Heisterhagen über eine Paradoxie „neoliberalen“ Denkens

Wer dagegen ist, dass der Staat den Kapitalismus zivilisiert, der ist letztlich gegen den Kapitalismus selbst, weil der Kapitalismus nämlich, sobald er nicht mehr geordnet werden kann, eben tendenziell jene Privilegien erzeugt, die Wettbewerb aushebeln.

Nils Heisterhagen: „Theorie und Wirklichkeit des Neoliberalismus“ (CARTA 2015-08-22)

Heisterhagen über eine Paradoxie „neoliberalen“ Denkens

2 Gedanken zu “Heisterhagen über eine Paradoxie „neoliberalen“ Denkens

  1. JJäger schreibt:

    Es ist gut, den Begriff „Privileg“ ausnahmsweise mal in einem vernünftigen Kontext zu finden, nämlich nicht dem von Identitätspolitik. Da man in der Postmoderne relativ flexibel war, seine eigene Identität zusammenzustellen, war der Begriff „Privileg“ ein wunderbares Instrument, auf alle einzuprügeln (übrigens immer nach unten!) die in Schlagreichweite waren, indem man sie als privilegierter dargestellt hat.

    Komischerweise wird das Konzept des „Privilegs“ dort niemals gegen reiche Eliten eingesetzt. Warum? Weil das unmöglich ist, solange ich nur äußerliche körperliche Merkmale als Privilegien sehe. Das Ziel einer unprivilegierten Gesellschaft läge darin, dass jeder die gleichen Chancen hat, an der Spitze zu landen, egal welche Hautfarbe, Sexualität, etc die Person hat. Das Konzept, des „an der Spitze landen“ kann schon deshalb nicht hinterfragt werden, weil es das Erfolgskriterium einer Person in einer unprivilegierten Gesellschaft ist. Das bedeutet die hierarchische Struktur der Gesellschaft wäre immer völlig in Ordnung, nur wer die einzelnen Positionen besetzt, das gehört demnach kritisiert. Das ist schwach.

    Sobald ich gute Beziehungen und ein beträchtliches Privatvermögen als Privileg anerkenne, wird das Konzept wesentlich fairer und aussagekräftiger. Denn ich muss das Erfolgskriterium der unprivilegierten Gesellschaft selbst kritisieren, da es selbst Privilegien erzeugt. Das finde ich konsequent. Denn dann wird deutlich, dass es außer dem unparteiischen Markt weitere Kräfte geben müsste, um dieser stetigen Massierung von Privilegien entgegen zu wirken. Diese Kräfte müssten dann einschreiten, wenn durch Privilegierung die Gesetze des Marktes so weit aus den Angeln gehoben wären, dass ein Scheitern eines Marktteilnehmers nicht mehr möglich wäre. Der Wettbewerb wäre noch da, aber nach oben begrenzt.

    Leider gibt es immer noch „progressive“ Aktivisten, die hohen medialen Status genießen, in universitärer Ausbildung sind (also sich das leisten können, in den USA nicht trivial) und es für notwendig halten, dem Schlucker der für Mindestlohn arbeitet, einreden zu müssen, er sei privilegiert, da er ja weiß und Hetero ist. Damit haben sie sich und die social sciences so dermaßen unbeliebt gemacht, dass man in der anglophonen Netzwelt mittlerweile verdammt viele Leute findet, die diese humanities einfach abschaffen würden.

    BTW, wieder gutes Timing:
    Ich lese gerade Jean Claude Micheas „Die Gesellschaft des kleineren Übels“.
    http://raumgegenzement.blogsport.de/2015/05/04/guillaume-paoli-der-krieg-aller-gegen-alle-per-rechtsanwalt-ein-konservativer-anarchist-der-franzoesische-philosoph-jean-claude-michea-weist-der-liberalen-gesellschaft-ihre-widersprueche-nach-2015/

    Michea’s Idee ist, die Idee des Anstands, die in der breiten Bevölkerung noch zu finden sind, wiederzubeleben, um der Abschaffung der Menschheit zu verlangsamen, denn für ihn ist genau das das Endszenario des Liberalismus.

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  2. @JJäger: Danke für den ausführlichen Kommentar🙂 Das Schöne bei Heisterhagen ist ja, dass er kein klassischer „Linker“ ist, sondern von der „WirtschaftsWoche“ kommt😉

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