„Medialismus“, Roman: 3. Kapitel

ralfcschusterAls ich erwachte, war Sonntag und meine WG leer. Erst abends kam Holger zurück, mein Mitbewohner, der Biologie und Chemie fürs Lehramt studierte. Mit ihm verstand ich mich am Besten von allen meinen Mitbewohnern. Mein Problem, das ich ihm darlegen wollte, umschrieb ich mit der plakativen und grob vereinfachten Frage: Tina oder Sabine? Oder beide. Oder erst mal schauen. Oder keine von beiden, sondern lieber Vanessa.

Holger kannte Tina ganz gut, Sabine überhaupt nicht und Vanessa kam ja gar nicht in Frage, denn Vanessa war die hübscheste Studentin der ganzen Stadt, niemand wusste, mit wem sie ihre Nächte verbrachte und ihr Name war bei uns ein geflügeltes Wort. Wer sagte, dann versuche ich es eben bei Vanessa, der meinte, dass ihm alles egal sei, weil es sowieso nicht klappt. Wenn es ums Klappen ging, war Tina die Favoritin, meinte Holger, denn Holger war schon immer der Meinung, dass Tina es auf mich abgesehen hatte. Ich will Tina aber gar nicht, antwortete ich. Willst du denn Sabine? Das weiß ich nicht. Nicht wissen heißt nicht wollen und wenn du nicht willst, dann bleibt nur Vanessa. Holger hatte wohl keine Lust, mein verzagtes Gerede anzuhören. Na ja, er hatte es leicht, er war schon seit fünf Jahren mit derselben Freundin zusammen und bestimmt würden sie irgendwann heiraten. Ich fand das damals so richtig spießig, aber wenn man keine Freundin, sondern immer nur kleine Abenteuer hat, stellt sich ja auch gar nicht die Frage. Mir erschien es damals, als ginge das ja auf keinen Fall, so eine feste Freundin, mit der man womöglich sogar zusammenwohnt. Mir erschien es ja auch absurd, wenn ich mir vorstellte, ich könnte als der Ingenieur arbeiten, der ich werden sollte, und das mit den Super-8-Filmen, das war auch eine Scheinwelt und überhaupt nicht realitätstauglich. Dachte ich. Komischerweise behauptete ich ja immer, dass ich einen bürgerlichen Beruf brauchen würde, obwohl meine Existenz wie ein nervöser Brummkreisel unablässig und lärmend um künstlerische Projekte herumrotierte. Wenn man ihn nicht immer wieder durch die Spindel mit neuem Schwung auflädt, hört der Brummkreisel schnell auf zu brummen und fällt um. Aber ich rotierte weiter, wurde nicht müde, frischen Schwung in meine Projekte hineinzupumpen. Martin wollte beim nächsten Film Kamera machen, ich solle mich auf die Regie konzentrieren. Schön, aber erst einmal musste ein Drehbuch her. Die Idee, einen Film zu drehen, bei dem alles falsch sei, war eine schwierige Idee, in meiner Ratlosigkeit dachte ich sogar, es sei unmöglich. Dann meldeten sich immer wieder die anderen, Martin und all diejenigen, die bei ihm herumsaßen und sagten, mach doch einfach dies, oder das, wie wäre es hiermit, oder damit? Die waren zwar immer sehr begeistert von ihren Ideen, mir aber gefiel keine. Erst als Sabine Vorschläge machte, hatte ich das Gefühl, es würde mir weiterhelfen. Erstaunt war ich auch, obwohl es ja nichts Besonderes war, dass sie eines Abends, vielleicht drei Wochen nach der Party, bei Martin saß. Ich hatte mich in der Zwischenzeit nur sehr halbherzig darum gekümmert, ihre Telefonnummer von meiner Mitbewohnerin zu erfragen. Dann legte ich den Zettel mit der Nummer auf meinen Schreibtisch. Als ich ein paar Tage später anrufen wollte, fand ich den Zettel nicht. Später war er wieder da, aber da war ich in der falschen Stimmung und wollte nicht anrufen. Plötzlich tauchte sie, wie schon gesagt, von alleine auf. Sie hätte doch damals zur Nachtschicht gehen müssen, sagte sie in einem Tonfall, der den Vorwurf beinhaltete, dass ich das hätte wissen müssen. Als der Film zu Ende gewesen sei, hätte sie schon auf der Schwelle gestanden und sei sofort losgefahren, um pünktlich bei ihrem Nachtportier-Aushilfs-Gelegenheitsjob zu sein. Der Film hätte ihr gefallen, allerdings sei sie unsicher gewesen, ob Rainer im Film schwul sein solle oder nicht und wie man das hätte interpretieren müssen, wobei er schwul aussah, aber dem Sinn des Filmes nach eigentlich nicht sein dürfte. Ja, ja, sie hatte genau die kritische Stelle erkannt, die mir auch nicht gefiel und lächelte dazu so wissend. Das beeindruckte mich, aber es verunsicherte mich auch und ich konnte es nicht lassen, sie in die Schwierigkeiten meines neuen Drehbuchentwurfes einzuweihen. Damit gab ich mir schon wieder eine Blöße und hoffte, sie würde das sympathisch finden.

