Der ePlayer im Alltag von Hollywood-Komponisten

Bereits im vergangenen Jahr publizierte die Firma Vienna Symphonic Library (VSL) eine Reihe von Interviews mit international erfolgreichen Filmmusik-Komponisten, die die Wiener Sample-Bibliothek  zur Erstellung ihrer Soundtracks verwenden.

Das mit Abstand lohnendste ist m. E. das folgende mit David Newman (ein Cousin des Singer/Songwriters Randy Newman übrigens), der z. B. die Filmmusik für die köstliche SF-Parodie „Galaxy Quest“ (1999, an die Musik erinnere ich mich nicht) oder das so überaus populäre „Ice Age“ (2002, hab‘ ich nicht gesehen) schuf:

GLOSSAR

  • Mock-up Eigentlich „Attrappe“, hier: MIDI-Version einer Filmmusik, die mit Hilfe von Audiosamples zum Klingen gebracht wird. Um ein Mock-up eines Orchesterstücks zu erstellen, braucht man lediglich ein kleines MIDI-Keyboard (im Hintergrund des Videos sichtbar), das eine ausreichend komplexe Sample-Bibliothek (hier natürlich die der Firma VSL) mit den gewünschten Instrumenten antriggert. Ein Sequencer (hier: „Logic“ von Apple) speichert diese Aufzeichnungen (also letztlich: die „Komposition“ im Wortsinn) dann in Dateiform ab. Der komplette Kompositionsprozess kann sich also, falls gewünscht, ohne die Zuhilfenahme von Notenpapier abspielen (genau so erarbeite ich seit den Nullerjahren meine ePlayer-Kompositionen). Man muss keine Noten lesen können, um auf diese Weise beliebig komplexe Werke zu komponieren. Das ist – in a nutshell – die digitale Revolution der instrumentalen Musik auf klassischen Instrumenten (vgl. auch Harry Lehmann: „Die digitale Revolution der Musik„, 2012 und meine Kommentare dazu).
  • ePlayer Dieser Begriff wurde 2012 von Harry Lehmann im o. a. Werk geprägt. Er hat sich noch nicht allgemein durchgesetzt, wird aber mehr und mehr verwendet. Der Übergang vom Mock-up eines Hollywood-Komponisten (das ursprünglich ja nur ein Demo für partitur-unkundige Filmregisseure sein sollte) zur technisch autonomen (d. h. ohne reale Musiker am Rechner generierten) ePlayer-Version einer Komposition ist fließend, wie David Newman im Interview freimütig bekennt (ohne den Begriff „ePlayer“ zu verwenden). Was der Kinozuschauer heutzutage tatsächlich hört, wenn er in „Ice Age“ (oder irgendeinem anderen beliebigen Blockbuster) sitzt, ist ein Hybrid aus von realen Musikern eingespielten Klängen (was vor allem die Streicher, deren samplebasierte Simulation bisher noch nicht wirklich befriedigend gelang, betrifft) und Samples. – Ein „echter“ ePlayer wäre natürlich ein „Orchestersimulator“, auf dessen Datenverarbeitung man in Echtzeit Einfluss nehmen könnte – ganz wie der Dirigent eines echten Orchesters. Das von Paul Henry Smith konzipierte Fauxharmonic Orchestra setzt dies mit Hilfe einer Wii-Fernbedienung bereits um.
Der ePlayer im Alltag von Hollywood-Komponisten

4 Gedanken zu “Der ePlayer im Alltag von Hollywood-Komponisten

  1. Danke für den Hinweis zu der Videoreihe. Ist klar, dass dich der Umgang erfolgreicher Filmmusikkomponisten mit den Samples aus dem Hause VSL interessieren muss, liefert er doch ganz nebenbei den Beweis dafür, dass der Einsatz von hochwertigen Samples und komplexe Kompositionsprozesse ohne Zuhilfenahme traditioneller Notation längst Teil der tagtäglichen Arbeitswirklichkeit sind. Es ist daher für mich schon von jeher verwunderlich, dass darüber in den Kreisen Neuer Musik anscheinend noch kontrovers diskutiert werden muss.

