Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

Thomas Raab (*1968)
Dies ist der österreichische Schriftsteller Thomas Raab (*1968), der keinesfalls mit einem anderen österreichischen Schriftsteller selben Namens (*1970) verwechselt werden sollte und mit der deutschen Medienpersona Stefan Raab (*1966) sowieso nicht.

Auf dem hauseigenen Spielplatz tummelten sich 1,1 Kinder pro Frau in gebärfähigem Alter. [S. 173]

„Die Netzwerk-Orange“ ist der meiner Kenntnis nach erst zweite Roman des nun auch schon 47-jährigen österreichischen Autors Thomas Raab, dessen Schaffen ich seit geraumer Zeit mit großem Vergnügen verfolge, denn Raab ist kein normaler Schriftsteller.

Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts. „Die Netzwerk-Orange“ ist also weder post-, noch retro-modern, weder avantgardistisch oder experimentell noch konservativ oder gar reaktionär (Gruß an Daniel Kehlmann an dieser Stelle). Es handelt sich auch nicht um ins Großartig-Literarische aufgeschäumte autofiction. – Aber was zum Teufel ist es dann? Das Problem ist, dass ich sehr wohl zu wissen glaube, was es ist, aber wie erkläre ich es der Leserin dieser Rezension, der ja evtl. tatsächlich weisgemacht wurde – und ich hoffe inständig, dass dem nicht so ist! – , D. Kehlmann repräsentiere den „Stand der Dinge“ in der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik?

[Es folgt ein längerer Einschub über Raabs Inspirator Oswald Wiener, der nichts direkt mit der Buchrezension, die nach dem zweiten Sternchen ihre Fortsetzung findet, zu tun hat.]

*

Der Name Oswald Wieners, mit dem Raab eine Zeitlang eng zusammenarbeitete und dessen Einfluss für mich auf jeder Seite dieses unterhaltsamen, gescheiten und fast ganz unzynischen Buchs spürbar ist, wird dieser beflissenen, aber evtl. rein feuilletonistisch geprägten Leserin auch nicht weiterhelfen, die Tatsache, dass Wiener der leibliche Vater der Medienpersona Sarah Wiener ist, noch viel weniger.

Ich versuch’s trotzdem mal: Mitte des vergangenen Jahrhunderts schwappte die allgemeine intellektuelle und ästhetische Aufbruchstimmung in den Künsten auch ins provinzielle Wien, es entstand eine klassische Avantgarde-Formation namens „Wiener Gruppe„, deren Mitglied (neben dem teilweise damals schon konzeptuell arbeitenden Komponisten Gerhard Rühm; Ernst Jandl und Friederike Mayröcker standen der Gruppe nahe) ein gewisser Oswald Wiener war, von dem bis dahin noch niemand je etwas gehört hatte – und der nach kurzer, skandalreicher Zeit auch gleich wieder verschwand: erst nach Berlin, dann nach Kanada. Analog zu einem seiner damaligen Vorbilder Ludwig Wittgenstein hatte Wiener bis dahin exakt 1 Buch publiziert, welches er „die verbesserung von mitteleuropa, roman“ nannte und das, in diesem Anspruch Wieners Künstlerfreund Dieter Roth nicht ganz unverwandt, Höhepunkt, Abschluss und Überwindung des Avantgardismus an sich darstellen sollte.

Gegen Ende des oft kryptischen, aber streckenweise hochgradig geistvollen Textkonvoluts (es ist kein Roman, sondern eine Sammlung literarischer Perfomances und Studien Wieners aus den 1960er Jahren) ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft. Stocknüchtern und ohne jede artistische Ironie werden dem Leser nun „notizen zum konzept des bio-adapters, essay“  vor den Latz geknallt und dieser damit, wie sich leider herausstellen sollte, endgültig intellektuell überfordert. Denn konnte man die „verbesserung“ mit ein wenig Mühe noch als radikalisierte Fortsetzung der Arbeiten von Richard Huelsenbeck bzw. des literarischen Dadaismus dekodieren, ging es beim „bio-adapter“ vermeintlich gar nicht mehr um Literatur, ja, nicht einmal mehr um Kunst und – o Graus! – scheinbar überhaupt nicht einmal um Ästhetik, sondern um: – Automatentheorie – die 1969 nicht wirklich im Zentrum allgemeinen intellektuellen Interesses stand

