wenn man alte Werke betrachtet und den Output DANACH im geschulten Ohr oder Auge hat.
    Witzig ist es, etwas zu kreieren, was niemand aufgreifen mag oder nicht in der „eigentlichen“ Essenz. Dann kann etwas „gut abgehangen“ überleben.
    Sehr schnell wird eine Entdeckung hervorgekarrt, und ausgewalzt bis zum Gehtnichtmehr. Dann ist es alsbald tot, was man offenbar erreichen wollte.

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  5. Gerhard schreibt:

    Existiert musikalische Qualität nur in und mithilfe von “Klischees” ?

    Ich meine unbedarft; Ja! Eine „absolute“ musikalische Qualität scheint es nicht zu geben. Mir jedenfalls gefällt Musik meist, wenn sie Klischees verlässt. Aber das kann sie nicht allzulange, denn ihr Sotun wird wohl auch allmählich zum Klischee-Reflex, also zum Gewohnten, jedenfalls für den Sucher des Besonderen.

    Doch bin ich mir nicht sicher. Was rede ich da? Ist das auch ein Klischee, daß man postuliert, Musik könnte nicht zeitlos erhaben sein?.Nun, der Kenner macht es zum Gewohnten.

    Bei seiner musikalischen Biographie verlässt man fortwährend Genres, denen man früher etwas abgewinnen konnte. Eigentlich ein Verlust. Man schreitet voran, will bestimmtes nicht mehr hören, es ödet einen an. man sucht das Originäre, das Besondere, das Eigene…bis es nicht mehr eigen ist.
    So geht es mir.

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  6. @Philipp: «Anscheinend ist “das Material” in dem Satz bereits gleichgesetzt mit Klischees, oder?» – Nein, natürlich nicht. Die Tendenz, mit einem bestimmten Material auch auf eine bestimmte Weise zu komponieren (bzw. zu improvisieren), darf aber nicht unterschätzt werden. Ästhetischer „Fortschritt“ scheint mir immer dann zu entstehen, wenn es einer Kreativen gelingt, beide Bereiche überhaupt erst einmal voneinander zu trennen und dann ein neues Sprachspiel zu etablieren, welches sich dann aber auch soziokulturell durchsetzen muss.

    «Ich finde in dem Zusammenhang interessant, wie die Seite tvtropes bestimmte Klischees herausfasst, und damit indirekt wieder beeinflusst, wie neue Werke (Bücher, Filme) gemacht werden.» – Die Serie tvtropes kenne ich nicht, was ich aber weiß, ist Folgendes: Die Kreativität des 21. Jahrhunderts ist eine Remix-Kreativität. Ihr „Material“ ist das „totale Archiv“ (J. Kreidler). Wir sind – melodramatisch formuliert – zum „Legospielen“ verurteilt. Um das wirklich genießen zu können, stehen aber (mindestens) zwei Dinge im Weg:

    – Emotionalität klebt am Klischee („Wenn du Material X so und so interpretierst, berührt es mich nicht mehr!“)
    – Originalität klebt am Material („Der Remix bereits bestehender Musik kann einfach keine Kunst sein!“)

    Das Eine ist nun, die Koppelung (H. Lehmann) von Material und Klischee intellektuell zu verabschieden – was nützt mir das aber, wenn dabei „Anästhetik“ (auch H. Lehmann) herauskommt, d. h. Musik, deren „Haltung“ (bzw. ästhetische Prämissen) ich zwar richtig finde, die mich aber emotional nicht erreicht? Je nachdem, welcher Hörertyp ich bin, respektiere ich diese Musik dann (so geht es mir), oder ich möchte sie eigentlich am Liebsten in die Tonne treten (vgl. Erich S. Hermanns Rezeption des Neuen Konzeptualismus), obwohl ich (und ich hoffe, ich verstehe Erich da richtig) „im Prinzip“ ebenfalls eine Renovierung der Kunstmusik für dringend notwendig erachte.

    «Gäbe es einen verbindlichen Katalog von Neue-Musik-Klischees, der ständig aktuell gehalten wird, so könnte man als Musikschaffender auch viel eher mit diesen Klischees arbeiten.» – Dass dieser Katalog im allgemeinen Bewusstsein irgendwo existiert, beweist HP Kerkelings „Hurz“-Sketch (oder besser: Performance) aus den 1990er (?) Jahren, der so evtl. heute noch funktionieren würde – oder bist du da anderer Meinung? Moritz Eggert hat vor einiger Zeit mal vorgeschlagen, einen verbindlichen ästhetischen Katalog von Dos und Don’ts für die Neue Musik zu etablieren, analog zur Dogma-Bewegung im dänischen Film (Lars von Trier und so): So wäre „Geschichte“ wieder möglich. Nun, einerseits gebe ich ihm da recht – auf der anderen Seite bleibt ihm aber angesichts der soziokulturellen Realität nichts anderes übrig, als selber den Lars von Trier zu geben. Dadurch läuft er aber Gefahr, exkludiert zu werden. Doch ich denke, hier gibt es keinen Mittelweg.