    Noch interessanter als das von die gepostete Video fand ich persönlich übrigens die zweiteiligen Ausführungen von Daniel Licht aus derselben Reihe. Er erzählt von mehrtägigen Prozessen der Selektion eines Instrumentariums und integriert viele ungewöhnliche, selbsterschaffene Sounds in seine Soundtracks. Er beschreibt sich selbst sehr treffend als manipulativ, das fand ich sehr spannend und anregend.

    Nachdem ich mehrere der VSL Videos gesehen hatte, war wieder einmal das Fazit: Es gibt keine allgemeine Formel, keine Vorgehensweise, die dauerhaft zu guten Ergebnissen führt. Interessant wird’s immer dann, wenn die eigene Arbeit hinterfragt wird, wenn neue Dinge ausprobiert, gewagt und umgesetzt werden. Immer neugierig bleiben, abenteuerlustig, sich dann aber auch für eine Weile reduzieren und festlegen, um es danach wieder umzuwerfen. Ernsthaft bei der Sache bleiben, aber dem Zufall eine Chance geben, nur so entstehen individuelle, originäre und originelle Arbeiten. Die Profis in L.A. die z.T. ja unter gehörigem Druck stehen, befolgen diesen Arbeitsethos mehr als viele andere, die sich eigentlich alle Freiheiten erlauben könnten. Vielleicht sind sie deswegen so erfolgreich?

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  2. @Dennis: Ok, dass man ein brutales Arbeitsethos haben muss, wenn man es in Hollywood „schaffen“ will, leuchtet sogar mir ein – aber Fleiß allein garantiert ja noch keine ästhetische Qualität (handwerkliche allerdings schon). Und das ist auch schon das, was mir an den Hollywood-Jungs gefällt: Sie lieben, was sie tun, sie tun es obsessiv, diszipliniert und professionell – und wirken nicht mal verbissen dabei. Was ich allerdings nicht (oder sehr selten) schätze, ist die Musik, die dabei herauskommt. Moritz Eggert hat das 2013 – unter besonderer Berücksichtigung des Schaffens von Hans Zimmer (der in der VSL-Reihe ja nicht vorkommt) – mal so ausgedrückt: „Filmmusik ist auf dem schlechtesten Stand seit ihrer Erfindung.“ Obwohl das zweifellos eine (typisch Eggert’sche) Übertreibung ist, hat Moritz da m. E. nicht völlig unrecht. Und die digital getriggerte Demokratisierung des Kompositionsprozesses ist da sicher auch nicht ganz unschuldig dran: Es kann (Newman sagt es im Video) einfach mit weniger Know-how als früher in kürzerer Zeit technisch korrekt produzierte Filmmusik hergestellt werden (eigentlich von jedermensch – ohne Kompositionsstudium, ohne das klassische musikalische Theoriewissen überhaupt!).

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  3. @Stefan: Meiner Meinung beweist gerade die VSL-Reihe, dass Eggert mit seiner polemischen Aussage doch wohl eher einem spontanen, nicht zu Ende gedachten Impuls folgt. Objektiv gesehen war Filmmusik noch nie so so variabel, vielseitig und variantenreich wie heute. Es werden schon allein zahlenmäßig viel mehr Filme gemacht als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, von Blockbuster bis No-Budget, von professionell bis amateurhaft, von West bis Ost, Nord bis Süd, in allen möglichen Gesellschaftsschichten, in allen möglichen Kulturen, mit allen erdenklichen Mitteln. Und wo viel Licht, da ist viel Schatten, deswegen ist nicht alles schlecht. Ich glaube, dass Eggert eigentlich bedauert, dass akademisch ausgebildete Komponisten und Orchestermusiker ihre exklusive Vormachtstellung eingebüßt haben. Das wird ja auch in dem von dir geposteten Film am Rande erwähnt, aber dankenswerterweise von Newmann nicht weiter ausgeführt. Wozu auch? Die Welt dreht sich halt weiter und das ist gut so.

    Gottseidank entscheiden nicht Musikprofessoren darüber was gut oder schlecht ist, sondern jeder Einzelne für sich.

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