Der Post-Punk in Deutschland wurde musealisiert und schlägt sich wacker dabei

Aus der untenstehenden, etwas zähen, aber hoch informativen Diskussion zwischen drei Akteuren dieser Zeit um 1980 und einem ein wenig zur bewundernden Distanzlosigkeit tendierenden Moderator wird nicht recht klar, warum Wolfgang Müllers Konzept des „Genialen Dilletantismus“ (GD) – auf den Einfluss seines frühverstorbenen Würzburger Weggefährten Nikolaus Utermöhlen sei hiermit ausdrücklich verwiesen – bis heute seine ästhetische Attraktivität nicht ganz verloren hat.

Klar wurde jedenfalls mir nach dem Besuch der Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ im Münchner Nazibau „Haus der Kunst“ (durchaus eine kon-geniale [sic!] Ausstellungsstätte für Bargeld und Delgado-López, weniger aber vermutlich für Hein und Fehlmann) am 19. September, dass die, äh, „Bewegung“ trotz aller vermeintlichen Apotheose des Hässlichen durchaus in der Regel aus überdurchschnittlich gut aussehenden, streng bis fantasievoll frisierten und ebenso streng bis fantasievoll gekleideten jungen Männern (und wenigen Frauen) mit signifikantem Sex-Appeal bestand. Die prägnante Ausnahme von der Regel bildeten (und bilden) lediglich der spiritus rector des Ganzen, also Duchamp-Fan Wolfgang Müller himself (ganz rechts) sowie der Publizist und äh, Soziosoph Diedrich Diederichsen (zweiter von links).

Die Ausstellung hat mir sehr gut gefallen, sie ist ansprechend aufgebaut, nicht zu umfangreich und kommt komplett ohne didaktische Exzesse aus, will sagen, sie liefert sinnfällig strukturiertes Quellmaterial, das man selber zu beurteilen hat. Das ausstellungstechnische Problem, eine zahlenmäßig winzige, aber dennoch einflussreiche soziokulturelle Bewegung (denn nichts anderes war der Post-Punk in Deutschland), deren Hauptmedium Musik war, in einem Haus für bildende Kunst zu präsentieren, wird im Großen und Ganzen zufriedenstellend gelöst. Man muss sich halt darauf einstellen, Kopfhörer aufzusetzen und auf Videomonitore und Beamerleinwände zu glotzen; die ebenfalls präsentierte zeitgleiche Malerei, etwa von den Gebrüdern Oehlen und Martin Kippenberger, wirkt da eher als Dreingabe – vollkommen zurecht!

Als durch die zusammen mit Ralf Schuster 1991 publizierte CompactCassette „Hypnotisierungsmusik“ spät und marginal am GD Beteiligter stelle ich befriedigt fest, dass mein musikalischer Favorit innerhalb des Genres bis heute die Deutsch Amerikanische Freundschaft geblieben ist: Delgado-López‘ und Görls beste Arbeiten haben nichts von ihrer musikalischen Frische und Durchschlagskraft eingebüßt und stehen damit – was mir aber erst jetzt so richtig klar wird – auf einem Level mit den längst kanonisierten Can, Neu und Kraftwerk. Dennoch, dass sie weltanschaulich und ästhetisch späteren Amalgamen von Pop und (krypto-)faschistischem Gedankengut (Rammstein, Neue Deutsche Härte) den Weg wiesen, liegt halt genauso auf der Hand (abgesehen davon, dass Delgado-López und Görl vieles waren, aber sicherlich keine „genialen Dilletanten“, ihr role model war ganz klar der Yuppie; dennoch war es eine kluge Entscheidung, sie in die Ausstellung aufzunehmen, und sei es als „post-dilletantische“ Kontrastfolie zu Müllers Tödlicher Doris).

