«2005» visualisiert

«2005» is an orchestral composition for Strings (Violas and Double Basses only), Brass (3 Trumpets, 3 Trombones, 8(!) French Horns), Percussion (Vibraphone, Gongs, Crotales, Rails, Wind Chimes and – last not least – a Thundersheet) and a Piano, which is tuned one quarter-tone (50 cents) lower than all other instruments. The composition’s name fills a gap in the «Jahreszahlen» series. Back in 2005, I worked on a composition that primarily was called «2005», but it developed in another direction and was renamed to «Cello Scene». Later on, I continued the «Jahreszahlen» series with «2006» and so the gap came into being.

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Ok, sicher nicht mein fröhlichstes Stück. Es entstand nicht, wie der Titel suggerieren mag,  im Jahr 2005, beschreibt auch nicht irgendwelche Stimmungslagen, denen ich in diesem Jahr ausgesetzt war (zumindest nicht bewusst). Der Titel füllt lediglich numerisch inkrementell die Lücke zwischen den bereits bestehenden Kompositionen «2004» und – Überraschung! – «2006», das Stück entstand aber erst im Jahr 2010.

Ja, «2005» kommt düster rüber, ich weiß. Ab 6’10“ geht dann praktisch gar nichts mehr – irgendwie vergeht Zeit, aber eigentlich ist alles eingefroren – bei „vollem Bewusstein“, sozusagen. Bin im Nachhinein jedoch speziell mit dieser Passage – obwohl bzw. gerade weil sie in mir regelmäßig Beklemmung auslöst – sehr zufrieden, liefert sie doch ein recht präzises musikalisches Analogon zum Bewusstseinszustand der Depression, wie ich ihn leider mitunter erfahren musste. Entgegen landläufiger Meinung hat „eine Depression haben“ ja nichts mit Traurigsein zu tun, sondern mit der restlosen und äußerst qualvollen Abwesenheit von Gefühlen (Nebenbemerkung: Es entsteht hierbei das logische Problem, dass das Empfinden der Abwesenheit von Gefühlen ja eigentlich selbst ein Gefühl sein müsste – es ist ja Unsinn, zu sagen: „Ich fühle, dass ich nichts fühle“. Aber exakt das ist Depression.)

Der suizidale Philosoph Otto Weininger hat diesen Zustand einmal treffend als „das Gefühl des Gestorbenseins“ bezeichnet, David Foster Wallace, der sich ebenfalls das Leben nahm, formulierte einmal sinngemäß „Für den Depressiven bekommen selbst die Dinge Zähne.“

Also, Triggerwarnung hier: «2005» ist ein von der Depression handelndes Orchesterstück, es kann sein, dass es entsprechend sensiblen HörerInnen auf’s Gemüt schlägt. Hörer, denen Depressionen fremd sind, gibt es aber – zumindest wäre das meine Hoffnung – eine in Musik übersetzte Innensicht dieser verheerenden Gemütslage und somit vielleicht ein besseres Verständnis des Phänomens.

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Stefan Hetzel visualisiert seine Musik: alle Videos

 

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«2005» visualisiert

6 Gedanken zu “«2005» visualisiert

  1. Stärkstes Werk seit langem, hat mich sehr berührt. Visualisierung wäre für mich nicht nötig gewesen. Virtuelle Orchesterklänge klingen in dieser Besetzung überzeugend und überhaupt nicht defizitär. Großer Dank auch für den Hintergrundbericht zur Komposition, es ist mutig und richtig das Thema Depression offen anzusprechen.

    In einer aktuellen Filmdokumentation („Sonic Highways“ von Dave Grohl) sagt der leidgeprüfte texanische Songwriter Steve Earle sinngemäß: „Write about things you know“. Das hast du getan, das spürt man durch und durch. Somit hatte deine schmerzliche Erfahrung wenigstens eine positive Folge.

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  2. Gerhard schreibt:

    Ich kann hier offen zugeben, daß ich Depressionen auch kenne.
    Diese Gemütslage (Krankheit) war bei mir mit häufigen, oft anfallsartigen Angstgefühlen versehen und einer zwanghaften Beschäftigung mit bestimmten Gedanken. In solchen Zuständen ist an Arbeit und Verantwortung nicht zu denken, macht doch selbst das Öffnen eines Fensters, um Luft ins Zimmer zu lassen, bisweilen Mühe.
    Es gab da verschiedene Längen. Die stolzeste Länge waren mal 15 Monate.

    Gerne erzählt man das nicht, aber an dieser Stelle darf es sein.
    Gutes Stück – nebenbei 🙂

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  3. @Gerhard: Danke für das Lob – und für deine Offenheit 🙂

    Was Depression betrifft, kann ich die Kombination aus quälender innerer Leere, um komplett unsinnige Dinge kreisende Zwangsgedanken und permanenter untergründiger Panik nur bestätigen. Leere, Zwang und Panik zusammen schaukeln sich dann im schlimmsten Fall zu der Überzeugung auf, es sei das Vernünftigste, sich jetzt sofort das Leben zu nehmen.

    Das Absurde dabei ist: Wäre der Tod nicht irreversibel, wäre dieser Gedanken sogar korrekt, denn jedes empfindende Wesen flieht ja instinktiv den Schmerz und sucht die Abwesenheit desselben. Als wäre er nicht schon gepeinigt und geschwächt genung, hat die Depressive also die zusätzliche Aufgabe, ständig gegen seinen suizidalen Impuls zu kämpfen. Eine Niederlage kann sie sich dabei nicht erlauben. Im Ergebnis erzeugt das eine enorm kräftesaugende Stress-Situation, ohne dass äußerlich irgend eine Belastung vorläge.

