„Medialismus“, Roman: 2. Kapitel

ralfcschusterEs vergingen ein paar Wochen. Meine Geografie studierende Mitbewohnerin sah ich nur ein paar Mal zwischen Tür und Angel, aber das störte mich nicht. Sie interessierte sich weder für meine künstlerischen noch für meine geschlechtlichen Ambitionen. Deshalb strebte ich über sie keinen nennenswerten Austausch an Informationen bezüglich ihrer Freundin Sabine an. Unterdessen arbeitete ich an der Fertigstellung meines neuesten Super-8-Filmes. Er hieß „Die Rückbesinnung“, ein zehnminütiges Werk. Wie man anhand des Titels vermuten könnte, sollte es um Identitätssuche, Identitätsverwirrung, Identitätsfindung gehen. Man musste viel guten Willen aufbringen, um das nachvollziehen zu können, denn eigentlich trieben sich drei vermeintlich coole Typen auf einem Kinderspielplatz herum und quatschten dummes Zeug im Stil von „Die Szenekneipe X ist ein Treffpunkt für Hühnerficker“ und der andere antwortete: „Aber in der Szenekneipe Y musste ich neulich auch mal kotzen.“ Weil die drei Schauspieler allseits beliebte Wirrköpfe waren, die das ganz gut rüberbrachten und ein paar echte Kinder dazwischen geschnitten waren, auf der Wippe und beim Ballspielen, gefiel das, wie sich später herausstellte, den Zuschauern ganz gut. Meine Geografie studierende Mitbewohnerin schaute es sich zunächst nicht an, sie sagte, dass sie bei der Premiere keine Zeit habe und machte noch eine kritische Bemerkung über den Titel, den sie blöde fände, ich solle doch nicht immer so rückwärtsgewandt sein. Aber trotzdem überbrachte sie auf meine Aufforderung hin eine Einladung an Sabine. Genaugenommen war es keine Einladung, sondern ein Flugblatt, so ein vervielfältigter DIN-A5-Zettel, mit großkopierten Schreibmaschinenbuchstaben und dem ziemlich grauen Bild einer leeren Kinderschaukel. Anders ging es damals nicht, meine Flugblätter entstanden mit Schreibmaschine, Fotokopierer, Schere und dann wieder Fotokopierer. Denn die verschiedenen Schriftgrößen erzeugte ich durch Vergrößerung im Copyshop, dann musste ich wieder nach Hause, wo ich die einzelnen Text- und Bildfragmente zusammenklebte und schließlich im Copyshop vervielfältigte.

Mein guter Freund Martin bewohnte allein eine Dreizimmerwohnung, die immer wieder für Partys und Treffen genutzt wurde. Dort sollte die Premiere des Filmes stattfinden. Eigentlich nichts Besonderes, aber dann doch, denn so ein Film, den man mit Super 8 dreht und dann vertont und es spielen auch noch drei coole Szene-Typen mit, das war nicht alltäglich. Damals gab es noch kein YouTube, wo inzwischen jeden Tag so viele Filmminuten hochgeladen werden, wie damals in der ganzen Bundesrepublik im Jahr entstanden. Das ist jetzt kein Witz, so ähnlich verhalten sich die Größenordnungen, wenn man bei Super 8 die Urlaubsfilme weglässt, sich also auf die künstlerisch motivierten, bearbeiteten Filme beschränkt und bei YouTube alles mitzählt. Wenn man all das mitzählt, was auf Super 8 niemand machen würde. Fernsehsendungen hat niemand abgefilmt, Diskussionsrunden, stundenlange Interviews oder Konzerte. Und wenn jemand ein Konzert gefilmt hat, dann haben nicht zwanzig oder hundert Menschen gleichzeitig dasselbe Konzert aufgenommen. All dieser redundante Overhead oder vielmehr Bodensatz, dieser mediale Morast. Aber ich höre jetzt sofort auf, darüber zu polemisieren, denn ich hatte mir vorgenommen, nicht kulturpessimistisch zu sein, ich