Im Licht der aktuellen Debatte um die generelle Konzeptualität von Kunst und speziell Kunstmusik wird klar, dass Müller und Delgado-López diametrale Positionen innerhalb des deutschen Post-Punk einnahmen: Müller ist ein „echter“ Konzeptkünstler, dem im Zweifelsfall Ideen immer wichtiger sind als alles andere. Heraus kam Konzeptmusik im Sinne Harry Lehmanns (Anspieltipp: Der Track „Die Schuldstruktur“ der Tödlichen Doris von 1981). Delgado-López & Görl dagegen hatten ein dezidiertes, damals innovatives Musikkonzept, welches sie „ohne Rücksicht auf Verluste“ umsetzen und unter die Leute bringen wollten. Selbstreflexive oder gar intellektuelle Impulse waren ihnen fremd, politisch fragwürdige Appropriationen ihrer Arbeit (siehe die Bemerkung zur Neuen Deutschen Härte oben) wurden – vermutlich – in Kauf genommen, aber zumindest nicht verhindert (gut, wie hätte dies auch gehen sollen…).

Für mich war und ist es müßig, zu diskutieren, wer nun wichtiger war, Müller oder Delgado-López (wer war wichtiger, Duchamp oder Dalí?), Freunde des Konzeptuellen werden zweifellos immer Müller favorisieren, Freunde „gut hörbarer“ Musik zweifellos immer Delgado-López. 35 Jahre später liegt für mich jedenfalls klar auf der Hand, dass diese Antagonisten, wenn auch auf auf ziemlich indirekte Art und Weise, bis heute aufeinander angewiesen sind (man mag einwerfen, Müller sei auf Delgado-López in keinster Weise ästhetisch angewiesen gewesen, was korrekt ist, dabei vergisst man aber, dass wohl bis heute selbst alerteste Kunsthistoriker kaum von Müller Notiz genommen hätten, wäre da nicht die bis heute andauernde Populärität der Neuen Deutschen Welle gewesen, für die wiederum die Deutsch Amerikanische Freundschaft – neben vielen anderen – die Blaupause lieferte. So gesehen ist u. a. Delgado-López‘ Breitenerfolg ein Grund dafür, warum Müllers selbst innerhalb der sie tragenden Subkultur extrem marginale Arbeiten 2015 im Haus der Kunst und anderswo zurecht musealisiert werden).

Der von L. Emmerling und M. Weh herausgegebene, preislich moderate (EUR 24.-) Ausstellungskatalog ist empfehlenswert (bzw. für an der Zeit Interessierte obligatorisch) und enthält neben den erwartbaren Fotografien – Blixa Bargeld in Ekstase und so – natürlich einen Essay von Diederichsen (gut lesbar, um Verständlichkeit bemüht), in dem mir vor allem folgender Satz auf S. 22 in Erinnerung geblieben ist (Gruß an mr.boredom an dieser Stelle):

Diese Cassettenlabels veröffentlichten in großer Zahl die inspirierten und durchgeknallten Taten von überdrehten Teenagern in Kellern von Provinzreihenhäusern.

Eine weitere schöne Formulierung Diederichsens aus dem obenstehenden Video möchte ich der Leserin der Weltsicht nicht vorenthalten. Gefragt, was die „Generation Post-Punk“ von der unmittelbar vorausgehenden, vom us-amerikanischen Hippietum geprägten vor allem unterschied, sagt er bündig: „Das Annehmen der eigenen Provinzialität, verbunden mit einem gegenwartsdiagnostischen Furor.“ Jawoll. Is genehmigt.

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Der Post-Punk in Deutschland wurde musealisiert und schlägt sich wacker dabei

16 Gedanken zu “Der Post-Punk in Deutschland wurde musealisiert und schlägt sich wacker dabei

  1. @Volker: Neelassma, nun auch nicht mehr.

    Anfang der trotz Helmut Kohl soziokulturell weiterhin sozialdemokratisch geprägten 1980er Jahre ging dieser Song für meine Begriffe als Provokation grade noch so durch und hat damals zweifellos „funktioniert“, aber heute würden D.A.F vermutlich mit Songtexten wie „Tanz den Adolf Hitler!“ keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken (auch keinen braunen), denn die Figur Hitler ist mittlerweile längst fester Bestandteil der (postmodern-durchironisierten) Alltagskultur (die man auch „Harald-Schmidt-Kultur“ nennen könnte, vgl. für viele Vermes‘ Bestseller „Er ist wieder da“ [den ich nicht gelesen habe]) geworden und hat – für meine Begriffe – damit jegliches irgendwie „provokative“ Potential verloren.

