„Medialismus“, Roman: 16. Kapitel

ralfcschusterDer Sonntag war viel zu kurz. Ich hatte am Morgen noch Spaß mit der blonden Bedienung, aber sie ging dann ohne Frühstück, musste irgendwohin und fuhr, bevor die anderen aus den Betten krochen. Bei Tina war offensichtlich auch jemand geblieben, sie holte sich zwei Tassen Kaffee aufs Zimmer. Mir war ziemlich schnell klar, dass es Gitarren-Hans sein musste, obwohl Tina es an diesem Tag schaffte, ihn vollständig meinem Blick zu entziehen. Martin, Achim und Stefan kamen gegen zwölf in die Küche und wollten möglichst schnell aufbrechen, weil die Strecke nach Berlin jetzt, mit geöffneter Grenze, keineswegs schneller ging, sondern wegen einiger Baustellen überhaupt nicht einzuschätzen war. Beim Kaffee ereiferte sich Martin nochmal über die grandios sinnlose Integration seiner Gummientensammlung in den falschen Film und versteifte sich in die Aussage, dass der Film unbedingt in Berlin laufen müsse.

Ich widersprach, meinte, ich hätte ja schon ab und zu Filme zu Festivals geschickt, aber die zeigten ja immer nur das, was ich als sogenannten konzeptuellen Edelmist bezeichnete. Genau, aber der falsche Film sei doch konzeptueller Edelmist, wie man ihn sich besser nicht vorstellen könne. Nein, überhaupt nicht, der ist Trash, Genialer Dilettantismus, aber ein bisschen zu wenig genial. So ein Schmarrn, warf Achim ein, und Martin sagte, ich sei vom Leben auf dem Land desensibilisiert für die ästhetischen Nuancen, woraufhin ich die kulturelle Überfütterung in den Metropolen anprangerte, die die Künstler scharenweise in stilistische Extremgebiete hineintreibe, wo es nur noch darum ginge, dass man was „total Abgefahrenes“ mache, auch wenn es keinen Sinn hätte, oder vielmehr sei die totale Sinnlosigkeit eines der typischen Merkmale dieser „total abgefahrenen“ Kunstverwirrungen und das fände eben auch in den Film- und Videofestivals seinen Niederschlag; rein konzeptuelle Kopfgeburten, humorlos, aber unermüdlich von ästhetischen Totalverweigerern zusammengefummelt, dominierten oder vielmehr blockierten die Leinwände, so dass für diejenigen, die etwas unverkrampfter an die Materie herangingen, kein Platz mehr sei.

Jetzt fing Stefan an, zu widersprechen, der sowohl bei der „Ars Electronica“, als auch in irgendwelchen Hinterhofkinos unzählige beeindruckende filmische Werke gesehen hätte, die er mir am liebsten alle erzählen wollte, vor allem erklärte er auch noch die Konzepte und wenn ich mir nicht den Sonntag verderben lassen wollte, musste ich diese Litanei abwürgen. Deshalb holte ich die Spule mit dem falschen Film und gab sie Martin, er solle aber aufpassen und dann könne er sich drum kümmern, den Film in Berlin zu zeigen, ich würde dann vielleicht auch mal wieder vorbeikommen, zumal, was Sabine anging, die Luft rein war. Ein paar Umarmungen am Auto, dann brausten sie davon.

Im Hof stand das Fahrrad von Gitarren-Hans, aber ihn selbst bekam ich an dem Tag nicht zu Gesicht und Tina war nur ein paar Mal als vorbeihuschender Schatten zu sehen. Stattdessen überraschte mich Maria, die mich anrief, ob ich mit ihr Kaffee trinken wolle und ob ich dann auch die Videokassette mit den Reitturnieraufnahmen mitbringen könnte. Charmant, aber vergebens, denn auf Pferde hatte ich gerade gar keine Lust, es graute mir auch schon vor dem Montag, an dem ich wieder zum Schrebergartenfernsehen zurückmusste. Viel lieber hätte ich mir die Aufnahmen meiner Mülltonnenperformance auf einem großen Fernseher angeschaut, aber da ich keinen S-VHS-Rekorder zu Hause hatte und die professionellen BNC-Buchsen an der Kamera nicht mit den Kabeln zusammenpassen wollten, die an Tinas kleinem Fernseher hingen, packte ich die Kamera an dem Tag gar nicht aus. Ich musste dann aber am Montagmorgen dringend Ulrich sagen, dass meine wichtigen künstlerischen Aufnahmen auf dem gleichen Band aufgezeichnet waren wie das Turnier, damit er die Kassette nach dem Schnitt beiseitelegte, oder mir eine Kopie zog.

