Autorität, Christentum, Nation, Führung und das gottesförmige Loch

rudlandDer 32-jährige Oliver Rudland ist ein nicht ganz erfolgloser britischer Opernkomponist. Vor Kurzem publizierte er nun im erst 2008 gegründeten konservativen Magazin Standpoint ein weltanschaulich gesättigtes Manifest namens „The Loss Of Faith Made Music Mute“, mit dessen beinhartem Konservatismus ich mich im Folgenden ein wenig beschäftigen will.

Rudlands Eingangsfrage ist keine unsympathische: Warum gelingen Kunstmusik-KomponistInnen (seiner Meinung nach) seit ca. 1960 keine „guten Stücke“ mehr (Rudland meint damit wirklich „Stücke“, also nicht etwa gelungene Konzepte, Klanginstallationen oder Multimedia-Arbeiten)? Seine Antwort ist dann aber ebenso krude wie verblüffend: Die Pille ist schuld.

Liberated from the traditional restraints of Christian society, not least because of the oral contraceptive pill which spread rapidly throughout the world during the early 1960s, there was a sudden seismic shift in young people’s behaviour and attitude towards sex, and one of its many consequences was the beginning of an era of „popular“ music which gave expression to the new feelings which they could now experience and communicate publicly without shame or censure.

Ja Donnerwetter, das habe ich in dieser Zugespitztheit so auch noch nicht gehört! Aber Rudland meint das tatsächlich ernst und führt aus:

What these observations do illuminate, however, is the connection between the profound changes which affected the regulation of our sexual conduct during the 1960s, and, at the very same time, the decline of enduring new classical works, and the explosion of popular music onto the cultural scene as a new expressive force.

Ok, also die Pille führte zu allgemeiner Promiskuität, und diese schließlich – neben vielem anderen – zum Niedergang der Kunstmusik und zum Aufstieg des Pop.

Tja.

Kann man ja mal drüber nachdenken.

Rudland fährt fort:

Classical music did not enter a fantastic new period of experimentation and innovation in the 1960s. It died. What really took place was a repositioning of the psychological focus of music from the mature feelings of reflective adults to the more impatient and direct feelings of the young.

Ja, is ja gut, ich hab’s, denke ich mal, verstanden. Aber welche Immaterialien befähigten denn nun die Komponisten Klassischer Musik bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein zu ihrer heroischen Leistung? Rudland bleibt – wir haben es befürchtet – auch darauf die Antwort nicht schuldig:

To gain a proper and complete understanding of what we call „classical“ music is to appreciate that it was all written within the context of societies which were predominantly Christian in nature, and where celebrations of traditional national attributes were not seen as old-fashioned or backward-looking as they often are today.

Ganz anders werden dann natürlich die Protagonisten der Neuen Musik  ab ca. 1950 bewertet (im folgenden Zitat lässt sich „Harrison Birtwistle“ problemlos durch „Helmut Lachenmann“ ersetzen):

What you are hearing in the dysfunctional harmony and unattractive groans of Harrison Birtwistle and his many imitators is a massive God-shaped hole, where once natural authority and faith resided. This is what „atonal“ music really is: a loss of faith, and this is why anyone who counteracts its dominance is quickly condemned as „naive“, in just the same manner as those who continue to hold religious convictions in a scientific age.

Genug davon.

Ich gebe Rudlands Gedanken hier nicht deshalb breiten Raum, weil ich sie so großartig finde, sondern weil sie mir typisch erscheinen für einen nicht unbeträchtlichen Teil der unter 40-jährigen Kunstmusik-KomponistInnen heute (in Deutschland wäre etwa Martin Grütter zu nennen). Gut – dass sie die „Neue Musik“ satt haben, leuchtet mir ein (vgl. auch die Reflexion „Hiermit trete ich aus der Neuen Musik aus“ des Musikologen Michael Rebhahn aus dem Jahr 2012), dass sie deren „Materialästhetik“ gegen eine „Gehaltsästhetik“ (H. Lehmann) austauschen wollen, auch, nur, warum müssen diese „Gehalte“ dann „Autorität“, „Christentum“, „Nation“, „Führung“ heißen, warum nicht z. B. „Respekt“, „Agnostizismus“, „Weltbürgertum“, „Kooperation“?

Ganz einfach, weil Künstlern vom Schlage Rudlands nicht nur eine anti-sozialdemokratische, sondern eine anti-liberale Ästhetik vorschwebt („liberal“ meint hier natürlich „weltoffen, nicht „wirtschaftsliberal“). Sekundiert und gefördert wird diese, hm, Weltsicht, im englischsprachigen Raum seit Jahren von konservativen Musikpublizisten wie Roger Scruton und John Borstlap, im deutschsprachigen Raum etwa von Gunnar Hindrichs, einem auf den ersten Blick moderne-freundlicheren Theoretiker, den der Komponist Claus-Steffen Mahnkopf so überaus zu rühmen weiß.

So unterschiedlich der soziokulturelle Anti-Liberalismus der drei eben genannten Musiktheoretiker auch begründet sein mag, was sie eint, ist das Bedürfnis nach einer Letztbegründung kunstmusikalischer Kreativität in der „jüdisch-christlich-abendländischen Kultur“. Damit fahren sie eine Kampagne, die man, flapsig formuliert, „PEgIdA für Anspruchsvolle“ nennen könnte.

