„Medialismus“, Roman: 7. Kapitel

ralfcschusterIch wollte mir einen Vorrat an ORWO-Filmen holen, mit schwarz getauschten Devisen. Das Drehbuch für den falschesten Film aller Zeiten war mit Martins Hilfe fertiggeworden, als Schauplatz war seine malerische Wohnung vorgesehen, die Frau im fortgeschrittenen Alter sollte seine große Schwester sein, die zwar nur 12 Jahre älter als er war, aber ziemlich spießig aussehen konnte. Schauspielerische Erfahrung fehlte ihr völlig. Das ist gut, sagten wir, sie wird sich überhaupt nicht bewegen müssen, alle ihre Dialogbeiträge werden vor einer Fototapete aufgenommen werden, während sie auf einem Stuhl sitzt. Der Gegenschuss wird aber on location gedreht. Zwischen den langweiligen Nachkriegsaltbauten der Provinzstadt. Ich hatte beim letzten Rasieren darauf verzichtet, die Stoppeln unter der Nase abzuschneiden und hoffte darauf, ein Schnurrbart könnte mich für die Rolle des antriebslosen Kommissars geeignet aussehen lassen. Schnurbärte waren damals genauso out wie später.

Martin befand sich schon seit einer Woche in Berlin, er wollte dort wegen den Aufnahmebedingungen einer neuen Medienakademie Erkundigungen einholen und verriet mir nicht, wieso das eine ganze Woche dauern sollte. Ich wiederum war zu Hause in Süddeutschland zur ganz normalen Sparkasse gegangen und hatte dort offiziell Westgeld gegen Ostgeld getauscht, eins zu sechs. Das dürfen sie aber nicht in die DDR einführen, sagte mir der Bankangestellte und ich antwortete, dass ich das wüsste. Trotzdem war klar, was ich vorhatte, denn was sollte man mit DDR-Geld sonst machen? Um internationale Geschäftsbeziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg zu beginnen, waren 350 Ostmark ja wohl auch etwas zu wenig. Das waren ein paar Scheine und die passten in den Fotoapparat. Dort, wo die Filmpatrone hingehörte, stopfte ich die zusammengefalteten Scheine hinein. Die eifrigen Grenzbeamten würden doch hoffentlich nicht meinen Fotoapparat öffnen, das hieße ja, dass sie den Film, der normalerweise drin sein sollte, belichten würden. Wobei ein Fachkundiger schon erkennen konnte, dass das Zählwerk auf Null stand und deshalb entweder gar kein Film vorhanden war, oder er war noch nicht eingefädelt und man würde durch das Öffnen des Deckels auch nichts zerstören. Trotzdem hielt ich dieses Versteck für supersicher, zumal ich in Berlin-Friedrichstraße als Tagestourist rüber gehen wollte, da gab es keine obligatorischen Durchsuchungen wie bei der Einreise mit dem Auto.

Also packte ich den Rucksack und ließ mich von meinem Bruder zur Autobahnraststätte bringen, damit ich dort lostrampen konnte. Damals machten das noch viele und speziell auf der Route nach Berlin standen oft viele Gruppen und Einzelpersonen mit ihren Pappschildern. Aber wenn man dann endlich jemand hatte, der einen mitnahm, kam man ja auch gleich bis ans Ziel, da so gut wie niemand die Transitstrecke verließ. Von Bayern aus war es die längste Strecke, die schier endlos über die holprigen Betonpisten der DDR-Autobahnen führte. 100 km/h als strikte Geschwindigkeitsgrenze, da konnte man lange Gespräche führen. Über die DDR, übers Trampen, über Geschwindigkeitskontrollen, über andere Tramper und andere Autofahrer, über Wartezeiten und Raststätten. Eigentlich immer das gleiche Blabla. Obwohl ich früher oft auf diese Weise unterwegs war, kann ich mich nur an wenige Fahrer erinnern, meist an die schrägen Typen, aber auch das nur vage. Die meisten, und das waren die weitgehend normalen, sind völlig aus der Erinnerung verschwunden. Später, als ich ab und zu selbst mit dem Auto fuhr und mich bei der Menschheit revanchieren wollte, gab es keine Tramper mehr, obwohl ich oft an den Raststätten rausfuhr, ohne eigentlich halten zu wollen. Nur mal schauen, ob jemand mitwill. Eine simple, aber funktionierende Methode, damit Leute zusammenfinden, deren Interessen sich ergänzen. Vermutlich zu einfach. Trampen war plötzlich nicht mehr angesagt, niemand wollte mehr anhalten. Mitfahrzentralen übernahmen den Markt, bis es ihnen an den Kragen ging, denn eines Tages drehte die Bahn durch und schmiss für extrem wenig Geld die erste Version des Wochenendtickets auf den Markt. Sieben Personen durften zwei Tage lang im ganzen Bundesgebiet die Nahverkehrszüge nutzen, für lachhafte 25 Mark. Bloß weil es sensationell billig war, fuhren sie alle hin und her, kreuz und quer durchs Land oder sonstwohin. Trampen war nicht billig, es war ganz umsonst, trotzdem verschwand es als Verkehrssystem. Aber es verschwanden ja ganze Länder, so wie die DDR, deren Durchquerung auf der Transitstrecke zwar endlos erschien, aber irgendwann näherte man sich dann doch der geheimnisumwitterten Mauerstadt Berlin. Nochmal eine Grenzkontrolle an einer riesigen Station und dann kamen wir zur Raststätte Dreilinden, der Westen hatte mich wieder. Mein Fahrer nahm mich mit bis zum Kaiserdamm und empfahl mir die U-Bahn.