    «Insofern ist halt echt die Frage, mit was für Klischees man arbeiten will; solchen, die nur 3 Spezialisten verstehen, oder welche, die allgemeine Verbreitung haben.« – Hier fühle ich mich falsch verstanden. Eine soziokulturelle Hierarchie von Klischees aufzustellen, wie du es in obigem Zitat tust, ist typisch „eKomponist“, wie ich mittlerweile weiß. Ich sage: Neue Musik-Klischees sind kulturell nicht höherwertiger als bsp.weise Heavy Metal-Klischees, nur weil sie irgendwann mal „neu“ und „weltbewegend“ waren. [Nebenbemerkung: Schönberg erfand bsp.weise das Sprachspiel „Zwölftonmethode“, weil ihn die Harmonik seiner Zeit anödete (er empfand sie – vermutlich – als „klischeehaft“). Ich bin jetzt kein Schönberg-Experte, aber rhythmisch war Schönberg mit seiner Zeit wohl nicht so unzufrieden, weshalb sich seine Musik in ihren schwächeren Momenten denn auch anhört wie spätromantischer Mainstream mit falschen Tonhöhen. Erst bsp.weise Boulez hat sich auch rhythmisch vom 19. Jahrhundert verabschiedet.] Im 21. Jahrhundert hat gerade der eKomponist flache soziokulturelle Hierarchien zu akzeptieren (ich sage nicht, dass es gar keine Hierarchien geben sollte und „jede Form von Musik gleich viel wert ist“, das wäre Unsinn) – vermutlich ein schmerzhafter Prozess für eKultur-Sozialisierte wie dich. Für Pop-Sozialisierte wie bsp.weise Dennis Schütze ist es aber – auf andere Weise – ebenso schmerzhaft, mitzubekommen, dass es „die“ Popmusik im 21. Jahrhundert schlicht nicht mehr gibt. Oder, Dennis?

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  7. Eine soziokulturelle Hierarchie von Klischees war nicht meine Absicht. Im Gegenteil war mein Gedanke, dass es vielleicht mehr Sinn macht, mit verbreiteteren Klischees zu spielen, als mit solchen, die kaum jemand kennt.

    Das Wort „Klischee“ hat bereits eine negative Konnotation, die eigentlich unnötig ist, daher rede ich lieber von „tropes“, drum auch der Verweis auf tvtropes. Hier ist z.B. eine Liste über mögliche Weisen, mit einer trope umzugehen:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/PlayingWithATrope?from=Main.MetaTropeIntro

    — „Moritz Eggert hat vor einiger Zeit mal vorgeschlagen, einen verbindlichen ästhetischen Katalog von Dos und Don’ts für die Neue Musik zu etablieren“

    Dos und Don’ts sind ja gerade wieder total wertend, das finde ich jetzt nicht so zielführend. Ein ästhethischer Katalog muss überhaupt nicht werten, es reicht, festzustellen, welche Bausteine in welcher Weise oft verwendet werden; jeder kann sich dann individuell daran abarbeiten, und entscheiden, ob er ein Klischee benutzt, auf welche Weise auch immer.
    Im Grunde geht es auch ein bisschen darum, zu wissen, was denn überhaupt Klischees sind. Fände ich spannend, da ich in der Neuen Musik zwar höre, dass es gewisse Ähnlichkeiten gibt, aber es noch schwer konkret festzumachen ist. Da fehlt auch manchmal das Vokabular dafür.

    Musik, die bewusst Tropes gar nicht berücksichtigt, finde ich an sich spannend (wobei ich eigentlich nicht glaube, dass das wirklich möglich ist) – insofern, dass ein übergreifendes Konzept, dass musikalische Stile bestimmt, wahrscheinlich für Zusammenstellungen sorgt, die man sonst nicht erreichen würde. Das ist eher eine Art „Überlegenheit des Zufallsgenerators“ wenn es um Remixes geht. (Die Überlegenheit bezieht sich natürlich nur auf die quantitative Menge an Neukombinationen, was noch nix heißen muss)

    Z.B. ein Konzept: Frage 5 Personen nach dem letzten Musikvideo, dass sie auf youtube gehört haben. Spiele alle 5 gleichzeitig ab.

