„Medialismus“, Roman: 18. Kapitel

ralfcschuster

Der Winter kam und das Leben wurde anstrengender. Mit dem Fahrrad zwischen Stadt, Bahnhof und Dorf hin und her zu fahren machte bei Kälte keinen Spaß und wenn ich dann nach Hause kam, war es ungemütlich, weil unser Gehöft nur in der guten Stube und in der Küche ordentlich zu beheizen war. Obwohl die Arbeit den Reiz des Neuen inzwischen verloren hatte, empfand ich es immer wieder als spannende Herausforderung, die reale Welt mit der Kamera so einzufangen, dass ich dies als ästhetische Aufwertung sah. Also, vereinfacht gesagt: Das Bild soll schöner sein als die Realität. Das ist Jahrzehnte später immer noch die gleiche Problemstellung und immer wieder eine anspruchsvolle Aufgabe, an der man sich beweisen kann und die mich immer noch beschäftigt. Aber zum Glück nicht in der Fließbandarbeitsweise wie damals beim Lokalfernsehen, wo ein Termin den nächsten jagte. Wo die Mitarbeiter ständig wechselten. Wo man es kaum schaffte, eine private Verabredung einzuhalten, weil so oft unerwartete Termine dazwischenkamen.

In unserer Scheune war immer noch kein Kulturzentrum entstanden, aber ein notdürftig eingerichteter Proberaum, in dem Gitarren-Hans mit Tina und einigen anderen Musikern eifrig übte. Die Akustikgitarre hatte Hans an den sprichwörtlichen Nagel gehängt, er sang jetzt in Englisch und Tinas Brumm-Synthie passte nicht so richtig zum restlichen Sound. Da gab es dann immer wieder Uneinigkeiten zwischen den beiden, was aber bestimmt nicht nur am Sound lag, sondern vermutlich an der Hierarchie, wer den Sound zu bestimmen hatte. Wenn eine Beziehungskrise angesagt war, kam Tina abends zu mir und wir unterhielten uns über die Welt und andere Banalitäten. Wenn es hingegen gut mit den beiden lief, sah ich sie oft tagelang gar nicht. Als es im Januar und Februar noch kälter wurde, wollte niemand mehr in der Scheune proben, und Tina blieb oft mehrere Tage lang in der Wohnung von Gitarren-Hans.

In der Szenekneipe lies ich mich mit beginnendem Frühling nicht mehr blicken, weil die blonde Bedienung die Nase voll von meiner Unverbindlichkeit hatte. Sie fragte mich an einem Abend ganz unerwartet, was ich von ihr will und weil mir keine romantische Antwort einfiel, schwieg ich. Daraufhin holte sie sich ihre Zahnbürste aus dem Bad und ging. Vielleicht schlief sie jetzt mit einem anderen oder verzichtete erst einmal auf Sex. Ich verbrachte also viele Abende allein in unserem Gehöft.

Wenn ich mich an die Schreibmaschine setzte, um etwas Geistreiches oder Konzeptionelles zu schreiben, fielen mir meist nur unzusammenhängende Kleinigkeiten ein, es fehlte entweder an Konzentration oder an Inspiration. Darum zeichnete ich viel, zeichnete Blatt für Blatt eines kritzeligen Animationsfilmes. Das war nach der anstrengenden Arbeit beim Lokalfernsehen eine gute Entspannung. Beim Zeichnen musste ich nur ab und zu eine neue Szene entwerfen, was mit kreativer Konzentration verbunden war, dann vergingen etliche Stunden oder Tage mit der routinehaften Ausarbeitung. Ich zeichnete mit Füller und verwendete dünnes Schreibmaschinendurchschlagpapier, das damals noch überall billig zu haben war. Weil das Papier so dünn war, wuchs der Stapel mit den fertigen Bildern sehr langsam.

