„Medialismus“, Roman: 22. Kapitel

ralfcschusterIch war bei Martin untergeschlüpft, der eine von diesen typischen Zweizimmer-Altbauwohnungen im Hinterhaus bewohnte, wie ich sie in verschiedenen Variationen immer wieder zu Gesicht bekam. Wobei die meisten Berliner, die in so einer schäbigen Bude hausen, keineswegs scharf darauf sind, sich zu Hause mit Freunden zu treffen, vielmehr ging es oft genug darum, sich dort zu treffen, wo man es besonders cool fand. Wegen unserer langjährigen Freundschaft konnte Martin nicht Nein sagen, als ich einzog, obwohl der Platz ohnehin knapp und die Raumaufteilung mit dem Durchgangszimmer ziemlich ungünstig war. Ich sagte, ich suche mir einen Job und ich suche mir eine Wohnung! Leider passierte monatelang so gut wie nichts. Ich sagte auch noch, dass ich hochmotiviert sei. Abends hatte ich in der Tat viele Ideen, wen ich ansprechen könnte, der eventuell jemanden kennt, der wiederum jemanden anderen kennt, der dann ein kleines Türchen öffnet, durch das ich hineinschlüpfe. Dort hinein, wo man mich brauchen könnte. Tagsüber kümmerte ich mich dann aber doch nicht darum. Immerhin fand ich die No-Budget-Liebhaber und ihren kleinen Laden, so dass ich mich ein bisschen um den Schnitt des 16-mm-Films kümmern konnte. Ab und zu sortierte ich das, was ich für eine Bewerbungsmappe hielt. Wesentlich öfter spielte ich das Spiel mit der Schlange im Labyrinth auf Martins Computer und außerdem zeichnete ich weiter an einer Trickfilmsequenz.

Natürlich durchstreifte ich auch die Stadt. In Mitte und Prenzlauer Berg eröffneten viele Bars und in Friedrichshain tobte der Kampf um besetzte Häuser. Die Ruinenromantik im Osten der Stadt hatte etwas Faszinierendes, aber da Martins Wohnung ganz im Westen, in Charlottenburg, lag und das Hinterhofkino und das Büro der No-Budget-Liebhaber in Kreuzberg, verbrachte ich die meiste Zeit dort, wo man von den Umwälzungen gar nicht viel mitbekam. Das störte mich nicht, denn ich wollte auf keinen Fall als Trendnutte gelten. Deshalb waren meine Ausflüge in den Osten quasi Exkursionen, damit ich auf dem Laufenden blieb. Die Begründung, dass ich in Berlin sei, weil ich den Anblick von abblätterndem Putz und krummem Straßenpflaster als geiles Lebensgefühl empfinden würde, wies ich stets weit von mir. Der viele Müll, den das große Experiment Sozialismus hinterlassen hatte, machte mich traurig und träge. Vielleicht war das ja auch gar kein Müll, sondern wurde nur von den Rechthabern der Geschichte zu Müll erklärt. Letztendlich waren dann aber nicht nur viele Exkursionen zur Erforschung der kulturellen Aktivitäten nötig, immer wieder schlich ich auch um neu entstandene Medienzentren oder Niederlassungen der Fernsehsender herum, die sich im Osten eingenistet hatten, um Hinweise darauf zu bekommen, wer mir beim Broterwerb behilflich sein könnte.

Neben meiner Matratze lagen der Stadtplan und das beliebte Buch über die Kunst des Drehbuchschreibens. Laut Achim gab es dieses Buch sowieso in jedem zweiten Berliner Single-Haushalt, warum also nicht auch bei mir. Leider fand ich niemanden, den ich von meinen Drehbuchschreiberqualitäten hätte überzeugen können. In der Fachabteilung des Arbeitsamtes, wo sie speziell die Künstler und Medienschaffenden betreuten, fragte man mich ganz unverhohlen, wieso ich denn ausgerechnet nach Berlin gekommen sei; damals war Berlin trotz seiner Größe nur ein zweitrangiger Medienstandort, arbeitslose Fernseh-Ossis und Künstler, die mit ihrer Kunst nichts verdienten, drängten in den Arbeitsmarkt. Je weiter westlich, desto besser, meinte der Sachbearbeiter. Ansonsten fiel ihm nichts zu meinen dürftigen Bewerbungsunterlagen ein. Arbeitslosengeld bekam ich sowieso nicht, weil ich beim Lokalfernsehen die meiste Zeit ohne Sozialabgaben als Praktikant gearbeitet hatte. Insofern war die Ausbeute meines Termins beim Arbeitsamt sowohl an hilfreichen Tipps als auch an finanziellen Hilfen unergiebig und demotivierte mich für ein paar Wochen, in denen ich gar nichts tat, was mit Bewerbungen zu tun hatte. Aber dann näherte sich ein weiterer vielversprechender Termin, nämlich der mit dem großen Chef.

