„Medialismus“, Roman: 11. Kapitel

ralfcschusterAls Kameraassistent musste ich mir den Rekorder über die Schulter hängen. Die Technologie nannte sich U-Matic und war total minderwertig, durfte sich trotzdem als professionell bezeichnen. Um ein Video zu schneiden, wird es kopiert. Während der Film mit der Schere auseinandergenommen und mit Klebefolie neu zusammengefügt wird, kopiert man beim Videoschnitt die gewünschten Aufnahmen auf ein weiteres Videoband. Allerdings wird die Qualität von U-Matic bei jedem Kopiervorgang schlechter. Im Jugendzentrum wurde mit VHS gearbeitet, das war noch schlimmer, denn VHS bedeutet Video Home System und ist eine Amateurtechnologie.

An der Uni hatte ich das ominöse U-Matic-Videoformat mit den riesigen Kassetten schon kennengelernt, aber immer nur darüber gelästert, weil ich ja zum anderen Lager gehörte, zu den Super-8-Ästheten. Jetzt, da das Studium zu Ende war, verlor dieser willkürliche Kultur-Stellungskrieg für mich an Bedeutung, jetzt ging es darum, meine bescheidenen Erfahrungen geschickt in klingende Münze zu verwandeln und dazu musste ich zunächst dem Kameramann an einer kurzen Leine hinterherlaufen. Die Leine war das Verbindungskabel zwischen der Kamera und dem Aufnahmegerät und beide, die Kamera und der Rekorder waren klobige, schwere Geräte mit riesigen Akkus, die sich im Nu entleerten.

Weil in der Kamera Röhren zur Bildwandlung verbaut waren und Röhren sowohl träge als auch empfindlich sind, musste man höllisch aufpassen. Filmte man eine Lichtquelle, dann verursachte dies in der Röhre ein Signal, das nur langsam wieder verschwand, was bei bewegten Lichtquellen zu einem Schweif führte. Den nannte man „Nachzieher“. Starke Lichtquellen, die zu lange auf die gleiche Stelle des Bildes leuchteten, erzeugten einen bleibenden Fleck, was wiederum als „Einbrenner“ bezeichnet wurde. Direkte Sonneneinstrahlung konnte sogar dazu führen, dass die Aufnahmeröhre ganz schnell total ruiniert wurde, deshalb durfte man die Sonne auf keinen Fall ins Bild nehmen.

Elektronenröhren können verschiedene Funktionen erfüllen. Die wichtigste Funktion, einen starken Strom durch einen schwachen Strom zu regeln, hatten zu der Zeit längst Transistoren übernommen. Auch andere Funktionen, wie beispielsweise die Bildwandlung, also die Umsetzung eines optischen Bildes in ein elektronisches Signal, wurden im Zug der technischen Fortentwicklung von der Halbleitertechnologie übernommen. Leider zu spät, so dass ich noch mit den letzten Röhrenkameras und den dazugehörigen Umhängerekordern von einem unbedeutenden Ereignis zum nächsten geschickt wurde, immer in zwei Meter Kabellänge hinter dem coolen Kameramann, der gemeinsam mit Ulrich direkt von seinem Grafik-Design-Studium zum Lokalfernsehen gewechselt war und stets eine ironische Bemerkung zu den Motiven unserer Bildaufnahme machen konnte.

Sobald wir den Ort des Geschehens verließen und im Auto saßen, rissen wir Witze über die Leute, die wir gefilmt hatten. Oder über unsere Kameras und über den klapprigen Kleinbus, mit dem wir zu den Einsätzen fuhren. Im Gegensatz zum coolen Kameramann gab es auch den uncoolen Kameramann, einen verklemmten Pedanten, der einerseits den sportlichen Dienstwagen mit den Ledersitzen fuhr und mir andererseits jeden seiner klugscheißerischen Ratschläge mindestens fünf Mal gab: Verbindungskabel nicht spannen lassen, Schatten spenden, Linsendeckel aufsetzen und all diese langweiligen Anweisungen, die ihm einfielen, um mir zu demonstrieren, wie wichtig er das alles nahm.

