„Medialismus“, Roman: 23. Kapitel

ralfcschusterDas Stimmungsbarometer blieb noch eine Weile im Keller, es schwankte zwischen schlechter und ganz schlechter Laune. Aber mit einem Mal veränderte sich die Lage schlagartig, denn Ulrich traf in Berlin ein. Der Chef vom Lokalfernsehen hatte ihn nach einem Streit rausgeworfen, unterwegs war ihm das Auto liegen geblieben und mit Rucksack und zwei Plastiktüten, in die er seine Habseligkeiten aus dem Auto gestopft hatte, kam er per Anhalter erst einen Tag später in Berlin an, als geplant. Seine Übernachtungsbekanntschaft war nicht mehr erreichbar und so musste er auch noch bei Martin untergebracht werden. Es war nur eine Nacht, denn dann brach er schon wieder auf, um die Verschrottung seines Autos, das irgendwo in den neuen Bundesländern auf einem Autobahnrastplatz stand, zu organisieren.

Aber an dem einen Abend, während er in Berlin war, flog uns eine Wohnung zu, denn ich hatte kurz zuvor Sabine und ihre drei Monate alte Tochter auf einen Kaffee besucht. Ihr war gerade eine gute Wohnung in einer der abgefucktesten Gegenden der Stadt angeboten worden. Sie hatte abgelehnt, denn nach kurzem Abwägen bevorzugte sie, mit dem Kind lieber in einer Anliegerwohnung in der Villa ihrer Eltern einzuziehen, irgendwo dort, wo nur wohlhabende Menschen wohnen. Das Wohl des Kindes war ihr vermutlich wichtiger als die soziale Tarnung in einem Proletenstadtteil. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, dass Sabines Unnahbarkeit durch ihre großbürgerliche Herkunft zu erklären sei, die sie nur zögernd preisgab. Inzwischen hatte ich auch erfahren, dass der Vater des Kindes aus diplomatischen Kreisen stammte, aber ich konnte es mir nicht merken, zu welchem der vielen afrikanischen Staaten er gehörte. Die Wohnung in Neukölln, die sie abgelehnt hatte und nun mir anbot, schien mir zunächst zu groß und zu teuer, aber als Ulrich auftauchte, der davon redete, dass auch noch ein Design-Kollege nachkommen könnte, machten wir die Sache klar. Ein paar Tage später hatte Martin endlich wieder seine Wohnung für sich allein.

Ich brachte meine Matratze, die Transportkisten und die Schallplattensammlung in die neue Wohnung und noch bevor ich mir Regale und ein Bett besorgen konnte, zwang mich Ulrich, gemeinsam mit ihm alle Videoproduktionsfirmen abzuklappern, die in den Gelben Seiten standen und das waren ziemlich viele. Ich hatte natürlich bei jeder einzelnen meine Gründe, weshalb ein Erfolg unwahrscheinlich oder aussichtlos sei, doch Ulrich ließ keine Ausreden gelten, wir fuhren mit der U-Bahn durch die Stadt und gingen leibhaftig zu jeder der vielen Adressen, eine nach der anderen. Hallo, wir sind neu in der Stadt, er ist Kameramann, ich arbeite als Cutter, könnt ihr uns brauchen? Schon nach ein paar Tagen gab es die ersten heißen Spuren. Ulrich knüpfte verschiedene Kontakte, bei denen er abwechselnd Tagelöhnerdienste ableistete, was bei Cuttern weit verbreitet war. Ich fing einige Wochen nach dem Umzug tatsächlich in einer kleinen Videoklitsche an.