Aber als ich ins Büro kam, Kamera am Arm und das Stativ geschultert, wollte mich der hektische Redakteur am liebsten gar nicht rein lassen, weil er meinte, ich solle dringend in die Kirche, in den großen Dom, dort sei die Polizei am Spurensichern, weil ein Diebstahl geschehen sei, und wenn ich erst am Tatort einträfe, wenn die Polizei schon weg sei, dann hätte ich den wirklich schrecklichen Fall, dass ich das NICHTS filmen müsse und das sei das Schlimmste, was uns Fernsehbildberichterstattern passieren könne. Er erlaubte mir gerade mal, die bespielte Kassette mit den Pferdeaufnahmen auf den Stapel zu legen, wo sie Ulrich oder ein anderer Cutter, wer immer es auch sein möge, finden könnte, denn es hatte ja geheißen, dass die Pferdegeschichte gleich am Montag geschnitten werden müsse. Dann schnappte ich mir einen Stapel Akkus und ging mit dem Redakteur in den Dom, der nur ein paar hundert Meter vom Büro entfernt war. Das ist ganz schön weit, wenn man es eilig hat und schwer tragen muss. Aber die Verkehrsführung und die Tiefgaragenausfahrt waren so ungünstig, dass wir gemeinsam der Meinung waren, es sei einfacher, das Auto stehen zu lassen.

Es stellte sich heraus, dass die Hetzerei unnötig gewesen war, da die Polizeibeamten, die in einem Seitenschiff des Domes rings um eine Absperrung herumstanden, die wir für den Tatort hielten, sehr wortkarg waren. Wir konnten nicht erkennen, ob sie etwas taten und, wenn ja, was. Diese unidentifizierbare Tätigkeit schienen sie in Extremzeitlupe zu erledigen. Keiner verriet, ob er etwas wissen würde, oder ob er dieses Wissen preisgeben durfte. Trotzdem machte ich einige Aufnahmen, wobei mich die Polizisten mürrisch anschauten, aber offensichtlich hatten sie keine klare Anweisung erhalten, dass das Filmen und Fotografieren nicht erlaubt sei.

Schließlich hastete ein Geistlicher in brauner Kutte vom Seiteneingang auf uns zu, zwei Fotografen klebten an seinen Fersen. Er gestikulierte und redete ununterbrochen, schaffte es dabei, uns zu begrüßen, ohne in seinem Redeschwall nachzulassen. Während die Fotografen wild losblitzten, bekamen auch wir erklärt, dass der heilige Liborius entwendet worden sei, oder vielmehr der letzte Knochen, der von ihm übriggeblieben war. Den heiligen Liborius kannten wir natürlich nicht, aber so langsam verstanden wir, dass eine Reliquie samt Reliquiar fehlte, also das Überbleibsel eines Heiligen mitsamt der Aufbewahrungsdose. Da gab es wirklich nicht viel zu filmen, zumal die Polizisten trotz des Redeschwalls des Geistlichen nicht aus ihrer Zeitlupe erwacht waren.

In der Dombibliothek sollte es ein Foto vom geklauten Reliquiar geben, da gingen wir also auch noch hin, wiederum zu Fuß und filmten das Foto ab. Das machte man damals so, weil es keine E-Mail und keine digitalen Fotos gab. Bestenfalls gab es Faxgeräte, die die Fotos zu schwarzweißen Bilderbrei verunstalteten. Aber im Nachrichtenbereich waren die Faxgeräte damals das bevorzugte Kommunikationsmittel. Alles, was es an Pressemitteilungen und Neuigkeiten gab, wurde über Faxgeräte gesendet. Als wir in die Redaktion zurückkamen, hatte sich dort schon ein beachtlicher Haufen an Faxpapier angesammelt. Alles unbearbeitete Themen, um deren Sortierung sich der Redakteur nicht kümmern konnte, weil der den gestohlenen Heiligen zu wichtig genommen hatte, was ihn jetzt natürlich ärgerte.