Nebenbei hatte es inzwischen geklappt, einige Filmabende mit Lesung zu organisieren, also eine Mischung aus meinen Filmen und Texten. Die Idee dazu war mir gekommen, weil mir der „Falsche Film“ fehlte. Das Filmprogramm mit denjenigen Filmen, die mir gefielen und gut zusammenpassten, war zu kurz. Dann stellte sich heraus, dass meine Kurzgeschichte, die sich mit dem unrühmlichen Ende des Filmes beschäftigte und die Auszüge aus dem Drehbuch, die ich vortrug, viel besser beim Publikum ankamen als der Film selbst.

Durch Zufälle ergab es sich, dass ein Kontakt nach Berlin zustandekam, genau zu jenem Hinterhofkinoprogrammdirektor, der in Martins Anwesenheit den Verlust des falschen Filmes mit Krokodilstränen beweint hatte. Ich lernte seine Schwester bei einer meiner Lesungen/Filmvorführungen in Süddeutschland kennen. Wir unterhielten uns nach meinem Programm angeregt über die damals angesagten intellektuellen Filme, die ich zum größten Teil nicht gesehen hatte, über die ich aber trotzdem genügend wusste, um mitreden zu können. Schließlich versuchte ich das Gespräch so zu lenken, dass sie mir ihre Telefonnummer geben würde, aber dann erwähnte sie das Hinterhofkino ihres Bruders in Berlin und letztendlich kam ich in beiderlei Hinsicht voran: mit ihr traf ich mich danach immer wieder in unserem ambitionierten Kleinstadtkino und gleichzeitig vermittelte sie mir den Kontakt zu ihrem Bruder, was bewirkte, dass wir einen Filmabend an einem Samstag im Sommer organsierten. Als der Termin festgelegt war, ging ich gleich zum Chef und sagte, dass ich an dem Wochenende auf keinem Fall arbeiten könne, irgendwann muss man auch mal Urlaub haben. Er nickte nur und tat so, als würden wir doch sowieso frei über unsere Zeit verfügen. Inzwischen war ich seit fast einem Jahr dabei, hatte noch eine zweite Lohnerhöhung bekommen und gehörte wegen der hohen Fluktuation tatsächlich schon zum angestammten Personal.

Diesmal wollte ich mit dem Zug nach Berlin fahren, denn die Autobahnstrecke durch die neuen Bundesländer entwickelte sich gerade zur Endlosbaustelle und Trampen verlor zunehmend an Sozialprestige, was mich nicht weiter gestört hätte, aber da ich gleich am Freitag nach der Arbeit los wollte, bot es sich an, mit dem Bummelzug zu starten und dann in einen Nachtzug umzusteigen, der von München nach Berlin fuhr. Damals gab es in den sogenannten D-Zügen sechssitzige Abteile, die man zu einer großen Liegewiese zusammenschieben und dann die Vorhänge zuziehen konnte. Wenn man eines der Abteile ergattert hatte, war das Reisen sehr komfortabel. Aber zunächst standen Tina und ich ratlos im Flur. Wir zogen einige Türen auf, aber in jedem Abteil kauerten entweder südeuropäisch wirkende Großfamilien oder bunt zusammengewürfelte Reisegruppen. Platz gab es für uns anscheinend keinen. Schließlich setzten wir uns in den Flur auf die Klappsitze und rauchten erst einmal.

Tinas Entschluss, mich zu begleiten, war ganz schnell gekommen. Am Mittwoch hatte sie mich gefragt, was ich am Wochenende tun wolle, am Donnerstag sagte sie mir, dass sie mitkomme. Sie werde bei einer alten Freundin übernachten und gemeinsam mit der alten Freundin wolle sie zu meiner Filmvorführung kommen, denn die alte Freundin wohne nur ein paar Straßenecken entfernt vom Hinterhofkino und wolle selbst auch unbedingt einen Film drehen. Dann soll sie es versuchen, sagte ich mit leichter Boshaftigkeit. Womöglich war es eine von denen, die glaubten, sie müssten die Kamera nur in die Hand nehmen und könnten dann alles besser. Nein, das würde ihre alte Freundin bestimmt nicht denken, sie wisse ja nicht mal, wie die Kamera funktioniere, und Tina solle mich mitbringen, weil sie erstmal herausbekommen müsse, was da für Filme rein gehörten. Oh Gott, die weiß also gar nichts, da muss sie sehr hübsch oder sehr nett sein, damit ich sie in die Geheimnisse des filmischen Filmens einweihe. Das ist sie, beteuerte Tina, ohne auf meine Provokation einzugehen, und sie, Tina, würde dann ja Kamera führen, wenn ich herausgefunden hätte, was für ein Format es sei. Aha, und wann soll das alles stattfinden, vor allem wo, und mit wem?