    Hier passiert keine ästhetische Arbeit, kein Arbeiten mit Tropes/Klischees, dennoch kann das Ergebnis interessant sein. Muss aber nicht.

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  8. @Gerhard: Danke für deine Ausführungen🙂 Gegen Eigentlichkeitsformulierungen wie „das Besondere“ oder auch (von dir nicht verwendet) „das Stimmige“ habe ich eine ausgesprochene Aversion – deswegen gefällt mir auch Gunnar Hindrichs jüngst erschienene Musikphilosophie „Die Autonomie des Klangs“ so wenig. Das Problem ist Folgendes: Jeder kennt das Gefühl subjektiver „(Un-)Stimmigkeit“ bei der Rezeption von Musik. Beim Versuch, dies narrativ zu fassen, erzählt aber jede was anderes. Und zwar immer und zu jeder Zeit.

    Es liegt also ein Paradox vor, das Philosophen natürlich die Wände hochgehen lässt: Die Grundbefindlichkeit musikalischen Erlebens, also das „Gefällt mir (nicht)“ entzieht sich dem begrifflichen Zugriff in, sagen wir mal, geradezu rabiater Weise.

    Lehmanns Musikphilosophie umgeht dieses Problem, indem sie erst gar nicht versucht, musikalisches Empfinden „von innen heraus“ begrifflich zu fassen (und folgt damit – ob bewusst oder unbewusst, weiß ich nicht – Wittgensteins Diktum „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“) – ein Weg, der mir der einzig vernünftige zu sein scheint (Ich bin durchaus ein großer Freund des Unvernünftigen, aber nur außerhalb des philosophischen Diskurses).

    Hindrichs dagegen folgt in für mich unglücklicher Weise seinem Vorbild (?) Heidegger, indem er dessen „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) als „Musikphilosophie“ reproduziert. Damit ist aber nichts gewonnen – außer dem eifrig zustimmenden Kopfnicken konservativer Kräfte.

    Damit du mich nicht falsch verstehst: „Stimmigkeit“ ist für mich enorm wichtig beim Komponieren/Improvisieren/Hören von Musik, ich höre Musik nicht intellektuell à la „Das muss mir jetzt gefallen, weil mir das Konzept gefällt, basta!“ Oder, aggressiv gesagt: Ein stimmiges Konzept generiert noch lange keine stimmige Musik. Es gibt – für mich – Musik, die konzeptuell (also begrifflich) kaum einen Sinn ergibt – und dennoch „stimmig“ ist. Und natürlich gibt es auch Musik, die konzeptuell brillant ist, aber nicht „rüberkommt“.

    Es macht keinen Sinn, eher intellektuelles und eher gefühlsbetontes Hören von Musik gegeneinander auszuspielen – das ganzheitliche Wahrnehmen braucht nun mal – sorry für diese Trivialität – beides. In der zeitgenössischen Musikphilosophie stehen sich Lehmann und Hindrichs also nahezu diametral gegenüber („nahezu“ deswegen, weil es bei Hindrichs natürlich auch analytische Momente gibt und bei Lehmann gelegentlich – wenn auch selten – Momente „ungeschützter“ Subjektivität) – ich würde mir eine Musikphilosophie wünschen, die es schafft, intellektuelles und emotionales Erleben gleichermaßen auf den Punkt (wenn auch – Gründe siehe oben – vermutlich nicht auf den Begriff) zu bringen.

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  9. Gerhard schreibt:

    Danke für Deine Erläuterungen zu Hindrichs und Lehmann.
    Hier das, was ich gerade dazu sagen kann:
    Daß ich mit Begriffen wie „schön“, „stimmig“, „besonders“ nichts allgemein Verbindliches zuwegebringen kann, ist ja naturgegeben. Man kann zu 90% in einer Bewertung übereinstimmen und das Gehörte als schön/unschön/stimmig/unstimmig bezeichnen und dennoch ist nicht klar, was im Einzelnen zu dieser Bewertung geführt hat.
    Wenn man sich “seine Bewertung“ zeitnah sezieren kann und die des anderen dagegenhält, stösst man naturgemäss auf Unterschiede. Diese rühren z.B. auch von der Sprache her. Wer sagt, daß wir die gleiche Sprache sprechen? Ich erinnere mich an einzelne Momente der Angst, einen Begriff vielleicht Zeit meines Lebens falsch verstanden zu haben. Schützt mich mein Gehirn immer davor, durch die Welt zu laufen, mit Begriffen, die nicht ganz „stimmen“, die falsch gelernt wurden?
    Ein Begriff ist für mich wie eine Wolke: Was in ihr an Inhalten und Kredenzen so drin ist, ist quasi Zufall und sehr personenbezogen.
    Wenn man mal von der Sprachbiographie des Einzelnen absieht und jeder sein Gefühl des Stimmigen JETZT im Moment tief durchdringen kann, weiß man ja nie über alle gefühlsgestaltenden Kräfte und Momente in sich bescheid. Und wer weiß: Vielleicht waren die dann genannten Gründe garnicht „Stück für Stück“ an der Kreation des Gefühls „schön/stimmig“ beteiligt? Durch das Draufschauen wird man vielleicht Dinge gewahr, die dem Impuls „schön/stimmig“ nicht direkt zugeholfen haben. Und vor allem: Die unterbewussten Motive bleiben ja eh verborgen. Zumindest kann man diesen nur über indirekte Arbeit näher kommen.
    Man kann also zwei Listen gegeneinander legen, die trotz der Mühe sehr subjektiv bleiben werden.
    Mir fällt dazu auch ein, daß es Im Zeitalter der Neurowissenschaften ja auch eine Neuro-Musikwissenschaft geben muß(so gelesen bei Felix Hasler), die sich sicher nicht psychischen oder unterbewussten Vorgängen zuwendet, sondern eher dem, was Neuronen sprechen, wenn Musik als „stimmig“ erlebt wird. Zumindest stelle ich mir eine solche Aufgabe dort vor. Auch da, so denke ich, stösst man wohl immer wieder (nur) auf weitere Fragen, die es zu klären gilt, wenn man gute Antworten gefunden hat. Das ist offenbar das Dilemma der Wissenschaften: Daß sie findet und findet, aber keine Gräben endgültig zuschütten kann.

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  10. @Gerhard:

    «Schützt mich mein Gehirn immer davor, durch die Welt zu laufen, mit Begriffen, die nicht ganz „stimmen“, die falsch gelernt wurden?» – Tja, wohl leider nicht. Blödes Gehirn auch😉

    «Ein Begriff ist für mich wie eine Wolke: Was in ihr an Inhalten und Kredenzen so drin ist, ist quasi Zufall und sehr personenbezogen.» – Das geht mir zu weit. Auch im ästhetischen Urteil muss Intersubjektivität möglich sein – und sie ist es ja wohl auch! Wie anders könnte „man“ sich immer wieder – zumindest irgendwann – dann doch auf einen Kanon wichtiger und weniger wichtiger Kunstwerke einigen?

    «Die unterbewussten Motive bleiben ja eh verborgen.» – Wenn mich die Argumentation eines Kunstkritikers überzeugt, sind mir seine unbewussten Antriebe ziemlich wurscht (bzw. sie sind in überzeugender Weise in seiner Argumentation präsent)😉

    «Mir fällt dazu auch ein, daß es Im Zeitalter der Neurowissenschaften ja auch eine Neuro-Musikwissenschaft geben muß…» – Ja, sicher, siehe z. B. hier. Aber ihre Ergebnisse haben mich bisher nicht überzeugt.

    «Das ist offenbar das Dilemma der Wissenschaften: Daß sie findet und findet, aber keine Gräben endgültig zuschütten kann.» – Nee, das ist kein Dilemma, das ist die Geschäftsgrundlage der Wissenschaft! „Gräben endgültig zuschütten“ können nur der Tod, Glauben, mystische Erfahrung, spirituelle Erleuchtung und sowas.

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  11. Gerhard schreibt:

    Das mit der Wolke war nicht so gemeint wie es klingt. Wenn ich ein Gas oder einen Duft ausströmen lasse, wird er in jedem Kubikmeter Luft (Wolke) vorhanden sein, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Wir haben also durchaus in zwei Wolken große Übereinstimmungen, aber nicht vollständig.

    Unterbewusste Motive sind nicht immer präsent in der Argumentation. Ich kann sie normalerweise nicht einsehen, nur vermuten.
    Komisch: Ich frage mich öfters: Woher kommt jetzt eigentlich die Argumentation, die mich da jetzt anspringt? Was ist ihr Motiv. Was will der Argumentierende eigentlich? Die Aussage ist eine Schiene und die Motivation/der Auslöser eine andere.

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