Wiener wurde in der Folge vom Mainstream-Feuilleton, wo er bis dahin, hätte es ihn denn interessiert, als eine Art Proto-Schlingensief sein Auskommen hätte haben können, umgehend exkommuniziert, verzeiht dieses doch der Belletristin zwar selbst die mieseste Kolportage, nicht aber den Gedanken, literarische Texte ließen sich „fabrizieren“ bzw. wären lediglich Produkt durchaus erschöpflich vieler kognitiver Prozesse. Die Informatik hat ihn aber – nach meinem Kenntnisstand – bisher auch nicht wirklich haben wollen, galt doch die (systematische und formalisierte) Selbstbeobachtung, der sich Wiener seit diesem Zeitpunkt gänzlich verschrieben hatte, diesem Fach bis vor Kurzem noch als wissenschaftlich gänzlich irrelevant. (Mein Kommentar zu einigen Sätzen des Wiener-Texts „Wozu überhaupt Kunst?“ aus dem Jahr 1980 findet sich hier.)

Oswald Wiener war also bei seinem Versuch einer naturwissenschaftlichen Erforschung ästhetischer Prozesse und Erfahrungen zunächst für 2, 3 Jahrzehnte in eine Art Niemandsland geraten. Erst seitdem die Automatentheorie „Künstliche Intelligenz“ heißt und vor einigen Jahren einsehen musste, dass Algorithmen Biomasse brauchen, um Mitteleuropa oder auch andere Weltregionen wirklich „verbessern“ zu können (fachlich Interessierte finden bsp.weise im Blog „Theory of Embodied Cognition“ von Wilson & Golonka reichlich Informationen zu diesem Themenkomplex), findet Wieners einsam-heroisches Schaffen wieder ein wenig mehr Beachtung (vor zwei Jahren wurde er gar von Denis Scheck interviewt, der sich u. a. über Wieners Meinung zu Senta Berger amüsierte – nun ja.)

Thomas Raab könnte – vom Geburtsjahr her – Wieners Sohn sein und auf seine ganz eigene, ebenso leichtfüßige wie hintersinnige Weise führt er auch wirklich die Gedanken seines in der Öffentlichkeit meist eher gereizt bis grantig rüberkommenden Vorbilds (siehe das Scheck-Interview) weiter.

*

Formal kommt „Die Netzwerk-Orange“ (Anthony Burgess‘ „Die Uhrwerk-Orange“ von 1962 lässt grüßen) als Science Fiction-Roman daher, leicht wohlstandsverwahrloste SprößlingInnen saturierter „Unions-„(sprich: EU-)BeamtInnen bzw. UnternehmensberaterInnen in einer „lokalen Hauptstadt“ (=Wien) rebellieren ein wenig gegen die vorformatiert und inauthentisch erscheinende Welt ihrer Eltern (wobei die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno als Empörungsfolklore eine gewisse Rolle spielt), ein Lehrbeauftragter für creative writing hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, es kommt zum „Kommenden Aufstand„, aber am Schluss geht alles weiter wie bisher etc. – kann bzw. muss man aber alles selber lesen und zuviel spoilern will ich ja auch nicht🙂

Das eigentlich Faszinierende an dem Roman ist, wie es Raab schafft, sein elaboriertes soziokybernetisches Wissen (vgl. auch seine empfehlenswerten Sachbücher „Nachbrenner“,  Suhrkamp 2005, und „Avantgarde-Routine“, Parodos 2008) immer wieder mal nonchalant in die Handlung einzubauen und gleichzeitig – rückkoppelnd sozusagen – den Plot als Illustration ebenjenes Wissens erscheinen zu lassen, ohne aus seinen ProtagonistInnen bloße PappkameradInnen zu machen (auf meine Weise habe ich vor einigen Jahren hier mal Ähnliches probiert, allerdings weit weniger kunstvoll😦 ). „Soziokybernetik“ meint hier die Fähigkeit von staatlichen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Institutionen, gesellschaftliche Entwicklungen mit Hilfe von Big Data und potenter Algorithmen in erstaunlich präziser Weise zu antizipieren, ohne sie im herkömmlichen, philosophisch-hermeneutischen Sinn, zu verstehen bzw. verstehen zu wollen.