Maria, die als Praktikantin an einem Schreibtisch in der Ecke saß, bekam einen Anschiss, weil sie die Faxe noch nicht vorsortiert hatte, woraufhin sie sich verteidigte, dass sie ihre Zeit mit der Suche nach dem Pferdeturniermaterial verplempert hätte und Ulrich würde mich dringend brauchen, um ein Problem zu lösen. Der Redakteur, der gerade das meterlange Faxpapier überflog, meinte, ich solle jetzt mal kurz dableiben, damit wir gleich besprechen könnten, was heute zu tun sei und ich erklärte Maria gereizt, dass ihr Reitturnier doch dort sei, wo es hingehöre und sie meinte wiederum, dass sie es aber nicht finden könne. Um 11 sei die Pressekonferenz im Rathaus, da müsst ihr hin, ließ der Radakteur ungeachtet unseres Disputes verlautbaren, und um 14 Uhr kümmert ihr euch um das Technische Hilfswerk, die haben eine neue Koordinationszentrale für Katastropheneinsätze.

Jetzt durfte ich abtreten, zu Ulrich in den Schnittraum, bei dem auf allen Monitoren Bilder vom letzten Hochwasser zu sehen waren. Ich glaube, es ist was schiefgelaufen, meinte er, während er eine Kassette wechselte. Was denn, fragte ich. Du musst zurückspulen, weil wir hinter den Pferden noch was aufgenommen haben. Eben nicht! Über die Pferde, da schau … hier ist ein Pferd … er zeigte mir eine kurze Aufnahme, die ganz am Anfang des Turniers entstanden sein musste, dann flimmerte das Bild, Störstreifen und es baute sich langsam das neue Bild auf, ich und die Mülltonne. Mach lieber mal die Tür zu, sagte Ulrich und ich starrte gebannt auf meine Performance, von der weite Bereiche im tiefen Schwarz verschwanden, aber das Blech schepperte bei jedem Schlag unglaublich laut, so dass man gut hören konnte, was man wegen der schlechten Belichtung nicht sah. Das ist nicht lang, stotterte ich, und in der Tat, Ulrich spulte kurz, indem er an einem der Jog-Räder der Schnittsteuerung drehte, da sahen wir, wie ich gerade mit der Mülltonne fertig war, den Vorschlaghammer hinschmiss, kurz ein Pferd erscheinen, es hoppelte über den Parcours, und dann kamen nochmal Aufnahmen von unserer Party, auf denen Martin seine beiden Freunde filmte und ich gar nicht zu sehen war. So ein Mist, das konnte doch nicht wahr sein, was hatte dieser Idiot gemacht? Ulrich spulte wieder etwas vor, dann war tatsächlich Maria zu sehen, wie sie ins Ziel einritt, aber die Aufnahme war nur mittelmäßig, weil ich es darauf angelegt hatte, ihren gesamten Parcours zu erwischen. Dann die Siegerehrung und schon brach das Bild wieder zusammen. Es folgte meine Aufnahme von der Filmschleifeninstallation.

Das konnte doch nicht wahr sein! Wir Idioten hatten das Material vom Pferdeturnier überspielt! Ich hatte mir so viel Mühe gegeben, möglichst kurz und knapp zu filmen. Deswegen war nun fast alles weg. Ich brauche immer erst mal zehn Sekunden für den Preroll, sagte Ulrich, dann bleibt fast gar nichts mehr übrig. Es sei denn, ich ziehe erst mal ‘ne Crash-Kopie. Das sollen wir aber nicht machen, wegen dem Qualitätsverlust beim Kopieren. Wenn Cutter mit ihren vielen Fachausdrücken argumentierten, war ungewiss, ob sie nicht wollten, oder wirklich nicht konnten. Du musst da noch was rausholen, bat ich ihn, und er antwortete, das wird anstrengend.

Maria steckte plötzlich ihren Kopf zur Tür herein. Ich schaute sie schuldbewusst an und sagte, Scheiße, es ist das Schlimmste passiert, was passieren kann. Ulrich drückte wirr auf ein paar Tasten seiner Schnittanlage und fügte ganz sachlich hinzu, es sei nur das Zweitschlimmste. Maria reagierte überhaupt nicht darauf. Wir müssen los, sagte sie, ins Rathaus, Pressekonferenz. Tatsächlich, schon 20 vor 11. Also wieder ran an die Kamera, Akkus holen, Kassette einlegen und möglichst geschäftig tun, um von der Katastrophe mit den Pferdebildern abzulenken. Solange Maria nicht fragte, brauchte ich nichts sagen, aber das waren nur 30 Sekunden. Als wir am Lift standen und warteten, schaute sie mich mit einem merkwürdig undefinierbaren Gesichtsausdruck an und fragte, ob ich denn nun das Material vom Reitturnier gefunden hätte. Ja! Ich konnte bestätigen, dass ich es gefunden hatte, aber ich musste, als wir im Lift nach unten fuhren, einschränkend hinzufügen, dass das Material nicht ganz in Ordnung sei. Wie? Nicht in Ordnung? Nicht vollständig, da fehle wirklich ein Teil und ich könne auch nicht erklären, wie das habe passieren können und ich dachte mir gleichzeitig, dass ich natürlich wusste, dass es daran lag, dass wir das Material gelöscht hatten, aber ich meinte genaugenommen, dass ich mir nicht erklären konnte, WIE wir es gelöscht hatten, zumal wir nur geringfügig betrunken gewesen waren.

