„Medialismus“, Roman: 20. Kapitel

ralfcschusterDie beiden Blondinen, die beim Videodreh in der Maschinenhalle dabei gewesen waren, kicherten während meiner Filmvorführung ziemlich oft. Achim fiel mal wieder durch sein polterndes Lachen und Zwischenrufe auf. Die große und die kleine Tina saßen ganz vorn, so dass ich sie gut sehen konnte, aber sie hörten ehrfürchtig zu und ließen sich keine Gemütsregung anmerken. Dann gab es eine Gruppe von jungen Männern, von denen ich glaubte, dass sie zu Martin und Stefan und der digitalen Akademie für digitale Künste gehörten. Dann noch einige junge Unbekannte, die gemeinsam saßen und Unbekannte, die schon viel älter waren und vereinzelt oder als Zweiergruppe auf die Sitzreihen verteilt waren.

Wenige Sekunden, bevor ich die Veranstaltung startete, als es im Raum schon dunkel war und ich im Schein meiner Leselampe am Tisch vor der Leinwand saß, huschte noch eine Gestalt zur Tür herein und setzte sich weit hinten hin, dort, wo ich Achim vermutete und nur wenig erkennen konnte. Es blieb bei einer Vermutung, denn es war zu dunkel, als dass ich mir hätte sicher sein können. Egal, ich musste anfangen, las meine erste Kurzgeschichte, löschte dann die Lampe. Das war für den Mann in der Vorführkabine das Signal, den ersten Film zu starten. So ging es immer abwechselnd: Ein Film, eine Geschichte, wobei sich die meisten Kurzgeschichten um Anekdoten rankten, die mit dem Filmemachen zu tun hatten. Der falsche Film wurde mehrmals thematisiert: als Konzept, dann durch Drehbuchauszüge und schließlich durch die traurige Tatsache, dass er verlorengegangen sei. Achims Zwischenrufe sorgten für zusätzliche Lacher.

Gegen Ende brach ich das starre Schema auf, es lief eine Version des Films der vergessenen Dinge, zu der ich einen tiefsinnigen, eher poetischen Text vortrug, der zunehmend in meditative Wiederholungen überging, und dazu mischte sich Tinas Stimme, die von der Tonspur des Films stammte. Schließlich sah man die nutzlosen Dinge gar nicht mehr, sondern nur noch ihre Schatten, bewegte Schatten, verzerrte Schatten, unscharfe Schatten. Es entstanden und zerfielen permanent abstrakte Muster aus schwarzen und weißen Flächen. Ich widerholte in der Schlusssequenz immer wieder den Satz: Das Ende der Dinge ist der Anfang der Gedanken und Tinas Stimme, verstärkt und unterstützt durch einen Halleffekt, sagte: Du kannst dich nicht lösen von dem, was die Welt ist, ohne zu verschwinden. Deshalb verschwinde ich! Jetzt! Beim letzten Wort ging der Film schlagartig in schwarz über und ich löschte gleichzeitig die Taschenlampe, mit der ich meinen Textzettel spärlich beleuchtet hatte. Es war stockdunkel und still im Raum.

Alle waren irritiert, ob ich fertig sei, oder ob noch etwas passieren sollte. Ich hatte mir fest vorgenommen, dass ich die Leselampe erst einschalten würde, wenn der Applaus begann, und fast wäre ich von meinem Vorsatz abgewichen, denn die Stille erschien mir schrecklich lang, aber schließlich begann das Publikum zu klatschen und da schaltete ich das Licht an und verbeugte mich. Der Applaus war herzlich, aber nicht euphorisch. Mir schien es genug, um es als Aufforderung für eine Zugabe zu aufzufassen. Deshalb las ich eine kurze Geschichte und gab dann dem Vorführer das Zeichen, den dafür vorgesehenen Film abzuspielen, Sulos Tod, das Original auf Super 8, jener Film, in dem ich eine Mülltonne mit dem Vorschlaghammer kaputthaue. Die erste Version, die schon zu Beginn meines Studiums entstand, lange bevor ich mich mit Videokameras beschäftigte. Als der Film startete, schlüpfte ich zwischen den Vorhängen hindurch in einen kleinen Backstageraum, von dem aus ich ins Foyer des Kinos gelangte. Sulos Tod war damals aus einer einzelnen Spule Film entstanden, also knapp drei Minuten lang. Als er zu Ende war, schaltete der Vorführer das Licht im Kino an.

