„Medialismus“, Roman: 13. Kapitel

ralfcschusterAber kaum war ich zu Hause angelangt, bescherte mir Tina frische Anregungen für den ideologischen Diskurs. Martin hatte angerufen, aus Berlin, er wollte uns eine Woche später besuchen. Wie schön. Er fragte, ob wir eine Filmvorführung des falschen Filmes einplanen könnten, den Film wolle er unbedingt sehen und seine Begleitung auch. Welche Begleitung, fragte ich, Sabine? Tina wusste es nicht, aber Martin sei dann, wenn er käme, auf dem Rückweg von der „Ars Electronica“ in Östereich, das sei ja das wichtigste Event für elektronische, progressive Kunst weltweit, aber ich würde mich ja nur um dieses banale Lokalfernsehen kümmern. In der Tat, das tat ich, und schon fielen mir die Ikonen wieder ein. Aber die Ikonen waren Tina egal, sie dachte an die Scheune, wo immer noch ein heilloses Durcheinander herrschte. Meine Filmaufnahmen der vergessenen Gegenstände, die durch den Prozess des Filmens aus dem Vergessen erlöst werden sollten und dadurch in einen ästhetischen und medialen Meta-Sinn überführt werden könnten, waren bisher noch nicht weit fortgeschritten.

Die Stirnseite der Scheune, die ich weiß bemalen wollte, damit sie als Projektionsfläche dienen könnte, wartete noch darauf, freigeräumt zu werden. Eigentlich wünschte auch ich mir, dass unsere künstlerischen Aktivitäten vorangingen, leider kostete das banale Lokalfernsehen ziemlich viel Kraft, Zeit sowieso. Tina konnte es sich nicht verkneifen, mir eine Diskussion aufzudrängen. Sie wollte mir unbedingt einreden, dass mein kleines Lokalfernsehen im Dienste des großen, weltumspannenden Kapitals die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung zermürben sollte. Ja? Wirklich? Und wie? Weil wir darüber berichteten, dass ein neuer Spielplatz eingerichtet wurde und die Baustelle am Markplatz bis voraussichtlich Oktober zu Verkehrskomplikationen führen würde? Ich hatte die Beispiele gut genug gewählt, diesen Nachrichten konnte Tina keine globale Strategie nachweisen. Zum Glück schaute sie unseren Sender gar nicht an, deshalb gelang ihr keine gute Erwiderung. Ihr blieb nur der relativ harmlose Vorwurf, dass wir die Interessen unserer Sponsoren und Werbekunden sublim an die Zuschauer weiterleiten würden, was ich gut entkräften konnte, denn ich sagte, dass wir das nicht sublim, sondern ganz offensichtlich machen und es sei wirklich höchste Zeit, in der Scheune weiterzuarbeiten, bevor ich mir die billige Bildsprache der ENG-Kameraleute angewöhnen würde. ENG? Fragte Tina und ich antwortete Electronic News Gathering, das klingt eigentlich noch sensationeller als „Ars Electronica“. Ist es aber nicht, ist doch nur Angeberei! Anstatt zu antworten, ging ich in die Scheune.

Ein blechernes Sieb, eine kurbelbetriebene Handbohrmaschine, zwei Lampenschirme aus einem undefinierbaren Material, Zahnräder, ein Spazierstock mit angeschraubter Fahrradklingel, Isolatoren. Das waren die ausgewählten vergessenen Dinge, die ich auf einen klapprigen Tisch gelegt hatte. Daneben stand ein wackliger alter Holzstuhl. Das war noch keine aufregende Sammlung, deshalb wandte ich mich dem großen Haufen zu, der noch nicht untersucht war. Als ich einen halb vermoderten Teppich rauszog, kam ein alter Fernseher zum Vorschein, ein Sessel und etliche Kartons voller Zeitungen. Die konnte man wenigstens gleich zum Altpapier bringen und musste nicht erst den Sperrmüll abwarten. Tina kam mit einer Flasche Wein, zwei Gläsern und setzte sich auf den Stuhl. Einen zweiten Stuhl fand ich zwischen alten Matratzen. Also stellte ich ihn zum Tisch, schenkte mir ein Glas Wein ein und rauchte erst einmal gemeinsam mit Tina eine Zigarette. Sie erzählte mir von einem Streit mit ihrer Mutter, und von einer Anfrage des Onkels, der wissen wollte, wie schnell wir ausziehen könnten, wenn jemand das Gehöft kaufen würde. Dabei waren wir mit dem Einziehen noch gar nicht fertig. Aber vermutlich sei das nur blinder Alarm, niemand kaufe diese alte Bude.