Martin hatte eine Übernachtungsmöglichkeit bei einem Freund, den ich nicht kannte, dort sollte auch ich schlafen. Im Wedding. Ich kann mich nicht erinnern, wo das genau war und ob ich jemals im späteren Leben wieder dorthin kam. Damals fand ich die schmuddeligen Treppen der Hinterhäuser und Seitenflügel mit ihren kaputten Briefkästen noch ziemlich aufregend. Oder verwahrloste Mülltonnenabstellplätze. Billige Negation, opportunistische Antihaltung. Aber Florian, der im zweiten Stock in einer einfachen, aufgeräumten Zweizimmerwohnung wohnte, sah das ganz unideologisch. Es war der gleiche Florian, mit dem Martin und ich am Tag nach der Filmpremiere Nudeln gekocht hatten. Er war sowieso nur Untermieter und erst vor drei Monaten nach Berlin gekommen. Als Neulinge landeten viele im Wedding, Martin könnte, sofern er einerseits mit seiner Aufnahmeprüfung erfolgreich wärr und andererseits Florian wie geplant im Herbst in eine Kreuzberger Loft-WG rein käme, die Tradition fortsetzen, indem er Florians Wohnung übernähme. Das tat er dann, als es soweit war, nicht und zwar aus einem anderen Grund, der mir gar nicht passte, aber als wir abends wieder bei Nudeln mit Tomatensoße zusammensaßen, erzählte Martin begeistert von der privaten Akademie für Digitale Künste, die ja ganz neu gegründet worden war, weil sich alle anderen Akademien und Kunsthochschulen viel zu wenig um die Digitalität kümmern würden. Digitalität sei eine Revolution und wird Türen öffnen, die man jetzt noch gar nicht kennt, sagte Martin mit einer Begeisterung, die ich bei dem alten Kiffer gar nicht erwartet hatte. Wie üblich musste ich widersprechen. Es sei doch die Digitalität grundsätzlich etwas sehr Banales, nur eine andere Art der Beschreibung, durch die zweifellos manche technische und speziell mediale Prozesse vereinfacht werden könnten, aber die analoge Welt bot doch Lösungen für so gut wie alle Probleme. Gute Lösungen, wie Röhrenverstärker und 35mm-Film, 8-Spur-Tonbandmaschinen und meine geliebte Schreibmaschine. Die meisten dieser guten analogen Lösungen konnten wir uns allerdings nicht leisten. Deshalb war ich angereist, wegen den billigen analogen Super-8-Filmen aus dem Osten, die wirklich einen ziemlich minderwertigen Ersatz darstellten, nichtsdestotrotz hielt ich dieses Medium in seiner Beschränktheit für allen digitalen Spielereien überlegen. Das glaubte ich damals tatsächlich, was man rückblickend als naiv ansehen könnte, aber es waren ja wirklich nur ganz wenige Menschen, die den zunächst schleichenden Entwicklungsprozess der digitalen Informationstechnik in seiner Bedeutung richtig einschätzten. Ich gehörte nicht zu ihnen, aber immerhin war Martin mein Freund, ich kannte also immerhin jemanden, der es schon recht früh kapiert hatte, während ich mich an meine Schreibmaschine klammerte und jahrelang behauptete, dass sie mir bei der Ausformulierung meiner vermeintlich kreativen Gedanken die beste Gefährtin sei. Dass ich sie auch auf einer einsamen Insel benutzen könnte, oder im Wald. Inzwischen ist die Hälfte meines Lebens rum, aber es hatte sich nie die Gelegenheit ergeben, dass ich auf einer einsamen Insel oder Wald eine Schreibmaschine gebraucht hätte. Dafür sitzen dort inzwischen die Typen mit ihren Smartphones und Tablet-Rechnern. Damals, als wir im Wedding bei Florian diskutierten, widersprach ich Martin bei vielen seiner Thesen, an die ich mich im Detail gar nicht erinnern kann. Er erging sich in Visionen einer erweiterten Kommunikation, während ich von sozialen Netzwerken redete und damit etwas ganz anderes meinte, als heute mit dem Begriff verbunden wird. Schließlich kreiste dann doch noch ein Joint und das Gespräch drehte sich dabei um diverse Bars und Kieze, was mich schläfrig werden ließ. Ich rollte den Schlafsack aus, damit ich am nächsten Morgen früh nach Ostberlin käme und eventuell gleich am Nachmittag zurücktrampen könnte. Mitkommen wollte Martin nicht, er konnte die Sozialisten nicht leiden, außerdem musste er was Wichtiges erledigen. Dass alle, die sich in Berlin aufhalten, permanent was Wichtiges zu erledigen haben, lernte ich im Lauf der Zeit. Damals dachte ich noch, es sei wirklich wichtig und machte mich nach dem Frühstück auf den Weg zum Bahnhof Friedrichstraße.