    Und obwohl demnächst Gymnasiasten im Geschichte-Leistungskurs „Mein Kampf“ im Original studieren können, steht uns – die Prognose wage ich mal – kein Viertes Reich ins Haus. Oder?

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  2. Volker schreibt:

    @Stefan: das will ich schwer hoffen, dass keiner mehr auf solche Ideen kommt, aber ganz ausschließen kann ich’s wohl auch nicht. Also Demokraten, wachsam bleiben! ;-/

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  3. Habe meine zarte Jugend in den 1980ern in München verbracht. Postpunk ist damals komplett an mir vorbeigegangen, war für mich und mein Umfeld quasi nicht-existent und im Rückblick ist die Musik wirklich nur sehr schwer zu ertragen. Alles so verdammt unmusikalisch, nicht mal das Handwerk haben sie beherrscht. Wohl eher was für deutsche Poptheoretiker, sorry. Da ist die damals sehr populäre Münchner Spider-Murphy-Band zig mal lustiger, textlich interessanter und musik-handwerklich um Lichtjahre voraus. Aber bei denen kann man vielleicht nicht so gut theoretisieren, kann man aber heute noch anhören.

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  4. @Dennis: Danke für den Kommentar 🙂 Du brauchst dich nicht dafür entschuldigen, dass dir Postpunk nicht gefällt. „Gefallen“ in dem Sinn hat mir das damals auch nicht, eher nachhaltig beunruhigt und aufgestört (nicht nur ästhetisch). Aber diese Empfindung hat sich – bei mir – als wesentlich nachhaltiger und produktiver erwiesen als vieles andere. Klar hat mir „Skandal im Sperrbezirk“ damals auf seine Art auch „gefallen“, aber wenn’s heute im Radio läuft, verdrehe ich nur noch die Augen in namenloser Qual.

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  5. @Stefan: Das war ganz sicher keine Entschuldigung. Wollte nur mal darauf hinweisen, dass da was überbewertet wird, was weder damals, noch heute eine große Bedeutung hatte/hat. Es ist nur besonders, weil es abseitig war, ist das deiner Meinung nach schon genug?

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  6. Gerhard schreibt:

    @Dennis, jetzt kommst Du wieder auf einen Deiner Lieblingspunkte zurück 😉
    Ich glaube nicht, daß Stefan Deinen letzten Satz beantworten wird – auch weil „er garnicht gemeint“ ist ( wie man umgangssprachlich sagt ) 🙂

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  7. @Dennis: Ich habe in deiner Antwort das Wort „sorry“ gelesen und das als Entschuldigung aufgefasst, sorry 😉 Und: nein, ich halte „Abseitigkeit“ für kein ausreichendes ästhetisches Qualitätskriterium (aber du hast natürlich recht: exakt im Dunstkreis des Postpunk wurde „Abseitigkeit“ [ein reichlich nebulöser Begriff übrigens] mitunter zu einem solchen hochgejazzt).

    Als ästhetische Erfahrungsbegriffe gefallen mir „Ambivalenz“ und „Ereignishaftigkeit“ besser, um das, was die Postpunker wollten, zu fassen. An „Schönheit“, ich wiederhole mich hier gerne, waren und sind sie wirklich nicht sonderlich interessiert. Für dich (und die meisten Menschen) ist diese aber (offenbar) eine conditio sine qua non ästhetischer Erfahrung, will sagen, wenn ein Artefakt nicht „schön“ ist, ist es keiner weiteren Würdigung wert. Aber bsp.weise ein wüstes Gitarrensolo von Hendrix ist ja auch nicht „schön“, wie eine Blumenblüte „schön“ ist, es ist dafür aber vielleicht „erhaben“, jagt uns Schauer über den Rücken, wühlt uns emotional auf etc. Dadurch empfinden wir es als „ästhetisch“, also dann doch – im umgangssprachlichen Sinn – als „schön“. Mit der Verwendung desselben Wortes „schön“ für eine Blumenblüte hat dieses „schön“ dann aber fast nichts mehr zu tun (vgl. auch Wittgenstein: «Wenn etwa jemand sagt ‚A’s Augen haben einen schöneren Ausdruck als B’s‘, so will ich sagen, dass er mit dem Wort ’schön‘ gewiss nicht dasjenige meint, was allem, was wir schön nennen, gemeinsam ist. Vielmehr spielt er ein Spiel von ganz geringem Umfang mit diesem Wort.»; mehr dazu im Eintrag „Ästhetik“ meines Wittgenstein-Glossars)