Mein Privatleben wurde nun wie mit einem Schalter ausgeknipst, ein dreiviertel Jahr lang war ich ständig unterwegs. Wir drehten billige Kurzbeiträge, die irgendwo im Privatfernsehen gesendet wurden. Damit es sich bei unserem niedrigen Minutenpreis lohnte, musste man das an einem, oder bestenfalls an anderthalb Tagen komplett drehen. Meist war es feuilletonistischer Ramsch aus den neuen Bundesländern, früh um sieben in Berlin losfahren, um zehn waren wir dann in Rostock, Halle, Cottbus oder sonst einer medial unterversorgten Stadt und dann wurde gedreht, bis alles im Kasten war. Abends, zu unbestimmter Zeit, kamen wir zurück, steckten die Akkus ins Ladegerät und am nächsten Morgen fuhren wir wieder los. Ab und zu drehte auch der Chef, ein lässiger Selfmademan, der angeblich als Kameramann im Balkankrieg zu Geld gekommen war und inzwischen Feuilletonistisches aus den neuen Bundesländern für das Privatfernsehen anbot. Nun war ich der allzeit verfügbare Kameramann für seine sechs bis acht Reporterinnen, alles attraktive Frauen, die mit einer eher theoretischen Ausbildung direkt von der Uni kamen und die sich dann für ein bescheidenes Pauschalhonorar um alles kümmern mussten: Thema finden, Kontaktpersonen recherchieren, Drehtermine ausmachen und letztendlich mit mir und einem Praktikanten hinfahren, filmen, interviewen, zurückfahren, schneiden, texten.

Den Schnitt machten sie mit dem Chef oder einem Tagelöhner, aber da war ich ja schon wieder auf der nächsten Tour, filmte Ostalgietreffen, Pantoffelwerkstätten, Erfindermessen, Puppendoktoren, Wendeverlierer und alles, was den gelangweilten Fernsehzuschauer auf harmlose Weise unterhalten könnte. Beim Lokalfernsehen hatte ich das auch gemacht, aber nun waren die Auftraggeber pingeliger, die Reporterinnen ambitionierter und die Drehorte lagen teilweise Hunderte von Kilometern entfernt. Unzählige Staus, die sich an den Baustellen des Verkehrsprojektes „Deutsche Einheit“ bildeten, mussten wir überwinden, um dorthin zu gelangen, wo wir das Wesen der geschundenen Ossi-Seele zu ergründen suchten. Solange wir uns als Team gut verstanden, waren unsere Touren spannende Ausflüge mit Kamera, aber nach einem halben Jahr schwirrte mir der Kopf und wenn man mich fragte, wo ich zwei Wochen zuvor gewesen war, dann fiel es mir schon nicht mehr ein, also ein klarer Fall von Reizüberflutung. Aber es fragte mich niemand, da ich mich sowieso nur mit den Leuten unterhielt, die mit mir im Auto saßen, wenn wir unterwegs waren.

Ab und zu traf ich Ulrich in unserer gemeinsamen Wohnung. Bei ihm häuften sich die Spätschichten, denn er war ein richtiger Nachtmensch. Auch Wochenendschichten übernahm er gern, da sie besser bezahlt wurden. Dann zog Henry ein, von dem ich später erfuhr, dass er gar nicht Henry hieß, sondern eigentlich Herbert, aber das war ihm zu altmodisch. Mit großem Hallo begrüßte er mich, obwohl wir uns noch nie gesehen hatten. Er behauptete, Ulrich hätte viel von mir erzählt und meine Filme kannte er angeblich auch. Er musste also in einer meiner Filmvorführungen gewesen sein. Henry kam am gleichen Tag, an dem auch Achim plötzlich mit der Theaterstückeschreiberin vor der Tür stand. Seit Wochen oder Monaten war so gut wie kein Besuch bei mir vorbeigekommen und dann plötzlich so viele. Henry saß, als ich nach Hause kam, in dem kleinen Zimmer, das Ulrich und ich nur für den Wäscheständer benutzten, auf einem großen aufblasbaren Ball an einem ganz kleinen Tisch, vermutlich ein Klapptisch und auf dem kleinen Tisch stand einer von diesen kleinen Macs mit dem 7-Zoll-Bildschirm. Neben dem Computer lagen ein kleines Notizheft und ein sauber angespitzter Bleistift. Er sei heute Nachmittag eingezogen, Ulrich hätte ihn hereingelassen, sagte er. Alles sei prima und er schon fertig mit dem Einräumen, da er nichts besitzen würde außer der Matratze und einem Koffer mit ein paar Klamotten. Beim Reden deutete er auf die Dinge, von denen er gerade sprach und ansonsten hätte er ja nur den „Kleinen“, wobei er den Mac tätschelte. Im Kühlschrank sei Bier und er habe Chili con Carne gekocht. Als er das sagte, fiel mir auf, dass ich mich bei Betreten der Wohnung über den Essensgeruch gewundert hatte. Unser größter Topf war bis oben voll, damit es sich lohnen würde und Chili con Carne könne man ja drei Tage lang problemlos aufwärmen. Das war gut, denn ich hatte Hunger.