Es will ja nicht mal jemand drin wohnen, obwohl Tina wieder ein paar Kleinanzeigen aufgehängt hatte, WG-Zimmer auf dem Land zu vergeben. Gestern sei einer dagewesen, aber so ein komischer Vogel, der sich beschwert hätte, dass ich nicht da sei, denn wenn er schon aufs Land fahre, wolle er alle Mitbewohner sehen. Tina hätte ja gar nicht gewusst, warum ich nicht gekommen sei, und es sei unangenehm mit dem Typen gewesen, der dann aber nach einer Stunde aufgab und verschwand, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen. WG zu dritt ist gefährlich, das klappt fast nie, sagte ich, können wir nicht gleich zwei Leute suchen? Die Meisten sind doch sowieso dumme Studenten, die gehen uns dann ganz schnell auf die Nerven, das garantiere ich dir.

Seit Tina von der Uni geflogen war, mochte sie keine Studenten mehr, Fernsehleute und das Mediengesindel, wie sie es mir gegenüber provokativ bezeichnete, waren ihr suspekt und wenn Punks oder Arbeitslose kamen, dann beschwerte sie sich, dass die zu nichts zu gebrauchen seien. Die einzigen, die sie kritiklos akzeptierte, waren Künstler. Darum war ich erste Wahl gewesen und hatte ohne Vorbehalte einziehen können. Aber meine blitzschnelle Verwandlung zum Kommerzfernsehkameramann passte ihr gar nicht ins Konzept. Es tröstete sie wenig, dass ich beteuerte, nichts vom Kommerz abzubekommen, sondern nur als Praktikant bezahlt werde, und deshalb sei ich darauf angewiesen, diesen alternativen Lebensstil mit ihr im entlegenen Bauernhof zu praktizieren. Ich hatte Tina grundsätzlich enttäuscht, das war klar.

Mein Gejammer über die Probleme mit der Diplomarbeit und die Probleme mit dem bürgerlichen Leben und die Probleme mit dem Kapitalismus machte viel von dem aus, was uns verband. Dann war aber eines Tages mein Diplomzeugnis als Einschreiben mit der Post gekommen und ich sagte, ich hänge es aufs Klo. Das machte ich tatsächlich, in einem alten Bilderrahmen, der aus dem Nachlass des Opas stammte. Das sah gut und witzig aus, aber irgendwann bemerkte Tina, dass es nur eine Kopie war. Selbstverständlich! Eine von den Fotokopien, die ich für meine erfolglosen Bewerbungsmappen gezogen hatte und nicht das Original. Womöglich kam einer unserer Gäste auf die Idee, einen schlechten Klospruch draufzukritzeln, oder den Namen seiner Lieblingsband. Tina fand es heuchlerisch. Ich erwiderte, auch die Aufhängung der Kopie sei ein Bekenntnis und sie fügte hinzu: ein verlogenes Lippenbekenntnis. Damals verzichtete ich darauf, weiterzudiskutieren, denn es lag mir auf der Zunge, Tina darauf hinzuweisen, dass sie ihr Studium nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus der mangelnden Begabung für das Verständnis von chemischen Zusammenhängen beendet hatte. Kurz gesagt, sie war zu doof gewesen, ich nicht. Aber diese Vorhaltung schien mir unfair, nichtsdestotrotz wahr.

Als wir dann in der Scheune saßen, beim Wein, hing wieder stillschweigend der Vorwurf in der Luft, ich sei einer, der Wasser predige, aber Wein trinke. Ich dachte mir, dass an dem Vorwurf durchaus was dran sei, doch ich sah keine Alternative zum Wein, schon gar nicht, als Tina einen Joint zusammenrollte.


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