Öffentlichkeit? Welche Öffentlichkeit?

greif_markMark Greif, Mit-Herausgeber des US-amerikanischen Magazins n+1, kommt in einem aktuellen Artikel für chronicle.com zu folgendem Schluss:

Something has gone wrong in our collective idea of the „public.“

Ich wurde neugierig und  fragte mich bei der Gelegenheit ganz unschuldig „Für wen schreibe ich eigentlich? Wer ist ‚meine‘ Öffentlichkeit?“ und schließlich, schon weniger unschuldig, „Welche Maßstäbe lege ich eigentlich an meine imaginäre Leserin an? Was will ich von ihm? Ihn erziehen? Oder doch nur unterhalten? Oder vielleicht gar, äh, ‚verstören‘?“

Greif blickt in die Geschichte und erinnert an das mittlerweile eingestellte Magazin Partisan Review, welches vor allem in den 1940er- und 1950er-Jahren Maßstäbe für den linksintellektuellen Diskurs in den USA gesetzt habe (Autoren waren u. a. Clement Greenberg, Hannah Arendt, Lionel Trilling und solche Kaliber). Dergleichen, so Greif, gebe es ja heutzutage nicht mehr (offenbar rechnet er sein eigenes Magazin nicht in diese Liga). Grund dafür sei aber sicherlich kein Mangel an Geist, Intellektuelle gebe es mehr als genug, aber, so Greif, sie begriffen sich ganz offenbar nicht als öffentlich („public intellectuals“). Warum das so ist, dafür macht Greif zwei Ursachen aus: die „Universitätisierung“ („universitization“) der intellektuellen Klasse sowie deren verzerrtes Bild von Öffentlichkeit.

Bei der Gründung von n+1 vor ca. 10 Jahren, berichtet Greif, seien er und seine Co-Herausgeber der „naiven“ Meinung gewesen, es würden sich schon genügend unzufriedene junge Uni-Professoren als Autoren finden. Dem sei aber nicht so gewesen – bis heute nicht. Die besten Artikel  – bzw. überhaupt Artikel – seien dagegen von fortgeschrittenen Studenten („graduate students“) verfasst worden. Wenn ein junger Uni-Professor dann doch mal was beitragen wollte, sei oft Folgendes passiert:

When these brilliant people contemplated writing for the „public,“ it seemed they merrily left difficulty at home, leapt into colloquial language with both feet, added unnatural (and frankly unfunny) jokes, talked about TV, took on a tone chummy and unctuous.

Lionel Trilling Sitting in ChairGreif lastet dieses Versagen allerdings konstruktiverweise nicht tiefgreifenden kollektiven Charaktermängeln der Jung-Professoren an (er ist ja selber einer), sondern ihrer Verunsicherung darüber, für wen sie denn eigentlich schrieben, wenn sie sich schon mal außerhalb ihres akademischen Käfigs betätigen dürften. Die „brillanten“ Jung-Akademiker hatten ganz offenbar kein klares Bild mehr vom Bildungsstand ihrer potentiellen LeserIn, sie „schwammen“ und wussten nicht, auf welcher „Ebene“ sie denn nun eigentlich schreiben sollen. Sollten sie schreiben wie in ihren Fachjournalen? Dann bestand Gefahr, weder verstanden noch gelesen zu werden. Also biederten sie sich lieber einem dubiosen Bild von „Öffentlichkeit“ an – und es wurde peinlich und un-authentisch.

Diesen Autoren ist ganz offenbar eine „mittlere Artikulationsebene“ abhanden gekommen, die den Autoren der Partisan Review 1955 noch selbstverständlich war:

My sense of the true writing of the „public intellectuals“ of the Partisan Review era is that it was always addressed just slightly over the head of an imagined public — at a height where they must reach up to grasp it. But the writing seemed, also, always just slightly above the Partisan Review writers themselves. They, the intellectuals, had stretched themselves to attention, gone up on tiptoe, balancing, to become worthy of the more thoughtful, more electric tenor of intellect they wanted to join. They, too, were of „the public,“ but a public that wanted to be better, and higher.

Es gibt zweifellos eine „spezifische Artikulationsebene“, also wissenschaftliche Fachzeitschriften mit sehr wenigen LeserInnen, bei denen man von relativ homogenem, aber hochspezialisiertem Hintergrundwissen ausgehen kann – und es gibt natürlich eine „allgemeine Artikulationsebene“, das sind Massenkommunikationsmedien wie Focus oder der Spiegel, die über sehr viele LeserInnen mit heterogenem, aber fraktal gestreutem Hintergrundwissen verfügen – beide systemrelevant, keine Frage.