Langsam aber stetig stieg die Nervosität, obwohl ich mein Vorhaben in keinster Weise als kriminell oder moralisch fragwürdig ansah. Aber die Humorlosigkeit der DDR-Grenzer flößte mir durchaus Respekt ein. Vielleicht zuviel, denn es muss wohl meine Körpersprache gewesen sein, die die Aufmerksamkeit auf mich lenkte, so dass man mich bei der Einreise aus der langen Schlange der Einreisenden herauspickte und sorgfältig untersuchte. Nicht nur mein Portemonnaie, sondern auch noch die Jacke und der Rucksack wurden durchstöbert. Natürlich nahm der Grenzer auch meinen Fotoapparat in die Hand, schenkte ihm jedoch keine weitere Beachtung. Anders war es mit der zusammengefalteten Fotokopie, die er in der Innentasche meiner Jacke entdeckte. Er faltete sie auf, runzelte die Stirn. Was das sei, fragte er mich. Ach du Schreck, ich wusste es auch nicht! Erst, als er mir den Zettel zum Lesen hinhielt, sah ich, dass es eine Seite aus meinem Drehbuch war. Ich war mit ein paar kopierten Seiten zu Martins Schwester gefahren, um mit ihr den Dialog zu besprechen. Dass eine Seite in der Jacke geblieben war, hatte ich gar nicht bemerkt. Jetzt stand ich da, ertappt als einer, der womöglich Propagandamaterial ins gelobte sozialistische Land hineinschmuggeln wollte. Das Wort Drehbuch lag mir schon auf den Lippen, doch ich verkniff es mir gerade noch. Wer Drehbücher schreibt, macht sich verdächtig, dachte ich, bestimmt waren die Grenzbeamten darin geschult, wer welche unlauteren Absichten in ihrem Land hegte und mein Vorsatz, mir durch Devisenkriminalität das wertvolle Filmmaterial zu ergaunern, das eigentlich dafür vorgesehen war, den verdienten Urlaub der Werktätigen und ihrer Familien zu dokumentieren, wäre leicht zu erraten, wenn ich ein Drehbuch in der Tasche stecken hätte. Theater, stotterte ich, ja, das war die richtige Idee, wer Theater spielt, braucht kein Filmmaterial und muss als potentieller Brecht-Fan ab und zu dringend nach Ost-Berlin. Das ist der Entwurf eines Theaterstückes, das wir in unserer Laienspielgruppe aufführen möchten, in Süddeutschland, erklärte ich. Das habe ich selbst verfasst, ich versuche mich als Schriftsteller. Der Grenzer schaute mich streng an, dann warf er einen langen prüfenden Blick auf den Text. Welche Seite des Drehbuchs war das überhaupt? Er blickte nochmal in meinen Reisepass. Hier in dem Text steht was von einer U-Bahn, wo ist die? In der Stadt, in der sie wohnen, gibt es keine U-Bahn. Das stimmte, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. War der Grenzkontrolleur im vorigen Leben Literaturprofessor oder Geograf gewesen? Wieso wollte der das so genau wissen? In Nürnberg gibt es eine U-Bahn, die ist ganz klein, aber es gibt sie, und Nürnberg ist gar nicht weit weg, also … unsere Laienspielgruppe probt in Nürnberg, manchmal. Oh Gott, der musste doch merken, dass ich nur phantasierte. Warten sie hier, sagte er und verschwand nach hinten.