Exakt hier sind Raabs Gedanken anschlussfähig an Michael Seemanns Sachbuch „Das Neue Spiel“ aus dem Jahr 2014 sowie einige Gedanken von Jaron Lanier, er hat aber weder, wie Seemann, die Brille des Kulturwissenschaftlers, noch, wie Lanier, die des Ingenieurs bzw. Nerds auf. Stattdessen findet er eine Reihe effektiver literarischer Mittel (wörtliche Wiederholungen spielen eine Rolle, Meta-Ironie auch, sowie der Einbau nur leicht angepasster diverser „unliterarischer“ Textsorten wie technischer Protokolle, Marketing-Analysen etc.), um eine post-orwellianische, post-totalitäre, aber verblüffenderweise fast komplett gewaltfreie (ein großer Unterschied zu Burgess) Zivilisation zu skizzieren, die dem Individuum scheinbar alle Wahlfreiheiten lässt – und es gerade dadurch effizienter kontrolliert als jede stalinistische Erbmonarchie nordkoreanischer Provenienz. Diese sozial aufs äußerste segmentierte, aber eben gerade nicht individualdemokratische Massengesellschaft ist vom Autor der unsrigen so ähnlich nachgebildet, dass man beim Lesen ständig zurückprallt und zum Abgleich mit den eigenen Verhältnissen gezwungen wird, ohne jedoch den Eindruck zu haben, Raab wolle einen lediglich belehren.

Das Alleinstellungsmerkmal des BMW-Hyundai Turborange ist der Hass, den er in der Neuesten Linken zu entfachen imstande ist. [S. 120]

„Die Netzwerk-Orange“ schildert eine post-neoliberale („post-neoliberal“ soll hier eine Gesellschaft bezeichnen, die die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, besonders aber von Bildung und Erziehung, bereits hinter sich und nun mit den teilweise unerwarteten Konsequenzen dieses Umbaus zu kämpfen hat), im Grunde grauenhaft langweilige, weil (scheinbar) vollkommen transparente und somit ultrastabile Gesellschaft, die ebenso leidenschaftslos wie subtil von einem Rhizom aus staatlichen und/oder privatwirtschaflichen behavioral economists analysiert und somit letztlich eigentlich auch geführt wird:

Das Ministerium lieferte die Daten, der Markt regelte das Angebot, die Nachfrage zog nach. [S. 22]

Raabs Roman interessiert sich konsequenterweise nicht besonders für die im herkömmlichen Sinn „psychologisch überzeugende“ Schilderung von individuellem Erleben als vermeintlicher conditio sine qua non „belletristischer“ Literatur – was ihm das Feuilleton vermutlich nicht verzeihen wird, es wird dem Buch „Abstraktheit“ und „Kälte“ vorwerfen – , sondern eher für die soziopsychologischen Alleinstellungsmerkmale seiner ProtagonistInnen. Letztere erscheinen dabei – ganz wie im richtigen Leben – durchaus in keinster Weise als fremdgesteuerte Automaten, sind aber dennoch in nahezu jedem Detail ihres konkreten Verhaltens für die erwähnten staatlich-wissenschaftlich-ökonomischen Institutionen berechenbar geworden. Bei Raab umfasst dieses komplett überraschungsfreie Individualverhalten nicht nur den Konsum von Waren, sondern ebenso den gesamten Karriereweg, private Liebesverhältnisse sowie sämtliche soziokulturellen Ansichten und Gedanken der jeweiligen Person, Weltanschauliches und Ästhetisches mit eingeschlossen. (Eine Analyse der zeitgenössischen bildenden Kunst unter diesem Aspekt findet sich in Raabs Sachbuch „Avantgarde-Routine“.)

Das Gemeine an dieser literarischen Konstruktion, für die die Bezeichnung „Satire“ nicht wirklich passt, ist, dass man ihre Pointen immer nur so lange genießt, bis man sich in ihnen wiedererkannt hat:

Der Höhepunkt des ästhetischen Genusses in der moralisch gebildeten Elite war seit Jahrzehnten das Vermeiden jedes Höhepunktes. Konnte dies das jeweilige … Kunstwerk nicht selbst bewerkstelligen, … musste der avancierte Genießer eben … seinen … Schreck … in eine locker-humorvolle Stimmung umdeuten. [S. 67]

Das abendländische Individuum – so meine Interpretation von Raabs Dystopie – wurde also weder vom real existierenden Sozialismus, noch von der Dekonstruktion, sondern vom naturwissenschaftlich unterfütterten Marketing endgültig und nachhaltig seiner ein paar Jahrhunderte anhaltenden Vorrangstellung beraubt, indem es ihm ganz einfach erfolgreich weismachen konnte, Individualität lasse sich durch den Verbrauch käuflicher Güter erzeugen, bewahren, verteidigen und stärken.