Am Tresen der kleinen Bar lehnend, beobachtete ich, wie die Zuschauer herauskamen. Zuerst einer von den älteren Unbekannten, dann trat Sabine ins Foyer. Sie war der letzte Gast gewesen, also doch. Ihr lautes Lachen, an dem ich sie hätte erkennen können, bekam ich erst nach der Vorführung im Foyer zu hören, als ich ihr auf die Schnelle einige meiner Abenteuer beim Lokalfernsehen erzählte. Die Lesung habe ihr gut gefallen, meinte sie, durch die Texte sei ihr aber auch bewusst geworden, dass die Filme ernster seinen, als ihr das zunächst schien, damals, als wir uns in unserer Universitätsstadt ausgetauscht hätten. Martin und Achim kamen mit Bierflaschen in den Händen zu uns, Anstoßen, Flaschenklappern, Martin und Sabine umarmten sich zur Begrüßung, aber sehr emotionslos, dann gaben die Männer ihre Kommentare ab zum letzten Teil meiner Lesung, der Performance mit Tinas Stimme und den nutzlosen Gegenständen aus unserer Scheune. Sie fanden das alle sehr beeindruckend, aber zur Begeisterung fehlte noch ein bisschen. Sabine mischte sich wieder ins Gespräch und meinte, das Ende des Stückes sei noch zu schwach, es passe zwar zum Text, aber trotzdem müsse noch ein Knalleffekt hin, auch wenn ich das Wort Knalleffekt hassen würde, bräuchte ich ihn trotzdem, zur Not solle ich einfach den Zugabenfilm direkt danach abspielen, den Applaus nicht aussitzen, sondern ihm zuvorkommen. Wir konnten nicht darüber diskutieren, weil ein älterer Zuschauer dazu trat und fragte, ob es die Filme auf Videokassette gäbe, was ich verneinen musste, dann kam der Hinterhofkinoprogrammdirektor und klopfte mir auf die Schulter, Martin und Achim verabschiedeten sich von der Clique, die ich für die Studenten der digitalen Akademie hielt und dann besprachen sie, in welcher Bar man sich später treffen könnte.

Endlich hatte ich die Gelegenheit, mit Sabine alleine zu reden. Da konnte ich ihr von meinem Leben auf dem Land erzählen, brachte sie zum Lachen, aber ich merkte, dass sie weg wollte. Und du? fragte ich, um das Gespräch herumzureißen, aber damit gab ich ihr erst recht die Gelegenheit, den Abschied einzuleiten, denn unerwartet heiter erklärte sie mir, dass sie schwanger sei und deshalb dürfe sie ja weder trinken noch rauchen, da sei ihr der Aufenthalt in solchen angenehmen Lokalitäten wie dem Hinterhofkino leider völlig verleidet und die Schwangerschaft sei ein echter Unfall gewesen, der Mann schon über alle Berge, wieder in Afrika, ja, ein Schwarzer, ein toller Typ, aber als Familienvater völlig undenkbar, das müsse sie jetzt alleine durchstehen, wovor sie keine Angst hätte, ihr Masterplan für das Studium sei allerdings total über den Haufen geworfen, zumal das in Berlin doch viel komplizierter sei und nicht so, wie sie es erwartet hätte. Beim Erzählen lachte sie die ganze Zeit, das fand sie alles komisch, als wäre es nur ein Spiel. Erheitert erklärte sie mir, dass sie viel besser beraten gewesen wäre, in Süddeutschland schnell fertig zu machen, und dann in Berlin einen Doktor dranzuhängen. Nach Möglichkeit eine Dissertation mit Assistentenstelle. Oder in Berlin zu wohnen und sich an einer der vielen Unis in den neuen Bundesländern einen Arbeitsvertrag unter den Nagel zu reißen und sich dann erst schwängern zu lassen. Aber so sei es nun mal nicht gekommen. Tschüss, schönen Abend, ein Küsschen und zu guter Letzt sagte sie noch: Komm doch auch nach Berlin. Sie rauschte davon und ich verbrachte den Rest des Abends mit Martin und seinen Freunden.

Mit dem typisch großstädtischen Selbstverständnis, dass nur das Außergewöhnliche gut genug sei, gingen wir in eine Bar, in der die Studienkollegen von Martin schon warten würden. In der Tat erwies sich die Bar als recht kurios, denn wir stiegen auf einem unbebauten Grundstück durch ein Loch in der Mauer hinein in den Keller eines Altbaus und tranken dort in einem muffigen Raum mit rohen Backsteinwänden an einer zusammengezimmerten Bar einige Flaschen tschechischen Biers. Als wir irgendwann mitten in der Nacht bei Martin ankamen, wollte er mir unbedingt etwas am Computer zeigen, fand es aber nicht, und weil der Computer sowieso schon eingeschaltet war, startete er das Spiel mit der Schlange, die durch ein Labyrinth kriecht, ein Spiel, das wir später immer wieder mal spielten. Als ich es zum ersten Mal in den zweiten Level schaffte, wurde es draußen schon hell. Da immer nur einer von uns spielte, weil wir uns abwechselten, konnte der andere viel erzählen.