Wir dürfen in dem Film nur eine bestimmte Art von Formalismen falsch machen, denn dramaturgische Fehlleistungen verzeiht der Zuschauer nicht. Also in dem Sinn, dass am Anfang nur Kleinigkeiten falsch sind, die im Lauf des Films immer auffälliger werden und am Schluss passiert was ganz Irrwitziges, also zum Beispiel kommt der Regisseur ins Bild oder die Kamera fällt um, oder, oder, oder, alles banale Ideen. Wie soll die Handlung sein? Hat die Handlung eine innere Logik oder ist sie willkürlich, damit sie sich von jeder konventionellen Struktur unterscheidet? Aber das gab es ja auch schon längst. Hatten Buñuel und Dalí mit dem „Andalusischen Hund“ in den zwanziger Jahren bereits gemacht. In der Fachliteratur werden Seiten vollgeschrieben mit der Vielschichtigkeit und Bildersprachlichkeit dieses Werkes und Buñuel sagt in seiner Autobiografie, sie hätten einfach gefilmt, was ihnen spontan einfiel. Wenn ich einfach das machte, was mir einfiel, war das mittelmäßiger Trash für die Subkultur, und wenn ich mir das Hirn zermarterte, damit es einen Hauch von Genialität abbekam, dann wurde es manchmal nur noch schlimmer. Das war dann wohl auch der Unterschied zwischen Buñuel/Dalí auf der einen Seite und mir auf der anderen. Wenn die einfach mal drauflosfilmten, revolutionierten sie die Kinokultur, wenn ich das machte, war es nur banale Grütze. Wozu also anstrengen? Mit den Frauen war es ja so ähnlich: Manchmal bissen sie von alleine an, aber wenn ich mir erst in den Kopf gesetzt hatte, sie zu erobern, dann verscheuchte ich sie nur.