Das ging ja gut los. Vor mir lag mein leerer Rucksack, daneben der Fotoapparat. Den hätte ich gerne weggesteckt, aber das durfte ich bestimmt nicht. Hinter dem Tresen, in einigen Metern Abstand, stand ja noch so ein strenger Grenzbeamter und fixierte mich. Links und rechts von mir wurden ab und zu weitere Touristen aus der Reihe herausgewunken und mussten ihre Taschen ausleeren. Aber da gab es wohl nichts Verdächtiges. Während ich noch wartete, packten die anderen ihren Kram wieder zusammen und gingen weiter, unbehelligt. Schließlich kam mein Grenzer zurück, drückte mir den Zettel in die Hand und meinte, es sei wohl doch eher privater Natur, aber ich solle bedenken, dass die Einfuhr von Schriftstücken, Zeitungen und Büchern gesonderten Regelungen unterliege und ich solche literarischen Werke in Zukunft zuhause lassen solle. Danke für die Belehrung. Ich ärgerte mich über meine Nachlässigkeit, schließlich war ich in geheimer Mission unterwegs, wieso hatte ich diesen Zettel gar nicht bemerkt?

Jetzt erschien mir mein Rucksack verdächtig. Es war ein grüner Segeltuchrucksack mit Ledergurten, der ohne Inhalt unauffällig und klein an meinem Rücken hing. Als ich dann im großen Kaufhaus am Alexanderplatz 25 Filmkassetten hineinsteckte, blähte er sich zu einer großen Kugel auf. Viel zu groß für einen Tagestouristen mit lauteren Absichten. Aber trotzdem war ich entschlossen, die Sache durchzuziehen. Was sollte ich denn auch sonst mit meinem schwarz getauschten Geld anfangen? Es blieb sogar einiges übrig und ich vertrödelte die Zeit auf der Karl-Marx-Allee, ging essen, trank schlechten Kaffee und kaufte mir ein blaues Lederportemonnaie. Dann zurück zum Bahnhof Friedrichstraße, wo ich mich gegen Mittag in die Schlange einreihte. Jetzt war hier viel los, jede Menge Menschen wollten rüber in den Westen. Wieder wurden die meisten ohne Prüfung des Gepäcks zur Passkontrolle durchgewunken, wieder wählte man stichprobenartig einzelne Personen aus, die genauer kontrolliert wurden, wieder fiel die Wahl auf mich. Das konnte doch nicht wahr sein! Aber es war offensichtlich passiert, sie hatten mich herausgepickt. Machen sie mal ihren Rucksack auf, sagte der Grenzer und da musste ich ihm meine Schätze zeigen. Die vielen Filme waren sehr verdächtig und meine Quittung vom Geldumtausch, die ich vorlegen konnte, wies nur den Mindestbetrag von 25 Mark aus. Kommen sie mit! sagte er mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ und brachte mich in ein spartanisches Kämmerlein mit vergittertem Fenster.