Kaum saßen wir in der Küche, die Bierflaschen gerade geöffnet, klingelte es und Achim mit der Theaterstückeschreiberin, die ich ja noch nie gesehen hatte, standen vor der Tür. Kein Wunder, erklärte Achim, sie sei ja gerade erst nach Berlin gekommen, irgendeinen Nachwuchstheaterschreibepreis hätte sie schon eingeheimst und jetzt würde sie ganz in der Nähe wohnen, weil er, Achim, ihr eine günstige Wohnung besorgt hätte und da Theater eine dem Untergang geweihte Kunst sei, wolle er sie mir bekanntmachen. In seiner überheblichen Art fügte er hinzu, dass 99 Prozent der Theater zurecht untergehen würden, weil sie quasi mit Absicht und vollsubventioniert von unfähigen Theaterleuten an die Wand gefahren würden, aber es gäbe ja noch diese eine Prozent von guten Leuten, von Theatermachern, die tatsächlich auch mal eine originelle Idee hätten und da würde die Theaterstückeschreiberin, obwohl sie  noch blutjung sei, dazugehören. Jetzt stellte sich für Achim allerdings die Frage, ob er das zu lassen dürfe, ob es sich lohnen würde, der Theaterstückeschreiberin dabei zu helfen, sich gegen die 99 Prozent der unfähigen, aber in hochbezahlten Intendanten- Regie- und Dramaturgenpöstchen verschanzten Theaterkunstverderber aufzulehnen, oder ob es nicht sinnvoller sei, sie von ihrem Theaterstückschreibewillen zu exorzieren und der Filmkunst zuzuführen.

Ich will keine Filme machen, das machen doch alle, sagte die Theaterstückeschreiberin. Jetzt bemerkte ich, dass sie, wenn sie sich erregte, in ein deutliches Sächseln verfiel. Filmkultur ist Leitkultur, proklamierte Achim und Henry fügte hinzu: im Guten wie im Schlechten. Denn es sei doch der Film einerseits vom Mainstreamwillen, vom Blockbusterwahn, von der selbstgewählten Einschaltquotenhörigkeit völlig korrumpiert, aber andererseits sei der Film, also genaugenommen der Kinofilm, auch das Medium, das ernstgenommen werde, in dem die Weltkultur stattfinde. Der Film sei DIE Kunstform des 20 Jahrhunderts. Das war Wasser auf Achims Mühlen, da zog er sogleich über die Theatermacher her, die ja angeblich immer noch nicht kapiert hätten, dass sie all das, was der Film sowieso viel besser könne, nicht mehr zu tun bräuchten, aber unbeirrt würden sie in zwangsneurotischer Symbiose mit ihrem vergreisten Bildungsbürgerspießerpublikum an dem festhalten, was nicht mehr zu retten sei. Und Henry: Die Filmfestivaltouristen von heute sind die Bildungsbürgerspießer von morgen.

Ich stellte unterdessen fest, dass das Chili con Carne wirklich gut schmeckte und wollte auch mal was sagen: Die Avantgarde kann nichts dafür, wenn sie irgendwann auch mal bei den Spießern ankommt. Dafür dürfen wir sie nicht verachten, ganz im Gegenteil. Wenn ihr niemand folgt, dann verdient sie ihren Namen gar nicht. Das ist banal, entgegnete die Theaterstückeschreiberin, obwohl ich damit für sie Partei ergreifen wollte und Henry musste mir auch noch widersprechen: Die vermeintlichen Spießer, die der Avantgarde folgen, sind keine Spießer, Spießer sind die, die zurückbleiben. Achim wiederum: Inzwischen sind doch die, die sich unreflektiert an den neuesten technischen Erungenschaften aufgeilen, die wahren Reaktionäre, das sähe man an dem allgegenwärtigen Videodreck. Damit meinte er wohl pauschal das Privatfernsehen, oder etwa Videokünstler? Achim hatte, so kannte ich ihn, das Bedürfnis, immer noch etwas deftiger zu schimpfen als die anderen. Henry hingegen war der kritische Kulturfeingeist, ein Designer eben, der überall auf der Suche nach der feinen Trennlinie zwischen dem Geschmacklosen/Schlechten, und dem Edlen/Guten war.

