Immer noch auf der Suche….

Ein besonders schönes Exemplar von Sandra Buchners aktueller Fotokunst (siehe auch meine Blogroll).

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Immer noch auf der Suche….

7 Gedanken zu “Immer noch auf der Suche….

  1. Gerhard schreibt:

    Eine frage an dich als philosoph: Seit wann gibt es das „auf der suche sein“? Das ist doch neuzeitlicher sprachgebrauch. Frühere zeiten kannten das wohl nicht. zwar waren geistesleute immer auf der suche..sie wollten begreifen. Aber seit wann genau gibt es diese individuelle suche? Spätestens seit es individuelle freiheit gab.vorher dürfte es tradierte Werte gegeben haben, nach denen man sich ausrichtete. Aber eine „void“ war nicht ausfüllen.
    Suche bedeutet ja finden eines missing links,eines stuecks identitaet. Meistens ist innerer frieden gemeint, aber das ist etwas,das wie das Tuch vor dem Kopf eines Pferdes ist, dem es hinterherrennt.

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  2. @Gerhard: Du beantwortest deine Frage ja selbst, dennoch ein paar Gedanken dazu.

    Ja, „früher“ (bis zum Ende des Mittelalters) gab es „nur“ Gottsucher (Was ist Gott?). Seit der Renaissance gab es zusätzlich „Menschensucher“ (Was ist „der Mensch“?). Seit dem Barock auch noch Natursucher (Was ist die Welt [im naturwissenschaftlichen Sinn]?). Seit dem 18. Jahrhundert gab es obendrein auch „Geistsucher“ (Was ist der [menschliche] Geist?). Irgendwann im 20. Jahrhundert oder etwas früher gab es dann eine Wende weg vom „objektiven Wissen“ (was nicht heißt, dass die Naturwissenschaft seitdem keine Fortschritte mehr gemacht hätte, ganz im Gegenteil, aber sie war größtenteils kein Medium der Sinnsuche mehr, sondern eines der falsifizierbaren Erkenntnis) zum Konstruktivismus.

    Dieser zeigt sich heute im Gewand von New-Age-Esoterik, Technikfanatismus (Nerdism), religiösem Fundamentalismus (ISIS), parareligiösem Konsumismus / Materialismus (Heidi Klum), Neoliberalismus, subkulturell verbrämtem Pseudo-Nihilismus (Postpunk), rabiatem Neo-Atheismus (Richard Dawkins), defensivem Traditionssozialdemokratismus, Euro-Tribalismus (Schnellrodaer Sezession), Papstverehrung und gemäßigtem Satanismus bzw. Krypto-Christentum (Metal / Wacken) – und ich habe hier nur die „Weltsichten“ aufgezählt, die ich so halbweg zu kennen glaube, es gibt sicher noch eine Menge mehr – inkl. einer Milliarde Mischformen, die alle einträchtig (na ja, sagen wir besser: in misstrauischer Nachbarschaft) nebeneinander im gnostischen Garten vor sich hin blühen (bzw. sich gegenseitig enthaupten, häuten, verdammen etc.).

    Es scheint eine unausweichliche, aber eher unangenehme Dynamik in der Geschichte des Auf-der-Suche-Seins zu geben: Je emanzipierter und autonomer das Subjekt, desto leerer und kälter wird der Raum (void) um es herum. Je gläubiger und heteronomer das Subjekt, desto voller und „wärmer“ wird es um es herum. Dies ist auch der Grund, warum ich – als Agnostiker – weder über rabiate Atheisten noch über Papstverehrer jemals den Stab brechen würde. Ich fühle mich ihnen – als Agnostiker – in keinster Weise überlegen. Aber auch eben – und jetzt kommt’s – nicht unterlegen. Der Atheist fühlt sich dem Muslim überlegen, klar, der Muslim dem Christen, der Jude dem Atheisten etc. – aber das ist das alte Spiel, das mich nicht interessiert.

    Dass das eine anstrengende, weil von allen Seiten her angreifbare Position ist, ist mir bewusst. Der Atheist sagt mir immer: „Wenn du schon nicht an Gott glaubst, warum schließt du dann seine Existenz nicht kategorisch aus, wie ich es tue? Du bist halbherzig, bequem und inkonsequent, was ich verurteile!“, der Gläubige kommt mir stets so: „Warum begnügst du dich mit der potentiellen Existenz Gottes / Allahs / Jahwes? Warum versuchst du nicht, ihn zu erfahren und dein Leben so zu erleichtern? Du bist halbherzig, bequem und inkonsequent, was ich verurteile!“

    Mir ist auch bewusst, dass der auf Dauerbetrieb gestellte Gewissheitserwartungszustand, als den man den Agnostizismus – wie ich ihn verstehe – bezeichnen könnte, vielen Menschen evtl. sogar noch unerträglicher vorkommt als „klare“, „radikale“, „entschiedene“ Weltsichten (wie eben z. B. Atheismus, New-Age-Pantheismus oder evangelikales Christentum, vielleicht auch „radikaler Fußballfan sein [im Sinne von „Mein Leben für den Verein!“]“). Sie beschimpfen mich vielleicht als „unentschieden“, „lasch“, „feige“ oder „ehrlos“, „würdelos“, „gottlos“ – je nach Gusto.