Er deutete auf einen Holzstuhl in der Ecke neben dem Fenster, auf den ich mich setzen und warten solle. Dann schloss er die Tür und ließ mich allein zurück. Den Rucksack, meine Reisedokumente, Portemonnaie, Kalender und Notizheft hatte er an sich genommen. Da saß ich ganz verwirrt und wenn ich mich erhob, was ich mich kaum traute, konnte ich vor dem Fenster die Menschen sehen, die sich auf den Tränenpalast zubewegten. Die wirkten alle unbeschwert, ganz im Gegensatz zu mir. Jetzt hatte mich die böse Staatsmacht festgesetzt. Was konnten die mir, als Abgesandten aus dem freien Westen, antun? Eigentlich nicht viel, oder doch? Konnten die mich in ihre schaurigen Ost-Gefängnisse einsperren, und wenn ja, wie lange? Nein, das war doch eine reine Angstphantasie, aber die würden mir die Filme wegnehmen und dann stand ich da, was aber auch nicht so schlimm wäre, denn für den kleinen Provinzfilmemacher wäre das ja eine Sensation, wenn man von höchster politscher Stelle aus meine Dreharbeiten blockierte, das verliehe mir eine Bedeutung im deutsch-deutschen Kulturkampf, der weit über die ästhetische Belanglosigkeit meines filmischen Werkes hinausreichte. Aber von höchster politischer Stelle konnte keine Rede sein, ich hatte mich zwar an einen Brennpunkt zwischen den Systemen vorgewagt, aber trotzdem war ich nur ein unbedeutender Student, der von einem ebenso unbedeutenden Grenzbeamten erwischt worden war.

Als er wiederkam, sah ich ihn überhaupt erst einmal bewusst an. Nicht jung, nicht alt, nicht groß, nicht klein, ein bisschen dicklich, blaue Augen, die übliche hässliche Metalldrahtbrille und etwas schiefe Zähne. Später würde ich so ähnlich aussehen, aber das wusste ich damals nicht und außerdem würde ich keine Metalldrahtbrille, sondern eine schwarze Intellektuellenbrille und erst recht nicht diese unsympathische graugrüne Uniform tragen, auch keine andere Uniform. Jetzt setzte sich der Grenzbeamte auf den zweiten Stuhl, zwischen uns das kleine Tischchen und begann mit der ersten Befragung. Wo die Filme herkämen. Aus dem Kaufhaus, Quittung war vorhanden. Wo das Geld herkäme. Hat mir mein Cousin gegeben. Wie heißt der? Wo wohnt der? Ich nannte Namen und den Ort. Das ist ja weit weg von Berlin und wieso gibt er ihnen soviel Geld? Weil ich im Kaffee aus dem Westen mitgebracht hätte. Für ein Päckchen Kaffee so viele Filme und dann fährt er bis nach Berlin? Er unterstützt meine künstlerischen Aktivitäten, der ist wirklich nett. Das darf er nicht, Devisenvergehen. Mein Cousin ist ein braver Bürger und Sozialist, ich habe ihn angestiftet.

Mir wurde immer mulmiger, denn der Grenzer glaubte mir diese Ausreden überhaupt nicht, zurecht und außerdem: womöglich bekam meine liebe Ostverwandtschaft echte Probleme, wenn ich sie da hineinzog, und die mussten ja hier bleiben, mich würden sie bestimmt irgendwann wieder nach Hause lassen. Der Grenzer war korrekt, aber unerbittlich, immer wieder kam er mit den Fragen, die mich in Bedrängnis brachten und schließlich hielt ich es nicht mehr aus, da bekam er mein Geständnis. Schwarz getauschtes Geld, illegal ins Land geschmuggelt und mit meiner lieben Verwandtschaft hatte das gar nichts zu tun. Da schaute er mich an, als hätte er es schon immer gewusst und so war es wohl auch, denn er breitete meinen Terminkalender vor mir aus und zeigte mir meine eigene Notiz: 58 DM für Ostgeld stand da. So ein Mist! Was war ich für ein Idiot! Wieso hatte ich mir das eigentlich aufgeschrieben, so dämlich kann man doch nicht sein, aber ich war es, zweifellos.

Doch er ließ mir gar keine Zeit, mich über meine Dummheit aufzuregen, er machte mit den Fragen weiter, die der Auswertung meines Terminkalenders dienten, während ich, enthemmt durch das befreiende Geständnis und getrieben durch den Wunsch nach Selbstbezichtigung, keinerlei Widerstand mehr leistete, sondern geradezu geschwätzig über alle Aspekte meines Lebens, die irgendwie einen Niederschlag im Terminkalender gefunden hatten, Auskunft gab. An die Details konnte ich mich später nicht mehr erinnern, aber es ging aus unerfindlichen Gründen auch um Kriegsdienstverweigerung und mein Ingenieurstudium. Naja, dass ich mich, obwohl nur wehruntauglich, als Verweigerer des militanten West-Imperialismus zu positionieren versuchte, ging ja in meiner misslichen Situation zweifellos als harmlose Schleimerei durch. Wieso sich der Grenzer das alles anhörte, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar, aber er verließ mich zwischendurch noch zweimal und ließ mich alleine in der Stube schmachten. Da wunderte ich mich durchaus, was die alles von mir wissen wollten, aber als er zum dritten Mal erschien, meinte er, dass die Chefs mit mir reden wollten und jetzt Zeit für mich hätten. Meine Reisedokumente gab er mir bei der Gelegenheit zurück, auch den Kalender und den Rucksack, allerdings ohne die Filme und das blaue Portemonnaie. Das stimmte mich durchaus optimistisch, irgendwie aus dem Schlamassel herauszukommen.