Wenn was schief geht, soll es so aussehen, als sei die Technik schuld, die Technik verstehen nur die Techniker und wenn ich genauer darüber nachdachte, schien es mir wirklich nicht nachvollziehbar, wie uns das passieren konnte, die einfachste Erklärung war wirklich, dass der Camcorder von alleine die Rückspulfunktion ausgelöst und uns damit ein bösen Streich gespielt hatte. Vielleicht waren es aber auch die Mainzelmännchen gewesen. Wie unvollständig, fragte Maria, weil ich gar nichts mehr sagte, sondern nur vor ihr her zum Auto trottete und einlud. Sollte ich ihr gleich gestehen, wie unglücklich die Lage war, oder konnte ich sie ein bisschen vertrösten, damit sie noch Hoffnung hatte, während wir gemeinsam unterwegs waren? Ziemlich unvollständig, sagte ich schließlich beim Einsteigen, ich drehe dir dafür einen schönen Bürgermeister. Aber ich will keinen Bürgermeister, sondern die Pferde! Oh nein, du brauchst auch den Bürgermeister, vergiss die Pferde! Die vergesse ich nicht, und weißt du, dass in zwei Wochen das nächste Turnier stattfindet? Sie war hartnäckig, aber offensichtlich trug sie es mit Fassung.

Die Pressekonferenz erheiterte uns, weil der Schlips des Bürgermeisters genau die gleiche Farbe hatte wie die Bluse seiner Referentin und der Presssprecher die passenden Socken dazu trug. Sie berichteten über die üblichen Banalitäten: Straßenbau, Gebührenerhöhung und Hochwasserschutz. Zu guter Letzt fiel ihnen aber tatsächlich ein, dass im Dom die Reliquie des heiligen Liborius entwendet worden sei, was ja gar nicht ihre Zuständigkeit berühre, da es eine reine Kirchenangelegenheit sei, aber der Bürgermeister mit seinem orangefarbenen Schlips wies darauf hin, dass die Stadt unter dem besonderen Schutz des Heiligen stehe und er inständig hoffe, dieser Schutz bliebe auch erhalten, wenn die Reliquie verschwunden sei. So ein Unfug, dachte ich mir und freute mich, dass die Referentin den Bürgermeister angesichts dieser Aussage stirnrunzelnd und strafend anschaute. Aber der Pressesprecher setzte noch einen drauf und empfahl den Bürgern der Stadt, zu beten. Da hätte ich mich fast verschluckt und musste meinen Heiterkeitsausbruch unterdrücken. Die hofften, sie könnten die Reliquie wieder herbeibeten. Und ich hoffte, Ulrich würde unterdessen irgendwie unser gelöschtes Pferdematerial herbeizaubern, tat er aber nicht. Als wir zurückkehrten, war er immer noch mit den Hochwasserbildern beschäftigt, die für den Studiogast vom Katastrophenschutz vorgesehen waren. Er schimpfte leise vor sich hin, dass ihm das alles nicht gefalle, das Rohmaterial nicht, der Schnitt nicht und die Probleme mit Kameramännern, die ihr eigenes Material löschten, gingen ihm auch ganz schön auf den Sack.

Und mir geht die Kamera auf den Sack, entgegnete ich, denn ich war gerade dabei, einen Test durchzuführen. Am Schnittplatz gab es eine große Digitaluhr mit Sekundenanzeige, die filmte ich, stoppte dann die Kassette und spulte zurück. Schaute mir dann die Uhr im Sucher an. An der Uhr konnte ich genau ablesen, wann ich die Kassette stoppte. Man hörte am Geklacker des Laufwerkes, dass der Recorder das Band ausfädelte. Als ich in Aufnahmebereitschaft ging, klackerte es nochmal, der Rekorder fädelte das Band wieder ein. Bei Videorekordern wird das Band um eine große Kopftrommel herumgeschlungen, und die Kopftrommel dreht sich in einem Affenzahn, denn es müssen ja 25 Bilder in jeder Sekunde aufgenommen werden, und jedes Bild besteht aus 768 Zeilen und für jedes Bild schreibt der Magnetisierungskopf, der sich auf der rotierenden Kopftrommel befindet, eine schrägliegende Spur auf das Magnetband. Es war beachtlich, dass das alles überhaupt funktionierte. Aber wie ich bei der Aufnahme von der Digitaluhr sehen konnte, sorgte dieser Mechanismus dafür, dass das Band beim Einfädeln, oder beim Ausfädeln, zwanzig Sekunden nach hinten gezogen wurde, und deshalb wurden diese zwanzig Sekunden gelöscht, wenn man das Bandmaterial spulte, stoppte und erneut eine Aufnahme startete.