Die hübsche Theaterstückeschreiberin, der wir alle drei imponieren wollten, saß zwischen uns und vermied es, irgendjemandem zuzustimmen. Auch nicht mir, obwohl ich versuchte, mit meiner Argumentation weit und poetisch auszuholen, was mir in der hitzigen Diskussion nur gelang, weil Achim sich gerade Chili con Carne auf den Teller schaufelte, und Henry, dadurch abgelenkt, kurze Erläuterungen zur Zubereitung gab. Das kollektive Menschheitsbewusstsein werde sich durch die geistige Entwicklung verändern. Und vermutlich sei die Veränderungsgeschwindigkeit relativ konstant, da jeder einzelne Mensch seine Zeit brauche, um sich an neue Lebensbedingungen anzupassen, und gleichzeitig finde der Austausch der Menschen durch das Wegsterben der Alten und das Nachwachsen der Jungen ebenfalls in einer konstanten, oder sogar sinkenden, Geschwindigkeit statt. Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung sei allerdings keineswegs konstant, sie habe sich in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten drastisch beschleunigt. So wie beim Überschallknall, der dann auftrete, wenn die Geschwindigkeit der Schallquelle höher sei als die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Schalles, gebe es auch bei der Menschheitsbewusstseinsentwicklungsgeschwindigkeit einen kritischen Wert, der dadurch definiert werde, dass die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts die Entwicklungsgeschwindigkeit der mentalen Auffassungsgabe überfordere. Dann befänden wir uns im kritischen mentalen „Überschallbereich“.

Das sagt mein Opa auch, kommentierte Henry und Achim lobte das Chili con Carne. Wo ist denn der Flaschenöffner? fragte die Theaterstückeschreiberin, die tatsächlich schon ihr erstes Bier leer hatte. Dann kam auch noch Ulrich nach Hause, der sich ebenfalls auf das Bier und das Chili con Carne stürzte und dabei ein paar Sätze mit Henry austauschte, ob er in dem kleinen Zimmer zurechtkommen würde. Während das restliche Gespräch begann, sich um WG- und Lebensumstände zu drehen, schaute Ulrich die Theaterstückeschreiberin immer wieder verwirrt an, bis er plötzlich mit der völlig unvermittelten Frage herausplatzte, ob sie denn gerade im Rahmen eines Stipendiums an einem Theaterstück über eine Doppelkopf spielende Männerrunde schreiben würde, und die Doppelkopfspieler seien eigentlich eine linke Spaß-Guerilla, die Aktionen gegen die Treuhandanstalt plane. Diese Frage ließ uns alle aufhorchen, erst recht, als die Theaterstückeschreiberin sie bejahte. Da war Ulrich plötzlich wie aus dem Häuschen, denn das sei ja der Wahnsinn, vor einer Stunde habe er noch am Schnittplatz gesessen, denn er schneide ja gerade einen längeren Bericht, eine umfangreiche Reportage, über Künstler, die sich mit den Verfehlungen und Missständen der Wiedervereinigung auseinandersetzten. Er sei leider nur der Cutter und er habe nicht einmal alles geschnitten, aber heute, gerade heute, sei es darum gegangen, ein Interview mit der jungen, gerade mit einem Preis und einem Stipendium geehrten Theaterstückeschreiberin zusammenzukürzen. Deshalb habe er sie gerade eben auf dem Monitor gesehen und jetzt säße sie in seiner Küche, das sei ein Zufall, der ihn völlig verwirre, erklärte Ulrich und in der Tat war er sichtlich durcheinander.