    Dennoch sehe ich – für mich – keine andere Möglichkeit, das Problem des „Auf-der-Suche-Seins“ nachhaltig zu „lösen“ Ich setze „lösen“ hier deshalb in Anführungszeichen, weil die Erwartung von Gewissheit für alle anderen Gruppen gar keine Lösung darstellt, sondern einen Mangel.

    Das ganze „Geheimnis“ des glücklichen Agnostikers besteht darin, exakt diesen Mangel als Fülle begreifen zu lernen. Im Gegensatz zum Glauben ist das aber kein sicherer Weg zum Glück (vgl. auch den Artikel „Religion“ in meinem Wittgenstein-Glossar).

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  3. Gerhard schreibt:

    Jetzt ist ein untypischer langer text zum begriff Gewissheitserwartungszustand verloren gegangen…aargh!
    Erklaere mir doch bitte diesen deinen begriff mit dem wissen, dass es bspweise in der mathematik, wie du weisst, beweise fuer einzelne Vermutungen gibt, dahingehend, dass die vermutung weder bewiesen werden kann noch wiederlegt werden kann.

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  4. @Gerhard: Ich fühle mich nicht in der Lage, den hier von mir ad hoc geprägten Begriff „Gewissheitserwartungszustand“ (G) in mathematischer Terminologie zu plausibilisieren, also versuche ich es nochmal literarisch/begrifflich:

    Agnostizismus als perpetuierter Gewissheitserwartungszustand bedeutet vor allem Offenheit für Erfahrung (was nichts mit „Orientierungslosigkeit“ zu tun hat) bei gleichzeitigem Respekt für andere Erfahrungen (was nichts mit moralischem/religiösem/weltanschaulichem Relativismus zu tun hat).

    Was den G von herkömmlicher „Gottsucherei“ (siehe Kommentar 4 in diesem Thread) unterscheidet, ist seine Ergebnisoffenheit. Der klassische Gottsucher ist so lange unglücklich und unerlöst, bis er Gott (bzw. den Atheismus oder was auch immer) gefunden hat, bis zu diesem Punkt „hat sein Leben keinen Sinn“, hat sie „ihr Leben verschwendet“, war er „auf einem Irrweg“ – wie auch immer die traditionellen Phrasen dafür lauten mögen.

    Das Subjekt im G ist gleichzeitig immer schon angekommen und unterwegs (ein Paradoxon, ich weiß) – eine sehr „moderne“ oder zumindest neuzeitliche Verfasstheit, die es immer neu auszuhalten gilt, denn Gefahren drohen ja immer von beiden Seiten: man kann in die Gewissheit „abstürzen“, d. h. man kann beginnen, radikal zu glauben, zu lieben, sich aufzuopfern, sich zu verbrennen etc., man kann aber auch in einen pseudo-coolen, trägen Nihilismus bzw. Depressionismus verfallen, zum postmodernen Zyniker werden und sich mit Hohlphrasen wie „Alles ist relativ“ begnügen und belügen.

    Hoffe, das klärt meine Position ein wenig.

    P.S.: Längere Kommentare immer mal zwischendurch extern in einem Textverarbeitungsprogramm abspeichern, bevor man postet. Notfalls alles extern verfassen und anschließend den ganzen Kommentar kopieren und hier einfügen. Hat sich bei mir seit Jahren bewährt.

    P.P.S.: Über jedem Kommentarkasten habe ich den Vermerk „Markdown erlaubt“ eingefügt, was bedeutet, dass du als externer Kommentator bsp.weise auch Fettdruck, Gliederungspunkte oder Hyperlinks verwenden kannst (klingt komplizierter als es ist, bsp.weise wird ein Wort, dass du zwischen je 2 Sternchen schreibst, fett gedruckt, das ist schon alles). Die Syntax hierfür findest du im Internet unter „wordpress.com markdown“.

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  5. Gerhard schreibt:

    Danke
    Das du den begriff ad hoc gepraegt hast,hatte ich nicht angenommen. Danke nochmal f. Deine umschreibung.
    Wenn ich v. Handy aus schreibe, dann sind mir gewisse moeglichkeiten verwehrt.

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