„Medialismus“, Roman: 10. Kapitel

ralfcschusterAls ich zwei Wochen später mit dem Auto meiner Eltern auf den Hof fahren wollte, stand die Waschmaschine noch an genau derselben Stelle. Dabei hatte Tina bei meiner Abfahrt euphorisch davon geredet, dass sie den ganzen Müll sofort wegbringen wolle, damit wir möglichst umgehend die Umgestaltung der Scheune zum Kulturzentrum beginnen könnten. Die Motivation war offensichtlich ganz schnell in Depression umgeschlagen. Inwieweit der Gitarrist mit den schweren Wanderstiefeln zu ihrer schlechten Laune beigetragen hatte, verriet sie mir erst im Lauf des Abends unter dem fortschreitenden Einfluss von Alkohol und THC.

Der gleiche Alkohol sorgte allerdings auch dafür, dass ich mir das meiste, was sie über Hans, wie der Gitarrist hieß, erzählte, nicht merken konnte. Dabei ging es aber wohl gar nicht um die Verletzung ihrer weiblichen Gefühle, zumindest nicht primär, sondern um eine Schallplatte, die Tina sehr am Herzen lag, und Hans hätte sie zu entwenden beabsichtigt, was er als Ausleihen bezeichnete, und konnte zudem nicht erklären, wieso ein entfernter Bekannter von Tina den Eindruck gehabt habe, Hans wolle ihm genau diese Schallplatte zum Sammlerpreis verkaufen, was der Bekannte Tina umgehend mitgeteilt und somit einen emotionalen Erdrutsch verursacht hatte, der letztendlich dazu führte, dass die Waschmaschine trotz bester Vorsätze immer noch die Hofeinfahrt blockierte.

Deshalb schob ich erst die Waschmaschine zur Seite und versuchte dann das gleiche mit Tinas Sorgen. Und wenn ich da, weil mir nichts Lustiges einfiel oder es mir an Einfühlungsvermögen mangelte, nicht vorankam, schob ich wieder das Gerümpel hin und her. Zunächst dachte ich, das geht ganz schnell, man muss nur richtig zupacken, aber dann war es ein schier endloser Prozess des Hin- und Hersortierens, schließlich auch des Diskutierens, denn Tina wollte ein Wörtchen mitreden, was wegzuwerfen sei und was nicht. Als ich dann auf die Idee kam, wir könnten die absonderlichsten Dinge mit den letzten verbliebenen Rollen Schwarzweiß-Film verewigen, sorgte dies für eine weitere Verlangsamung. Aber damit war der leidige Prozess des Aufräumens zu einem kreativen Prozess geworden, es ging nicht mehr darum, schnell fertig zu werden, sondern um die Dinge, die wir in der Scheune fanden. Nach den Monaten der Anspannung, die mir meine Diplomarbeit beschert hatte, gefiel mir das besser als erwartet. Natürlich sollte die Premiere des „Filmes über die vergessenen Dinge“ gleichzeitig die Eröffnung unseres Scheunen-Kinos, Kulturzentrums, alternativen Lebensraumes sein. Bis dahin, so beschlossen wir bei einer unserer unzähligen Kaffeepausen, wollten wir uns nicht hetzen, empfanden die Zeit als Sommerferien, nahmen uns vor, alles andere auf uns zukommen zu lassen.

Es ergab sich, dass wirklich immer etwas passierte: Diverse alte Freunde besuchten uns auf dem Land und beteuerten stets, wie idyllisch es sei, unterdessen durchforstete ich alle meine unvollendeten Drehbücher, um Auszüge aus ihnen zu einer Lesung zusammenzustellen, die ich dann in Kneipen und Kulturzentren stattfinden lassen wollte. Ein paar Abstecher an die Universität waren auch noch nötig, damit man mir irgendwann das Diplom-Zeugnis tatsächlich ausstellte und als ich es später endlich hatte, kopierte ich es stapelweise, um einige lustlose Bewerbungen zu schreiben. Tina hatte sich unterdessen einen gebrauchten Synthesizer gekauft, oder geschenkt bekommen, denn es war einer von den monophonen Geräten, die zu dem Zeitpunkt total out waren. Zwar beschäftigte sie sich eifrig damit, wie sie knatternde und zischende Geräusche erzeugen konnte, aber solange sie nicht in einer Band mitspielen würde, war fraglich, was sie damit anfangen könnte, außer Special-Effects-Sounds für meine Filme.