Die „mittlere Artikulationsebene“, also Publikationen für wenige LeserInnen mit heterogenem, aber reichhaltigem Hintergrundwissen, scheint mir aber ebenso systemrelevant zu sein, schließlich vermittelt sie zwischen spezifischer und allgemeiner Ebene. Und genau hier sehe ich die Weltsicht positioniert. Oder, wie ich in meinen Permanently Unasked Questions einst schrieb:

Q: Warum schreibst du ständig über Sachen, die keine Sau interessieren? – A: Weil sie mich interessieren!

Die Formulierung „Das interessiert keine Sau.“ „ginge“ in einer „seriösen“ wissenschaftlichen Publikation gar nicht, Artikel über Mikrotonale Musik oder den Neuen Konzeptualismus wiederum würden vom Spiegel höchstwahrscheinlich als „die Öffentlickeit nicht interessierend“ kategorisch abgelehnt. Schon sind wir bei Notwendigkeit einer „mittleren Artikulationsebene“ angelangt, q. e. d.

Und so rufe ich – mit Greif – den desorientierten Jung-Akademikern zu:

Public intellect is most valuable if you don’t accept the construction of the public handed to us by current media. Intellectuals: You — we — are the public.

Öffentlichkeit? Welche Öffentlichkeit?

9 Gedanken zu “Öffentlichkeit? Welche Öffentlichkeit?

  1. Gerhard schreibt:

    Ist ein Intellektueller eigentlich jemand, der sich buchstäblich für alles interessieren kann?
    Sicherlich nicht. Das wäre ein „neugieriger“ Mensch, jemand, der für heutzutage sehr uncharakteristisch in jedem Feld nach Spannendem sucht und giert und sich da nicht von Vorurteilen beirren lässt.
    Ein Intellektueller liebt das Streicheln seiner Neuronen. Seine Sinne sind ihm sozusagen teilweise zu Kopf gestiegen, wo sie sich höchst vergnüglich tummeln..
    Schreiben über ausgelatschte Felder kann man als Nuancenhascherei ansehen – schöner da über „Ungewöhnliches und Ungewohntes“ zu schreiben.
    Deshalb weite Dein Spektrum hier sogar noch etwas weiter aus, Stefan! Riskiere mal einen Artikel, bei dem Dir plötzlich herbeieilende Experten auf der Nase herumtanzen können!
    Was solls? Let’s discuss!

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  2. Volker schreibt:

    Ich schätze mich glücklich und bin überzeugt, hier nicht der/die Einzige zu sein, dass es Blogs wie diesen für die „mittlere Artikulationsebene“ gibt, von dem ich immer wieder auf’s Neue Anregungen bekomme, selbst zu bestimmten Themen im Netz zu recherchieren und meinen Horizont zu erweitern. Das ist ja das Wertvolle am Internet, dass hier auch Ideen zu Wort kommen, die sonst – also in der Zeit vor dem Internet – kaum eine Chance auf „Öffentlichkeit“ hatten. Wenn man so will, vollzieht sich erst jetzt Kants Vorstellung der Aufklärung als dem Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorausgesetzt, man ist willens und in der Lage, aus der Flut der Information das heraus zu filtern, worauf es ankommt. Stefans „Weltsicht“ verstehe und nutze ich dabei als Wegweiser und Orientierung – herzlichen Dank dafür!

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  3. @Gerhard: Ich denke, das Gefühl mir auf der Nase herumtanzender Experten kenne ich schon ganz gut … es kann recht unangenehm sein, aber auch – zur gleichen Zeit – eine diebische Freude bereiten. Danke für die aufmunternden Worte🙂

