„Medialismus“, Roman: 21. Kapitel

ralfcschusterKaum war ich wieder zurück aus Berlin und mit der Videokamera unterwegs, musste ich ins Rechenzentrum der Universität, weil man dort einen neuen Großrechner einweihte. Die vielen Redner benutzten auffällig oft das Wort Internet und auch die anderen Fachbegriffe, mit denen Martin trotz Betrunkenheit so lässig um sich geworfen hatte, führten die Grußwortredner vom Wissenschaftsministerium ständig auf den Lippen, wobei ihnen diese Anglizismen sichtlich Mühe beim Formulieren bereiteten. Man merkte ihnen an, dass sie gerade Neuland betraten. Nur der Informatikprofessor, der die Rechenmaschine für ein paar Millionen gekauft hatte, schaffte es, eine flirrende Kaskade von Spezialbegriffen mit extremer Selbstverständlichkeit von sich zu geben. Die wichtigen Fremdworte, die mehrmals auftauchten, zogen eine lange Fahne anderer Spezialbegriffe nach sich, was den anwesenden Medienvertretern den Schweiß auf die Stirn trieb. Wie sollten sie das ihren Lesern oder Zuschauern und Zuhörern begreiflich machen? Zumal sie es selbst erst mal verstehen mussten. Auch mir blieb die Einsicht verwehrt, welchen Zweck der Professor mit dem neuen Computer verfolgte.

Wenn ich Martin wieder treffen würde, war eine Fachdiskussion im nüchternen Zustand dringend notwendig, sagte ich mir, aber bis dahin hatte ich genug damit zu tun, die reale Welt mit meiner Fernsehkamera Tag für Tag zu durchstreifen, videografisch zu dokumentieren und damit das große Regal, das in unserem kleinen Sender als Archiv diente, immer weiter zu füllen. Inzwischen stapelten wir die Videobänder auf dem obersten Brett. Ambitionen, ein zweites Regal aufzustellen, verspürte ich nicht, nicht mehr. Das Wochenende in Berlin hatte seine Spuren hinterlassen, die Welt auf dem Dorf war für mich nicht mehr so wie zuvor. Die Lage zwischen Tina und Gitarren-Hans spitzte sich weiter zu. Vielleicht hing das mit der Sängerin zusammen, die inzwischen in die Band eingestiegen war. Ihr Gesang war sehr eigenwillig, aber wie sie sich bewegte, war wirklich klasse. Tina dagegen stand ja immer nur emotionslos hinter ihrem knatternden Synthesizer, drehte an den Potentiometern oder wartete auf den Einsatz. Nach der Probe stritt sie sich oft mit Gitarren-Hans, da war sie überhaupt nicht emotionslos.

Tinas und mein Entschluss, unsere ländliche Einöde in Richtung Metropole zu verlassen, reifte vermutlich gleichzeitig, aber unabhängig voneinander. Weil wir uns oft tagelang gar nicht sahen oder nicht allein waren, oder dachten, es sei gerade der falsche Zeitpunkt, war es bereits Ende Oktober, als ich ihr sagte, dass ich zum Jahreswechsel abhauen, den Job beim Fernsehen hinschmeißen und nach Berlin ziehen werde. Aber anstatt mir Vorwürfe zu machen, war Tina erleichtert, denn sie hatte bereits mit dem Onkel vereinbart, dass sie im Lauf des folgenden Jahres das Gehöft räumen würde, was sie mir nur aus Mangel an einer geeigneten Gelegenheit noch nicht mitgeteilt hätte, aber jetzt sei ja alles geklärt. Damit brachen die letzten beiden Monate an. Um eine unproduktive Wartezeit zu vermeiden, nahm ich mir vor, meinen ersten 16-mm-Film umgehend zu beginnen, damit nicht nur die vergessenen Dinge, sondern auch unser Dorf, die Landschaft und der Hof festgehalten würden.

Die Schwester des Hinterhofkinoprogrammdirektors sollte mir helfen, denn bisher verstrickte sie mich nur in hochintellektuelle Diskussionen über kulturell hochwertige Filme, wobei sie auch vor hochprozentigen Getränken nicht zurückschreckte. Darum sagte ich ihr, es sei höchste Zeit, um von der Theorie zur Praxis überzugehen und zwar sofort, natürlich könne man das auch im November tun, Grenzerfahrungen mit schlechtem Wetter seien ein Grund, aber kein Hindernis, zumal sie, die Schwester des Hinterhofkinoprogrammdirektors, für mich eine sehr herbstliche Persönlichkeit sei, die genau die richtige Stimmung für den Abschied von den traurigen, abgeernteten Äckern und Wiesen versinnbildlichen könne. Da schaute sie mich sehr entsetzt an, so dass ich schon befürchtete, sie sei beleidigt, aber als ich fortfuhr und ihr erklärte, dass sie vermutlich Fellini mehr als Tarkowski schätzen würde und deshalb nicht empfänglich sei für das Kompliment, das in dieser Charakterisierung stecke, hatte ich sie wieder auf meiner Seite. Mit einigen Verweisen zu Buñuel fanden wir wieder den Konsens in der Diskussion, verwarfen zunächst alle vorherigen Konzepte und entwarfen danach an jedem Wochenende an der Bar unseres gemeinsamen Lieblingskinos ein neues. Es war Anfang Dezember, als sich bei mir immer mehr der Verdacht verdichtete, dass sie wohl nur übers Filmemachen reden wollte. Vielleicht dachte sie ja auch, dass ich sie nur ins Projekt hineingezogen hatte, weil ich mit ihr schlafen wollte und spekulierte darauf, dass es eine Abkürzung ohne Filmaufnahmen geben könnte. Daraus wurde nichts, ich sagte, wir müssten loslegen und der Film solle „Mein Land im Herbst“ heißen, was später gar nicht stimmte, aber als Argument war es hilfreich für mich.

