„Medialismus“, Roman: 5. Kapitel

ralfcschusterEin paar Tage später kam Sabine in unserer WG vorbei, aber nicht wegen mir, sondern wegen meiner Mitbewohnerin. Es herrschte ein heilloses Durcheinander, da ich einen Teil meiner Möbel in den engen Flur gestellt hatte, um mein Zimmer zu streichen. Das Gepinsel machte überhaupt keinen Spaß. Erst recht nicht das Geputze und Gewische, wenn der Pinsel getropft hatte. Obwohl ich ja nur ein kleines Zimmer bewohnte, kam mir der Aufwand immens vor. Inzwischen zweifelte ich daran, dass mir die strahlend weißen Wände jene positive Energie vermitteln würden, die ich mir von ihnen erhofft hatte. Aber erst einmal musste ich viel Energie reinstecken, Zimmer ausräumen, Malen, Zurückräumen und so weiter. Die Farbe deckte nicht gut, nach dem zweiten Anstrich war das Weiß noch nicht makellos. Aber ich beschloss, dass ich keine makellosen Wände brauchte. Die Wand mit dem Fenster musste noch gestrichen werden, dann wäre ich fertig. Zu dem Zeitpunkt steckte Sabine ihren Kopf durch die Tür und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden. Ich machte ein paar Witze über die Mühsal des Heimwerkens. Sie wirkte unbeeindruckt und dann standen wir uns etwas ratlos gegenüber, weil sie nicht reinkommen wollte in meine schmutzige Baustelle und ich nicht raus. Die letzte Wand musste endlich gestrichen werden, damit ich es hinter mir hatte. In zwei Stunden bin ich fertig, sagte ich und fügte die Frage an, ob sie dann noch da sei. Das wisse sie nicht, komme auf meine Mitbewohnerin an. Was habt ihr denn vor? Seminararbeit besprechen und dann Wein trinken, voraussichtlich irgendwo draußen. Also nicht in meiner frisch gestrichenen Welt. Klar, ich muss jetzt auch dringend loslegen, sagte ich und tauchte die Rolle in die Farbe. Ich wollte ja unbedingt die Wand fertig machen, dann die Planen wegräumen und das Bett zurechtrücken. Sagt mir doch einfach, wenn ihr rausgeht, und wohin, schlug ich vor. Dann rollte ich los, mit der Farbrolle. Sabine zog sich von der Türschwelle zurück und schloss die Tür. Sollten die beiden erstmal ihre Seminararbeit besprechen, in der Zwischenzeit kam ich mit dem Streichen gut voran und freute mich darauf, fertig zu werden. Während ich am Erker herumfummelte und mich bemühte, das Holz vom Fensterrahmen nicht sauber zu halten, hörte ich die Klingel, später dann auch Stimmen im Flur. Während ich weiterpinselte, konnte ich bemerken, dass sich offensichtlich Menschen in der Küche unterhielten. Die Stimmen kamen mir bekannt vor, aber ich erkannte sie nicht. Ich würde es mir später ansehen, wer da in der Küche herumsaß, erst einmal musste weitergemalert werden. Neugierig war ich schon und dann hörte ich das Lachen, das mir so bekannt vorkam. War das Sabine? Ihr lautes Lachen, das sie auch hat hören lassen, als ich die Salzstangen in Martins Wohnung verteilte. Nein, ich hatte mich wohl getäuscht, oder doch nicht? Ging es in der Küche um das Seminar, oder waren sie schon beim Wein trinken? Sollte ich mir auch ein Glas holen? Die letzten zwei Quadratmeter lagen vor mir, jetzt keine Ablenkung, rein mit der Rolle in den Farbeimer. Ich hätte früher anfangen sollen, doch nachdem ich aus der