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  4. Habe lange an verschiedenen Instituten diverse Fächer studiert, dann eine Weile als Lehrbeauftragter gearbeitet, inzwischen versuche ich ebenfalls mit einem Blog den Graben auf „mittlerer Artikulationsebene“ zu überbrücken. Meine Erfahrungen dabei sind mehr als frustrierend. Seit nahezu zwei Jahren rezensiere ich (musik-)wissenschaftliche Buchveröffentlichungen, das ist meist ziemlich aufwändig, man muss die Bücher lesen, macht sich Notizen, entwirft einen Text überarbeitet etc. pp. Das kostet Kraft, Zeit und man verdient nichts damit. Meine Rezensionen veröffentliche ich auf meinem Blog und parallel bei Amazon, oft sind es die einzigen Rezensionen zum jeweiligen Buch. Ich weise die Verlage regelmäßig auf die Rezensionen hin, teilweise auch die Herausgeber und Autoren. Man könnte meinen, dass sie sich über eine Rezension freuen, sie zur Kenntnis nehmen, aber es gibt regelmäßig keinerlei Reaktion. Ich lade mit der Kommentarfunktion des Blogs zum kritischen Diskurs, aber niemand meldet sich zu Wort. Mir kann jetzt keiner erzählen, dass ein Herausgeber oder Autor nach einer VÖ normalerweise nicht doch mal googelt, was so geschrieben wird, aber keiner äußert sich dazu. Nur einmal bei einem Verriss meldete sich einmal ein Autor mit dem ich lose bekannt war und meinte, ich würde den Finger in die Wunde legen, aber ob ich in Anbetracht der Verkaufszahlen bereit wäre, meine Kritik für einige Zeit zurückzuziehen (habe ich nicht gemacht). Kritische Auseinandersetzung? Fehlanzeige.

    Von meiner Zeit an der Uni und an der Hochschule weiß ich nur zu gut, dass dort in den Pro- und Hauptseminaren, ganz zu schweigen von den Vorlesungen, kein wissenschaftlicher (oder sonstiger) Diskurs stattfindet, bei Tagungen und Konferenzen auch nur in sehr beschränktem Maße, das liegt an der hierarchischen Struktur der Institutionen, keiner will sich wegen einer unüberlegten Wortmeldung gegenüber einem Professor die akademische Karriere versauen, vielleicht sitzt der ja später mal in der entscheidenden Berufungskommission. Es wimmelt da deswegen geradezu von meinungslosen Opportunisten, die ihr Fähnchen nach dem Wind richten, es gibt gar keine andere Aufstiegschance. Aber wenn dann auch im Netz, das dafür aus verschiedenen Gründen ideal geeignet wäre, nichts stattfindet, dann muss man leider feststellen, es gibt genau genommen nirgends einen von einem Außenstehenden nachvollziehbarer Diskurs. Das ist mein trauriges Fazit nach ca. 30 Jahren lernen, lehren, zuhören, Meinung bilden und darüber reden. Meine eigenen Diskurse finden nur noch im Privaten und als halböffentliche und meist unkommentierte Monologe im eigenen Blog statt. Ich denke dir, Stefan, geht es da ähnlich, wenn du ehrlich bist, was übrigens der Personenkreis der Kommentatoren zum obigen Artikel trefflich beweist, es sind die Usual Suspects.

    Ich kann die Erkenntnisse von Mark Greif also verstehen und bestätigen. Langsam zweifle ich auch daran, ob es sinnvoll ist gegen diese generelle Tendenz anzuschreiben. Vielleicht sollte ich in der Zeit lieber mit meinen Kindern spielen, mit meiner Frau Essen gehen oder einen Song schreiben, das wäre vermutlich beglückender.

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  5. Gerhard schreibt:

    Kann ich nachvollziehen, Dennis.
    „Diskurse finden nur noch im Privaten statt“: Das ist nachwievor so.
    „Über Musik reden“ – das läuft privat im Wesentlichen mit 1er Person…und das zuverlässig und auch in der Sache befriedigend. Ansonsten bin ich da auch im Wesentlichen Alleinunterhalter und Allein-Sucher.

    Was ich bei Stefan vermute: Ihn ödet es NICHT an, daß hier die usual suspects schreiben (sich die Zeit nehmen!), sondern er zieht einen Gewinn daraus.
    Ich vermute auch einen Gewinn darin, daß andere Kreativlinge, mit denen Stefan sich regelmässig austauscht, bei ihm eine aktive Webpage vorfinden. Das ist wie eine Visitenkarte! Ein Beitrag zum Ganzen, zum Pool der Künstler, die sich hier im Netz die Hand geben.
    Stefan, ist es nicht so?

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  6. @Dennis: Da wir zwei uns ja offline gut kennen, sind mir deine Erfahrungen schon länger bekannt (dies nur für Außenstehende). Dennoch bleibt mir hier nur Ratlosigkeit und Mit-Leiden. Manche Lebenserfahrungen sind eben einfach trist und durch nichts schönzureden😦

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  7. @Gerhard: Exakt🙂 Ein Blog ist ein Human- und kein Massenmedium (siehe diesen Artikel), Meldungen à la „Berühmt durch Facebook“ führen da komplett in die Irre. Derlei Phänomene stellen die große Ausnahme dar (und werden übrigens von wem verbreitet? Genau: von Massenmedien!).

