Werkstattspreißel 2015

FinkSkidmoreBier (Peitz), 2015

[seufzend] Ach ja, der Jazz.

Auch auf der 52. Peitzer „jazzwerkstatt“ (sowohl die Kleinschreibung wie der Begriff „Werkstatt“ wirken derartig antiquiert – das muss man doch einfach liebhaben, oder?) ging es vertraut, gemütlich, familiär, gemächlich, heimelig zu. In hohen Ehren ergraute Free Jazzer (sprich: „Frieh-Iatzer“), also z. B. der stets grummelnd querulierende Autodidakt Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky, Träger des DDR-Kunst- sowie des DDR-Nationalpreises und stolze 82 Lenze zählend, kämpften sich zwar mit sichtlicher Mühe schwer auf den Stock gestützt auf die Bühne der Stüler Iatzkirche, waren aber unmittelbar anschließend, nachdem sie sich auf einer Art Barhocker niedergelassen hatten, mühelos in der Lage, selbst extremste Flageolettspitzen auf diversen Saxofonen ebenso enervierend wie vital zu intonieren.

Schlicht großartig die bescheiden „Iatzfrühschoppen“ titulierte Trio-Performance der 73jährigen britischen Modern-Jazz-Legende Alan Skidmore am späten Sonntag Vormittag in der „Festungsscheune“, einer mit allerlei geschmacksbefreitem Nippes dekorierten, hm, Großraumdatsche (?). Tadd Damerons „Good Bait“ gab’s, „Softly As In A Morning Sunrise“, „On Green Dolphin Street“, solche Sachen. Skidmores Improvisationen wirkten ebenso überlegt wie einfallsreich – und in keinster Weise „free“, sondern stets den Song variierend, ihn manchmal ein wenig hinterfragend, aber nie grob verletzend. Beeindruckend und tief faszinierend, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit Skidmore eine musikalische Perlenkette an die andere reihte, ohne sich jemals wirklich zu wiederholen. Johannes Fink am Kontrabass und Ernst Bier am Schlagzeug konnten locker und inspiriert mit dem Altmeister mithalten. Für einige Songs gesellte sich der ausgezeichnet aufgelegte Posaunist Gerhard Gschlößl hinzu, der sich musikalisch ebenfalls in keinster Weise verstecken musste.

Ganelin Setup Peitz 2015

Als am ergiebigsten für den Rezensenten erwies sich jedoch der ca. einstündige Auftritt des russisch-israelischen Pianisten und Komponisten Wjatscheslaw Ganelin (71), der mir bisher nur als sowjetische (!) Underground-Legende bekannt war. Ganelin schaffte es am Samstag Nachmittag auf mysteriös zu nennende Weise, musikalische Zeit in Echtzeit so zu strukturieren, dass man den Eindruck bekam, einer sehr langen kammermusikalischen Kunstmusik-Komposition zu lauschen, wobei Schlagzeuger Klaus Kugel fast die ganze Zeit über dazuimprovisieren durfte, Saxofonist Petras Vysniauskas seine Zeitfenster allerdings per Kopfnicken des Meisters zugeteilt wurden. Ganelin selbst führte am Konzertflügel souverän durchs sonische Gelände, welches an überraschenden Konkavitäten, Singularitäten, aber auch – allerdings seltenen – Gemeinplätzen nur wenig zu wünschen übrig ließ, hatte zudem aber auch noch ein – gar nicht mal so hochwertiges – Sample-Keyboard am Start, über das er nach Lust und Laune leicht, aber angenehm abgefuckte Streicher-, Horn- und Sitar-Presets und einmal sogar einen Tabla-Loop abrief. Das wirkte ebenso dreist wie erfrischend, da es Ganelin in weiten Teilen durchaus gelang, die dröge Sterilität der Default-Samples mit musikalischen Mitteln zu ironisieren. So unterzog er die Sound-Szene „Flamenco-Gitarre vor Meeresrauschen“ einfach gelegentlich einem respektlosen pitch bending. Die Musik bekam dadurch etwas Absurdes, Entfremdetes, also in jedem Fall Zeitgemäßes – sie beraubte sich sozusagen aus freien Stücken ihrer eigenen, mühsam errungenen Erhabenheit, ohne sich dabei wirklich ernsthaft selbst zu verletzen. Muss man auch erst mal hinkriegen. Warum der Meister dann auch noch gelegentlich auf zwei neben dem Flügel platzierte Toms eindreschen musste, wo doch Kugel mehr als ausreichend Perkussives zu bieten hatte, blieb rätselhaft – aber auf sympathische Weise. Wjatscheslaw Ganelin, hatte ich den Eindruck, muss offenbar tun, was er tun muss, basta.

Und so soll er ja wohl auch sein, der Jazz.

Ach ja. [seufzend]

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2 Gedanken zu “Werkstattspreißel 2015

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