„Medialismus“, Roman: 9. Kapitel

ralfcschusterObwohl sie ihre nihilistische Weltanschauung plakativ zur Schau trug, war Tina fast immer gut gelaunt. Oft genug nutzte ich das aus. Wenn ich selbst Aufmunterung brauchte, schilderte ich ihr ausgiebig mein Leid an der Welt und ließ mich bevorzugt dann blicken, wenn mir andere, vermeintlich begehrenswertere Frauen die kalte Schulter zeigten. Dass auch Tina schwerwiegende Probleme mit sich herumtrug, die vielleicht auch gar nicht schwerwiegend, sondern nur folgenschwer waren, hatte ich nicht bemerkt. Was ich nicht bemerke, gibt es nicht, war einer der coolen Sprüche, die Martin in der „Rückbesinnung“ so schön arrogant aussprach. Eine Textzeile, die ich mir zwar ausgedacht hatte, die ich mich aber nicht auszusprechen trauen würde, schon gar nicht mit diesem überheblichen Unterton. Nichtsdestotrotz hatte ich meinen Weg gefunden, diesem Satz Gehör zu verschaffen, hatte den Schauspieler zum Sprachrohr und den Film zum Medium gemacht und mich dadurch von der schlichten Kommunikation zwischen zwei Gesprächspartnern gelöst, hatte mich dadurch der Verbindlichkeit sozialer Umgangsformen und der Höflichkeit entbunden und dann die banale Aussage getroffen, dass ich mich für die Probleme anderer Leute wenig interessierte. Für die Probleme Einzelner.

Aber als sozial verbindendes Element sind Probleme sehr interessant und schienen mir außerordentlich wichtig als künstlerisches Motiv. Damit bekannte ich mich quasi zu meiner eigenen Gefühlskälte und bedauerte gleichzeitig die Gefühlskälte als gesellschaftliches Phänomen und stand viel besser da, als wenn ich einfach Mitgefühl praktiziert hätte. Dieser Strategie bedienten sich auch andere Menschen, der Trick fiel mir bei Künstlern, Politikern oder Talkshowgästen oft genug auf.

Aber jetzt konnte ich mich nicht rauswinden. Ich war blauäugig und spontan bei Tina eingezogen und entgegen meiner bisherigen Erfahrung war sie ausgesprochen schwermütig. Kein Wunder, sie hatte gerade ihr Studium hingeschmissen, oder vielmehr war sie geschmissen worden, weil sie das Chemie-Vordiplom zum dritten Mal nicht bestanden hatte. Ihr Freund, von dem sie dachte, dass sie es mit ihm länger aushalten könnte als mit seinen Vorgängern, war mit einer dummen Tussi durchgebrannt. Die dumme Tussi sah allerdings ziemlich gut aus, die war auch gar nicht dumm, denn ich hatte auch schon mal versucht, sie kennenzulernen, doch es war bei einigen anregenden Gesprächen geblieben. Aber das verschwieg ich gegenüber Tina.

Wir waren ja inzwischen auf einem anderen Planeten. Wir saßen in diesem kleinen Gehöft in einem kleinen Dorf, 100 Kilometer von unserer Universitätsstadt entfernt, aber nur 15 Minuten mit dem Fahrrad in die Kleinstadt, in der sowohl Tina als auch ich zur Schule gegangen waren und wo meine Eltern wohnten. Tinas Eltern waren ein paar Jahre zuvor in die Landeshauptstadt gezogen, wo Tina nie hinwollte. Das Gehöft gehörte früher ihrem Opa, einem Kleinbauern mit kleinem Bauernhof, der schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewirtschaftet wurde, aber das Haus war in Schuss, der Opa tot. Die Erbengemeinschaft aus Onkeln und Tanten fand keinen Käufer, deshalb waren sie froh, dass Tina für eine symbolische Miete die Bude bewachte. Man hätte problemlos zu fünft oder sechst dort wohnen können, aber wir waren die ersten und einzigen, die sich das zutrauten. Oder lag es daran, dass wir uns NICHTS zutrauten? Das Ingenieurstudium hatte mir in keiner Weise das Gefühl vermittelt, irgendeine Art von Kompetenz erworben zu haben, Tina war sowieso frustriert. Trotzdem redeten wir immer davon, dass wir auf unserem Gehöft das Abenteuer suchten, das Wagnis der Abgeschiedenheit eingehen wollten, die spannende Erfahrung der Selbstfindung beginnen würden. Manchmal formulierten wir es ironisch, manchmal ernst, aber wir gaben nie zu, dass man es auch als Rückzug oder Verzagtheit interpretieren konnte. Vielleicht waren wir uns dessen gar nicht bewusst. Vielleicht verdrängten wir es geschickt durch unsere Kulturambitionen.

