Was tun? (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“ 2)

Wenn wir auf die Verlierer der Umwälzungen hören, stellen wir die Einzelschicksale einiger weniger Privilegierter über das Gemeinwohl der Gesellschaft. Wir opfern die Chancen der Digitalisierung einer Vergangenheit, die wir sowieso nicht wieder zurückholen können.

(M. Seemann, „Das Neue Spiel„, S. 159)

Aus dieser Bemerkung spricht eine gewisse Härte, zudem dürfte manchem im Einzelfall nicht so recht klar sein, wie sich exakt das „Gemeinwohl der Gesellschaft“ denn nun definiert – und ob am Ende der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes diesem dient und somit klaglos, gar freudig zu begrüßen wäre. Aber ich verliere mich in Sarkasmen.

Wahr bleibt, dass sich Seemann um die massiven sozialen Kollateralschäden der Digitalisierung in seinem Buch nicht herumdrückt, aber, und das ist Thema des zweiten Teils dieser Rezension, der „Ausweg“, den er skizziert, vermag nicht so richtig zu überzeugen (Wobei ich dem Autor  zugute halten muss, dass er – so lese ich das – durchblicken lässt, dass ihm das genauso geht). „Das Neue Spiel“ ist – so gesehen – ein Dokument der Ratlosigkeit, die sich – man verzeihe mir eben mal kurz die Psychologisierung – dadurch vor dem Sturz in die Verzweiflung bewahrt, dass sie sich selbst so klar wie möglich artikuliert.

Seemanns „Ausweg“ heißt – ebenso simpel wie verblüffend – Post-Privacy, die er mit Talebs Theorem der Antifragilität theoretisch unterfüttert:

Wir können nicht vorhersehen, was mit Informationen geschieht; wir können nicht mit dem Kontrollverlust planen. Aber wir können unser Leben, unsere Geschäftsmodelle und unsere Gesellschaft so verändern, dass sie auf den Kontrollverlust nicht mehr fragil reagieren.

(M. Seemann, a. a. O., S. 164)

Ich habe keine Ahnung, ob Seemann hier etwas praktisch Unmögliches postuliert, logisch unmöglich ist ein Leben ohne Privatsphäre natürlich nicht. Intuitiv regt sich dennoch im Autor dieser Zeilen eine ganze Welt von Widerstand gegen ein solches Lebensmodell.

Wessen soziale Handlungen transparent und unverborgen ablaufen, der muss – logischerweise – keine Angst vor „Enthüllungen“ haben. Transparentes Handeln sagt aber noch nichts über die moralische Natur desselben aus. Man müsste demnach auch verwerfliche Dinge transparent und unverborgen tun, um – nach Seemann – seine „Antifragilität“ zu bewahren (außer, Seemann forderte uns alle auf, heilig zu werden und künftighin alles Böse zu unterlassen – was er aber an keiner Stelle des Buches tut).

Das Problem ist, dass Seemann Talebs Begriff, den dieser nach meinem Kenntnisstand stets nur in ökonomischen bzw. evolutionsbiologischen Zusammenhängen verwendet wissen will, ins Individuum verlagert – wie anders soll man seine Formulierung „Wir können unser Leben so verändern, dass es auf den Kontrollverlust nicht mehr fragil reagiert“ verstehen? Das Individuum bürdet sich dadurch aber eine enorme moralische Last auf: Wenn es nicht zur Heiligen werden kann (und diese Option dürfte, wie gesagt, den Wenigsten wirklich offenstehen), wird es zum Märtyrer: Es steht „nackt im Wind“; bewundert, aber sich selbst freiwillig vehement benachteiligend in einer Welt, die zweifellos alles versuchen wird, um exakt jene systemrelevanten Geheimniskrämereien (siehe Teil 1 dieser Rezension) aufrechtzuerhalten, gegen die der Post-Privatist wacker, aber einsam zu Felde zieht.

Das kann – für den Post-Privatisten – tragisch ausgehen.

Irgendwie scheint das Seemann auch zu spüren, denn er stellt dem post-privaten Lebensstil eine zweite antifragile Strategie zur Seite: die Filtersouveränität. Diese kommt in zwei Geschmacksrichtungen daher:

Positive Filtersouveränität wäre das Recht, alle Quellen mit eigenen Querys auswerten zu dürfen. Negative Filtersouveränität wäre, Datenquellen mit eigenen Filtern ausselektieren zu dürfen.

(M. Seemann, a. a. O., S. 185)

Inwieweit sich diese Strategie von der guten alten Ignoranz unterscheidet (deren digitale Variante 2011 von Eli Pariser als „Filterblase“ enttarnt wurde), ist mir wiederum nicht wirklich klar. Seemann führt aus:

Die einzige antifragile Strategie, sich gegen Hass und Streit im Internet abzuschirmen, ist die negative Filtersouveränität, und sie sollte eine zunehmend praktische Bedeutung gewinnen.