Ich sagte, wir müssen drehen, bevor der Winteranfang da ist. Ich legte den zweiten Advent als Drehtermin fest, ein fürchterlicher Tag. Es hatte schon tagelang geregnet und nieselte immer noch. Die Feldwege waren voller Pfützen und die Äcker aufgeweicht. Gitarren-Hans hatte das Glück, dass er in seinen Wanderstiefeln spielen durfte, während die Schwester des Hinterhofkinoprogrammdirektors in ihren coolen Stoffturnschuhen durch den Matsch laufen musste. Bei uns allen bildeten sich Batzen von Dreck an den Füßen, mit jedem Schritt klebte noch mehr feuchter Ackerboden an den Sohlen. Ich wollte ja nur, dass die beiden mit einem Musikinstrument, also sie mit einem Geigen- und er mit einem Gitarrenkoffer, einsam über die Felder wandern, in einer verlassenen Landschaft, die müden Körper nach Möglichkeit über dem Horizont. Diese eigentlich einfachen Aufnahmen erwiesen sich bei den gegebenen Wetterbedingungen als extrem kräftezehrend. Die beiden sahen nicht nur müde, sondern total mitgenommen aus. Es wehte ein Wind, der die feuchten Haare zerzauste, die Klamotten flatterten, die Matschfüße bekamen sie beide kaum noch hoch und ich musste mich, um eine Untersicht hinzukriegen, auf die Knie begeben. Da spürte ich sofort die kalte Feuchtigkeit des Bodens durch die Jeans hindurch, aber die Position war nicht tief genug, also legte ich mich hin, hinein in den Matsch und ich musste dabei aufpassen, die Hände nicht schmutzig zu machen, damit die Kamera sauber blieb. Also stützte ich mich beim Hinlegen und Aufstehen immer mit den Ellenbogen ab, die dabei weit in den Boden einsanken.

Es ergab eine phantastische Einstellung, wie sich die beiden Schauspieler kraftlos näherten und dann, ohne sich zu beachten, aneinander vorbeigingen. Gitarren-Hans, der ja ungemein dürr war, wirkte wie ein Gespenst und die Schwester des Hinterhofkinodirektors war mit den flatternden Haaren und dem wehendem Rock für mich der Inbegriff des Trotzes, dieser „Ich muss das tun“-Haltung, eine starke Überzeugungstäterin, die dann kläglich im Nichts einer grauen Herbstlandschaft verschwindet. Für die letzte Einstellung wollte ich beide Schauspieler ganz weit weg von der Kamera am Horizont gehen sehen, aber das schafften wir nicht mehr, ich trickste den Abgang mit einem Rückzoom, was filmästhetisch billig war, trotzdem blieb mir keine Wahl. Beim echten Film hätte man drei Wohnmobile auf den Acker hingestellt, damit sich die Schauspieler aufwärmen können, und einen Hubschrauber, der sie zum Horizont fliegt. Das hatten wir alles nicht, wir standen zu dritt verfroren im Nieselregen und dann steckte auch noch das Auto von Gitarren-Hans im Schlamm fest. Die Schwester vom Hinterhofkinoprogrammdirektor musste ans Steuer und wir beiden Männer versuchten, die Karre aus dem Dreck zu schieben. Als wir es geschafft hatten, waren wir von oben bis unten verschlammt und schlotterten wegen der Kälte.

Zum Glück war Tina an dem Abend zu Hause geblieben und hatte ordentlich eingeheizt. Trotzdem hüllten wir uns nach dem Dreh verfroren in Decken, tranken Tee und Rotwein. Als ich begann, die Kamera zu putzen, die ein paar Spritzer abbekommen hatte, öffnete Gitarren-Hans den Koffer und spielte seit langem mal wieder seine akustische Gitarre. Die aufgelösten Akkorde seines gleichmäßig tröpfelnden Fingerpickings beruhigten mich, vermittelten mir das Gefühl, ich sei zu Hause. Was er spielte, wirkte bekannt, klang nach Klischee, aber das machte die Musik nicht banal, sondern es gab ihr sogar eine gewisse Erhabenheit. Mir schien, als sei es die perfekte Musik, um den Film zu vertonen, aber ich hatte kein Tonaufnahmegerät zu Hause und selbst wenn ich eins gehabt hätte, wäre ich nach den anstrengenden Dreharbeiten vermutlich zu faul gewesen, Technik zu suchen oder aufzubauen.