Erst recht, als man mich in ein holzvertäfeltes Zimmerchen mit einer für DDR-Verhältnisse geschmackvollen Sitzgruppe führte. Dort begrüßten mich zwei Herren. Einer im gleichen undefinierbaren mittleren Alter wie der Grenzer, der andere etwas jünger und eine recht sympathische Erscheinung, das Wort „schneidig“, das ja keiner mehr benutzt, passte bei ihm gut. Die beiden trugen keine Uniform, sondern Hemden mit Schlips und Sakko. Dann boten sie mir zu meinem Erstaunen Zigaretten an, Cabinet, was gut zu dem fensterlosen Raum passte. Ich solle mal erzählen, forderte man mich auf. Ich fand das merkwürdig, aber wenn sie sich das wünschten, konnte ich ihnen behilflich sein und bestimmt würden sie sich freuen, wenn ich meine unzusammenhängende Geschichte mit Kritik am Westen und Sympathie für den Osten würzte: dass ich einerseits studieren würde, um Ingenieur zu werden, andererseits wenig Gefallen am gut geschmierten Produktionsmechanismus des Kapitalismus hätte, dass ich mich als Filmemacher kritisch mit dem System auseinandersetzen würde, dass ich meine kleinen Devisenvergehen nicht als Affront gegen den Arbeiter- und Bauernstaat sähe, sondern als opportunes Hilfsmittel für meinen mit künstlerischen Mitteln ausgetragenen Klassenkampf, dass ich ab und zu demonstriere, allerdings gegen Atomkraftwerke, die der Sozialismus auch noch nicht abgeschafft hätte, dass meine Mutter im Westen lebe, aber manchmal „Ein Kessel Buntes“ im DDR-Fernsehen anschaue, weil sie das besser fände als das viele Gequatsche in unserem Fernsehen. Ich erzählte also jeden unbedeutenden Mist, sofern er ansatzweise der Wahrheit entsprach und meine Sympathie für die DDR zu belegen schien. Meine Gesprächspartner waren wirklich geduldig, was diese langatmigen Ausführungen anging, aber der schneidige Herr konfrontierte mich dann doch mit der berechtigten Erkenntnis, dass meine Aktivitäten recht beliebig seien. Um gegen das System vorzugehen, brauche man einen Gegenentwurf, ein Alternativsystem, denn einfach „dagegen sein“, das bringe nichts, das sei bloße Polemik. Ich schaute ihn groß an. Mir schien, als hätte er recht, als hätte er genau den wunden Punkt meines diffusen nonkonformistischen Mainstreamverweigerungsgezappels erkannt. Aber meine Hoffnung, ich würde noch mehr konkreten Erkenntnisgewinn aus der Unterhaltung ziehen, erfüllte sich nicht, denn er lenkte das Gespräch auf mein Studium und auf die Forschungsprojekte am Institut, was mich doch überhaupt nicht interessierte. Und er benutzte dabei zum zweiten Mal die Redewendung „Wir können ja in Kontakt bleiben.“ Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die wollten mich zu einen Stasi-Mitarbeiter machen und während das Gespräch sich um die langweiligen Uni-Gegebenheiten drehte, kristallisierte sich immer mehr heraus, worin das Missverständnis bestand. In meinem Terminkalender gab es auch eine Notiz, die sich auf einen der wichtigsten bundesdeutschen Rüstungskonzerne bezog. Der Grenzbeamte hatte gedacht, dass ich dort ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum führen wollte, in Wirklichkeit war es nur eine Exkursion gewesen. Klar, das wäre ein Schnäppchen für die Stasi gewesen, wenn sie mich bei einem kleinen harmlosen Schmuggelversuch abgreifen und dann gelingt es mir, als Ingenieur bei der Waffenschmiede der Nation zu arbeiten. Aber daraus würde nichts werden, die nehmen mich doch gar nicht, weil ich nicht bei der Bundeswehr war, sagte ich. Ich weiß ja auch noch gar nicht, ob ich wirklich so richtig als Ingenieur arbeiten will. Das brachte den Stasi-Mann gar nicht aus der Ruhe, er betonte vielmehr, dass ich ja gerade dann, wenn ich ein alternatives Leben führen wollte, so einen kleinen Nebenverdienst zu schätzen wissen würde, der sich aus unserer Zusammenarbeit ergeben könnte, wenn wir „den Kontakt aufrechterhielten“ und meinen Freund, der nach Berlin ziehen würde, den könnte ich ja öfter mal besuchen und dabei würden sie mich unterstützen, na ja, nicht unbedingt mit Flugtickets, aber die Bahnfahrt wäre schon drin. Mannomann, die meinten das ja wirklich ernst! Aber die mussten doch sehen, dass ich völlig unfähig war. So stümperhaft, so dilettantisch, wie ich mich angestellt hatte, was sollte ich da für einen Nutzen für sie bringen? Oder verstanden sie sich doch als Kunstmäzene?