Schon am ersten Abend, als ich Tina besuchte, um mir das Gehöft mal anzusehen, stolperte ich beim Eintreten über einen Gitarrenkoffer, der zu einem Hippie gehörte, der von sich behauptete, früher Punk gewesen zu sein, und jetzt eine Band gegründet hatte, mit der er unbedingt in der Scheune auftreten wollte und wenn ich dann auch noch ein Video aufnehmen würde, dann sei das eine wundersame Fügung, wie wir alle so zwanglos zueinander gefunden hätten. Wir gingen in die Scheune, wo der Gitarrist ins Gebälk kletterte und uns von oben ein Lied vorspielte, während wir die alten Fahrräder, Zinkbadewannen, Ölkanister und den sonstigen angesammelten Sperrmüll des Großvaters untersuchten. Der Gitarrist sang davon, wie wir die Welt besser und friedlicher machen könnten, wir rätselten, ob die Waschmaschine, die von dem sonstigen Kram fast vollständig bedeckt war, noch funktionieren würde. Die Zeit sei jetzt reif, wir bräuchten neue Ziele. Hatte das Bob Dylan nicht 25 Jahre vorher auch schon mal so ähnlich gesungen?

Sein dialektbehaftetes deutsches Gesinge in der Scheune erschien mir zunächst unbeholfen, aber als ich den Kopf in den Nacken legte und den Gitarristen über mir auf dem Balken sitzen sah, da erregte es mich und ich fand es plötzlich beeindruckend. Dieser einfache Klang der akustischen Gitarre und vermeintlich tiefsinnige Wortkombinationen aus bedeutungsschwangeren Begriffen wie Zeit, Ende, Frieden jagten mir einen Schauer über den Rücken. Ich war nahe dran zu weinen, mir schien, als sei gerade wirklich ein bedeutender Moment.

Vielleicht war es nur der emotional sehr wirksame Wechsel zwischen C-Dur und A-Moll, der mich so beeindruckte, oder der Blick von unten auf das kräftige Profil der Wanderstiefel des Gitarristen. Die Wanderstiefel weckten in mir Assoziationen an einen sprichwörtlichen langen Marsch bis zum Erreichen einer schönen neuen Welt und es versetzte mich in eine Mischung aus Melancholie und Optimismus. Wider besseres Wissen durchströmte mich die Idee, dass Künstler soziale Partisanen seien, die die Gesellschaft voranbringen und den Anstoß zu Erneuerung geben könnten, speziell, wenn sie Schuhwerk mit ordentlichen Sohlen trugen. Nur wenige Jahre später würde niemand mehr das Wort Wanderstiefel benutzen, es würde nur noch von Outdoorboots und Survivalkits die Rede sein.

Tina hatte die Waschmaschine inzwischen so weit untersucht, dass sie mir unbedingt zeigen wollte, warum sie nicht funktionieren könne und riss mich dadurch aus meiner ausschweifenden Betrachtung der Wanderstiefelschuhsohlen. Abgerissene Schläuche, ein fehlender Motor, da gab es keinen Grund zu zögern, ich musste Tina sofort helfen, die Maschine raus zu schleppen, damit sie der Entrümpelung zugeführt werden könnte. Der Gitarrist verhedderte sich unterdessen in seinen Akkorden und brach das Lied mitten in einer der vielen Strophen ab.


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„Medialismus“, Roman: 9. Kapitel

3 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 9. Kapitel

  1. Kann mich nur anschließen, ein würdiger Start für Teil II der fiktionalisierten Autobiographie. Ist das eigentlich ein neues Genre oder wurden Autobiographien nicht immer schon gepimpt, optimiert, geschönt, idealisiert, mit erhöhter Symbolkraft bestückt, also fiktionalisiert?

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  2. Gerhard schreibt:

    „Die spannende Erfahrung der Selbstfindung..“: Das geht wohl durch alle Generationen hindurch, war vor Ralf schon da und wird auch nach Ralf da sein, als etwas ganz Neues, Individuelles, Aufregendes und Geniales.

    Das mit dem plötzlich auftretenden Gitarristen hat wieder mal etwas Kakaeskes, wenn auch nicht bedrohlich. Oder sollte man eher sagen: (alb)traumhaftes?

    Das mit den Wanderstiefeln und Künstler als Partisanen ist auch trefflich schön und erquickend.

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