Nach dieser Behauptung machte ich eine Pause in meiner langen Rede und schaute Sabine an, ob sie was darauf antwortete. Sie sah ja heute wieder sehr gut aus. Und trank Rotwein, während ich noch am Kaffee nippte. Aber sie ging nicht auf meine Problematik mit den Frauen ein, sie kehrte zum Ausgangspunkt meiner Überlegung zurück: Es sei ein falscher Ansatz, alles falsch machen zu wollen, denn dann gebe es ja gar keinen Bezug mehr, an dem man falsch und richtig festmachen könne. Also wird nur das falsch gemacht, was beim Falschmachen Spaß macht. Was beim Falschmachen langweilt, wird richtig gemacht, denn Langeweile sei schlecht für Filme. Du bist ja eine Hedonistin, entgegnete ich, und sie sagte: Na klar! Ich bin für die falsche Moral, der Kommissar ist der Mörder und am Ende seiner Ermittlungen nimmt er sich selber fest, ist das falsch genug? Aber ich wollte keinen Krimi drehen, das sei das falsche Metier. Eben, sagte sie, das falsche, und falsch solle es ja sein und damit sei es richtig. Oder müsse es wieder so pseudointellektuell sein? Wie meinte sie das denn? War das Ironie? Außerdem sei der ganze Ansatz, alles falsch zu machen, ein intellektueller. Am intellektuellen Habitus führe hier sowieso kein Weg dran vorbei. Sie schaute mich versöhnlich an, aber ob sie mich wirklich ernst nahm, konnte ich nicht zweifelsfrei feststellen. Du hast selbst gesagt, dass du ein Pseudointellektueller bist, sagte sie lachend, ja, aber das habe ich ironisch gemeint, antwortete ich. Ich auch. Sie war wirklich undurchschaubar, hoffentlich würde ich mich nicht in ihren Launen verstricken. Da mischte sich plötzlich Martin ein und meinte, Sabine solle vorsichtig sein, mit dem, was sie sage, schließlich seien wir die Experten. Wie beabsichtigt, lachte sie ausgiebig über das Wort „Experten“ und legte mir schließlich den Arm über die Schulter. Schenkte mir dann auch ein Glas Rotwein ein und stieß mit mir an. Was soll aus euch eigentlich mal werden, fragte sie unvermittelt ernst. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, sondern schaute sie nur überrascht an. Bevor mir etwas einfiel, begann sie: Das ist ja ziemlich witzig, was ihr für Filme macht, aber gibt es einen Weg, der vom Hier und Jetzt dorthin führt, wo ihr hinwollt? Wo wollt ihr denn hin? Es kann natürlich auch sein, dass ihr einfach dableiben wollt, das würde ich euch zutrauen. Martin mischte sich ein: Willst du uns den Spaß verderben? Nein, ich will bloß herausfinden, ob und, wenn ja, wie ihr euren Aktivismus hinterfragt. Mein Ex-Freund war ein Träumer, ich nicht. Das ging nicht lange gut. Weil ich nämlich gar keine Toleranz für realitätsfremde Menschen habe. Und außerdem bin ich gerade in einem Seminar über die Kaskadierung von Verkehrswegenetzen. Das ist ziemlich interessant. Da lernt man, dass bei falschen Rahmenbedingungen ganz schnell Sackgassen entstehen, oder dass eine Optimierung des gesamten Verkehrsflusses mit einzelnen, individuellen Umwegen von beträchtlichem Umfang verbunden sein kann. Mir ist aufgefallen, dass die Regeln für Verkehrswege sich auf Lebenswege übertragen lassen. Ich will nur vermeiden, dass ihr in eine Sackgasse hineinmanövriert oder euch Umwege aufhalst, die euch ins Hintertreffen bringen. An dieser Stelle des Gesprächs zeigte ich zuviel Interesse an der Kaskadierung von Verkehrswegenetzen. Aber darüber wollte ich wirklich etwas erfahren und das hatte dann zur Folge, dass wir eine Stunde oder länger über ihre geografische Verkehrsplanung diskutierten und nicht wieder auf die Lebensplanung von Provinzfilmemachern zurückkehrten. Angetrunken gingen wir schließlich gemeinsam, aber gleich vor der Haustür musste sie in eine andere Richtung als ich. Sie schwang sich auf ein Holland-Fahrrad, dessen banales Speichenschloss sie ganz schnell geöffnet hatte und fuhr davon. Ich schaute ihr wehmütig hinterher.

