„Medialismus“, Roman: 4. Kapitel

ralfcschusterEs ist total uncool, Pläne zu schmieden, und evolutionär, Bedingungen zu gestalten. Mit diesem tiefsinnigen Satz konfrontierte ich meinen Mitbewohner Holger zwei Tage später, als er mich mit dem Farbeimer in der Küche sitzen sah. Wie bitte? fragte er zurück und griff zum Wasserkocher. Er würde sich also einen Kaffee oder Tee machen, das gab mir genug Zeit, um meine Theorie zu erläutern. Sabines Vorwurf, dass wir keinen Plan hätten, steckte mir immer noch quer im Gemüt. Dass wir nicht wussten, wohin wir wollten und wie wir dahinkommen würden. Aber meine Theorie besagte, dass man keinen Plan braucht. Pläne führen zu Frustrationen, weil sie sich nicht einhalten lassen, Pläne setzen eine Analyse der Verhältnisse voraus, die nichts nutzt, wenn sich die Verhältnisse ändern. Pläne haben den Nachteil, dass man an ihnen scheitern kann und das, vor allem das, will man doch nicht. Darum ist es cool, keinen Plan zu haben, dann kann man nicht scheitern, Nichtscheiternkönnen gibt Gelassenheit, Gelassenheit führt, in Kombination mit einer kreativen Grundhaltung, zu künstlerischem Output, der Output stärkt die Erfahrung und die Gelassenheit und dann fügt sich Eins ins Andere, wenn die Bedingungen stimmen. Die Bedingungen sind, zum Beispiel, Fähigkeiten und Kontakte und Ersparnisse und Arbeitsräume und Ferien ohne Ferienjob, vielleicht sogar Sex ohne Beziehung. Anregung, Inspiration, Grenzwerterfahrung. Oder ein frisch gestrichenes Zimmer. Bisher hatte ich immer gedacht, ich brauchte nur das einfachste aller Zimmer, kein Schnickschnack, kein Zierrat, kein Nippes, aber dann war mir aufgefallen, dass dieses schmutzige Gelbbraun der Wände mich geistig bremste. Das wirft mich immer wieder zurück auf mich selbst. Das willst du doch, warf mein Mitbewohner ein, der gerade die Milch in seinen Kaffee goss und langsam umrührte. Das cremige Braun erinnerte mich an meine schmutzige Raufasertapete.

Nein, ich will das nicht … mehr! antwortete ich, darum habe ich die Farbe gekauft. Er schaute mich irritiert an. Wie aufgezogen schweifte ich zu einem meiner Lieblingsthemen ab, auch wenn es nicht so richtig als Argumentation passte. Weißt du, es gibt Typen, die tragen in ihrer Tasche jahrelang das Drehbuch ihres Bewerbungsfilms für die Filmhochschule mit sich herum und dabei reden die auch noch jahrelang darüber und letztendlich werden sie abgelehnt, oder sie bekommen den Film gar nicht fertig, ach, noch schlimmer, manche fangen gar nicht damit an, solche Typen sind doch total uncool!

Holger stimmte mir nur eingeschränkt zu. Wenn sie abgelehnt würden, ja, aber wenn sie genommen würden, dann wären sie cool. Das ist doch alles so verkrampft, entgegnete ich auf seinen Einwand. Wenn es nur ums Coolsein ginge, würde ja niemand mehr Lehramt studieren, so wie ich. Mein Mitbewohner drehte sich eine Zigarette und ich schnorrte ihn um Tabak an, da ich keinen mehr hatte. Um die Bedingungen für die Entwicklung meiner künstlerischen Aktivitäten zu optimieren, hatte ich darauf verzichtet, mir Zigaretten oder Tabak zu kaufen. Aber jetzt, beim Kaffee in der WG-Küche erschien es mir, als verhindere der Mangel an Nikotin jede Art des Wohlfühlens. Außerdem waren die Wände noch nicht gestrichen. Nach dem Streichen könnte ich noch mal darüber nachdenken, mit dem Rauchen aufzuhören. Die besten technischen Errungenschaften, fuhr ich fort, verblassen gegen die Genialität der Natur und der biologischen Systeme. Aber die haben keinen Plan gehabt, sondern sind Schrittchen für Schrittchen verbessert worden, durch evolutionäre Selektion. Keine Pflanze und kein Tier hat durch Analyse herausgefunden, wie es sich besser an die Welt anpassen könnte und trotzdem entstanden dadurch bewundernswerte funktionierende Wesen.