will nicht den Eindruck erwecken, dass es damals aufgrund des geringeren technischen Entwicklungsstandes besser gewesen sei. Es war zwar besser, weil Sabine kam, aber das hat ja nichts mit der Technikentwicklung zu tun. Wo war ich also stehengeblieben? Mein Freund Martin hatte eine Dreizimmerwohnung unter dem Dach mit großem Balkon. Es war ein altes, kleines Haus in einer Gasse, in dem außer ihm niemand wohnte, weil in den unteren Stockwerken Lagerräume waren. Martin half mir gerne bei meinen Filmen und ihm war es durchaus recht, wenn ich einen Anlass zum Trinken oder Betrinken lieferte, sei es allein, zu zweit oder als Event. Damals nannte man das aber einfach Party. Außerdem war er einer der drei Schauspieler. Ich saß schon am Nachmittag bei ihm im Wohnzimmer, wir unterhielten uns darüber, was wir als nächstes Filmprojekt in Angriff nehmen könnten, schweiften aber ab, denn er gestand, dass er beim Videofestival gewesen war, vermutlich sogar in der gleichen Vorstellung wie Sabine und meine Mitbewohnerin. Es wunderte mich ein bisschen, denn in den Tagen, als das Videofestival stattfand, hatten wir uns mehrmals getroffen, und ich glaubte mich zu erinnern, dass es unser Konsens war, keine Vorstellung zu besuchen. Als ich aber genauer darüber nachdachte, schien es mir plötzlich, als sei es immer nur ich gewesen, der beteuerte, das wir nicht hinwollten, als hätte Martin gar nicht zugestimmt. Er hatte einfach geschwiegen und gemacht, was er wollte. Das ist doch egal, sagte ich mir, aber war es das wirklich? Martin erzählte von einem Spiegel-Effekt, den er in einem Video gesehen hätte und der ihn beeindruckte. Technische Spielerei, entgegnete ich in einem Tonfall, der ihm das Wort abschnitt, er wechselte das Thema. Eigentlich hätte ich gern noch mehr erfahren, aber neugierig wollte ich nicht erscheinen. Jetzt hatte ich mich selbst ausgegrenzt und dann klingelte es plötzlich, obwohl die Party erst in zwei Stunden losgehen sollte. Martin ging zur Tür hinunter und kam tatsächlich mit Sabine zurück. Ihre Haare waren verändert, aber ich konnte nicht sagen, wie. Sie gefiel mir besser als beim letzten Treffen, sie gefiel mir richtig gut. Außerdem freute ich mich, dass sie schon da war. Das Warten auf den ersten Gast kann manchmal ganz schön quälend sein. Oder wenn der erste Gast ein Schwätzer ist. Aber Sabine kam mir gerade recht. Sie berührte mich bei der Begrüßung dezent an der Schulter und setzte sich neben mir auf den Boden. Ob ich aufgeregt sei, fragte sie, und da tat ich ganz cool, nein, ich bin nicht nervös, so ein Film läuft einfach, da kann ja nichts schiefgehen. Na, aber wenn es den Leuten nicht gefällt? Es gefällt ihnen aber, wie kommt das eigentlich? Das liegt daran, dass bei einer Premiere nicht der Film, sondern die Leute selektiert werden. Die haben ja alle das Bedürfnis, dazuzugehören, zur Premierenkultur-Subkultur-Filmemacher-Klüngel-Clique – und wenn sie das nicht wollen würden, dann wären sie gar nicht da. Und damit sie zuhause nicht erzählen müssen, dass die Party langweilig und der Film schwachsinnig war, da finden sie es eben gut, zumindest teilweise gut. Na ja, ein paar Lästermäuler gibt es dann natürlich schon, die ihre Rolle darin finden, dass sie alles besser wissen und besser gemacht hätten, zu denen gehörte ich ja selbst, wenn ich bei Premieren anderer Filmemacher zeigen wollte, dass ich zu denen gehörte, die eine Ahnung haben.