(M. Seemann, a. a. O., S. 216)

Konkret heißt das:

In Zukunft müssen wir uns darauf verlassen können, dass wir uns mit allem und jedem verbinden und alles und jeden nach eigenen Kriterien wirksam ausblenden können.

(M. Seemann, a. a. O., S. 228)

Seemann legt hier nichts anderes als Grundzüge einer Diskursethik für das Internet vor, derer es zweifellos dringend bedarf und um die sich – soweit mir bekannt – die akademische Philosophie (von der Theologie ganz zu schweigen) bisher herumdrückt, um sich stattdessen lieber in populistischen Kulturpessimismen zu verlieren (und gleichzeitig natürlich „das Internet“ als Propadandamaschine zu nutzen versucht – verlogener geht’s kaum).

Wie genau haben wir uns also Seemanns antifragiles Individuum vorzustellen?

Nun, es ist zweifellos einsam – aber auf ganz andere Art und Weise als, sagen wir mal, der „öffentlich arbeitende Intellektuelle“ aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts (de Beauvoir, Foucault), da es nie weiß, wer gerade sein Verbündeter ist, wer sein Gegner: Der Troll von gestern mag der buddy von morgen sein, der Geschmacksnachbar von heute der hater von morgen. Während die klassischen modernen Intellektuellen noch relativ klar existentielle Grundfragen bzw. übergreifende gesellschaftliche Dispositive definieren konnten, mit denen bzw. gegen die es sich langfristig arbeiten ließ, stehen dem antifragilen Individuum keinerlei derartig „unwankende“ (Wittgenstein) Grundlagen mehr zur Verfügung. Es muss sich vielmehr ständig im nie abreißenden Strom der Koalitionsmöglichkeiten vor dem „Verlorengehen“ schützen. Es ist – wie ein Verfolgter im Ego-Shooter – ständig im Verteidigungsmodus („negative Filtersouveränität“ kann ich mir nur defensiv vorstellen), indem es seine potentiell unendliche Konnektivität aktiv einschränkt, um nicht zuviel einstecken zu müssen.

Der antifragile Intellektuelle des 21. Jahrhunderts zeichnet sich also nicht mehr hauptsächlich durch die Akkumulation, Bewertung und Verdichtung von Wissen aus, vielmehr hat sie sich eine möglichst raffinierte Filterblase (bzw.,  besser: Filtermembran) zu konstruieren und – vor allem – zu pflegen, die ihn einerseits zwar vor dem stets drohenden information overload syndrome schützt, aber andererseits tranparent genug ist, um sie dennoch flexibel, up to date und damit intellektuell satisfaktionsfähig zu erhalten.

Denn es ist schlicht nicht menschenmöglich, sich „mit allem und jedem zu verbinden“, es ist nicht einmal wünschenswert, sondern manchmal sogar tödlich für die Souveränität des Individuums. Deshalb ist Seemanns antifragiles Individumm – und das sind jetzt meine eigenen Gedanken – auch auf ganz andere Art und Weise vernetzter als der Nachkriegsintellektuelle und seine Nachfolger. Seine Vernetzungen sind evtl. zahlreicher, aber ganz sicher äußerst disparat. Sie ergeben – für sich genommen – vielleicht gar keinen Sinn, wäre da nicht das Individuum selbst als eine Art embodied query im Zentrum des Geschehens.

*

Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns “Neuem Spiel” 1)

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Was tun? (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“ 2)

5 Gedanken zu “Was tun? (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“ 2)

  1. Vielen Dank. Sehr interessanter Gedanke, den ich in der Analogie

    „Es (das Individuum) ist – wie ein Verfolgter im Ego-Shooter – ständig im Verteidigungsmodus (“negative Filtersouveränität” kann ich mir nur defensiv vorstellen), indem es seine potentiell unendliche Konnektivität aktiv einschränkt, um nicht zuviel einstecken zu müssen.“

    sehr gut beschrieben finde. Meine Gedanken zu Seemann kreisen eher um ein wachsendes Unwohlsein über eine Gesellschaft, die sich mehrheitlich individuell optimiert und entsolidarisiert und die kaum dialektisch mit der Digitalisierung ins Gericht geht.

    Dazu mehr unter: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/10/25/ausbildung-internet-da-sind-wir-alle-lehrlinge/

    und zuvor noch mein Resümee zu Yvonne Hofstetters „Sie wissen alles.“: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/10/16/sie-wissen-alles-und-wir-konnen-nicht-behaupten-wir-hatten-von-nichts-gewusst/.