Wir müssen zum Ende kommen, dachte ich mir und rückblickend tat ich das einzig Sinnvolle: Ich sagte, dass ich etwas getan hätte, was falsch gewesen sei, doch dabei solle es bleiben, ich müsse mich jetzt dafür verantworten, aber ich wolle mich nicht noch in weitere Schwierigkeiten hineinmanövrieren. Zuletzt traute mich sogar, darum zu bitten, die Filme mitnehmen zu dürfen. Da doch das Filmprojekt schon geplant sei und ich das Material dringend brauche. Da holten sie tatsächlich eine Tragetasche, voll mit meinen Filmen und dem blauen Portemonnaie. Die gaben sie mir und wiesen darauf hin, dass ich bei meiner nächsten Einreise in die DDR erst einmal eine Geldstrafe begleichen müsste. Aber die Ausreise war gratis, die Filme waren bei mir, das Bewerbungsgespräch beendet. Ein Grenzer geleitete mich durch einen langen Flur, öffnete eine Tür und ich stand plötzlich inmitten der vielen Menschen, die sich von der Passkontrolle zum Bahnsteig bewegten, dann hinein in die S-Bahn und schon war ich im Westen.

Ich schaute auf die Uhr. Es ging gegen fünf. Hatte ich wirklich über drei Stunden im Tränenpalast verbracht? Offensichtlich schon. Es kam mir vor wie ein wirrer Traum, den ich aber nicht abschütteln konnte, er saß fest im Bewusstsein, während die Stadt an mir vorbeiglitt und ich schließlich durch die traurigen Straßen im Wedding ging, um Martin von meinem Erlebnis zu berichten. Der würde staunen, was ich alles auf mich nahm, um unseren Film zu drehen. Doch er staunte gar nicht, denn er war nicht da und Florian auch nicht. Niemand war da. Ich hockte in dem verranzten Weddinger Treppenhaus vor der verschlossenen Tür und wartete, dass jemand käme, der sich meine Geschichte anhören wollte. Waren sie alle bei ihren wichtigen Terminen? Ich fand es unerträglich, alleine dazusitzen und warten zu müssen.

Die Straßen rings um Florians Wohnung erwiesen sich als nichtssagend oder quälend hässlich, die Dönerbuden als unappetitlich und die Cafés waren voll mit Asozialen. Trotzdem entschied ich mich nach langer Ratlosigkeit für eine türkische Pizza, die nicht schmeckte, doch als ich danach zurück zu Florian ging, öffnete er mir die Tür. Endlich jemand, der meinem extrem erhöhten Mitteilungsbedürfnis Linderung verschaffen konnte. Da es inzwischen schon spät war, bot mir Florian an, nochmal bei ihm zu schlafen. Martin habe sich ja eh abgemeldet, weil er bei seiner Freundin übernachten würde. Ach so? Dass Martin eine Freundin hatte, war mir gar nicht bekannt. Florian schob mir einen Zettel mit einer Telefonnummer hin, da könne ich Martin erreichen, und er hätte darum gebeten, ihm mitzuteilen, ob meine Mission geklappt hätte. Eigentlich war ich davon ausgegangen, Martin würde sich mit mir nach diesem Abenteuer ausgiebig betrinken, aber so wie Florian klang, ging es nur darum, Bescheid sagen und dann zügig nach Süddeutschland abzureisen.

