Teachout über Glass

The mere fact that Glass writes music for a reason different from Schubert’s does not invalidate the results. The problem is that Glass’s music fails to do what I believe all great music does, which is to structure time in a profoundly meaningful way. […] If it is not sufficiently eventful to hold our attention throughout that time, then it is not successful—and that is where Philip Glass falls short.

Terry Teachout: „Philip Glass Half-Full„, Artikel vom 23. März 2015

Teachout über Glass

8 Gedanken zu “Teachout über Glass

  1. JJäger schreibt:

    Fairer Artikel.

    Ich finde nur seine 2 Frühwerke „Music in Fifths“ und „Music in Contrary Motion“ sehr gelungen. Die beiden Werke basieren auf zyklischen Prozessen, die Klauseln generieren und addieren. Bei den Prozessen kommt es zu Offbeatverschiebungen, die rhythmisch interessant sind und im Beispiel von „Music in Contrary Motion“ auch eine Gesamtstruktur erzeugen. Hübsch radikale, kompromisslose Stücke, „Music in Fifths“ hat sogar etwas Lachenmannsches. Diese Stücke hätte man nicht anders machen können. Könnte man hier öfter mal aufführen, finde ich.

    Fifths

    Contrary:

    Mit diesen beiden Stücke außen vor muss man schon sehr kramen, wenn man was hübsches finden möchte.

    Ganz nett – Music with changing parts:

    wird aber abgeschossen von David Borden’s
    „The Continuing Story of Counterpoint“, Part 1:

    http://freemusicarchive.org/music/David_Borden/The_Continuing_Story_of_Counterpoint/

    Gleiche Technik, aber Borden ist packender, schneller, reduzierter und harmonisch gewandter. Der ganze Zyklus ist zu empfehlen.

    Glass wurde von seinen Kollegen und seinen Nachfolgern einfach abgehängt. Er ist kein Zugpferd, nur der Urknall gewesen.

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  2. @JJäger: Danke für die ausführliche Kommentierung. Habe mir grade noch mal Glass‘ evtl. populärstes Stück überhaupt, das Klavierstück „Opening“ aus dem 1981er „Glassworks“-Album angehört (was ich seit ca. 25 Jahren nicht mehr getan hatte) – und war angenehm überrascht: Das Stück hat etwas Herzergreifendes, ist aber trotzdem (und das hatte ich früher nicht so gesehen) in keinster Weise „neo-romantisch“ (also reaktionär). Vielleicht liegt’s auch an der Interpretation, die die 2-gegen-3-Rhythmik ganz gut herausarbeitet. Das hat etwas Irritierendes. Harmonik und Melodik vermitteln, nun ja, eine gewisse Schlichtheit, fast Spießigkeit – aber die nervöse, sich niemals „auflösende“ Rhythmik das exakte Gegenteil. Was meinst du?

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  3. @JJäger: Und noch was. Unter kaufmännischen Aspekten ist es natürlich Glass, der seine Kollegen und Nachfolger einfach abgehängt hat (aber das weißt du ja). Er ist „Schuld“, dass heute viele Menschen wissen, dass es neben Pop auch eine Kunstmusik gibt, die ihren ganz eigenen Gesetzen folgt, ohne atonal oder geräuschhaft zu sein. Und exakt dafür bin ich Glass dankbar.

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  4. JJäger schreibt:

    Das Stück aus Glassworks im Video gefällt mir. Wahrscheinlich ist der Amelie Soundtrack von Yann Thiersen direkt von dem Werk inspiriert.
    Auch nicht übel, kennt ja fast jeder:

    Das hier ist auch stark:

    Aus Einstein on the Beach.
    Wieder ein additiver Prozess.

    Dein Werk hat mir sehr gefallen.

    Hier ist eine weitere Einschätzung über Glass, die ich sehr fair finde:
    http://www.musicweb-international.com/Mark_Morris/USA.htm#glass
    (Musst vielleicht runterscrollen)

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  5. Gerhard schreibt:

    Ich bin als Nichtmusiker sozusagen aussen vor, aber Eure Diskussion gefällt mir ausserordentlich. (Gerne hätte ich so etwas in meinen Bereichen, was mir aber so im Netz noch nicht oder nur ab und an begegnet ist).
    Es gibt hier keine Versteifungen und Hiebe, sondern geteilte Freude an Kreativität und Kenntnistum.

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  6. Hihi, da gibt es jede Menge Musik, die nicht “ structure time in a profoundly meaningful way.“ erfüllt für mich.

    Ich bin kein Glass-Fan. Aber ich habe eine phasenweise auftauchende Sucht nach seinem Violinkonzert (nur den 1. und 3. Satz allerdings, den zweiten finde ich todlangweilig).
    Richtig intensiv gehört habe ich das in einer depressiven Phase – insofern passt das mit der Meaninglessness vielleicht doch wieder. Allerdings gehört das eben zur menschlichen Erfahrung auch dazu, und müsste dementsprechend in Musik widergespiegelt zu finden sein. (Wenn man jetzt mal das populäre „Musik spiegelt die Gefühle der Menschen wider“-Mem bedient.)

    Soo, und jetzt höre ich mir mal an, was ihr da so verlinkt habt.

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  7. @Philipp: Vielleicht hat ja repetitive Musik (die ja nicht unbedingt minimalistisch sein muss!) eine generell antidepressive Wirkung (nicht auf einer ästhetischen, aber auf einer kognitiven oder sogar physiologischen Ebene)? Gibt es darüber Untersuchungen? Das würde einiges erklären.

    Darüber hinaus kann ich deine Hin- und Hergerissenheit, was Glass betrifft, gut nachvollziehen: Es scheint vielen Menschen so zu gehen. Der Grund scheint mir zu sein, dass Glass‘ Musik so „immersiv“ ist: Entweder man ist komplett absorbiert – oder man sucht in genervter Panik den Ausknopf. Tertium non datur. Jetzt ist natürlich die Frage, mit welchen musikalischen Mitteln genau Glass diese durchaus verblüffende Wirkung erreicht.

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