Er erzählte begeistert, dass der Reporter gesagt habe, die Schriftstellerin sei noch jung und auch nicht so wichtig, da dürften wir auf keinen Fall von ihr mehr Sekunden drin haben als von dem altehrwürdigen DDR-Schriftstellerverbandsehrenvorsitzenden, der an ach so vielen runden Tischen gesessen habe, dessen Interview aber leider stinklangweilig und unambitioniert gewesen sei, weil, so vermutete der Reporter, er Hunger gehabt habe, aber der quasi verbeamtete öffentlich-rechtliche Kameramann habe nicht länger warten wollen, wegen der Überstunden, und da habe man das Interview mit dem DDR-Schriftstellerverbandsehrenvorsitzenden überstürzt vor dem Bankett machen müssen, obwohl es danach bestimmt viel besser geworden wäre. Und so hätten sie am Schneidetisch aus dem tollen Interview mit der jungen Theaterstückeschreiberin schnell eines der vielen guten Statements herausgeholt und sich dann lange damit gequält, das verschnarchte Genuschel des DDR-Schriftstellerverbandsehrenvorsitzenden durch eine geschickte Montage interessant wirken zu lassen. Die Reportage wäre besser und stringenter, wenn man den DDR-Schriftstellerverbandsehrenvorsitzenden komplett rausgelassen hätte, aber, so die Logik der Programmmacher und Redakteure, viele Leute würden es sich dann gar nicht anschauen, sie bräuchten immer einen bekannten Namen. Wenn da nur No-Names vorkämen, auch wenn sie tolle seien, dann schaue sich das der Normalzuschauer NICHT an, dann wisse man als Redakteur gar nicht, wie man den Zuschauern im Programmheft und im Infotext den Beitrag schmackhaft machen solle. Allerdings, und dann machte er eine Pause, um die Theaterstückeschreiberin groß anzuschauen und uns schaute er auch groß an, erst dann rückte er mit seiner Frage raus: Ob sie denn wirklich Marianne Wursthorn heiße? Oder ob das ein Künstlername sei?

Natürlich heiße ich so, antwortete sie und dann ging die Diskussion erst so richtig los. Die Designer, Ulrich und Henry, waren davon überzeugt, dass dieser Name auf keinen Fall beibehalten werden dürfe, es sei denn, sie wolle Heimatromane oder Kochbücher schreiben, ich wiederum pochte immer wieder auf die Originalität und Bedeutungsschwere, die diesem Name innewohne, aber Achim versteifte sich darauf, Authentizität als moralische Notwendigkeit zu definieren. Schriftsteller seien in einer symbiotischen Beziehung mit der Wahrheit verstrickt, da sei die Abkehr vom eigenen Namen ein eklatanter Sündenfall. Nur die Groschenheftschreiberlinge verwendeten Pseudonyme. Henry ging gar nicht auf Achims Moralappell ein, dazu sei, seiner Meinung nach, die Lage zu ernst. Sie müsse schnell handeln, forderte er, denn das Einzige, was noch schlimmer als ein untauglicher „Produktname“ sei, sei ein Wechsel des Produktnamens, wenn sich dieser bereits im Bewusstsein der Kunden eingeschlichen habe. Ulrich bot sogar an, bei einer sofortigen Umbenennung der Theaterstückeschreiberin könne er dafür sorgen, dass sie in der wichtigen Fernsehreportage, die gerade im Entstehen sei, bereits mit dem neuen Namen genannt werde.

