hetzelquartettwuerzburg 2015-02-12 sowie Sonntagsgedanken über Musik und Sprache

hetzelquartett@Tiepolo-Keller Würzburg 2015-02-12
Improvisierte Musik mit dem hetzelquartett am 12. Februar 2015. V. l. n. r.: Stefan Hetzel, Jochen Volpert, Markus Zitzmann, Klaus Ratzek. Foto: D. Schütze

Set 1

Set 2

Markus Zitzmann – Holzblasinstrumente
Jochen Volpert – E-Gitarre
Stefan Hetzel – Flügel
Klaus Ratzek – Tuba, E-Bass

Aufgenommen von Jörg Meister (danke!) im Tiepolo-Keller zu Würzburg.

*

Sonntagsgedanken über Musik und Sprache

Speziell Set 2 empfinde ich als gelungen, weil die geneigte Hörerin tatsächlich auf eine nachvollziehbare aurale Reise mit den improvisierenden Musikern gehen kann (eine ähnliche Formulierung verwendet Hamid Drake in Minute 15 meines Dokumentarfilms „Improv 2014 (Peitz)„). Diese hat einen Anfang, verschiedene, klar voneinander abgegrenzte Stationen – und einen notwendigen Schluss.

Auch wenn die Analogie „Musik = Sprache“ vieles eher verschleiert als erklärt, hier möchte ich sie gerne mal benutzen – allerdings auch, um deren Grenzen aufzuzeigen: Nehmen wir also an, es handele sich bei Set 2 um ein angeregtes, längeres Gespräch auf Augenhöhe zwischen 4 Akteuren. Jeder Akteur gibt sich Mühe, die Sätze und Gedanken aller anderen jederzeit aufmerksam zu registrieren und in Echtzeit darauf zu reagieren. Im Gegensatz zu einem echten Gespräch zwischen 4 Personen macht es nun aber nichts, wenn alle 4 auf einmal agieren, denn Instrumentalmusik ist nicht in derselben Weise wie Sprache durch Semantik belastet (4 Personen beim gleichzeitigen Reden zuzuhören wird im Allgemeinen als Zumutung empfunden [außer in Filmen von Woody Allen], das simultane Improvisieren von 4 Musikern aber viel weniger bzw. gar nicht.). Das heißt aber nicht, dass nicht dennoch eine „Kakophonie“ entstehen kann – aber billigt man, bzw. billigen die Akteure dieser viel eher ästhetischen Wert zu als dem „Durcheinanderquatschen“ von 4 Personen – denn es ist eben eine musikalische Kakophonie, zudem eine, die innerhalb eines soziokulturell legitimierten Rituals, nämlich eines „Konzerts“, stattfindet.

Aber findet im Set 2 nicht ein auch für unerfahrene Hörer klar wahrnehmbarer „musikalischer Gedankenaustausch“ (auch so eine abgedroschene Formulierung) zwischen den Akteuren statt? Akteur 1 beginnt mit einer musikalischen Idee I, die, sagen wir mal, in einen Moment relativer Ruhe und allgemeiner Ideenlosigkeit hineinplatzt. Die Akteure 2 – 4 haben nun die Pflicht, darauf zu reagieren. Dabei gibt es immer 3 – und nur 3! – Optionen:

  1. Imitation und Variation der Idee I von Akteur 1 als I‘, I“, I“‘ etc.
  2. Etablierung einer möglichst „unverbundenen“ Gegen-Idee non-I
  3. aktive Ignoranz (Schweigen)

Das erinnert – oberflächlich – nun wieder sehr an den Verlauf von Gruppendiskussionen. Die Analogie „Musik = Sprache“ wird plötzlich wieder sehr mächtig, ja: – übermächtig. Denn wenn Akteur 2 die Idee I des Akteurs 1 als I‘ „aufnimmt“, so funktioniert dieses „Aufnehmen“ ja durchaus – wie bei der verbalen Kommunikation – in „doppelt kontingenter“ (Luhmann) Art und Weise: Akteur 2 weiß nicht, was sich Akteur 1 bei I „gedacht“ hat, er kennt natürlich die Motivation von Akteur 1, gerade jetzt gerade dieses I etablieren zu wollen, nicht. Also ist er gezwungen, sich am aural Wahrnehmbaren zu orientieren und in ebenso aural wahrnehmbarer Weise (also musikalisch, also un-semantisch) zu reagieren, bsp.weise mit I‘, oder (siehe oben) mit non-I oder eben mit Schweigen (hier: nichts spielen).

Es gibt also eine ganze Menge Analogiemöglichkeiten zwischen Musik und Sprache – aber es bleiben Analogien, d. h. heuristische Gedankenverbindungen, die auf wissenschaftlich valide Erkenntnisse bestenfalls hindeuten können. Als beteiligten Musiker lassen mich diese (sehr gängigen) Analogien stets unbefriedigt zurück, was natürlich auch daran liegt, dass beim Sprechen über Musik die Musik eben gerade nicht auf Augenhöhe mit der Sprache steht. Ansonsten müsste es ja auch möglich und soziokulturell anerkannt sein, über Sprache zu musizieren (es gibt natürlich jede Menge Musik, die von Sprache angeregt wurde, aber billigt man dieser im Allgemeinen keinen analytischen Gehalt über das „Vertonte“ zu. Ich habe das in meinem Orchesterstück „Bernhard“ aus dem Jahr 2006 mal thematisiert).

Auf der anderen Seite ist die Feststellung, dass das „Musizieren über Sprache“ (bzw. Texte) keine echten Gehalte (H. Lehmann) hervorbringt, dann natürlich wieder entsetzlich banal, denn Instrumentalmusik hat nun mal keine Semantik, wie sie die Sprache hat („Music is a prostitute„, sagt Steven Brown hier zurecht), womit diese kleine Kontemplation an ihrem Ende angelangt wäre, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und schönen Sonntag noch🙂

hetzelquartettwuerzburg 2015-02-12 sowie Sonntagsgedanken über Musik und Sprache

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