Daran musste ich denken, als ich, ein paar Monate später, in Berlin saß und wieder fror. Vor mir flimmerten die Filmaufnahmen unseres anstrengenden Drehs. Den Filmtitel „Mein Land im Herbst“ hatte ich inzwischen verworfen, das Werk sollte lieber „Kein Abschied ohne Begegnung“ heißen. Außer dieser Umbenennung war mit dem Material so gut wie nichts passiert. Ich saß an einem 16-mm-6-Teller-Schneidetisch, das ist ein mehrere hundert Kilo schweres mechanisches Monstrum. Oder Wunderwerk. Je nachdem, ob die persönlichen Vorlieben eher zu den elektronischen und zu den mechanischen Lösungen neigen, wird man einen Schneidetisch unterschiedlich bewerten. Für Menschen wie mich, die sich an den Umlenkrollen mit Perforationszahnrädern erfreuen können, ist ein Schneidetisch eine Sensation. Die ganze Tischplatte ist voll mit diesen Umlenkrollen, symmetrisch angeordnet und in verschiedenen Gruppen zusammengefasst. Der Riesenaufwand dient dazu, den Film so an der Projektionsoptik vorbeizuführen, dass man ihn sowohl schnell, als auch langsam vorwärts und rückwärts ansehen und direkt auf dem projizierten Bild mit einem speziellen weißen Stift Markierungen machen kann oder ihn an gleich an der richtigen Stelle auseinanderschneidet, zusammenklebt und so weiter. Außerdem können zwei Rollen mit perforiertem Tonband parallel zum Film eingelegt werden und wenn der Film sich gemeinsam mit den zwei Tonspuren bewegt und all diese vielen Rädchen auf dem Schneidetisch miteinander gekoppelt sind, gleichzeitig starten oder stoppen, dann ist das ein Vergnügen, das ich gerne mal wieder erleben würde. Doch die Zeit der mechanischen Filmtechnik ist längst vorbei. Sie war damals voll entwickelt, aber schon am Aussterben. Im Fernsehgeschäft, wo der Produktionsablauf billig und schnell sein sollte, hatte man die Filmschneidetische schon längst durch Videoschnittplätze ersetzt. Der Schneidetisch, an dem ich saß, gehörte einigen Filmliebhabern, die vom No-Budget-Gedanken beseelt waren und ihre Technik für symbolische Geldbeträge an andere Liebhaber wie mich verliehen.

Auch das Budget für die Briketts schien knapp zu sein, denn sie waren alle und der Kachelofen kalt. So saß ich mit Strickjacke vor dem Schneidetisch und sortierte das Material. Um die passenden Takes zu einem Entwurf zusammenzuschneiden, brauchte ich etwas mehr als eine Stunde, danach war ich so durchgefroren, dass ich mich zwingen musste, meine restlichen Filmschnipsel zusammenzurollen und mitzunehmen. Das wichtigste war die kleine Spule mit dem geschnittenen Material. Ich brauchte noch die passende Musik, aber Gitarren-Hans war weit weg. Den Schlüssel für den Schnittraum warf ich in den vorgesehenen Briefkasten, dann trat ich auf die winterliche Straße. Draußen war es noch viel kälter und der eklige Geruch von Kohleverbrennung hing in der Luft. Vor meinem geistigen Auge sah ich Gitarren-Hans vor dem grauen Filmhorizont, doch ich selbst lief durch eine lange Straße mit gründerzeitlicher Blockrandbebauung. Irgendwann nach der soundsovielten Kreuzung sollte die richtige U-Bahnstation kommen. Ich dachte beim Gehen an den letzten Abend im Dorf. Die Schwester des Hinterhofkinoprogrammdirektors hatte mich beim Abschied geküsst. Tina auch, aber nur ganz kurz und dann sagte sie, diesmal könne ja ich mich um die günstige Wohngelegenheit kümmern, bald käme sie nach.


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„Medialismus“, Roman: 21. Kapitel

4 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 21. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Etwas unbissig…die frauen spielen in dieser episode kaum eine rolle. eine anbahnung ohne vollzug und ein auftrag zum schluss,der eher gaehnen hervorruft. Lokalkolorit.

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  2. @Gerhard: Cool, dass hier auch mal kritischere Töne auftauchen – man könnte ja sonst auf die Idee kommen, diese Artikelreihe sei eine abgekartete Sache zwischen Autor, Blogbetreiber und einer Handvoll KommentatorInnen😉

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