So geschwollen redete ich auf sie ein. Mir schien, als beeindruckte ich sie. Martin drehte unterdessen einen Joint, so dass wir, nachdem ich meine Ausführungen beendet hatte, erst einmal gar nicht viel sagten, sondern uns der bedächtigen Einnahme von THC hingaben. Die Kifferei interessierte mich damals kaum, aber bei Martin und vielen meiner Freunde gehörte es zur Freizeitgestaltung dazu, und es passte auch so schön in seine Wohnung, wo ein paar Matratzen auf dem Boden lagen, wo immer mal jemand spontan vorbeikam, wo wir dumme Ideen hatten, und oft genug gleich umsetzten. Rauchen, Trinken, Kiffen gehörte zu der spartanischen Gemütlichkeit, die die groben, dunklen Holzbohlen des Fußbodens ausstrahlten. Im Wohnzimmer gab es ein Band niedriger Fenster, durch die die tiefstehende Sonne hereinschien. Jetzt saß Sabine plötzlich so im einfallenden Gegenlicht, das sich ihr BH ganz deutlich unter der Bluse abzeichnete. Sie war doch ziemlich sexy. Aber sie begann sich mit Martin über die Wohnung zu unterhalten, was sie kosten würde, und über WG-Probleme, Zimmerprobleme, Mitbewohnerprobleme. Da hätte sie eigentlich viel besser mit mir drüber reden können, ich wohnte in einer WG, sogar mit ihrer Freundin zusammen, aber vermutlich merkte sie, dass ich das Thema nicht leiden konnte. Ich war der Filmemacher, hatte meine schlaue Rede über Filmpremieren gehalten, Martin war der Dreizimmerwohnungs-Bewohner, er durfte über Wohnungen reden. Jedem sein Gesprächsthema zum Wohlfühlen, außerdem dauerte es nicht lang, da klingelte es, Martin ging runter zur Tür und Sabine stand auf, um aufs Klo zu gehen. Als sie sich erhob, erschienen mir ihre Beine viel zu lang, oder lag es daran, dass ihr die Jeans nicht richtig passte. Das Gegenlicht der untergehenden Sonne war jetzt weg und damit auch der reizvolle Einblick. Ich stand auf und sagte, dass ich nochmal den Filmprojektor überprüfen wolle. Da es inzwischen dämmrig im Zimmer geworden war, ließ sich das Bild besser justieren und beurteilen. Währenddessen kam Martin mit drei weiteren Gästen zurück, die ich nur vom Sehen kannte. Es ging also los und ich spürte mit einem Mal eine deutliche Nervosität. Am Projektor war alles in Ordnung, das hatten wir als allererstes sorgfältig eingerichtet. Ich ging also in die Küche und verteilte Salzstangen in Gläsern und Chips in Schalen. Mit den Gläsern und den Schalen ging ich auf umständlichen Wegen durch die Wohnung. Martins Wohnung war verwinkelt und unübersichtlich. Lauter kleine Kämmerchen, die das Wohnzimmer umgaben, das alles mit Zwischentüren, Dachschrägen und Erkern, sogar das Badezimmer hatte zwei Türen, einen Eingang und einen Ausgang, dadurch konnte ich aus drei verschiedenen Türen ins Wohnzimmer treten, und während ich durch die Wohnung streifte und die Salzstangengläschen verteilte, hörte ich immer wieder Sabines Lachen. Sie lachte ganz schön laut. Wenn ich dann durch eine der drei Türen ins Wohnzimmer trat, konnte ich nicht feststellen, um was es ging, warum gelacht wurde, alle saßen auf dem Boden und sahen so aus, als ob sie gar nichts zu lachen hätten. Ich tat aber uninteressiert, zog mich unauffällig in die Küche zurück, nahm die nächsten zwei Salzstangengläser und verteilte sie über die Route, die durch das Badezimmer in die Kämmerchen führte und dann wieder über das Wohnzimmer zurück in die Küche. Sabine lachte immer wieder, aber nur, wenn ich nicht mitbekommen konnte, um was es ging. War sie etwa eine von denen, die beim Kiffen lustig wurde? Oder machten die Witze, die