Und selbst der standhafteste Konsumverweigerer entkommt dieser angeblich „ideologiefreien“ Meta-Erzählung nicht, solange er sich ausschließlich über die Konsumverweigerung definiert. Die „Abschaffung des Außen“ ist somit erreicht, jede denkbare Revolte wird früher oder später über soziokybernetische Feedback-Prozesse entschärft und die Welt stellt sich den gebildeten Ständen mehr und mehr als tatsächlich „alternativlos“ (A. Merkel) dar.

Das Individuum ist zwar frei wie nie, aber politisch komplett bedeutungslos geworden, weil die Erzeugung seines wie auch immer gearteten Freiheitsgefühls (vom Straßenkampf über alternative soziokulturelle Zentren bis zum obsessiven Fahrradfahren ist hier alles denkbar) mittlerweile mit verhaltensökonomischer Expertise je nach Bedarf simuliert und dadurch gefahrlos „abgefackelt“ werden kann. Dies entparadoxiert ganz gut eine der (für mich) irritierendsten Beobachtungen unserer Gegenwart: die Gleichzeitigkeit von zunehmender Individualisierung und zunehmender Homogenisierung der Gesellschaft. (Ausführliches zu diesem Thema inkl. jeder Menge kognitionswissenschaftlicher Expertise liefert Raabs Sachbuch „Nachbrenner“):

Je genauer die Welt berechnet werden kann, je weiter also das objektive Verständnis des Unterbaus voranschreitet, desto wirklichkeitsferner werden die Vorstellungen im Überbau. [S. 45]

Am Wichtigsten erscheint mir jedoch – und hier ist Raab seinem oft hermetischen, stets ein writers‘ writer gebliebenem Inspirator Wiener weit voraus – dass man diesen Roman auch ohne die von mir hier einigermaßen mühsam und einigermaßen erratisch geschilderten zivilisationsphilosophischen Hintergrundideen gut lesen kann, denn er ist ausgesprochen flott erzählt, reich an Pointen und zudem sprachlich sauber gearbeitet. Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit werden einem trotzdem über den Rücken laufen.

Postskriptum 2015-08-03: Wer sich unter behavioral economics nichts vorstellen kann, dem sei John McMahons Rezension von Richard Thalers „Misbehaving: The Making of Behavioral Economics“ vom 15. Juli diesen Jahres empfohlen. Dort heißt es unter anderem:

Behavioral economics, when translated into government, public policy, and business, is best described as “choice architecture,” writes Thaler near the end of the book. The term speaks to the belief of Thaler—and, ultimately, of the field more broadly—that through the study of how people systematically act in ways inconsistent with economic rationales, behavioral economics can alter the environment of individual’s decision-making, enabling them to make ‘better’ choices without stronger, more obvious forms of coercion.

Eine um den Oswald-Wiener-Einschub gekürzte Fassung dieses Artikel habe ich am 11. August in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässt sich hier verfolgen.

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Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

6 Gedanken zu “Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

  1. Gerhard schreibt:

    Weiß garnicht, wie ich das bewerten soll (ich meine hier die Sternchen, zu bewerten habe ich eigentlich nichts, das steht mir nicht an).

    Für mich hast Du zuviel reingepackt.
    Wolltest Du anzeigen, wie gebildet Du bist? Wenn ja: Wir wissen doch alle, daß Du in vielen Feldern unterwegs sein musst (beileibe aber nicht in allen ;-)).
    Das gilt es eigentlich nicht zu untermauern. Braucht es nicht.
    Es ist ja auch schön spannend,anererseits, überall seine Nase reinzustecken, sofern man kann. Dank Evolution haben wir ja auch ein herrliches Spielzeug unter der Haube.

    Was fiel mir im Einzelnen auf?