Mal sehen, sagte Tina, dann musste sie aufstehen, ein schlaksiger junger Kerl mit wirren Locken und einem riesigen Rucksack wollte an uns vorbei. Hinter ihm seine kleine Freundin, die den größeren ihrer beiden Rucksäcke auf dem Rücken und den kleineren vor dem Bauch trug, außerdem noch eine Jutetasche in der Hand. Obwohl sie kaum durch den engen Gang passte, schaffte sie es dann doch, sich an uns vorbeizuquetschen. Tina wollte sich schon wieder auf den Klappsitz fallen lassen, aber erst einmal mussten wir prüfen, wo die beiden herkamen. In der Tat stellte sich heraus, dass sie ein ganzes Abteil für sich alleine gehabt hatten, alle Sitze zusammengeschoben, die Gardinen zugezogen. Wir sprangen schnell rein. Als der Zug am Bahnhof hielt, lagen wir unter unseren Schlafsäcken und taten so, als seien wir schon seit Stunden im Tiefschlaf. Es stiegen nur wenige Reisende ein, niemand interessierte sich für unser Abteil und so blieben wir allein.

Wir hätten die besten Bedingungen gehabt, gut zu schlafen, ohne Aufpreis und ohne Reservierung, aber wir taten es nicht, stattdessen beschwerte sich Tina darüber, dass unser Leben auf dem Land langweilig sei, dass sie keine Lust mehr hätte, an der Theke meiner ehemaligen Lieblingskneipe zu stehen und den völlig verblödeten Trinkern, die dort allabendlich herumlungerten, ihre traurigen Dorfalltagsneurosen zu therapieren, dass ihr auch Gitarren-Hans eigentlich am Arsch vorbeiginge. Seine selbstgefällige Weltverbesserungsinszenierung diene nur seinem auf Dur und Moll getrimmten Ego, aber sie würde sich ja immer in die falschen Typen verlieben, die falschen Freunde haben, Freunde, die entweder teilnahmslos und antriebsschwach wären, oder angepasste Spießer und eigentlich sei ich es doch gewesen, auf den sie immer ihre Hoffnung gesetzt hätte, ich und meine Filme, da wäre doch so viel Wahrheit drin gewesen, in den Dialogen, wenn man genau hinhöre und sie verstehe. Vieles sei ja einfach nur Unfug und witzig, aber sie habe die Filme schon so oft gesehen, sie wisse, dass da mehr drinstecke als eine billige Aneinanderreihung von Gags, das sei nicht nur Komikerhandwerk, wie es die Unterhaltungs- und Fernsehbranche tagtäglich ausspucke. Die Filmemacher, die Filme fürs Fernsehen oder fürs Kino machten, seien ja, mit wenigen Ausnahmen, nur Handwerker, die ihr Handwerk dazu benutzten, den emotionalen Gaumen der Zuschauer im richtigen Rhythmus zu kitzeln, eine Prise Humor, ein bisschen Gesellschaftskritik und ein fetter Batzen Spannung, oder, noch schlimmer, „Action“, das sei doch alles nur eine industrielle Instrumentalisierung unserer Gefühle, um uns dann ein Happy End überzustülpen wie wärmende Filzpantoffeln.