Ich glaube, in jener Nacht hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Internet“. Weil es mich nicht sonderlich interessierte, konnte ich mir nicht merken, um was es eigentlich ging. Es war eben wieder eine von Martins digitalen Aktivitäten und er benutzte zu viele unbekannte Worte, diese Nerd-Sprache, wobei ich damals noch nicht einmal gewusst hätte, was ein Nerd ist. Wenn ich nüchtern gewesen wäre, hätte ich gefragt, was das alles soll, doch betrunken, mit der Schlange vor mir, die im Labyrinth immer länger wird und bei der man höllisch aufpassen muss, dass sie sich nicht in den Schwanz beißt, nahm ich nur zur Kenntnis, dass Martin etwas über Hyperlinks erzählte, die von irgendwo nach irgendwo führen würden und ich musste dabei an Science Fiction-Groschenromane denken. Dort verschwinden die Raumschiffe in den Hyperraum, um die Begrenzung der Lichtgeschwindigkeit zu überwinden. Es wird nur die Information übermittelt, beteuerte Martin, keine Raumschiffe und dann scheiterte ich an der entscheidenden Kurve im Labyrinth und die Schlange biss sich mal wieder in den Schwanz. Also wechselten wir, Martin übernahm das Spiel. Weil er besser war als ich, schaffte er drei Levels. Das gab mir Zeit, Anekdoten aus unserem Fernsehsender zu erzählen, dann spielte wieder ich und Martin attackierte mich mit den Begriffen Host, Modem und HTML. Begriffe, die ich mit Widerwillen zur Kenntnis nahm, die mir unsympathisch erschienen. Martin erklärte mir zwar all diese Begriffe, aber leider mit Worten, die ich auch nicht verstand.

Das kommt mir vor wie im Krankenhaus, sagte ich und überlegte danach, was ich damit überhaupt ausdrücken wollte. Martin sagte nichts, sondern schickte die Schlange um die richtige Kurve und hüpfte dadurch in den nächsten Level. Ich plapperte vor mich hin: Wie eine Intensivstation, künstliche Beatmung mit Kommunikation, Dateninfusion und soziale Quarantäne. Darauf läuft das doch hinaus. Martin verneinte entschieden, aber ohne Begründung, denn er musste sich auf die Steuerung der Schlange konzentrieren. Mir fiel nichts mehr ein. Ich schaute schweigend zu, wie er noch einen höheren Level erreichte, dann stand ich auf und rollte den Schlafsack aus. Einmal muss ich es noch probieren, antwortete Martin, als ich ihm Gute Nacht wünschte und startete die Schlange. Er verbrachte wohl noch zwei oder drei Stunden vor dem Bildschirm, aber ich schlief tief und fest.


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„Medialismus“, Roman: 20. Kapitel

3 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 20. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Mann, da ist wieder viel drin.
    Zunaechst die kabarettistischen Sprachungetueme wie „digitale Akademie für digitale Künste“ oder die Philosophie ueber die Sitzverteilung der Anwesenden.
    Komisch (oder bezeichnend) wieder, dass der Held es nicht schafft, mehr als 3 Worte mit Sabine zu reden. Nur einmal schaffte er das, ganz zu Anfang und auf ausladende Weise. Natuerlich, um das verderbte Feuer zu entzuenden, das Sabine nun in ihren Haenden haelt😉
    Es fehlt im Traktat, wie sich der Held angesichts der Schwangerschaft fuehlt. Das ist bewusst offen gelassen – wie uebrigens fast immer.
    Muss sich der Held immer sammeln. Kommt die (eigentliche) Bedeutung , der impact, erst nach und nach?
    Schoen auch die ersten Anklaenge und Rufe des Netzes. Noch sagt sich der Held, es gehe ihn nichts an.🙂

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  2. @Dennis: Das muss Ende der 1990er Jahre gewesen sein. Sein 1997 arbeitete ich ja bei den (mittlerweile längst verschiedenen😦 ) ÜWU Mediendiensten, und diese boten ab ca. 1998/99 einen (damals) schnellen Internetzugang über Breitbandkabel an (Kabel Deutschland und DSL existierten noch nicht, es gab nur Analog und ISDN). Ich müsste noch mal genau nachschauen, aber ich hatte vemutlich schon vor der Jahrtausendwende eine Homepage namens „http://stefanhetzel.bei.t-online.de“, bin also ein echter Netzveteran.

    Da ich seit damals permanent mit der technischen Seite des Internets zu tun habe, wurde mir auch seine soziokulturelle Dimension recht bald bewusst. 2001 schrieb ich darüber einen Text, den du vielleicht noch nicht kennst. Er trägt den schönen Untertitel „Wie die Begegnung mit dem WorldWideWeb mich verwirrte und ich Rat bei Wittgenstein, Baudrillard und Deleuze suchte, diese mir allerdings auch nicht wirklich weiter helfen konnten“ und ist hier zu finden.

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