    Zunächst einmal: „Weit voraus“. Niemand ist niemand weit voraus, es scheint nur so. Dieses „Weit voraus“ ist für mich arg abgenützt.

    „denn Raab ist kein normaler Schriftsteller“
    im üblichen Sinn kein
    .
    „Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts“

    Wie versteht das das 20. oder 19. Jahrhundert?

    „fast ganz unzynischen Buchs“
    „in diesem Anspruch Wieners Künstlerfreund Dieter Roth nicht ganz unverwandt,“

    Dieses fast ganz kommt häufiger vor, stört mich irgendwie.

    „ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft“.

    Wie geht das? Muß es nicht Wissenschaftsbetrachtung, -journalismus oder ähnliches heißen?

    „komplett überraschungsfreie Individualverhalten“
    Im weitesten Sinn kann es eh keine Überraschung geben, Aber fragen wir halt einen Gehirnforscher, ob es nicht doch per Epigenetik den Zufall gibt. Bis dahin kann man sich doch erfreuen, daß das Überraschungsfreie im Individuum nomalerweise kaum ersichtlich ist.

    Danke aber für die Morgenlektüre.

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  2. @Gerhard: Danke für deinen ausführlichen Kommentar, auf den ich gerne antworten will:

    „Wolltest Du anzeigen, wie gebildet Du bist?“ – Liegt mir fern, ich begeistere mich lediglich für Wissen und versuche, andere damit anzustecken. Das ist alles. Außerdem weiß ich nicht, wie man anderen etwas mitteilen will, ohne kenntlich zu machen, dass und wie man das Mitzuteilende verstanden hat.

    „Niemand ist niemand weit voraus, es scheint nur so.“ – Ich meine das mit dem Voraussein ganz nüchtern im Sinne von skills (Fertigkeiten), nicht etwa moralisch. Wenn A doppelt so schnell Tippen kann wie B, ist er in dem von mir gemeinten Sinn A „weit voraus“. Raab ist – was das Verständlichmachen seiner „Botschaft“ betrifft, Wiener – in diesem Sinn und nur in diesem Sinn – weit voraus.

    „…denn Raab ist kein normaler Schriftsteller. Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts.“ – Es geht mir hier um das Verhältnis von theoretischem Wissen und écriture („Schreibe“). Die Literaten des 19. Jahrhunderts (z. B. ETA Hoffmann, Dostojewski, Flaubert) waren selbstverständlich (oft) auch wissenschaftlich gebildet, aber diese Bildung fand nur recht indirekten Eingang in ihr tatsächliches Schreiben. Sie fühlten sich eben als brave Diener der „Textgattung“ Literatur. Im 20. Jahrhundert änderte sich daran nicht viel. Selbst Joyce oder Arno Schmitt hätten wohl jederzeit die Literatur als mit wissenschaftlichem Denken vollkommen unvereinbar bezeichnet. Der Gedanke, dass Literatur lediglich ein „Aufschreibesystem“ (FA Kittler) unter vielen ist – und nicht mal ein besonders originelles – kam nach meinem Kenntnistand erst in zweiten Hälfte des 20. Jahrhunders auf, mit Marshall McLuhan und anderen.

    Zur Verwendung von „fast“: Kann ich verstehen, dass dich als Schachspieler dieses Wörtchen gewaltig stört: Man kann ja nicht „fast“ einen Schachzug machen. Entweder macht man ihn, oder man lässt es bleiben. Bei den Dingen, die ich beschreibe, wäre das aber eine unterkomplexe Charakterisierung. Stell dir eine Leinwand vor, die zu 98% schwarz und zu 2% weiß bemalt ist. Hier würde ich sagen: „Die Leinwand ist fast ganz schwarz bemalt.“

    „…ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft.“ – Ich denke, Wiener wäre tödlich beleidigt, wenn man ihn als „Wissenschaftsjournalisten“ bezeichnen würde. Nein, er hat – wie Raab – an seine Sachtexte schon einen genuin wissenschaftlichen Anspruch, es geht nicht darum, lediglich Wissenschaft zu referieren, wie es die Aufgabe der JournalistInnen ist. Nur das Sujet dieser Texte galt eben bisher per definitionem als „nicht wissenschaftsfähig“: die Selbstbeschreibung nämlich (Es geht hier nicht um den üblichen literarischen Narzissmus à la „Ich bin ja so interessant“, sondern um die formalisierte Selbstbeobachtung eines schreibenden Subjekts. Was diese Selbstbeobachtung dann ergibt, ist aber weder „Literatur“ noch „Wissenschaft“ – die Menschen können es nicht einordnen und exakt das war bzw. ist Wieners „Problem“ (ich setze hier den Begriff Problem in Anführungszeichen, weil ich es eigentlich für das Problem der anderen halte und nicht für Wieners oder Raabs)).