Mit ihm hätte ich den Job nicht lange durchgehalten, aber kaum war ich einen Monat dabei, konnten wir die Früchte der unermüdlichen Forschungsbestrebungen der japanischen Unterhaltungsindustrie ernten. Die nächste Generation von Aufnahmetechnologie wurde geliefert. Schluss mit den Bildröhren und Schluss mit den Umhängerekordern, plötzlich gab es in unserem kleinen Lokalfernsehen riesige Super-VHS-Camcorder mit CCD-Chips. Halbleitertechnologie erlöste uns von der Problematik der Einbrenner und Nachzieher. Da man nun keinen Rekorderträger mehr brauchte, konnte ich als Kameramann eingesetzt werden.

Natürlich ging es mit einem Dreh los, den niemand machen wollte. Es war nach der täglichen Sendung, alle waren in Nach-Hause-Geh-Laune, da kam der Redakteur mit einem Fax in der Hand durch den Flur gelaufen und fragte, wer die Ikonenausstellungseröffnung filmen würde. Welche Ikonenausstellung? fragten der coole und der uncoole Kameramann im gleichen geringschätzigen Tonfall und ich sagte gar nichts. Die wichtige Ikonenausstellungseröffnung, erklärte der Redakteur mit starker Betonung auf dem Wort „wichtig“, weil am nächsten Tag die Ikonenexpertin Studiogast sein solle und jetzt würde unser wichtiger Bürgermeister mit wichtigen Gästen aus der russischen Partnerstadt die wichtige Ausstellung eröffnen.

Die unglaubliche Wichtigkeit beeindruckte weder den coolen noch den uncoolen Kameramann und so kam ich zu meinem ersten Einsatz als sogenannter EB-Kameramann. EB bedeutet elektronische Bildberichterstattung. Aber richtig wichtig kommt man sich vor, wenn man die Bezeichnung ENG-Kameramann benutzt, das bedeutet „electronic news gathering“. Ich schnappte mir also die Kamera und bekam als Begleitung die neue Praktikantin mit, die war erst seit drei Tagen dabei und deshalb hatte sie noch weniger Erfahrung als ich. Für sie war es ebenfalls der erste selbstständige Einsatz als Reporterin vor Ort. Das hielt ich für eine gute Voraussetzung, da würde sie mir keine dummen Vorschläge machen, was ich zu filmen hatte und hübsch war sie auch. Ob sie sich mit Ikonen auskenne, fragte ich und sie gab zu, dass sie von nichts eine Ahnung hätte und am allerwenigsten von Ikonen.

Dann wirst du die richtigen Fragen stellen, weil sich damit kein normaler Mensch auskennt, aber wenn man einen Experten fragt, erzählt der meist nur sein Spezialwissen, das der durchschnittliche Zuschauer gar nicht verstehen kann. Ansonsten, schlug ich vor, filmen wir ein paar Ikonen, wie es sich für eine Ikonenaustellungseröffnung gehört und, sofern vorhanden, ein paar russische Charakterköpfe, außerdem Funktionäre, die es ja in allen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt.

Ich war erfolgreich großspurig, die Praktikantin bemerkte gar nicht, dass ich auch nur ein paar Wochen vor ihr als Rekorderträger angefangen hatte. Jetzt war ich im ENG-Einsatz und hatte ganz schön mit den Reflektionen zu kämpfen, die das viele Gold der Ikonen im Licht der Scheinwerfer verursachte. Aber mein häufiges Hin- und Herrücken der Kamera, das sorgfältige Justieren und meine kritische Miene sorgten vermutlich dafür, dass ich sehr professionell erschien.

Ich gab mir Mühe, hübsche Nahaufnahmen hinzukriegen, sowohl von den Ikonen, als auch von den gutaussehenden Kultur-Hausfrauen, die zahlreich anwesend waren. Außerdem gelang mir trotz der ungünstigen Raumaufteilung eine gelungene Totale, bei der russisch aussehende Gestalten mit dem Bürgermeister im Vordergrund plauderten und damit waren die notwendigen Aufnahmen nach einer halben Stunde erledigt, so dass wir uns ausgiebig dem Wein und den Brezeln zuwenden konnten.

Die Pressesprecherin der Genossenschaft, in deren Foyer die Ausstellung gezeigt wurde, kümmerte sich liebevoll um unsere Versorgung. Unaufdringlich brachte sie für Interviews einen Fachmann und einen Funktionär zu uns, wobei Letzterer vermutlich ihr Chef war. Es störte sie nicht, dass wir keinerlei kunsthistorisches Hintergrundwissen vorweisen konnten und das fand ich damals sehr entgegenkommend. Später machte ich die Erfahrung, dass es durchaus normal war, wenn Fernsehreporter keine Ahnung von der Thematik haben.