Der große Chef saß in einem großen Büro in einer der obersten Etagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Beim Lokalfernsehen war eines Tages ein Rentner aufgetaucht, der Zeit seines Arbeitslebens große Sachen beim großen Fernsehen in Berlin gemacht hatte, also das, was zur Primetime im ganzen Land zu sehen war. Als Rentner zog er zu uns in die Provinz und realisierte zum Spaß ein paar kleine Beiträge, meistens mit mir, weil ihm der uncoole Kameramann zu kompliziert gewesen war. Zum Abschied gab mir der Fernsehrentner ein Empfehlungsschreiben an seinen alten Kumpel von ganz früher mit, und dieser Kumpel war inzwischen einer der Leute, die direkt unter dem Intendanten saßen. Ich rätselte ausführlich darüber, was so ein Empfehlungsschreiben wert sein könnte, was ich sonst noch für Bewerbungsunterlagen brauchen könnte und am liebsten hätte ich das Treffen immer weiter vor mir hergeschoben, aber irgendwann hatte ich die Sekretärin des großen Chefs angerufen, die mir ein Datum nannte, das wiederum gut einen Monat nach dem Telefonat lag.

Vielleicht lag es an meiner depressiven Gemütshaltung, vielleicht war es einfach nur Zufall, aber ein paar Tage vor dem Termin bildete sich an meiner Schläfe ein Pickel, der immer weiter wuchs und schließlich ein rotleuchtender Furunkel wurde, eine eklige Beule direkt neben dem Auge. Martin machte nur blöde Witze, dass ich als Spezialschauspieler für Furunkelfilme gut bezahlt werden würde, oder dass das Platzen eines Pickels und Verspritzen von Eiter während des Vorstellungsgesprächs eine sehr unkonventionelle Performance sein könne. Martin fand ja auch Zombiefilme lustig, ich konnte überhaupt nicht lachen. Am Tag vor dem Termin mit dem großen Chef ging ich zu einem Arzt und der, schon kurz vor der Rente, schaute sich meine riesige rote Beule an und ritzte ein bisschen mit seinem Skalpell an der entzündeten Haut, was höllisch schmerzte. Mit seiner Assistentin wechselte er eine erheiterte Bemerkung, dass ich meine Augen sehr weit aufreißen würde. Dann erklärte er mir, dieser Furunkel sei wirklich schlimm, früher hätte er sowas aufgeschnitten, aber das würde so wehtun, dass er das, in seinem Alter, nicht mehr machen wolle. Wenn nötig, könne er mich an einen Chirurgen überweisen, aber da würde ich auch erst im Lauf der nächsten Tage einen Termin bekommen. Die schnelle Hilfe verweigerte er mir. Abends saß ich bei Martin, wir tranken Wein und überlegten, welche Art von Gesichtsmaske für mein Vorstellungsgespräch geeignet sei. Die Vorstellung solch absurder Lösungen amüsierte uns, aber schließlich merkte ich, wie sich der Furunkel langsam an den Kratzern, die der Arzt mir zugefügt hatte, öffnete und Schleim und Eiter herauszufließen begannen.

Tatsächlich war am nächsten Morgen die Beule verschwunden, nur noch eine dezente Rötung erinnerte an den Krisenherd in meiner Gesichtshaut und ich konnte meinen Termin beim großen Chef im großen Büro mit großem Herzklopfen wahr- und dabei zur Kenntnis nehmen, dass der große Chef auch nicht wusste, was er mit mir anfangen sollte, vielleicht erinnerte er sich auch gar nicht mehr an den Fernsehrentner, dessen persönliche Empfehlung ich ihm in die Hand drückte und außerdem sei ich ja eigentlich in der falschen Abteilung, um mich vorzustellen und was ich über die öffentlich-rechtlichen Sender eh schon wusste, dass sie sich zu fein für Quereinsteiger sind, bestätigte er im Lauf des Gespräches. Letztendlich verabschiedete er mich nach fünfzehn Minuten und er hatte mir keinen anderen konkreten Ansprechpartner genannt, was zweifellos bedeutete, dass ich mich getrost verpissen konnte. Befreit vom Furunkel, aber wieder demotiviert latschte ich von der Fernsehzentrale zurück zu Martins Wohnung.


Inhaltsverzeichnis

V E R A N S T A L T U N G S A N K Ü N D I G U N G

Ralf Schuster liest aus „Medialismus“

Wann? Sonntag, 11. Oktober 2015, 19 – 21 Uhr
Wo? Living Room Event bei Schütze/Kneis, Rotkreuzstr., Würzburg
Eintritt? Frei, jedoch ist aus Platzgründen eine Voranmeldung in Form eines Kommentars auf diesem Blog oder per E-Mail an dennisschuetze (at) gmx.de bis 24 h vor Veranstaltungsbeginn erwünscht.

„Medialismus“, Roman: 22. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 22. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Herrje! Ist das die Möglichkeit??? Schon drei Tage und immernoch kein einziger Kommentar??? Muss ich dgl. tatsächlich wahr- und zur Kenntnis nehmen? Also ehrlich, ich freu mich auf den 11.10., zu dem ich mich nach heutiger Klärung der leidigen Urlaubsfrage hiermit anmelde. Wenn man bedenkt, dass das quasi dann eine Weltpremiere sein wird…bis bald, liebe Freunde!:-)

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