Während ich nach Hause lief, wurde ich erst recht trübsinnig. Ja, ich war verliebt, aber mir schien, als sei diese Frau undurchschaubar und überheblich, wieso erklärte uns die Geografin die Welt, wir waren doch die Klugscheißer, die Künstler, die sich mit dem Wesen des Daseins und allen existentiellen Fragen beschäftigten. Während ich durch die leeren nächtlichen Straßen spazierte, erinnerte ich mich an die merkwürdigen Wendungen, die das Gespräch im Laufe des Abends genommen hatte, an die Vorschläge Sabines für mein Drehbuch und daran, dass ich es vermieden hatte, über den Nutzen unserer kreativen Aktivitäten zu reden und stattdessen überflüssiges Halbwissen über Verkehrsnetze erfahren und schon wieder weitgehend vergessen hatte. Jetzt interessierte es mich, was Sabine dazu hätte sagen können, aber ich hatte das Thema abgeblockt und deshalb war ich selbst schuld. Das waren die richtigen selbstkritischen Gedanken, um allein an der völlig unbelebten Straße längs der Bahnschienen herumzulaufen. Plötzlich stand ich vor der Werbefläche, die ich ein paar Wochen vorher unbedingt hatte bemalen wollen. Jetzt klebte eine Werbung für den Baumarkt darauf: Eine gutaussehende Frau im Overall mit einem Farbeimer. Sie sah Sabine ähnlich, die gleiche Normalo-Frisur für Blondinen, aber das Gesicht viel zierlicher. Na klar, war ja auch ein Model, dezent geschminkt, natürlich attraktiv, in ein Handwerker-Outfit hineingesteckt und gut in Szene gesetzt. Mal dir deine Welt selbst, stand als Slogan neben dem Pinsel, den die hübsche Blondine nach vorne streckte, zur Kamera hin. Bist du dann auch mit drin, in meiner selbstgemalten Welt? formulierte ich im Kopf die Gretchenfrage. Und wenn nicht du, dann vielleicht Sabine? Aber da fiel mir Sabines merkwürdiges Verhalten und ihr kantiges Kinn ein und ich dachte mir, das Fotomodell von der Baumarktwerbung würde ich mitnehmen, Sabine lieber nicht, denn wenn sie erst mal drin ist, in meiner selbstgemalten Welt, kriege ich sie vielleicht nicht wieder los und sie quält mich mit den kritischen Fragen, den halbwichtigen Fakten und den unoptimalen Proportionen ihres Körpers. Denn eigentlich gefiel sie mir nicht, aber ich war verliebt und nur deshalb empfand ich sie als attraktiv. Sagte ich mir, während ich die Baumarkt-Tussi mit ihrem perfekten Lächeln, ihrer perfekten Figur und ihrem perfekten Make-Up bestaunte und in einen kindischen Die-will-ich-haben-und-sonst-keine-Trotz verfiel. Die Farbe würde ich dann auch kaufen, wenn es sein müsste. Ich langte in die Innentasche meiner Jacke und fühlte den dicken Faserstift. Den hatte ich Wochen zuvor in die Tasche hineingesteckt, als ich das Plakat bemalen wollte. Jetzt zog ich ihn raus und schrieb ohne lange nachzudenken unter das „Mal dir deine Welt selbst!“ ein „Ok, mach ich!“ Dann steckte ich den Stift wieder ein und ging. Die paar Minuten, die ich brauchte, um nach Hause zu kommen, vergingen mit den Gedanken darüber, wie originell es sei, mitten in der Nacht den Entschluss zu fassen, das Zimmer neu zu streichen. Aber wann wäre es denn normal, solch einen Entschluss zu fassen?


Inhaltsverzeichnis

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„Medialismus“, Roman: 3. Kapitel

8 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 3. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Wo wollt ihr eigentlich hin? Eine zerschmetternde Frage, direkt und schonungslos am Nerv angepackt. Wunderbar, wie überlegen Sabine ist!

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  2. @Gerhard: Na ja, „überlegen“ … Kritisieren ist in der Regel einfacher als Konzipieren. Klar sind die Jungs im Roman konfus, arrogant und ambitioniert und genau das macht sie so leicht angreifbar – aber exakt diese Angreifbarkeit liebe ich! Sabines „Realismus“ dagegen scheint mir keinen sonderlichen Mut zu erfordern.

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  3. robertweber schreibt:

    Eine Geschichte des medialen Wandels zu erzählen finde ich außgesprochen interessant. Gerade, wenn Ralf mit Super 8 anfängt und aufhört bei – möglicherweise – Oculus Rift. Der Aspekt ist es, der mich interessiert. Ich denke, den sollte man stärker herausarbeiten.

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