„Medialismus“, Roman: 8. Kapitel

ralfcschusterEs folgte eine öde Zeit. Unser falscher Film machte viel Arbeit und gefiel dann niemandem so richtig. Mir auch nicht. Martin und seine Freunde, die so besessen von der Idee gewesen waren, hatten sich unterdessen abgesetzt. Armin und Martin nach Berlin, Sabine sowieso und Rainer war in Richtung Dortmund verschwunden, um dort etwas zu studieren, von dem niemand in unserem Bekanntenkreis je etwas gehört hatte.

Da ich nach den Dreharbeiten bereits mit den ersten Vorbereitungen für die Diplomarbeit begann, hatte ich mal wieder häufiger mit meinen Studienkollegen zu tun und die, mit ihrer Vorliebe für handfeste Witze, machten sich wenig aus meiner konzeptuell motivierten Filmidee. Ich gab dem Werk den etwas sperrigen Titel „Der falsche Mann zur falschen Zeit im richtigen Film“. Das machte es aber leider auch nicht wett, und so musste ich mir eingestehen, dass die „Rückbesinnung“ besser gewesen war. Bisher war es mir gelungen, immer an die Qualität der Vorgängerfilme anschließen zu können, oder sogar besser zu werden. Vom „Falschen Mann“ konnte man das nicht sagen. Der Ärger mit den Stasileuten und Sabine, die sich an Martin rangeschmissen hatte, aber vor allem die drohende Diplomarbeit, die das Bewusstsein verbreitete, jetzt sei die letzte gute Gelegenheit, eine subkulturelle Großtat zu vollbringen, danach geht nichts mehr, all das spornte mich an, bewirkte aber das Gegenteil.

Als die Premiere stattfinden sollte, war Martins Wohnung schon geräumt, darum kam ich dann auf die Idee, ich könnte die Premiere in dem Szene-Kino durchführen, aber das war eigentlich zu groß, es wurde nicht voll, 200 Sitzplätze sind eben doch eine ganze Menge und die Leinwand war auch doppelt so groß wie die Projektion meines Super-8-Bildes. Im Kino tranken die Leute auch nicht viel, zumindest nicht vor dem Film. Das wirkte sich alles auf die Stimmung aus. Es war es eine recht uncoole Veranstaltung, die bei mir das Gefühl einer verpassten Chance, aber keineswegs eine Stärkung des Selbstvertrauens zurückließ.

Die hätte ich aber durchaus gebrauchen können, da die Diplomarbeit mit einigen technischen Schwierigkeiten begann, mit Motivationsproblemen weiterging und in totaler Verunsicherung ihr Ende fand. Zum Glück widerstand ich den Anfechtungen, nervlich zunehmend zerrüttet wurschtelte ich mich durch entsetzlich lange neun Monate. Der betreuende Professor quälte mich mit etlichen Ideen, die viel Zeit kosteten, aber wenig brachten. In schlimmen Momenten spielte ich mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen und auf das gesamte Diplom zu verzichten. Das wäre so kurz vor dem Ende des Studiums der totale Irrsinn gewesen, aber ich dachte mir, wenn ich der Welt zeigen will, wie sehr ich unter der Wissenschaft leide, dann kann ich das ja tun.

Ich tat es nicht, quälte mich und vermutlich auch den Herrn Professor, der schließlich die Flucht antrat und zu einem Auslandsaufenthalt davonflog. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich weitergeforscht und darauf gewartet, bis er zurückkommt, um ihm die letzten Korrekturen auf einem silbernen Tablett zu servieren. Aber danach stand mir der Sinn überhaupt nicht. Wenn er verschwindet, warum sollte ich nicht auch abhauen?

Inzwischen hatten nicht nur meine Filmfreunde, sondern auch die Studienkumpels die Stadt verlassen. Wegen meiner Filmprojekte hatte ich mit der Diplomarbeit etwas später begonnen als die Kombattanten aus dem gleichen Jahrgang. Während ich am Zusammenschreiben war, bekamen sie schon ihre Bewerbungen zurück und verteilten sich im ganzen Bundesgebiet. Die Schicht der Bekannten in der Studentenstadt wurde recht dünn und stimmte mich missmutig. Kaum meldete Tina, dass sie eine viel zu große Wohnung für wenig Geld irgendwo auf dem Land bezogen habe und dringend einen Beistand brauche, der ihr nicht nur die Leere des Wohnraumes, sondern auch das Nichts, das auf einen Studienabbruch folgt, möglichst anregend und zukunftsorientiert anfüllt, da packte ich in der Universitätsstadt umgehend meine Sachen zusammen und verpisste mich.


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„Medialismus“, Roman: 8. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 8. Kapitel

  1. Ralf Schuster schreibt:

    An alle lieben Leser,

    danke für Eure Anteilnahme. Der erste Teil ist geschafft, ich hoffe es geht so weiter. Ihr müsst euch schon darauf einstellen, dass es bis zum Jahresende dauern kann, fertig zu werden. Wer schlapp macht, kann darauf spekulieren, dass es nach Fertigstellung ein komplettes pdf geben wird.

    Ansonsten viel Spaß

    Ralf Schuster

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