    Lange Rede, kurzer Sinn: reduziert man ästhetische Erfahrung auf die Erfahrung von „Schönheit“ (=handwerkliche Perfektion, Proportion, Ausgewogenheit, Gediegenheit der Machart etc.), klammert man wesentliche Aspekte menschlicher Erfahrung aus dieser aus. Das kann man natürlich tun, landet dann aber – nach meiner Erfahrung [sic!] – bei einem schmalbrüstigen Ästhetizismus, der irgendwann, umgangssprachlich formuliert, „in Schönheit ertrinkt“ und dann grundlangweilig wird.

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  8. @Stefan: Danke für die ausführliche Antwort. Ich hatte gar nicht von „Schönheit“ geschrieben, sondern von allgemeiner Bedeutung und die kann ich nicht erkennen. Des Weiteren fällt in deinem Text ja auch das Wort „genial“ und da, denke ich, müssen schon ein paar mehr Parameter herausragen als Provokationspotential und Andersartigkeit. Was meinst du?

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  9. @Dennis: Ich kam auf die „Schönheit“, um ganz allgemein darzulegen, dass auch etwas „Abseitiges“ ästhetisch sein kann. Die landläufige Formel „ästhetisch = schön“ bzw. „schön = ästhetisch“ greift beim Postpunk überhaupt nicht (bei Dada auch nicht, und auch nicht beim Neuen Konzeptualismus). „Genial“ kommt von Wolfgang Müller und ist ganz schlicht ironisch gemeint. Die „Genialen Dilletanten“ stellen eher eine Parodie dessen dar, was man im 19. Jahrhundert unter dem „Originalgenie“ verstand. Auf die „anderen Parameter“ Ambivalenz und Ereignishaftigkeit habe ich ja bereits verwiesen.

    Bleibt der Einwand mit der „allgemeinen Bedeutung“. Nun ja, da fällt mir immer wieder J.S. Bach ein, dessen „allgemeine Bedeutung“ nach meinem Kenntnisstand ein paar Jahrhunderte einfach „vergessen“ wurde, heute bestreitet niemand mehr seine „allgemeine Bedeutung“. Nicht, dass ich Wolfgang Müller mit J.S. Bach vergleichen möchte, betonen möchte ich aber schon, dass „allgemeine Bedeutung“ meist nur heißt: „zum jetzigen Zeitpunkt sehr vielen Menschen bekannt“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger (Du kennst ja das Phänomen von „bedeutenden Künstlern“, die nach ihrem Tod rasch vergessen wurden – und auch den umgekehrten Fall). Also: Dass eine Kunstrichtung heute nicht von „allgemeiner Bedeutung“ ist, sagt nicht sonderlich viel über sie aus (aber sehr viel über das „Heute“).

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  10. Gerhard schreibt:

    @Stefan: Ich wundere mich, daß Du den Schönheitsbegriff (nochmal) so ausführlich darlegst. Das ist doch m.e. Allgemeinwissen. Ich kann etwa Beuys nicht nach den herkömmlichen Ästhetikbegriffen werten, wenn auch Beuys durchaus auch ästhetisch „schöne“ Zeichnungen schuf.
    Ich erinnere mich auch an die Surrealistenausstellung in Frankfurt 1989/90, in der mir Kunstnovizen so manche Bilder unästhetisch vorkamen. Durch weitere „Schulung“ wandelte sich das dann doch deutlich.
    Später vielleicht mehr dazu.

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  11. @Stefan: Schon wieder daheim im Unterfrankenland, leider ohne Zusammentreffen mit dir, sorry, der Besuch stand unter anderen Vorzeichen. Die Oide Wiesn war nur ein schöner Abschluss nach sehr arbeitsreichen und anstrengenden Tagen.

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