Vorlesung gekommen war, hatte ich erst mal ausgiebig Kaffee getrunken, war dann Einkaufen gegangen, hatte anschließend zu Abend gegessen. Als ich meine Arbeitsklamotten angezogen hatte, war es schon halb sieben, da brauchte ich mich nicht wundern, dass ich um neun noch pinselte, während in der Küche gelacht wurde und jetzt wieder Sabine, diesmal war ich mir sicher, dass sie es war, die lachte. Merkwürdig erschien mir, dass sie überhaupt nicht lachte, wenn sie sich mit mir unterhielt. Bei unseren Gesprächen hatte sie stets diesen besorgten Ton, etwas Mütterliches, als würde sie sich Sorgen um mich machen und das machte ich mir ja auch. Doch im Gespräch mit anderen, wenn ich mich entfernt hatte, entwickelte sie sich offenbar zur Stimmungskanone. Und jetzt schon wieder. Andererseits war es mir ganz recht, wenn mir eine besondere Behandlung zuteil wurde. Darauf begründete sich meine Hoffnung, dass sie sich in mich verlieben könnte oder schon hatte. Nein, sie hatte sich bestimmt noch nicht verliebt, aber sie sah bei mir das entsprechende Potential. Jetzt kam es darauf an, dranzubleiben, ohne ihr auf dabei die Nerven zu gehen. Sagte ich mir. Vielleicht sogar durch künstliche Verknappung. Mach dich rar! Aber das tat ich schon die ganze Zeit. Jetzt auch, ich pinselte weiter. Auf jeden Fall erst die Wand fertig machen und die Abdeckplanen zusammenlegen. Weitermachen und den Geräuschen lauschen, die durch die geschlossene Tür zu mir hereindrangen. Ab und zu ein paar Wortfetzen oder Gelächter, aber kein einzelnes Gelächter von Sabine, immer nur kollektives Gelächter. Wer waren die anderen, die lachten? Vermutlich meine Geografie-Mitbewohnerin. Die lachte in meiner Anwesenheit auch nie, schon gar nicht, wenn ich versuchte, einen Witz zu machen. Ich glaube, die hielt meine Ironie stets für puren Ernst. Und wenn ich etwas ernst meinte, hörte sie nicht zu. Oder behauptete, das sei unverständlich, oder ich hätte ein selbst ausgedachtes Wort gebraucht, oder es sei aus dem Philosophielexikon geklaut. Beim Pinseln und Lauschen steigerte ich mich in eine Aversion gegen meine Mitbewohnerin hinein, ich geriet geradezu in Rage angesichts ihres Verhaltens, das mir latent schon lange auf die Nerven ging. Ganz zu schweigen davon, dass ich Geografie für recht überflüssig hielt, meinen Atlas hatte ich schon. Nur die Theorie mit der Verkehrswege-Kaskadierung war beeindruckend gewesen. Vielleicht tauschten sich Sabine und meine Mitbewohnerin über genau diese Theorie aus? Wobei ich mir wie selbstverständlich einredete, dass nur Sabine dieses anspruchsvolle Seminar belegte, während meine Mitbewohnerin irgendwas Banal-Einfaches wählen würde. So und dann rollte ich die Malerrolle zum letzten Mal, die Wand war fertig gestrichen. Nicht sehr ordentlich, scheiß drauf, ich wollte jetzt endlich wissen, was die in der Küche redeten. Die Plastikplane zog ich schnell vom Bett ab, und dann das große Tuch vom Schreibtisch. Heute Abend könnte ich sogar im eigenen Zimmer lernen, aber ich würde es bestimmt nicht tun. Keine Lust und keine Notwendigkeit. Ich streifte die bekleckste Arbeitsjacke ab und ging in die Küche, um endlich zu sehen, wer dort alles versammelt war.