Die Praktikantin stellte bei den Interviews mit charmantem Lächeln naive Fragen, sowohl der Fachmann, als auch der Funktionär gaben brauchbare Antworten. Als wir fertig waren, legte ich ihr zur Anerkennung die Hand auf die Schulter und sagte, dass sie es gut gemacht hätte. Das freute sie und während ich die Kamera wegpackte, besorgte sie schon wieder gefüllte Weingläser. Ich merkte, wie mir der Alkohol in den Kopf stieg und genoss es. Der Tag war lang gewesen, zu essen hatte ich nicht viel bekommen. Die Praktikantin fragte mich, wo ich es gelernt hätte, mit der Kamera umzugehen, und sie stellte die Frage mit dem richtigen bewunderungsvollen Unterton. Sie dachte bestimmt, ich mache das seit Jahren und nicht zum ersten Mal. Trotzdem wusste ich selbst nicht, wo ich mein Wissen her hatte, überall und nirgends, vielleicht lernt man auch beim Lästern.

Ich erzählte ihr, dass mein Spezialgebiet eigentlich die Super-8-Schwarzweißfilmerei sei, aber diesen umständlichen Videokameramonstern, die wir zum Fernsehmachen benutzen, könne man ja kaum aus dem Weg gehen, überall hätten sie sich verbreitet und da spreche es sich eben rum, welcher Knopf welchen Zweck erfülle. Der coole Kameramann hatte mir einiges gezeigt, was ich ansatzweise auch schon bei den Kameras im Universitätsstudio kennengelernt hatte, während mich der uncoole Kameramann in die speziellen Geheimnisse der Technologie einführte. Das machte er aber nur, weil er merkte, dass ich schon Erfahrung hatte und deshalb wollte er mir zeigen, wie weit er mir voraus war. Er, der pedantische Perfektionist, kannte auch die internen Menüs und die verborgenen Knöpfe. Das war hilfreich für mich. Ich hatte sowohl beim coolen, als auch beim uncoolen Kameramann die richtige Haltung gefunden, damit sie mich an ihrem Wissen teilhaben ließen.

Versucht man, sich doof zu stellen, sind sich die Fachleute zu fein, um mit einem zu reden, weiß man zu viel, dann haben sie keine Lust, ihre Erfahrung preiszugeben, schließlich wollen sie den Abstand zur Konkurrenz groß halten. Gegenüber der Praktikantin tat ich so, als sei mir das Fachwissen einfach zugeflogen und bevor sie nachfragen konnte, wollte ich von ihr wissen, wie sie zum Lokalfernsehen gekommen sei. Sie hieß Maria, ihr Germanistikstudium erschien ihr ausgesprochen nutzlos und zum Praktikum sei sie nur gegangen, weil sie die jungen, unangepassten Moderatorinnen von MTV bewunderte. Sowas würde sie ja auch gerne machen. Ob ich schon Musikvideos gedreht hätte? Alles, bloß das nicht, dachte ich, doch da fiel mir Gitarren-Hans ein, der immer noch auf den geeigneten Termin für eine Aufnahmesession wartete. Das würde zwar kein typisches Musikvideo werden, schon gar keins für MTV, sondern eher ein Kunstprodukt, aber um Maria zu beeindrucken, tat ich so, als stünden die Dreharbeiten unmittelbar bevor und sie sagte, sie wolle unbedingt dabei sein.

Unbedingt dabei sein wollen war eine Formulierung, die mich misstrauisch machte und aufschreckte. Ich bemerkte, wie betrunken ich schon war und wenn ich an Maria vorbei in die Ikonen schaute, drehte sich deren goldener Schimmer. Wir mussten dringend weg, doch da gab es keine Alternative zu unserem klapprigen Kleinbus, mit dem wir gekommen waren. Ich sollte die Kamera noch im Studio abliefern und das Auto durfte ich danach benutzen, um nach Hause zu fahren, da abends die Verbindung in die Dörfer mit Bus und Bahn so gut wie nicht existierte.