    „fragen wir halt einen Gehirnforscher“ – Raab ist Gehirn-, bzw. Kognitionsforscher und hat in diesem Bereich bisher folgende Auszeichnungen erhalten: Doktorats­stipendium der Öster­reichischen Akademie der Wissenschaften, Erwin-Schrödinger-Stipendium des FWF (Quelle: Homepage des Autors). An seiner wissenschaftlichen Kompetenz dürfte also kaum zu zweifeln sein.

    „Bis dahin kann man sich doch erfreuen, daß das Überraschungsfreie im Individuum nomalerweise kaum ersichtlich ist.“ – Raab interessiert sich aber genau für das Gegenteil: menschliches Verhalten, das für andere Menschen prognostizierbar ist. Und das kennen wir ja auch alle, sonst könnten wir nicht überleben (Auch sehr kleine Kinder wissen, dass das andere Kind böse wird, wenn sie ihm ihr Spielzeug wegnehmen, so meine ich das.).

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  3. Gerhard schreibt:

    Ich versuche zu antworten.

    „Liegt mir fern, ich begeistere mich lediglich für Wissen und versuche, andere damit anzustecken. “
    Von Katie Byron ist mir die Frage bekannt: „Ist das wirklich wahr?“. Sie benutzt das Hinterfragen einer für den Klienten als sicher geltenden Erkenntnis über sich und andere als Startpunkt für weiteres Hinterfragen.
    Es kann sein, daß Dein Satz stimmt. Der Satz „Liegt mir fern“.
    Hast Du das mal gründlich hinterfragt?

    “ Weit voraus“ ist mir suspekt, obwohl es das tatsächlich so gibt. Gewöhnlich streckt sich ein Feld der Skills in einem Gebiet dergestalt, daß eine fühlbare Entfernung zwischen einer Person A und B in ihren Skills entstehen kann.
    Das „Weit voraus“ ist mir aus wohl biographischen Gründen her suspekt. (Die heutigen Wissenschaftlern ersten Ranges sind ihren Kollegen aus dem 19 oder 20. Jahrhundert „weit voraus“, aber nur, weil sie von den Errungenschaften ihrer Vorgänger zehren, von ihren Köpfen essen).
    Ich mag dieses „weit voraus“ einfach nicht. Das „Weit voraus“ ist meiner Empfindung nach ein Geschenk, dem man sich nicht zu rühmen braucht.
    Wenn man etwa mit 5 ein Instrument lernt und beste Trainer/Instrukteure bekommt, dann ergibt sich eine gute Chance, daß man seinen Zeitgenossen weit voraus ist.

    „Fast ganz, nicht ganz“.
    Du hast das Wort „ganz“ ausgelassen. Um dieses Wort ging es mir.
    Du schreibst:
    „…für mich auf jeder Seite dieses unterhaltsamen, gescheiten und fast ganz unzynischen Buchs spürbar ist“,
    Wieso nicht „fast unzynischen Buchs“? oder „nahezu unzynischen Buchs“ oder „fast zynismusfreie Buch“?
    Nenne es Phobie oder Geschmacksfrage oder sonstwas, mich kratzte das „ganz“. Vielleicht ist das aber nicht so wichtig und nur auf meinem Mist gewachsen.

    Mit Schach hatte das also nichts zu tun.

    „ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft“.
    Kann man das wirklich so schreiben, das meinte ich. Das klang für mich seltsam, sorry.
    Daß die genannten Personen Wissenschaftler sind, wusste ich nicht.

