„Medialismus“, Roman: 12. Kapitel

ralfcschusterOben im Studio saß tatsächlich noch Ulrich, der an einem Werbefilm herumschnitt. Es war gegen zehn Uhr abends, aber mir kam es vor wie nach Mitternacht. Wir schauten gemeinsam in mein Videomaterial und konnten feststellen, dass alles ordnungsgemäß aufgenommen worden war, was mich erleichterte und ermunterte, ein paar Witze über die Ikonenausstellung und die Ikonenausstellungsbesucher zu reißen. Dann wurde wieder die Frage aufgeworfen, ob und wo wir noch was trinken könnten, ob Ulrich mitkäme, oder ob ich lieber gleich in mein Dorf fahren solle. Schließlich schmiss mir Ulrich seinen Haustürschlüssel hin und meinte, er müsse den Werbefilm fertigschneiden, das brauche noch eine Stunde oder mehr und danach würde er sowieso zu seiner Freundin gehen, um bei ihr zu übernachten. Ich solle auf jeden Fall das Auto stehen lassen, vor allem wenn wir in die Bar gingen, die Maria vorschlug, da in der Gegend ständig Verkehrskontrollen stattfinden würden. Ulrich gebärdete sich ein wenig so, als sei er mein großer Bruder, das war gut, das war sogar sehr gut.

Nachdem ich meine Abfuhr wegen der existentialistischen Stimmung in meinem Lieblingscafé schon weg hatte, wehrte ich mich nicht, als Maria mich mit in die von ihr angepriesene Angeberbar mitnahm. Ich genoss den Ausblick auf die vielen gutaussehenden Frauen und unterhielt mich mit Maria auf angenehme Weise über ausnahmslos banale Themen. Nach zwei Bier wurde ich von einer großen Müdigkeit übermannt, die zweifellos damit zusammenhing, dass Maria sich plötzlich in ein Gespräch mit einem jungen, ziemlich geschniegelten Typen vertiefte, den sie mir schließlich als ihren Freund vorstellte. Ich hatte gar nicht bemerkt, wann der aufgekreuzt war. Da es damals keine Handys gab und Maria auch keine Telefonzelle benutzt hatte, schien es eine Verabredung zu sein, und damit entpuppte sich Marias lange Überlegung, wo wir hingehen könnten, als Augenwischerei. Das enttäuschte mich und weil es wegen der ansteigenden Lautstärke immer schwieriger wurde, sich zu unterhalten, verabschiedete ich mich, wankte mit wirren Gedanken, die um Systemkritik und Selbstreflexion kreisten, zu Ulrichs Wohnung.

Ein paar Tage vorher hatte ich ihn mit unserem klapprigen Kleinbus vor seiner Haustür abgesetzt, deshalb kannte ich seine Adresse. Es herrschte ein normales Junge-Männer-Durcheinander in seiner Einzimmerwohnung, da konnte ich mich ganz ungezwungen verhalten. Ich warf einen schnellen Blick auf seine Schallplattensammlung, die, wie erwartet, ähnlich zusammengesetzt war, wie meine eigene. Dann legte ich mich auf sein großes Bett.

Mitten in der Nacht erwachte ich, weil die Blase drückte und ich hatte zunächst überhaupt keine Idee, wo ich mich befand, stand auf, suchte den Schalter der Stehlampe, schlug dabei mit dem Schienbein an den Tisch. Nach dem Pinkeln ging es mir besser, aber am nächsten Tag fühlte ich mich schlecht und kraftlos. Dabei gab es einiges zu tun. Immerhin waren sowohl der Chef als auch der Redakteur zufrieden mit meinen Ikonen-Videoaufnahmen, was zur Folge hatte, dass ich gleich wieder losgeschickt wurde. Dieses Mal ging es darum, den neuen, supermodernen Müllwagen der städtischen Müllabfuhr zu filmen. Verkatert wie ich war, schien mir Müll ein dankbares Thema, aber die Bilder gelangen mir nach eigener und Ulrichs Einschätzung nur mittelmäßig. Schließlich ging der Arbeitstag damit zu Ende, dass die Ikonenexpertin live im Studio interviewt wurde und mir danach, obwohl ich als Kameramann unauffällig im Halbschatten stand, plötzlich die Hand schüttelte. Das freute mich, es freute mich sogar so sehr, dass es mich stutzig machte. Hatte sich die Ikonenexpertin bei mir bedankt, oder verabschiedet? Wusste sie, dass die Aufnahmen von der Ausstellung von mir stammten, oder glaubte sie, dass ich sie beim Studiogespräch im Bild hatte, was ja gar nicht stimmte, denn ich machte die Nahaufnahmen des Moderators, während für sie der coole Kameramann zuständig war, aber dem drückte sie nicht die Hand, den schien sie gar nicht zu bemerken. Oder fand sie mich einfach nett?

Während ich mir diese Fragen stellte, glitt die Landschaft am Fenster vorbei, denn es war Freitagabend. Mit dem Zug fuhr ich in die Kleinstadt. Das Kreuz eines Kirchturms blitzte in der tiefstehenden Sonne. Waren Ikonenexperten eigentlich, so rein ideologisch und systemtheoretisch gesehen, gute oder schlechte Menschen? Waren sie schädlich und reaktionär wie ein Kirchenfunktionär oder hatte die Ikonenexpertin eine heimliche Leidenschaft für den Kommunismus und betrieb ihre Forschung, um möglichst unauffällig den Kontakt mit der Sowjetunion zu pflegen? Oder vielmehr mit Russland, denn die Sowjetunion gab es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr. Vielleicht war sie bei der Stasi oder beim KGB und wenn ich damals in die Zusammenarbeit eingewilligt hätte, wäre sie mein Führungsoffizier geworden. Ich versuchte verzweifelt, diese albernen Gedanken zu verscheuchen, es gelang mir nicht. Meine blubbernde Phantasie, die sich als potentiell mögliche Variante der Wirklichkeit tarnte, ging mir auf die Nerven. Erst als ich am Bahnhof der Kleinstadt ausstieg, wo ich mit dem Fahrrad noch fünfzehn Minuten bis ins Dorf fahren musste, gelang es mir, einen klaren Kopf zu bekommen.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 12. Kapitel

3 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 12. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Oh, heute gleich zwei Kapitel – Sommerloch? Egal, denn der mysteriöse Händedruck der Ikonenexpertin könnte sich vielleicht zu einer das Leben unseres Helden vorantreibenden und beherrschenden Frage entwickeln…

    Gefällt mir

  2. @Volker: Die heutige gekoppelte Kapitelpublikation erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch des Autors – kurz gesagt: Kapitel 12 erschien ihm schlicht zu kurz für eine gesonderte Veröffentlichung.

    Gefällt mir

  3. Gerhard schreibt:

    Es braucht mal hier ne Frau mütterlichen Typs, die ausgeglichen, selbstbewusst und wissend ist. Eine, die den Held annimmt und ihn unterstützt wo nötig, also sein bestes will😉
    Dann könnte das ganze Fahrt nehmen und schlussendlich würden Martin plus Sabine zu ihm nach Linz pilgern, denn er waere dann das Zentrum. So wäre es gerecht!

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s