Vielleicht hätte ich nicht in den Bereich der Biologie abschweifen sollen, denn da kannte sich Holger aus. Er hatte ein paar Argumente gegen mich, die mir nicht in die Lebensplanung passten. Einerseits, sagte er, solle ich bedenken, dass die Evolution nicht nur aus den Überlebenden bestehe, sondern zum beträchtlichen Teil aus den Ausgestorbenen. An die denke man nicht so oft, weil man sie nicht sehe, aber das seien enorm viel. Woher nähme ich also meine Hoffnung, dass ich mich zu den Gewinnern der Selektionsprozesse zählen könne? Und andererseits habe die biologische Evolution wahnsinnig viel Zeit und die habe ich nicht. Also: Einerseits werde das planlose Ich-schau-mal-was-ich-hier-und-heute-machen-kann nicht zwangsläufig in der Genialität, sondern vielleicht genauso gut in der Mittelmäßig- oder gar Bedeutungslosigkeit enden, andererseits könne es auch sein, dass diese kleinen Schrittchen des evolutionären Prozesses zwar zwangsläufig zu den höchsten Höhen des künstlerischen Wirkens führten, aber leider so langsam, dass alle wie auch immer gearteten Teilziele erst nach 100 Jahren erreicht würden und da würde dann die biologische Begrenzung des Lebens den Prozess einfach abschneiden, was aber eventuell egal sei, da ja auch die soziale Begrenzung des Lebens dazu führen könne, dass ab einem bestimmten Alter der Weg gar nicht weiter beschritten werden könne, also genaugenommen vielleicht schon in einem Jahr und sieben Monaten, denn das war der Zeitpunkt, an dem mein Bafög auslaufen werde. Und dann? Mein Mitbewohner wollte gar keine Antwort mehr hören, er nahm seine halbvolle Kaffeetasse und erklärte mir, dass er jetzt für die Prüfung lernen müsse, damit er das Studium in der Regelstudienzeit abschließen könne, das sei nämlich sein PLAN. Dann verschwand er amüsiert und ließ mich etwas ratlos zurück. Vermutlich war die Eheschließung und die Zeugung von Kindern unmittelbar nach dem Examen vorgesehen und in seinem lückenlosen Plan enthalten. Die nächsten existentiellen Fragen würden sich für Holger erst stellen, wenn es um die Gestaltung des Rentendaseins ginge.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 4. Kapitel

5 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 4. Kapitel

  1. Dieser Roman „in the making“ gefällt mir von Kapitel zu Kapitel immer besser. Freue mich inzwischen schon immer auf den nächsten Samstag und lese gleich morgens (noch vor dem Frühstück) den neuen Text. Die häppchenweise, entschleunigte Darreichungsform gefällt mir sehr gut, gibt einem (auch dem Autor?) Zeit zur Reflexion, die Lektüre (und das Schreiben?) wird so zum terminierten Ritual, hoffentlich geht es noch lange so weiter. Keep up the good work!

    Gefällt mir

  2. Gerhard schreibt:

    Naja, ideal wäre es, Dennis, wenn der Autor seinen Roman bis ins Unendliche fortsetzen würde. Da aber die Unendlichkeit, zumindest beim Aufschreiben von Zahlen, bei etwa 7 Millionen endet, wie ein Japaner kunst-voll nachwies, ist ein Ende des Romans in naher Zukunft zu erwarten.

    Was mit Sabine geschieht? Die hat eigentlich schon längst einen anderen, aber wäre natürlich bereit, wenn der Künstler denn auch endlich was zuwege bringen würde!! Deswegen sind die Überlegungen der Figur durchaus sinnvoll, einen Gang zuzuschalten. Nur durch entspr. Druck geschieht etwas!
    Na denn viel Glück!

    Gefällt mir

  3. Gerhard schreibt:

    Es hat irgendwie was kafkaeskes, wie sich der Roman entwickelt. Schön und konsequent wäre dann eigentlich ein Verbleiben in Zweifeln, Anstrengungen, Nichtanstrengungen, Laiser-faire, Aktionismus…und Verzweiflung. Auch das wäre gut zu lesen!

    Gefällt mir

  4. Lassen wir uns überraschen! Im Moment ist die Erzählung ja auch noch eng an das Medienformat Super 8 gekoppelt. Ich bin gespannt, wie das weiter entwickelt wird und wohin die Reise geht.

    Gefällt mir

  5. @Gerhard: „Kafkaesk“ ist interessant, schon die ersten mir bekannten Texte von Ralf aus den frühen 1980er Jahren (einer trug definitiv den delikaten Titel „Der Ausfluss“), wurden von einem Journalisten (war es Bernhard Jugel vom BR?) sinngemäß als „pubertär-kafkaesk“ qualifiziert. Das „Kafkaeske“ scheint also eine Art invarianter ästhetischer Qualität in Ralfs écriture zu sein (weil es ihm immer wieder über Jahrzehnte hinweg von untereinander unabhängigen Lesern zugeschrieben wird).

    Die deutschsprachige Wikipedia definiert übrigens etwas als „kafkaesk“, wenn es „auf rätselhafte Weise unheimlich und bedrohlich“ sei. Weiterhin gehe es um „Situationen und diffuse Erfahrungen der Angst, Unsicherheit und Entfremdung sowie des Ausgeliefertseins an anonyme und bürokratische Mächte, der Absurdität, der Ausweg- und Sinnlosigkeit sowie Schuld und innere Verzweiflung.“

    Nun, da ist noch Luft nach oben, denke ich mal😉

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s