Das erklärte, warum beim Reitturnier einige kleine Stellen fehlten, aber es war natürlich keine Entschuldigung für unser Versagen auf der Party. Trotzdem erleichterte es mich, ich konnte dem Camcorder eine Mitschuld anhängen und von mir ablenken. Das versuchte ich auch, als Maria nochmal zu uns kam. Sie fragte, ob wir gerade löschten oder was Konstruktives machten. Die Kamera ist schuld, rief ich und es schien sie zu freuen. Der launische Chef hätte ihr, obwohl er nichts von unseren Problemen wusste, gesagt, dass vom Turnier nur eine Kurznachricht gesendet werden solle, weil wir einen anderen Beitrag hätten, der dringend auf Sendung müsse, damit der Werbekunde nicht sauer werde. Ich atmete auf und Ulrich sagte, eine Kurznachricht könne er uns schnell zusammenhacken, inklusive Maria auf dem Pferd.

Auch wenn das alles etwas komplizierter sei mit dem zerstückelten Material, mit den daraus resultierenden Timecodesprüngen, den Widrigkeiten, die angeblich den Cuttern das Leben erschweren, dabei sitzen sie doch immer im Warmen, machen sich darüber lustig, dass die Kameramänner irgendwas falsch gemacht hätten und halten sich in der Regel für cool, wenn sie in möglichst hohem Tempo auf den Knöpfen ihrer Schnittsteuerung herumhacken und auch beim Schnelldurchlauf erkennen, was auf den Bändern drauf ist. Als Kameramann war man angreifbarer, wenn da was schiefging, war es im schlimmsten Fall unwiederbringlich verloren, so wie Marias Pferdeaufnahmen. Die Angst, ich gehe irgendwo hin und filme, aber dann, wenn ich zurückkehre, ist nichts auf den Bändern, oder das falsche, oder ich schaffe es gar nicht, bis zu dem Ort zu kommen, wo ich die Aufnahmen machen soll, ließ im Lauf der Jahre nach, machte sich aber in schwachen Momenten immer wieder bemerkbar.

Diesmal kam ich trotz allem glimpflich davon, stattdessen war es Maria, die eine kritische Bemerkung vom Chef über sich ergehen lassen musste. Das war nicht ganz fair von mir, denn bei der Abendbesprechung hielt ich einen geschwätzigen Vortrag darüber, dass man mit den neuen Camcordern höllisch aufpassen musste, weil sie, wie ich herausgefunden hatte, bis zu 20 Sekunden löschten, wenn man im Material herumspule. Das hatte noch nicht mal der uncoole Kameramann herausgefunden und der Chef bedankte sich für meine gewissenhafte Technikkontrolle, ohne zu fragen, wieso ich diese Tests eigentlich gemacht hatte.

Die Kurznachricht über das Pferdeturnier wurde dann erst im weiteren Verlauf der Besprechung vom Chef als ziemlich unzusammenhängender Mist beschimpft, wobei er Maria als Sündenbock ausmachte und ihr empfahl, sie solle nicht selber reiten, wenn sie fürs Fernsehen unterwegs sei. Mein peinliches Versagen blieb dabei unerwähnt, Maria und Ulrich, die als einzige davon wussten, hielten die Klappe und ich sagte auch nichts.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 16. Kapitel

5 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 16. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Bestens! „Wenn was schief geht, soll es so aussehen, als sei die Technik schuld, die Technik verstehen nur die Techniker“ – und ich bin kein Techniker, Hurra!

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  2. robertweber schreibt:

    „Die Pressekonferenz erheiterte uns, weil der Schlips des Bürgermeisters genau die gleiche Farbe hatte wie die Bluse seiner Referentin und der Presssprecher die passenden Socken dazu trug.“

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  3. Gerhard schreibt:

    Feines Kapitel !
    Finde ich schon witzig, diese Sache mit der Melange aus Pferdeturnieraufnahmen und Mülltonnen-Bashing.

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