    Ein Blog-Artikel, gleich welchen Inhalts, unterscheidet sich kategorial von einem Zeitungsartikel (egal, wie hoch die Auflage der Zeitung ist) – die Blogosphäre (bi-direktional) ist anders verfasst als die Presse (uni-direktional). Deshalb – und jetzt richte ich mich auch an Dennis – schreibe ich in der Weltsicht auch anders als bsp.weise in der Neuen Zeitschrift für Musik: Im Blog gibt es sozusagen immer schon ein Du, ein reales personales Gegenüber (und sei es imaginiert), in der Zeitung gibt es ein „Publikum“ (das nur im Plural existiert und gesichtslos ist). Dennis, deine Rezensionen lesen sich oft so nüchtern und sachlich, als wären sie für eine Zeitung geschrieben (das ist jetzt keine inhaltliche oder gar Qualitätskritik!). Aber ich denke eben, für Sachinformation braucht es kein Weblog, die holt man sich anderswo.

    Ein Weblog braucht Gehalte, d. h. Sachinformationen bzw. kulturelle Inhalte, die durch ein Individuum hindurchgeflossen sind und entsprechend „gefiltert“ wurden. In diesem Sinn ist das Weblog die digitalisierte Fortsetzung des Prinzips „Fanzine“ aus der Post-Punk-Zeit, es ist ein essayistisches Medium par excellence (und ein Essay ist eben weder „nur“ Wissenschaft noch „nur“ Literatur).

    Was nur das Blog, wie ich es mir idealerweise vorstelle, kann, ist letztlich ein Hybrid aus intimem Tagebuch und öffentlicher Rede. Exakt diese Qualität ist das „Alleinstellungsmerkmal“ des idealen Weblogs. Ein Weblog, wie ich es verstehe, ist weder ein „persönlicher Propagandasender“, noch ein „Ego-Tool“, noch eine „Frustablassmaschine“ (obwohl viele es permanent exakt so benutzen) – es ist (bzw. es kann) ein Diskursmedium für einen kleinen Kreis geneigter Beteiligter (sein), ja, fast wie eine improvisierende Band, wo einer das Thema vorgibt, andere steigen ein (oder nicht), andere hören nur zu (oder nicht), steigen dann später ein (affirmativ oder kritisch) etc.

    So diskurst das dann vor sich hin: oft öd oder disparat, zugegeben, aber dann auch wieder völlig unerwartet hochspannend, ja singulär! Es ist dies aber – und auch hier scheint mir die Band-Metapher zu passen – kein Prozess, der sich vollständig kontrollieren oder gar „programmieren“ ließe. Klar, der Bandleader gibt einiges vor, aber dann (Dennis, du weißt, was ich meine) „läuft’s“ eben: geil – oder kacke (‚tschuldigung). Man „steckt nicht drin“ – und das ist auch gut so.

    Dazu gehört eine Menge Mut, Persönliches von sich preiszugeben, ohne exhibitionistisch zu werden (eine Gratwanderung, die ich nur mäßig gut beherrsche), meinungsstark zu sein, ohne den ewigen Superchecker (gähn) zu geben, fair und objektiv zu bleiben, ohne emotionslos und innerlich unbeteiligt rüberzukommen.

    Zugegeben, dem Allem gerecht zu werden, ist anspruchsvoll – aber lohnend, wie ich erfahren habe.

    P.S.: Sascha Lobo hat grade heute in seiner Kolumne auf Spiegel Online einen Kommentar zur Kommentarkultur im Internet von derart beißendem Sarkasmus abgegeben, das man fast glauben mag, er hielte das ganze Unterfangen für gescheitert („Geben Sie Ihrem eigenen Bauchgefühl den ihm zustehenden Rang zwischen intellektuellem Fundament des Abendlandes und päpstlicher Unfehlbarkeit und kommunizieren Sie diesen Umstand subtil.“).

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  8. Gerhard schreibt:

    Ich finde, ausgezeichnet geschrieben!
    Eine Bewertung, die ich selten gebe, das aber nur nebenbei.
    Durchdacht und trefflich formuliert. Hier hat jemand sein Tun weidlich reflektiert und in nachvollziehbare Form gebracht.

    In der Tat ist das „Du“ zu spüren, von dem Du sprichst, Stefan. Ich denke, das ist ein Kernkriterium.

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