ich nicht verstand? Verstehen sollte? Oder etwa Witze über mich? Es blieb bei Vermutungen, denn plötzlich war die Ruhe vorbei. Meine WG-Kumpels kamen, und hinter ihnen die anderen Hauptdarsteller, und die waren wiederum in Begleitung von einigen aufgeregten Frauen. Martin drehte die Musik lauter. Jetzt hatte ich keine Chance mehr, zu hören, ob und was über mich gelästert wurde. Meine WG-Kumpels bestätigten nochmals, dass unsere Geografie-Mitbewohnerin nicht kommen könne, worauf ich entgegnete, dass sie bestimmt können würde, aber vermutlich nicht wolle, was mich aber nicht störe, da ich mich von ihr meist missverstanden fühle. Wer wen missversteht, beschäftigte uns dann eine ganze Weile, während neue Gäste ankamen, Flaschen entkorkt und Schallplatten gewechselt wurden. Speziell die ankommenden Frauen hatten wir gut im Blick, machten dumme Bemerkungen über sie, bis ich irgendwann bemerkte, dass Sabine gar nicht mehr dort saß, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Erschreckt schaute ich mich um, da kam aber gerade ein neuer Trupp frischer Gäste, der mich in Anspruch nahm, einer nach dem anderen quatschte mich voll und die Forderung, dass der Film gestartet werden solle, wurde immer häufiger gestellt. Wo war Martin, wo hatte ich die Weinflasche hingestellt, man kam fast nicht mehr durch die dicht stehenden Menschen hindurch, aber als ich laut rief, hörten sie alle auf mich, schließlich war ich der Filmemacher. Auch Martin bemerkte mich schließlich und schaltete die Musik aus. Leute, jetzt ist es gleich soweit, sagte ich laut, aber da kam auch schon ein Zwischenruf, Heike sei noch nicht da, sie käme sofort, ich solle noch warten. Heike? War das die große Schlanke? Oder die Blonde mit den auffälligen Lidschatten? Oder keine von beiden? Im Film hatte sie nicht mitgespielt, aber wenn es die Große war, würde ich vielleicht warten, aber da rief auch schon Martin, dass wir trotzdem jetzt anfingen, weil wir den Film ja später nochmal zeigen können. Stimmt, das hatten wir ausgemacht, also drängte ich mich an den Projektor und fand dort einen Platz, Licht aus, rief ich und Martin drückte den Knopf einer Mehrfachsteckdose, an der alle Lampen angeschlossen waren, so dass es wirklich schlagartig dunkel wurde. Sofort begann das Knattern des Projektorlaufwerks. Ich legte die Hand an das Objektiv, um die Schärfe bei Bedarf sofort nachziehen zu können, aber sie stimmte und ich brauchte nicht zu korrigieren. Und da sahen sie alle auch schon die erste Szene, in der Martin unvermittelt direkt in die Kamera hinein sagt: „Ich weiß gar nicht, warum ihr hier seid, wenn ihr was Besseres geplant hattet!“ Dabei raucht er und dann schnipst er seine Zigarettenkippe supercool direkt an der Kamera vorbei und zieht die Mundwinkel hoch, mir gefiel das gut und auch die Zuschauer, zumindest diejenigen, die Martin kannten, fanden es prima. Es war nicht zum Lachen, nur zum Schmunzeln. Ich merkte, dass es beim Publikum funktionierte. Jetzt waren sie gut eingestimmt und würden die etwas langatmige Anfangsszene gut gelaunt überstehen. Mein Weinglas war wieder verschwunden, aber da stand eine Flasche unter dem Projektortisch, Martin hatte dort den Discount-Whiskey deponiert. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche und behielt sie in der Hand. Doch während sich die Dialoge zwischen den drei Darstellern langsam entwickelten, merkte ich, dass sich jemand von hinten näherte, der mir die Flasche aus der Hand nehmen wollte. Ich drehte mich um und schaute direkt in Sabines Gesicht, die mich anlachte und flüsterte, sie wolle auch was trinken. Sie nahm einen Schluck aus der Flasche und gab sie mir zurück. Sabine kam mir gerade recht. Ihre Schulter berührte meinen Rücken. Das lag nicht nur daran, dass der Platz hinter dem Projektor so eng war. Das machte sie ganz bewusst. Es fragte sich, wie ernst ich es nehmen sollte. Der andere Schauspieler, Rainer, erzählte gerade, wie ihm eine Geliebte erst die Uhr, dann Schallplatten und schließlich seine Lieblings-Wollsocken geklaut habe. Und dass er deshalb nicht mehr an das Gute im Menschen, und erst recht nicht an das Gute in den Frauen glaube. Die Zuschauer lachten, von Sabine hörte ich nichts. Ich verzichtete darauf, mich umzudrehen, bestimmt fand sie das auch lustig. Jetzt berührte sie mich nicht mehr. Ich schaute mich immer noch nicht um, denn es näherte sich bereits die Schlussszene, bei der sich die Schauspieler um den Hals fallen. Ich befürchtete, es könnte zu pathetisch wirken, oder vielleicht schwul. Martin zieht sein Hemd aus, aber damals, als wir es filmten, klebte es wegen dem Schweiß und er bekam es nicht schnell genug von den Schultern. Beim Drehen störte mich das nicht, da hatten wir schon ein paar Stunden auf dem Spielplatz verbracht, einige Flaschen Wein getrunken und mir ging es nur noch darum, dass die Schlusspointe klappte. Aber als ich die Einstellungen zusammenschnitt, merkte ich, dass das Ausziehen des Hemdes zu lange dauerte, da gab es plötzlich eine Lücke im Dialog und als ich versuchte, zu kürzen, sah wiederum der Bewegungsablauf ungelenk aus. Darum kehrte ich zur ursprünglichen Version zurück, was aber bei Super 8 einen wahrnehmbaren Schnitt hinterließ. Da schnippelte man ja mit der Schere direkt am Original herum, von dem es keine Kopie gab. Rückblickend muss man sagen, das war schon beachtlich, wenn da überhaupt was rauskam, aber leider sah die Endfassung wirklich schwul aus. Also die Umarmung von Rainer und Martin, ganz abgesehen davon, dass der Schnittrhythmus durch das zu langsame Ausziehen des Hemdes verhunzt war. Armin, der dritte Schauspieler, machte es wieder wett, der umarmte die beiden anderen mit lockerem Schwung und dann kam ja auch schon ein paar Sekunden später die Pointe, bei der Martin in das Loch fällt, der hat die Hände noch auf den Schultern der Freunde, alle drei gucken in den Himmel und er rutscht zwischen ihnen nach unten weg und versinkt in einer Grube, die zu dem Kinderspielplatz gehört. Armin und Rainer sagen jeweils noch einen coolen Spruch und verschwinden in gegenüberliegende Himmelsrichtungen. Martin sitzt doof im Loch und der Film ist zu Ende. Den Satz von Rainer konnte aber kaum einer im Publikum verstehen, weil alle noch über Martins betroffenen Blick aus dem Loch lachten. Als die Abspanntafel erschien, nahm ich einen Schluck aus der Whiskeyflasche. Die Leute applaudieren und ich drehte mich um, wollte Sabine die Flasche reichen und mich von ihr anlachen lassen, aber sie war wieder verschwunden. Wie hatte die sich so unbemerkt davonschleichen können? Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, Martin zwängte sich durch die Menge zu mir, er lachte und war bestens amüsiert über die Gags im Film. Gläser für den Whiskey hatte er in der Hand, Rainer und Armin kamen von der anderen Seite. Da lagen wir uns plötzlich in den Armen, fühlten uns toll und darauf wollten wir uns ordentlich betrinken, auch wenn das keiner richtig zugab. Beim Trinken aus der Flasche hatte ich nur genippt, um meine Nervosität zu besänftigen. Aus dem Glas traute ich mir mehr zu und spürte, wie es in der Kehle warm wurde und das Hirn schien sich auszuweiten. Martin lachte immer noch, Armin begann, alle Anschlussfehler aufzuzählen. Das machte er immer, er war einer von denen, die sowas sahen: wenn die Zigarette nach dem Schnitt länger ist als vorher, oder wenn die Füllhöhe der Flasche nicht stimmt. Mir war sowas egal, während unserer Dreharbeiten veränderte sich sogar das Etikett auf der Weinflasche. Außer Armin kümmerte das sowieso niemanden, aber jetzt hatte ich meine Freude an seinen Ausführungen. Weil er so begeistert vom Film war und es lustig fand, was alles nicht stimmte, fand ich wiederum ihn lustig. Wir waren ja stolz darauf, dass wir einen Film gemacht hatten, der unperfekt und schäbig war. Wir wollten mit den normalen Unterhaltungsfilmen nichts zu tun haben. Martin griff Armins Thema auf und schlug vor, dass beim nächsten Film überhaupt nichts stimmen sollte, mit Absicht. Wir lachten alle und phantasierten um die Wette, was alles falsch sein könnte. Der falscheste Film aller Zeiten, das wäre doch was. Das beschäftigte uns noch den ganzen Abend und letztendlich landete ich auch mit der falschen Frau im falschen Bett. Sabine blieb verschwunden, aber es kamen neue Gäste, der Film lief noch zwei Mal, die Whiskeyflasche war drei Mal leer, die Lücken, die in der Erinnerung klafften, wurden länger, es lohnt sich nicht zu erzählen, was zwischen den Lücken passierte, mit wem ich alles betrunkene Gespräche führte. Doch je später der Abend wurde, desto häufiger blickte ich in das altbekannte Gesicht von Tina und letztendlich schliefen wir auf einer der herumliegenden Matratzen in der hinteren Kammer von Martins Wohnung. Wenn wir Sex hatten, dann bestimmt nicht viel. Vermutlich gar keinen. Too drunk to fuck. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie wir uns hinlegten. Als ich aufwachte, trug ich nur ein T-Shirt. Die Hose und die Unterhose lagen neben der Matratze am Boden. Ich musste dringend pissen. Auf dem Weg ins Klo sah ich, dass noch mehr Leute in der Wohnung schliefen. Der Boden war übersät mit leeren Flaschen und vollen Aschenbechern.

Im Lauf des Vormittags wachte einer nach dem anderen auf, es wurde viel Kaffee getrunken und blödes Zeug geredet, alle waren verkatert. Als Tina unter der Decke hervorkroch, fiel mir auf, dass sie ihre Strumpfhose noch anhatte. Sie küsste mich und ging ziemlich schnell nach Hause. Ich kümmerte mich schließlich ums Aufräumen und Putzen, abends kochten Martin, ich und ein Unbekannter mit Namen Florian gemeinsam Spaghetti. Dann ging ich zurück in meine WG und schlief lange.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 2. Kapitel

5 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 2. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Und wie gehts mit Sabine weiter?! Die macht sich ja ganz schön geheimnisvoll! Und wirklich interessiert an den Filmen ist sie auch nicht, höchstens an dem Status des Filmemachers. Was hat die die ganze Zeit gemacht? Dem Film zugeschaut sicher nicht! Nur am Anfang, um den Regisseur etwas zu kitzeln, danach war sie weg. Aber ab wann war sie weg? Hatte das mit einer Szene zu tun oder kam etwas dazwischen?

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  2. robertweber schreibt:

    Ein paar Absätze mehr und Flatter- statt Blocksatz würden den Text etwas „userfreundlicher“ machen. (Ich bin so mehr der Anschlussfehlertyp.) Aber sonst sehr schön.

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