Sie habe es so sehr genossen, als Martin in der „Rückbesinnung“ den schönen Satz: „Was ich nicht bemerke, gibt es nicht.“ gesagt habe. Das werde mich vielleicht wundern, dass gerade dieser Satz solch eine Wirkung auf sie gehabt habe, aber es sei nicht der einzige gewesen, viele Sätze in meinen Filmen schienen ihr wie eine Öffnung aus der Scheinwelt, in der wir behütet und ruhiggestellt vor uns hinlebten, hinein in eine andere Welt, die eine Essenz dessen sei, was wir fühlten, was wir liebten, was uns in den Wahnsinn treibe, diese Gefühlsverwirrung, die wir für das einzig Erstrebenswerte hielten. Was soll denn das sein, das ist doch völlig irreal, das ist doch esoterisch, warf ich ein, doch sie war nicht zu bremsen, da muss doch etwas sein! Muss gar nicht! Nein, ich glaube nicht, dass du nicht daran glaubst, sagte sie. Oder hast du schon alles vergessen? Was sollte ich vergessen haben? Ich wusste es nicht, ich wusste ja auch nicht, was ich glaubte, und was nicht. Aber Tina brach die Diskussion ab, drückte ihren Körper an meinen und küsste mich.

Unsere Zungen umschlangen sich, als könnten sie die mangelnde Übereinstimmung unserer Gedanken wieder wettmachen, die Hände schoben sich unter die Unterhemden, in die Unterhosen. Tina hatte einen unvorstellbar sanften Hintern, der sich fantastisch anfühlte. Sie küsste mich immer noch leidenschaftlich und ich dachte mir, dass wir jetzt miteinander schlafen müssten, denn es könnte sein, dass sich nie wieder im ganzen Leben die Gelegenheit bieten würde, im Zug Sex zu haben und alle davorliegenden Gelegenheiten, es waren ganz wenige, hatte ich ungenutzt verstreichen lassen. Das dachte ich damals, obwohl ich gar nicht wissen konnte, dass sich der Schienenverkehr immer mehr zu individualisiertem Reisen in Großraumabteilen entwickeln würde, wo alle nur noch in ihre mitgebrachten Laptops und Tablets hineinschauen. Was Tina dachte und wollte, versuchte ich zu verstehen, doch ich kam zu keinem Ergebnis. War es Sehnsucht? War es ihre Sehnsucht, der bösen Realitätswelt zu entkommen, die sie in meine Arme trieb? Waren es meine Vorurteile und mein mangelndes Einfühlungsvermögen, die mir die Vermutung nahelegten, Tina beginge gerade den fatalen Fehler, dass sie Liebe als Handlungsoption sah, um der schlechten Welt zu entkommen und dann, wiederum falsch, Sex mit Liebe gleichsetzte?

Ich vertrat die Meinung, dass auch die Liebenden in der schlechten Welt drinbleiben, drinbleiben müssen, es gibt kein Entkommen. Aber das waren nur wirre Gedankenfetzen, während ich zur Kenntnis nahm, dass sich nun tatsächlich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben Sex im Zug anbahnte, der dann etwas fahrig, aber weitgehend ruhig vollzogen wurde. Als der Zug langsamer wurde und verdächtig viele Lichter vor dem Fenster vorbeihuschten, zog ich mir meine Unterhose wieder an. Das musste mal sein, sagte Tina, und ich rätselte, ob es mal mit mir oder mal im Zug habe sein müssen.


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„Medialismus“, Roman: 18. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 18. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Das musste mal sein…
    endlich mal ein volles Bekenntnis zum Leben! Ohne Wenn und Aber! Fett muss es gedruckt werden in den Annalen!
    Der Protagonist aber dachte danach nur sein „Ich vertrat die Meinung, dass auch die Liebenden in der schlechten Welt drinbleiben, drinbleiben müssen, es gibt kein Entkommen“, anstelle mal „Prost! oder Hurra!“ zu schreien!
    Ja, somit eine vergebene Chance😉

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  2. @Gerhard: Jaja, das ist das Problem mit den Realisten (im Roman vertreten durch den Protagonisten): sie sind so verdammt realistisch. Und vom wahren Realismus ist es ja immer nur einen Schritt weit weg zum Depressionismus.

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