    In «2005» habe ich versucht, all diesen Empfindungen möglichst klaren und einfachen Ausdruck zu geben (Im Sinne von Thomas Bernhards Diktum „Mit klarem Denken durch den Morast.“). Folgende Mentalzustände sind dabei für mich im Stück präsent: Wut, Hass, Selbsthass, Räsonieren, Selbstmitleid, leiser Optimismus, Leere, Traurigkeit, Verzweiflung, zwanghaftes Grübeln, analytisches Denken, Ungeduld, quälendes Warten, Niedergeschlagenheit, allmählich nachlassender Schmerz.

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  4. Gerhard schreibt:

    An Suzuid habe ich konkret nur bei der geschilderten endlosen Depression gedacht, sonst ging es immer „nur“ ums Meistern der ekelhaften Situation. Nach den genannten 15 Monaten konnte ich nicht mehr an einen guten Ausgang glauben – just in dieser Phase gelang mir aber unverhofft das Austreten aus der misslichen Lage.
    Zu den Qualitäten, die Du nennst, möchte ich Unruhe dazuzählen, Lustlosigkeit und Isolation.
    Gerade Letzteres verschärft oft die Lage: Man kann sich nicht mehr zeigen (glaubt man). Man ist komplett unverständlich auch, als ganze Person.

    Es gibt Leute, die kennen so etwas nicht. Unlängst fragte ich einen ehemaligen Alkoholiker, dessen Aufzeichnungen ich las, ob er seine damaligen Zustände als Depression bezeichnen würde. Er verneinte das (entschieden), was mich doch sehr verwunderte. Offenbar kann man duch so etwas ganz ohne Lähmung hindurchgehen.

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  5. Volker schreibt:

    Ich denke, jeder kann, wenn er den Mut dazu aufbringt und sich mit sich und seinen Gefühlen so auseinandersetzt wie Du, Stefan, zu diesem Thema mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen beitragen. Was ich in derartigen Phasen erkannte: Wichtig ist, den Weg wieder zu finden. Überrascht haben mich bei alledem Ergebnisse einer Studie, von der ich neulich las (siehe: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-traurige-musik-tut-gut-a-1001997.html). In diesem Artikel ist die Rede von „trauriger Stimmung“ und einer „großen Bandbreite komplexer Gefühle“ – ich bin kein Psychologe und müsste jetzt die korrekte Definition von „Depression“ auch erst wikipedieren, aber bei dem von Stefan beschriebenen logischen Problem helfe ich mir mit dem Begriff „Stimmung“ als einer komplexen Mischung von Gefühlen…oder von „Mentalzuständen“.
    Mit der Musik von „2005“ verbinde ich jetzt viele Bilder, mir fallen dazu Filmsequenzen ein, etwa aus Hitchcock-Klassikern, aber merkwürdigerweise weniger Erinnerungen an Lebensphasen, in denen mich all die beschriebenen misslichen Emotionen plagten. Da gäbe es andere Musik, z.B. von Arvo Pärt. Man mag mich vielleicht beneiden, aber unter diesem Vorzeichen kann ich „2005“ gefahrlos genießen…oder bin ich unsensibel?

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  6. @Volker: Danke für deinen ausführlichen Beitrag 🙂

    «Ich denke, jeder kann … zu diesem Thema mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen beitragen.»

    Hm, denke ich nicht. Ich folge da ganz der psychiatrischen Klassifizierung und habe die ganze Zeit von einer sog. „mittelgradigen depressiven Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden.)“ (ICD-10/F32.1) gesprochen (Gerhard auch). Mehrere Ausflüge in die „schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist)“ (ICD-10/F32.2) habe ich aber auch schon hinter mir. Du scheinst mir eher von einer „leichten depressiven Episode (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.)“ (ICD-10/F32.0) zu sprechen. Sorry, wenn das jetzt schrecklich pingelig klingt, aber der eklatante Unterschied zwischen F32.0 und F32.1 aufwärts ist nun mal, dass man dann gar keiner großen Bandbreite komplexer Gefühle mehr fähig ist – man fühlt gar nicht mehr. Man tritt in einen Bereich „unterhalb“ bzw. „neben“ der üblichen Fähigkeit, Emotionen zu haben, ein – und hat keine Ahnung, ob man da jemals wieder rauskommt (siehe Gerhards Kommentar). Weiningers „Gefühl des Gestorbenseins“ trifft diesen Zustand sehr gut. Er ist in keinster Weise komplex, sondern monströs eindimensional (Ich nehme an, dass Jean-Paul Sartre dieser Zustand als Vorbild für seinen philosophischen Begriff des „Nichts“ diente).

    «Mit der Musik von “2005″ verbinde ich jetzt viele Bilder, … aber merkwürdigerweise weniger Erinnerungen an Lebensphasen, in denen mich all die beschriebenen misslichen Emotionen plagten.»

    Genau deswegen zögere ich ja immer so mit Werk-Kommentaren oder gar Visualisierungen: Sie schreiben dem Hörer zuviel vor und rauben ihm in gewisser Weise die Freiheit (vgl. den verheerenden Einfluss von – auch guten! – Verfilmungen auf die Lektüre eines Romans). Um so mehr freue ich mich, Volker, dass zumindest diese Visualisierung dein eigenes Bilderleben offenbar nicht allzu sehr geschädigt hat 🙂

    «Man mag mich vielleicht beneiden, aber unter diesem Vorzeichen kann ich “2005″ gefahrlos genießen … oder bin ich unsensibel?»

    Nein, gar nicht 😉

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