Nun bin ich der Letzte, der sich über ein Letztbegründungsbedürfnis von Künstlern und Kunstphilosophen lustig machen würde. Eine Kreative, deren Weltanschauung ich nicht teile, schätze ich stets höher als einen, der sich in permanenter Indifferenz übt, bei dem also gar keine wie auch immer geartete Weltanschauung feststellbar ist. Wenn diese Anschauung aber so apodiktisch daherkommt wie bei Rudland – ich verstehe ihn so, dass Kunstmusik im 21. Jahrhundert nur möglich ist, wenn deren Schöpferin vorher „Autorität“, „Christentum“, „Nation“ und „Führung“ als unhinterfragbar setzt -, schrillt bei mir dann doch das anti-fundamentalistische Alarmglöcklein.

Ich halte es zwar für vollkommen legitim, sich als „jüdisch-christlich-abendländischen“ Komponisten zu verstehen, dem Papst die Hand zu küssen und den Herrn bzw. Jahwe in beliebig vielen Werken zu lobpreisen. Ich halte es aber für destruktiv, wenn atheistisch, agnostisch, esoterisch oder meinetwegen auch neu-heidnisch gesinnten Komponisten gleich ganz die Möglichkeit abgesprochen wird, sich überhaupt in den Diskurs der abendländischen Kunstmusik einschreiben zu dürfen  – was Rudland in seinem Essay aber ganz ohne Umschweife tut.

Aber warum sollte uns die reaktionäre Weltanschauung eines  jungen, aufstrebenden britischen Opernkomponisten denn überhaupt interessieren? Nun, das Thema ist nicht so marginal, wie es scheinen mag, denn letztlich geht es natürlich – wie immer – um die Definitionsmacht, was denn überhaupt Kunstmusik sei und was nicht und demzufolge schlussendlich um das liebe Geld. Ich wage die Behauptung, dass Rudlands Anschauungen besser in das Ungarn Viktor Orbáns und das Russland Wladimir Putins passen als in eine westliche Demokratie.

Das Ertragenmüssen anhaltender soziokultureller Indifferenz (vulgo „Postmoderne“) kann bei entsprechend sensiblen Künstlern entweder eine sehr spezifische Form ästhetischer Radikalität (Johannes Kreidlers „Neuer Konzeptualismus“ wäre hier zu nennen) oder aber, wie bei Rudland, einen nicht minder krassen ästhetischen Fundamentalismus (in der Bildenden Kunst gibt es da Jonathan Meese, in der Literatur – mit Abstrichen – Christian Kracht) hervorbringen. Doch entbehren beide Indifferenzbewältigungsstrategien der Anschlussfähigkeit und auch der Nachhaltigkeit: Die „Radikalen“ entkleiden, im Anschluss an Duchamp, das musikalische Artefakt auch noch des letzten Rests von Materialität und werden damit „anästhetisch“ (H. Lehmann), die „Fundamentalisten“ möchten am Liebsten das gesamte 20. Jahrhundert kulturell ungeschehen machen und da anknüpfen, wo Richard Wagner aufgehört hat – ganz offenbar ein komplett weltfremdes Unterfangen, weil seine Umsetzung die Eliminerung eines Großteils unserer Alltagskultur zur Folge hätte (Der begnadete Satiriker Michel Houellebecq hat das – auf seine Weise – in seinem aktuellen Roman „Unterwerfung“ mal durchzuspielen versucht).

Beide Strömungen (unabhängig davon, dass den genannten Komponisten ja bitte durchaus brillante Einzelwerke gelingen mögen!) kranken darüber hinaus an einer unangenehmen Fixierung auf den (jeweils sehr eigenwillig definierten) „Zeitgeist“, dem sie entweder zum Durchbruch verhelfen (Kreidler) oder den sie gnadenlos bekämpfen möchten (Rudland). Auch schöpfen beide ihre Energie viel zu stark aus Feindbildern, Ressentiments und negativen Emotionen. Bei Rudlands Text liegt das offen zutage, bei Kreidler äußert sich das eher, im, wie gesagt, anästhetischen Nihilismus seiner Musik (der dennoch – zugegeben – oft etwas Erfrischendes hat).

Weder die „Radikalen“ noch die „Fundamentalisten“ aber machen sich die Mühe, nach neuen tragfähigen ästhetischen Transversalen zu suchen, will sagen, nach unmittelbar einleuchtenden, aber dennoch so noch nicht thematisierten ästhetischen Querverstrebungen, an denen sich dann wieder neuartige Kulturen ansiedeln könnten. Dass es diese Transversalen gibt, beweist – für mich – das (ganz un-ästhetische) „Funktionieren des Alltags“ jeden Tag neu.

In der improvisatorischen, pragmatischen und oft geräuschvollen Lösung alltäglicher organisatorischer, zwischenmenschlicher, bürokratischer oder sogar verkehrstechnischer Probleme heutzutage sehe ich demzufolge mehr Anregung für kunstmusikalische Kreativität als in den meisten Formen rhetorisch und intellektuell allzu zugespitzter „Radikalität“ bzw. „Fundamentalopposition“.

Dieser Artikel erschien am 15. März 2015 im Bad Blog of Musick unter dem Titel „Die Pille ist schuld. Gastbeitrag von Stefan Hetzel„. Dank an Moritz Eggert für die Publikationsmöglichkeit🙂

Autorität, Christentum, Nation, Führung und das gottesförmige Loch

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