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  2. @Thomas Brasch: Danke für dein Lob🙂 Seemanns Internet-Variante von Kants Kategorischem Imperativ kann natürlich im Rahmen einer kohärenten Theoriebildung nicht wirklich ernst gemeint sein – ich halte sie deshalb auch eher für einen (nur allzu verständlichen!) Stoßseufzer.

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  3. Gerhard schreibt:

    @Stefan, die “ möglichst raffinierte Filterblase“ nützt ja nix, wenn mal, um einen biologischen Vergleich zu ziehen, etwas Fremdes, Agressives in die Zelle kommt. Im zellulären Austausch kann das im Regelfall nicht passieren, da ja die Zelle nur Austausch mit ganz bestimmten, definierten Stoffen aus dem Milieu draussen „sucht“.
    Im Netzleben willst Du dagegen grösste Erreichbarkeit für Deine spezifischen Belange, kennst aber die „Stoffe“ draussen im Einzelnen aber garnicht. Es existiert da nur „ein ungefähres Bild.
    Deine Grundannahme scheint zu sein, daß jede Lücke persönlich und ohne großen Schaden zu schliessen wäre, sobald sie erkannt ist?
    Ist es nicht zu mühselig, einen Gutteil seiner Energie auf die Sicherheit und Grösse der Bubble setzen zu müssen?
    Oder wäre das eher als eine Art Sport zu verstehen? Da ja in jedem von uns ein Sportler steckt, wäre das naheliegend😉

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  4. @Gerhard: Danke für deinen Kommentar🙂 Du schreibst: „Ist es nicht zu mühselig, einen Gutteil seiner Energie auf die Sicherheit und Grösse der Bubble setzen zu müssen? Oder wäre das eher als eine Art Sport zu verstehen?“ – Dazu soviel: Ja, es *ist* mühsehlig und: – nein, es ist kein „Sport“ (also ein Nice-to-Have), sondern – für mich – ein existenzielles Grund- und Kardinalproblem, an dem ich mich jeden Tag neu abarbeiten muss. Letztlich geht es doch darum, wie *ich* mit den neuen Freiheitsgraden, die mir die Digitale Revolution bietet, angemessen umgehe. Das ist *kein* Luxus-, sondern ein Elementarproblem, um das mal ganz klar zu sagen.

    Dabei weiß ich natürlich, dass die meisten Menschen (ich meine jetzt nicht dich!) vermutlich gar nicht verstehen können, worum es hier geht, weil ihr grundlegendes Lebensgefühl eher darin besteht, sich von (angeblich) unverschuldeter Unfreiheit emanzipieren zu wollen, aber nicht zu können (weil ihnen „objektive“ Hindernisse im Weg sind). Die meisten Menschen, die ich treffe, haben keinerlei Gefühl dafür, dass sie eigentlich frei sind: Sie jammern über ihr elendes Los im Sinne von „Warum verdiene ich nur so wenig, wo ich doch so viel arbeiten musss?“, „Warum ist mein Partner so kalt, wo ich ihn doch so liebe?“, „Warum sind meine Kinder so missraten, wo ich doch all meine Energie in ihre Erziehung gesteckt habe?“ etc.

    Und das war’s dann auch schon.

    All diese Probleme sind natürlich real – und auch ich habe die meinen (und nicht zu knapp!). Aber sie sind eben *auch* Folgen der selbstgezimmerten „Filterblase“ (jetzt mal philosophisch verstanden) jeder Einzelnen (womit ich jetzt aber nicht gesagt haben will, dass man sich durch intelligentes Blasendesign über *jegliches* Problem hinwegheben kann, das wäre Humbug).

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  5. Gerhard schreibt:

    @Stefan, unter „Sport“ verstehe ich eine Tätigkeit, die Freude an Schwierigkeiten geradezu voraussetzt. Jemand kann sich auch an Schwierigkeiten abarbeiten, ähnlich wie Marathon endlich unter 2:30 laufen zu können.
    Über das Ausmaß der persönlich möglichen Freiheit habe ich so meine Zweifel: Es gibt Glaubenssätze und Paradigma, die mich steuern, die ich aber normalerweise nicht kenne, weil sie unterbewusst sind. Solange ich diese nicht kenne, bin ich gewissermassen ihr Hampelmann.
    Was Du an Beispielen“ genannt hast, ist m.E. das Festhalten am Schmerz, am Nähren des sogenannten Schmerzkörpers. Der braucht diese Nahrung, um überleben zu können. Irgendein Jammergrund ist ihm dazu lieb und recht.
    Aber Du hast recht (wenn ich Dich da recht interpretiere): Um Freiheit muß und sollte man kämpfen. Etwas als gegeben hinzunehmen ist Resignation.

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