Viel mehr Zeit investierte sie in die Wohnraumgestaltung und Renovierung unseres Häuschens und als sie schließlich auch noch begann, in einer der beiden Szene-Kneipen, die es in der Umgebung gab, als Bedienung zu arbeiten, war ihre Zeit gut ausgefüllt. Für mich erwies sich das als praktisch, denn ich ging zuerst in die andere Kneipe. Wenn ich dort jemanden zum Unterhalten fand, blieb ich, wenn nicht, was meistens der Fall war, machte ich mich auf zu Tina, der ich erst einmal Bericht erstattete, dass bei der Konkurrenz nichts los sei und dann hatte ich wieder die Auswahl, entweder einen der Gäste vollzuquatschen, oder mich mit Tina zu unterhalten. Bei einem dieser vielen Kneipenbesuche traf ich Gitarren-Hans wieder, der immer noch von einem Video für seine Musik redete und mir einen Kontakt zu einem Jugendzentrum in der nächsten Provinzstadt aufbaute, wo ich ein kleines Videostudio betreuen konnte. Wenn ich den Jugendlichen, für die das Jugendzentrum vorgesehen war, beibringen würde, wie sie mit der Technik umzugehen hatten, könnte ich dafür etwas Geld bekommen, und das kam mir gerade recht. Die Ersparnisse für die Zeit nach der Diplomarbeit gingen gerade zur Neige und wären schon erschöpft gewesen, wenn ich nicht so billig auf Tinas Gehöft wohnen und bei ihr an der Theke hätte trinken können.

Die Chefs vom Jugendzentrum hatten alle keine Ahnung von Video, aber durch irgendwelche Fördergelder war ein kleines Studio eingerichtet worden, das inzwischen weitgehend nutzlos verstaubte. Die Röhrenkameras, die damals in der Studiotechnik gebräuchlich waren und von denen auch dort ein veraltetes Modell herumstand, empfand ich zwar als eine besonders umständliche Technik-Missbildung, aber in Verbindung mit dem Schnittplatz hatte ich nun ein Experimentierfeld für die Technik, über die ich oft genug abfällig geredet hatte. Videomischer und Videoeffektgeräte kannte ich von der Universität, wusste so ungefähr, was die spärliche Beschriftung an den vielen Knöpfen bedeuten sollte, und jetzt konnte ich es genauer ausprobieren.

Hans spielte Gitarre und sang eines seiner Weltverbesserungslieder, während ich zwei Kameras auf ihn richtete und die dritte auf den Programm-Monitor. Ich färbte das Bild grün ein, oder auch mal rosa, zerstörte es durch rhythmische Schauer von Video-Rückkopplungen und ließ es wieder entstehen. Damit konnte ich Hans beeindrucken, weil, wie er meinte, seine Gitarrensaiten durch die Videorückkopplung sich der Unendlichkeit zu nähern schienen. Ich sagte, dass das nur banale elektronische Effekte waren, er bezichtigte mich des Understatements. Leider hatten wir keine guten Mikrofone da, deshalb verschoben wir die Aufnahme des Videos, außerdem wollte Hans am Text seines Liedes etwas ändern.

Zwischendurch, eine oder zwei Wochen später, schleppte er Ulrike an, die mitsingen sollte. Ulrike kannte Michaela, deren Freund Ulrich Grafik-Design studiert hatte, der kannte sich ebenfalls mit Videostudios aus und behauptete, wenn ich das Jugendzentrumsvideostudio richtig verstanden hätte, dann genüge das, um beim Lokalfernsehen Ober-Techniker, Studio-Leiter oder Chef-Cutter oder was auch immer zu werden. Natürlich zu einer Bezahlung, die den hochtrabend bezeichneten Aufgaben nicht gerecht werde. Was für ein Lokalsender, fragte ich unschuldig, denn ich kannte nur das Regionalbüro des öffentlich-rechtlichen dritten Programms, von wo man gelegentlich einen bärtigen dicken Kameramann zu den herausragenden Ereignissen der Provinz schickte. Weil es hieß, die öffentlich-rechtlichen Sender akzeptierten nur Kameramänner, die fünf Jahre an der Filmhochschule studiert hätten, damit sie ausreichend qualifiziert seien, um einen Maßkrug und die dazugehörige Blaskapelle für die Abendschau zu filmen, wollte ich mit denen nichts zu tun haben. Mich hätten die nur als stellvertretenden Hilfskabelträger genommen, aber beim Lokalfernsehen, da könne man Leute wie mich brauchen, sagte Ulrich zu Michaela und Michaela zu Ulrike und Ulrike zu mir.

Hans und Tina wiederum stellten mir unabhängig voneinander die Frage, was ich dort wolle, das sei doch Kommerzscheiße und ob ich schon mal den Käse auf RTL und SAT 1 angeschaut hätte. Nein, das hatte ich nicht, ich wollte es auch nicht und die beiden mussten zugeben, dass ihnen selbst bisher auch die persönliche Grenzwerterfahrung fehlte, einen analytischen Blick in das damals noch junge, sogenannte Privatfernsehen geworfen zu haben.

Aber die öffentliche Meinung in den Kreisen der alternativen Jugend und intellektuellen Schöngeister stand fest: Das ist Mist! Ich widersprach nicht, denn ich wollte mir keine Beurteilung anmaßen, solange ich überhaupt keine Ahnung hatte. Ungeachtet der fehlenden moralisch-ideologischen Einordnung des Phänomens Lokalfernsehen besuchte ich Ulrich eines Abends im Kontrollraum des Aufnahmestudios und dann ging alles ziemlich schnell.

Ein paar Tage später stellte ich mich beim Chef vor, einem selbstgefälligen Typen, der meinte, er würde dann schon merken, ob man mit mir was anfangen könne und am darauffolgenden Montag ging es los.


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