Maria war genauso wenig fahrtauglich wie ich, aber im Kleinbus wollte sie sowieso nicht ans Steuer und schien ansonsten keine Bedenken zu haben, was die Vereinbarkeit von Alkoholgenuss und Straßenverkehrsordnung anging. Zum Glück war es draußen ziemlich kühl, eine sternklare Nacht, das machte mich munter und ich konnte mich halbwegs konzentrieren. Die Straßen waren schon ziemlich leer, wie gut. Maria stellte das Radio an und es dudelte einer der vielen Sommerhits, Mainstreamradio. Sie fand das gut, ich gar nicht, sie drehte die Lautstärke auf, ich kurbelte das Fenster zu. Bloß nicht auffallen! Den Führerschein bei der Fahrt mit dem Dienstwagen abzugeben, wäre ein sehr peinlicher Zwischenfall gewesen. Trotzdem wollte ich entspannt erscheinen und ersparte mir, gegen die laute Musik zu  protestieren. Maria begann Tanzbewegungen auf dem Beifahrersitz zu vollführen, Gutelaunegestik, die mich nervte und sie schubste mich an die Schulter, meinte, ich solle nicht die trübe Tasse spielen, aber ich knurrte nur.

Dann fuhren wir unbehelligt an der Polizeihauptwache vorbei, wo trotz meiner Befürchtungen niemand auf uns wartete und bogen in die Straße längs des Flusses ein. Bis zum Studio ging es nur noch geradeaus, das beruhigte mich. Da traute ich mich, ein bisschen Konversation zu riskieren und fragte, wo Maria wohne, und wie sie nach Hause kommen wolle. Sie würde ja gerne noch etwas Trinken gehen, meinte sie, aber wo? Erstmal Kamera abladen, antwortete ich, während ich in die Tiefgarage einbog, in der sich der Stellplatz für den Kleinbus befand. Jetzt war ich in Sicherheit.

Die Frage, ob ich noch mit dem Auto aufs Dorf fahren könnte, war eigentlich mit Nein zu beantworten, doch wo sollte ich dann die Nacht verbringen? Maria wohnte in der Stadt, da konnte sie zur Not immer laufen oder Taxi fahren. Sie am ersten Abend zu fragen, ob ich zu ihr mitkommen könne, wäre allzu verfrüht, zumal ihre ungehemmte Partylaune in mir den Verdacht weckte, sie könne ein sehr oberflächlicher Mensch ohne den intellektuellen Hang zur Selbstreflektion und Systemkritik sein, den ich stillschweigend für potentielle Sexualpartnerinnen voraussetzte.

Dass mir tatsächlich solche Worte im Kopf herumschwirrten, während wir im Lastenaufzug mit der Kamera von der Tiefgarage nach oben fuhren, glaube ich kaum. Aber es war die entsprechende Mischung aus Misstrauen und Sympathie. Maria spulte unterdessen eine Liste aller Kneipen, Bars und Diskotheken ab, die für uns in Frage kämen, um den Abend fortzusetzen und ihre Bewertung der jeweiligen Lokalitäten entpuppte sich als sehr gegensätzlich zu meiner Einschätzung. Was sie als gemütlich bezeichnete, empfand ich als spießig, den Laden, in dem angeblich die angesagtesten Leute verkehrten, hielt ich für einen Treffpunkt von aufgeblasenen Angebern und als ich vorschlug, in das von mir bevorzugte Alternativcafé zu gehen, da spottete sie tatsächlich, dass dort doch nur Systemkritiker säßen, die in Selbstreflexion versänken.

Über diese vorlaute Antwort staunte ich erst einmal, musste aber lachen und fühlte mich gleichzeitig ertappt. Die Worte Systemkritik und Selbstreflexion brannten sich für immer in meine Erinnerung an diesen Abend ein. Gleichzeitig verloren beide Begriffe an Bedeutung und an Wert.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 11. Kapitel

4 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 11. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Schließe mich an, sogar saustarkes Kapitel, hab mich einerseits köstlich amüsiert, mit der einen oder anderen Sequenz meinen Zitatenschatz ergänzt („Ich war erfolgreich großspurig“…fast so gut wie „Neulich auf dem Standesamt,Vater dumm, Mutter dümmer, die Braut ist kaum zu glauben“) und staune immer noch über den Spannungsbogen, wie man von der so wichtigen Ikonenausstellungseröffnung zum Bedeutungsverlust von Systemkritik und Selbstreflexion gelangt. Allerdings hoffe ich jetzt doch, im nächsten Kapitel etwas mehr über die Ikonenexpertin zu erfahren…und natürlich über den weiteren Verlauf dieser Nacht😉

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  2. robertweber schreibt:

    Ja, sehr gelungenes Kapitel. Wenn Du mit allem fertig bist, könnte ich ja mal bei Voland & Quist für Dich anklopfen, wenn Du magst.

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