Dagegen lief Achim Sturm, ihn bringe ja schon allein die Wortwahl zur Weißglut, „Produktname“ und „Kundenbewusstsein“, es gehe doch hier um Marianne und ihre Schriftstellerei, was eine persönliche, intellektuelle und künstlerische Position sei und kein Schokoriegel. Dann holte er zu einer weitgespannten Anklage aus, die darin gipfelte, dass Designer und die mit ihnen verbündeten Werbefuzzis die Steigbügelhalter des Kapitalismus seien und sowieso nur die Absicht hätten, die Kultur und Kunst entweder für ihre niederen Ziele zu instrumentalisieren oder, sofern ihnen das nicht gelänge, in den Schmutz zu treten. Seine Argumentation war so überzogen pathetisch, dass wir uns alle prächtig amüsierten und unter großer Erheiterung nicht nur die nächste Runde Bierflaschen geöffnet wurde, sondern auch eine Flasche Wodka auf den Tisch kam. Ich forderte Achim auf, die Diskussion damit zu beenden, dass er einen Toast auf die echte und einzige Marianne Wursthorn aussprechen solle, was er mit der nötigen Ernsthaftigkeit tat. Ins Bett gingen wir erst, als das Bier und der Wodka alle waren, nur den riesigen Topf mit dem Chili con Carne schafften wir nicht.


Inhaltsverzeichnis

V E R A N S T A L T U N G S A N K Ü N D I G U N G

Ralf Schuster liest aus „Medialismus“

Wann? Sonntag, 11. Oktober 2015, 19 – 21 Uhr
Wo? Living Room Event bei Schütze/Kneis, Rotkreuzstr., Würzburg
Eintritt? Frei, jedoch ist aus Platzgründen eine Voranmeldung in Form eines Kommentars auf diesem Blog oder per E-Mail an dennisschuetze (at) gmx.de bis 24 h vor Veranstaltungsbeginn erwünscht.

„Medialismus“, Roman: 23. Kapitel

6 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 23. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Viel zu oft unterschätzt: der Einfluss von Chili con Carne auf das Menschheitsbewusstsein und die Menschheitsbewusstseinsentwicklungsgeschwindigkeit nebst Erreichens des kritisch mentalen „Überschallbereichs“. Endlich macht das mal jemand deutlich!

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  2. @Volker: Sehr richtig, gelegentlich beschleunigt CcC aber auch kritische Entwicklungen rein körperlicher Art, die einen dann – ebenfalls meist überschallmäßig übrigens – zum Abort eilen lassen (sollten).

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  3. Gerhard schreibt:

    Ich finde wichtig, daß auf den jeweiligen Artikel entweder angestossen wird, oder daß er (scharf) kritisiert wird. Garnicht reagieren ist faule Blässe. Zur Kenntnisnehmen reicht nicht aus, meine Freunde! Immerhin produziert der Mann ja auch für uns!

    Frau Wursthorn geht es wie vielen (durch ihrer weibl. Austrahlung oder Intelligenz) verfüherrischen Frauen, daß sich in ihrer Gegenwart Männer wie Gockel aufführen, sich gebärden…(wobei dann das Gebären immer Frauensache sein wird). Muss dann das sein, dieses Sich-in-die-Brust-werfen? Es ödet mich an.

    Zu den Diskussionen in den Geschichten fiel mir ein: „Schaumschlägerei“. Welchen Zweck haben eigentlich solche Erörterungen: Theater gegen Film ect? Was ist der Zweck solcher Übung?
    Vielleicht gibt es einen wirklich deutlichen Sinn, etwa den des Sich-positionierens, des Sich-verortens, vielleicht ist es einfach das. Von aussen betrachtet aber macht das manchmal eher müde.

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  4. @Gerhard: Ich vermute mal, wir (Männer) wollen uns alle nur in dieser chaotischen Welt zurechtfinden und den eigenen Platz findet man(n) dann gerne mal in Abgrenzung zu anderen. Ist einfach ein bewährtes Mittel, von außen betrachtet kann das insbesondere im musisch-kreativen Bereich ziemlich nerdy und korinthenkackerisch wirken. Bin leider selbst nicht davor gefeit.

    Da fällt mir auf: Wo sind eigentlich die weiblichen Leser und Kommentatoren auf diesem Blog? Hallo, ist da jemand?

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  5. ralf schuster schreibt:

    Ich muss Dennis zustimmen und fordere ebenfalls eine höhere Frauenquote bei den Leser/innen, Kommentator/innen und vor allem bei der Lesung! Ich gelobe, dass ich auch weiterhin das Thema „Frau“ neutral und vorurteilsfrei behandeln werde (vielleicht ist das ja genau der Fehler)

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