In der Tat staunte ich, denn Martin saß am Tisch, gemeinsam mit meiner geografischen Mitbewohnerin, außerdem Holger und Sabine. Zu allem Überfluss lehnte auch noch Hartmut am Herd. Hartmut war ein Schwätzer und Martin kam ja eigentlich nie zu mir, denn ich ging immer zu ihm, wenn wir uns treffen wollten. Jetzt saß er am Tisch und trank Rotwein. Man hat mir empfohlen, dich nicht bei der Malerei zu stören, sagte er. Ich wollte dir helfen, die Schränke wieder zurechtzurücken. Mit Malen bin ich fertig, antwortete ich, Möbelrücken will ich erst morgen. Martin und Möbelrücken, das machte mich stutzig. Auf dem Tisch standen zwei leere Weinflaschen, am Fußboden noch eine, Mist, alles leer, oder hatte jemand geheime Vorräte im Zimmer? Man bemerkte meinen suchenden Blick. Der Wein ist alle, erklärte Martin, und dann mischte sich Hartmut ein, ob wir nicht alle noch in die „Schänke“ gehen wollten. Die Schänke konnte ich nicht leiden, genauso wenig, wie ich Hartmut leiden konnte, außerdem war es weit, viel zu weit, um mitten in der Woche noch schnell mal vorbeizuschauen. Dummerweise mischten sich beide Geografinnen ein, sie wollten da auch hin. Martin sagte nichts, aber ihm war sowieso kein Weg zu weit, wenn es darum ging, in eine Kneipe zu gehen und außerdem brauchte er bestimmt nicht früh aufstehen, während ich um neun im Praktikum zu erscheinen hatte. Hartmut fing an, von verschiedenen Biersorten zu erzählen. Englische Biere und Irish Pubs waren seine bevorzugten Gesprächsthemen, mit denen er mich ganz schnell vertreiben konnte. Ob wir denn mit dem Fahrrad hinfahren würden, fragte ich, aber Martin und meine Mitbewohnerin wollten zu Fuß gehen. Holger meinte, wenn Martin gerade hier sei, um mir zu helfen, sollten wir wirklich ein paar Möbel aus dem Flur in mein Zimmer schieben, damit endlich wieder etwas Ordnung einkehre und er nicht nochmal gegen den Schrank laufen würde, wenn er nachts aufs Klo müsse. Wollt ihr wirklich in die „Schänke“? fragte ich entnervt. Sabine war unerwartet euphorisch: Ja, unbedingt! Dann bleibe ich hier, sagte ich und sie beteuerte, dass sie das bedauere, erhob sich aber gleichzeitig, begann, ihre Klamotten zusammenzusuchen. Während sie sich anzog, schoben Martin und Holger mit mir den Schrank ins Zimmer und dann meinte Martin, den Rest würde ich bestimmt alleine schaffen. Wieso hatte er es denn so eilig, wenn er gekommen war, um mir zu helfen? Schon verschwanden sie alle, Sabine winkte von der Tür aus, nur Holger blieb, der packte noch ein paar kleinere Möbel, um sie mir in mein Zimmer zu tragen. Zu guter Letzt nahm er den Clubsessel, stellte ihn neben mein Bett und ließ sich hineinfallen. „Vergiss Sabine“, sagte er, „die ist undurchsichtig und außerdem geht sie weg. Schon in zwei Wochen.“ – „Wieso, wohin? Woher weißt du das?“ Das hätte sie in der Küche ausführlich erzählt, dass ihr die geografischen Verhältnisse an unserer Provinz-Universität nicht mehr ausreichen würden. Martin hätte ihr dauernd Recht gegeben, dabei habe der mit der Universität ja gar nichts zu tun, aber die Provinz-Beschimpfer und Metropolen-Hochjubler seien ja allgegenwärtig. Holger war durchaus bodenständig, mit ihm konnte ich über all die Leute lästern, denen keine Stadt zu groß war. Vermutlich würde Holger nach dem Studium nicht nur heiraten, sondern auch zurück aufs Land gehen, um dort Lehrer zu werden. Aber dass Sabine mir gegenüber nie verraten hatte, dass ihre Zeit schon fast abgelaufen war, traf mich sehr. Ich empfand es als Kränkung, dass Holger, der nur durch meine Erzählung von ihr wusste und sie gerade mal auf der Party kurz gesehen hatte, mehr wusste als ich. Hätte ich mich doch nicht um die vergilbten Wände kümmern sollen, sondern lieber um Sabine selbst. Aber zwei Wochen, da war ja eigentlich schon alles gesagt, was gesagt werden musste, und sie hätte es mir sowieso längst sagen müssen, dass sie verschwindet, wenn ich irgendwas für sie bedeuten würde. Das war ja alles Verarschung, sagte ich und Holger meinte nochmals, dass er soeben Sabine in der WG-Küche zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hätte, aber sie sei sehr befremdlich gewesen, er wisse aber auch nicht warum, außerdem habe ja Hartmut dauernd dazwischengequatscht. Meinte er das ernst oder wollte er mich trösten? Ich schnorrte Holger um Tabak an und drehte mir eine Zigarette. Nicht zu Rauchen angesichts dieser herben Enttäuschung erschien mir unangemessen. Ganz zu schweigen davon, dass der Wein alle war. Egal, ob die Zimmerwände jetzt strahlend weiß waren oder nicht, ich würde mir erstmal wieder einen Tabak kaufen. Holger spendierte mir dann noch einen Drink von einem 18 Jahre alten Whiskey, den er in seinem Zimmer versteckt hielt, das Geschenk des Opas zum Vorexamen oder sowas Ähnliches. Der Whiskey beruhigte mich. Ich fragte mich und Holger, ob ich vielleicht in einer Scheinwelt lebe, ob ich ein Opfer von Realitätsverlust sein könnte. Ich war mir so sicher gewesen, dass da was dran sei, an diesem heißen Draht, den ich zu Sabine verspürte, aber jetzt sah es so aus, als wäre das nur Einbildung gewesen. Zwei Wochen, dann würde sie ihre Wohnung schon räumen, erst Exkursion, dann Praktikum und danach sollte es in Berlin weitergehen. Da lohnte es sich doch gar nicht, ihr noch hinterherzutelefonieren. Ich lasse sie abhauen und hoffentlich fragt sie nicht, ob ich beim Umzug helfen könne. Bloß das nicht.