Was ich dann auch machte, denn nachdem ich die Telefonnummer gewählt hatte, meldete sich völlig unerwartet Sabines Stimme. Ja, das sei ihre Nummer, die Telefonnummer, die zu ihrer Wohnung gehöre, wobei die Wohnung ziemlich klein sei, sie hoffe, noch etwas Besseres zu finden, aber immerhin sei es nicht im Wedding. Ob ich Martin sprechen wolle. Da hatte sie mich wirklich überrascht, es fiel mir nichts ein, außer Ja zu sagen und während ich dann Martin am Telefon hektisch und wirr erzählte, was vorgefallen war, versuchte ich gleichzeitig die Tatsache zu verarbeiten, dass Florian gesagt hatte, Martin sei bei seiner Freundin, gleichzeitig war er bei Sabine. Wenn A gleich B und B gleich C, dann ist A auch gleich C, oder etwa nicht? Logische Schlussfolgerung: Sabine war die Freundin. Oder hatte ich irgendwas verwechselt, gab es da noch andere Erklärungsmöglichkeiten? Alternativlösungen außerhalb der gängigen Logik? Während ich nach diesen Lösungen suchte, erzählte ich gleichzeitig von der Stasi und meinen Super-8-Filmen, das war ein extremer Gedankenstress. Als ich dann mit meiner Geschichte zuendekam und schließlich erzählte, dass sie mir die Filme zurückgegeben hätten, da sagte Martin nur „Wahnsinn“, dann schwiegen wir beide. Schwiegen noch ein bisschen. Sollte ich fragen, ob Sabine seine Freundin sei? Ich tat es nicht, ich sagte, dass ich morgen früh nach Hause fahren würde, ob wir uns noch sehen würden? Vermutlich nicht, es sei zu erwarten, dass er nicht so früh aus dem Bett komme. Schon klar, dachte ich mir, er will mit Sabine also auch nach dem Aufwachen ficken, Mist. Vermutlich sei ich schon weg, wenn er kommen würde, fügte er hinzu, und ich fragte mich im Stillen, ob ich dies als Aufforderung verstehen sollte. Vermutlich ja, und deshalb sagte ich einfach OK, Gute Nacht, bis in einer Woche, Tschüss und legte auf.

Florian entkorkte gerade die Weinflasche. Auf meine Frage, ob Sabine Martins Freundin sei, antwortete er mit Ja, die würde ich doch kennen, die war damals auch auf der Premierenfeier bei Martin und danach sei es ziemlich schnell gegangen. Bei mir ging es auch ziemlich schnell, mich zu betrinken. Florian hatte drei Flaschen Wein da, vermutlich trank ich zwei oder ein bisschen mehr davon, er den Rest und am nächsten Tag stand ich verkatert am Straßenrand und trampte nach Hause.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 7. Kapitel

Ein Gedanke zu “„Medialismus“, Roman: 7. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    „Der schneidige Herr konfrontierte mich dann doch mit der berechtigten Erkenntnis, dass meine Aktivitäten recht beliebig seien.“
    Sabines ureigenste Worte (!) und vollkommen unerwartet von einer unbeteiligten Person nochmals vorgebracht, was sie natürlich somit wahr macht.

    So wie Sabine plötzlich und unvermittelt aus der Erzählung „flog“, so so fliegt sie plötzlich jäh wieder rein. Das ist Erzählkunst pur! Da Sabine ja eine eckige Gesichtsform hat, ist dieses eckige und kantige Auftauchen und Verschwinden in der Geschichte nur folgerichtig.

    Bei all den vielen erworbenen schwarzen Filmen: Wie wäre es, so stelle ich mir vor,wenn der Protagonist all diese erlebten und erlittenen Geschehnisse gleichzeitig mitfilmen oder nachstellen würde, sozusagen als begleitendes Material? Das ergäbe eine schöne lose, unzusammenhängende, konfuse Melange, aber wahrscheinlich ist das technisch nicht drin?!😉.

    Jedenfalls danke für dieses neue schöne Kapitel! Danke Ralf!

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