    „Menschliches Verhalten, das für andere Menschen prognostizierbar ist“.
    ja, wie läuft denn Entscheidungsfindung ab? Kann Verhalten völlig determiniert werden?Das war doch vor gut 10 Jahren oder so eine wichtige Frage oder ist es immer noch. Ich hatte mich damals nicht sonderlich für diese Fragestellung interessiert.
    Ich hatte mit meiner Bemerkung nur gemeint, daß determiniertes Verhalten in Gänze wohl nicht zu erfassen und daher „unsichtbar bleiben“ dürfte.

    Weiß nicht, ob das erhellend war…ich schick’s mal ab…

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  4. @Gerhard: Superkonstruktive Antwort, vielen Dank (wenn man sich mal ansieht, welcher Ton sonst grade im Netz herrscht)! In die Details:

    Intellektuelle Angeberei: Schuldig in allen Punkten der Anklage. Ich kann zu meiner Verteidigung nur das öde, aber zumindest verständliche „Spaß“-Argument vorbringen, was die Sache nicht einfacher macht, denn fast alle Menschen, die ich kenne, würden zu „Intellektualität“ zwar sehr viel assoziieren – aber zu allerletzt „Spaß“. Ok, dann sag ich’s jetzt mal ganz schlicht: Ja, es macht mir Spaß, Sätze zu bauen, die so kompliziert und mit Bedeutungsoptionen überfrachtet sind, dass sie nur noch schwer nachvollziehbar sind. Ist wirklich so. War schon in der Schule so. Mein Deutschlehrer (der mich mochte) schrieb einmal sinngemäß unter eine meiner Textzusammenfassungen: „Der Sinn einer Textzusammenfassung besteht nicht in der Verrätselung des zusammenzufassenden Textes.“

    „fast ganz“ – Hm, keine Ahnung. Ich mag einfach die Wortkombination „fast ganz“, vielleicht, weil sie etwas in sich Widersinniges hat, aber dennoch verständlich ist (siehe mein Beispiel mit dem „fast ganz schwarzen“ Bild).

    „von Belletristik zu Wissenschaft“ – Das fasse ich jetzt mal als Stilkritik auf. Gut. Klingt komisch. Klingt ein bisschen „falsch“. „Belletristik“ und „Wissenschaft“ sind ja auch eigentlich gar keine „Genres“ (wie etwa „Kriminalroman“ oder „Science Fiction“ Genres sind). Vielleicht ist Formulierung ein wenig überdreht oder so.

    „ja, wie läuft denn Entscheidungsfindung ab?“ – Raabs Roman handelt von der Hybris der behavorial economists, individuelles menschliches Entscheidungsverhalten prognostizieren zu können. Ob sie mit ihren Thesen recht haben oder nicht, ist dabei zweitrangig (auch Raab lässt diese Frage übrigens letztendlich offen). Ihn interessiert eher, wie Staat und Wirtschaft dieses Wissen nutzen, um „Realität“ zu gestalten (Die aktuelle „Nudging“-Debatte gehört hierher) und – vor allem – welche Folgen diese staatlichen/ökonomischen Interventionen für die Gesellschaft haben. Ich sehe darin einen Versuch, den „Angriff der Betriebswirtschaft auf den Rest der Welt“ (=Neoliberalismus) mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Das ist natürlich viel anspruchsvoller, als sich irgendwelchen linkspopulistischen oder rechtspopulistischen Verschwörungstheorien zu ergeben (ich spreche jetzt nicht von dir), weswegen Raabs Buch wohl kaum zum Bestseller werden wird😦 Es braucht deshalb Fürsprecher – und exakt ein solcher möchte ich gerne sein.

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  5. Gerhard schreibt:

    Danke für die „Offenlegung“. Jetzt weiß ich wieder etwas mehr.
    Das Kind, das aufgeregt seiner Mutter einen hohen und verschachtelten Turm an Bauklötzen zeigt, den es vollbracht hat, wird zum Jüngling, der Freude an kapriziösen, komplizierten sprachlichen Konstruktionen oder bedeutungsüberlasteten Sätzen hat.
    So gesehen bekommt das Ganze ein Gesicht.

    Meine stilistischen Anmerkungen, über die ich mich selbst freue, weil sie eine momentane Sensibilität und „Lebenskraft“ anzeigten, hatte ich nur angeführt, weil mir die Stellen im Buschwerk der Sätze so entgegenleuchteten und ich darüber trotz geringer Bedeutung an sich nicht hinweg gehen wollte.

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