Inhaltsverzeichnis

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„Medialismus“, Roman: 5. Kapitel

6 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 5. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Ist das nicht wie eine Zwangskrankheit, das Verliebtsein? Vielleicht würde ein Gehirnforscher sagen: „Ja, dem ist so, es werden die gleichen Areale benutzt.“ In jedem Falle ein unwürdiges Schauspiel, in dem sich der Held bewegt . Aber was ist schon würdig? Der Held setzt sich mehr oder weniger bewusst dem Spiel aus und lässt mit sich spielen. Das erinnert mich fast schon an H. Miller.

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  2. Das ist doch alles nicht kafkaesk, Leute, ganz normale Irrungen und Wirrungen eines orientierungslosen Studenten in der Bonner Republik. Wohl schon lange keinen Kafka mehr gelesen, da geht’s viel düsterer, auswegloser und albtraumhafter zur Sache. Dagegen ist das hier doch eher tragikomisch und sehr gut unterhaltend.

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  3. Gerhard schreibt:

    @Dennis, wenn man „das Schloß“ von Kafka liest, dann gibt es immer wieder Lichtblicke,Hoffnung und Zuversicht. Einen Grund, so weiterzumachen wie bisher. K. geht ja nicht (direkt) unter, er bemüht und müht sich, vermutlich bis in alle Zeit. Wenn er nur den Kampf sein lassen könnte, wer weiß!
    Die Geschichte hier ist tragikomisch, ja, aber stellt zugleich auch einen epischen Kampf um Sinn dar…und da schaut eben Kafka selbst zu!
    Würde mich wundern, wenn diese Geschichte einen Ausweg hätte. Wie könnte er Deiner Meinung nach sein, @Dennis?
    Nein, lieber nix sagen!

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  4. @Gerhard: „Epischer Kampf um Sinn“ trifft es ganz gut, Sisyphos mag einem auch noch einfallen…
    @Dennis und Gerhard: Ich denke, in welchem Grad „kafkaesk“ nun zutrifft oder nicht, ist nicht der Punkt (dafür ist der Begriff – ich erwähnte es bereits – dann doch zu unscharf bzw. unscharf geworden). Prägnant an Ralfs Text scheint mir zu sein, dass er einen tragikomischen Narren ins Zentrum stellt, der auf eigenwillige Weise analytische Intelligenz und Weltfremdheit in sich vereint, d. h., diese Figur scheint stets allen anderen Romanfiguren um Längen voraus zu sein und doch gleichzeitig um Meilen hinterherzuhinken.
    @alle: Ich freue mich sehr, dass sich bereits jetzt um diesen Text eine derart lebhafte Debatten entspinnt 🙂 Keep it up, guys!

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