„Medialismus“, Roman: 24. Kapitel

ralfcschusterAuch wenn Marianne Achims Vorschlag, dass sie zum Film konvertieren solle, ablehnte, half sie mir bei einigen Projekten. Zum Glück, denn seit ich in Berlin lebte, waren meine eigenen künstlerischen Aktivitäten weitgehend eingeschlafen. Am Anfang deprimiert und motivationslos, dann überarbeitet. Doch inzwischen steckte die kleine Firma, die mich Tag für Tag auf Trab gehalten hatte, offensichtlich in Zahlungsschwierigkeiten. Das Geld kam Monat für Monat mit größer werdender Verspätung und den Chef sah man kaum noch. Die Aufträge gerieten ins Stocken, was mir sehr gelegen kam. Während ich anfing, mir mal wieder ein paar Gedanken zu machen, wie ich meine begonnenen Filme zu Ende bekäme und was ich danach versuchen könnte, schauten sich meine Reporter-Kolleginnen nach anderen Jobs um und dadurch entstanden Beziehungen, über die auch ich ab und zu bei neuen Auftraggebern einen Einsatz als Kameratagelöhner bekam. Es sah also schon viel besser aus als direkt nach meiner Ankunft in Berlin. Nachdem mich Achim mit Marianne bekannt gemacht hatte, ging es endlich wieder richtig los.

Die 16-mm-Aufnahmen, die ich unter großen Mühen im Dezember auf dem Land inszeniert hatte, waren jetzt, über ein Jahr später, immer noch nicht fertig vertont. Marianne bestärkte mich darin, einen poetischen Text zu schreiben, den sie mit ihrer weichen Stimme völlig dialektfrei einsprach. Der Film machte dort weiter, wo meine Liveperformance mit den vergessenen Dingen aufgehört hatte. Einen Knalleffekt gab es wieder nicht, aber ich fand die Atmosphäre dicht genug, den Schnitt präzise, den Text perfekt. Marianne hatte ein paar Änderungen daran vorgenommen, gegen die ich mich zunächst sträubte, aber rückblickend musste ich neidisch feststellen, dass sie ganz schnell und ganz genau bemerkt hatte, wo meine Formulierungen zu lasch und zu beliebig waren.

Bereits vorher hatte Tina mir per Post ein Tape geschickt, also eine Audiokassette mit Aufnahmen von ihrer Band. Die Band habe sich aufgelöst, aber trotzdem käme sie selbst erst einmal nicht nach Berlin, es sei, wie sie sich ausdrückte, für sie noch etwas zu erledigen. Bestimmt eine neue Affäre, sagte ich mir, denn wenn Tina sich in Schweigen hüllte, steckte meist eine Liebschaft hinter ihrer Geheimnistuerei. Auf der Rückseite der Kassette gab es ein wunderbares Gezupfe von Hans auf der akustischen Gitarre, unterlegt mit einem minimalistischen Bass und einem dezenten Gezirpe von Tinas Synthesizer. Das passte hervorragend zum Film. Die Gitarre zur spröden Schlechtwetterlandschaft und das Gezirpe zu den Kratzern, die ich in das Material geritzt hatte. Die Besonderheit des Filmes bestand inzwischen darin, dass ich in wochenlanger Kleinarbeit in jedes einzelne Bild mit einer Nadel tiefe Kratzer eingefügt hatte. Einen Strahlenkranz um den Kopf der Hinterhofkinoprogrammdirektorenschwester oder zuckende Blitze in die Hände von Gitarren-Hans. Das sah gut aus, konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dem Film nicht viel passierte. Deshalb brauchte ich den Text, der mir aber erst einfiel, nachdem ich die Theaterstückeschreiberin kennengelernt hatte und der durch sie perfektioniert wurde.

Sie kam mit in den Schnittraum der No-Budget-Liebhaber, wo wir die Audiokassette mit ihrer Stimme auf ein perforiertes Magnetband überspielten, wozu ein mannsgroßes Perfobandaufnahme- und Abspielgerät, ein sogenannter Perfoläufer, nötig war. Das perforierte Magnetband ließ sich in den Schneidetisch mit den vielen Rollen und Zahnrädern einlegen und entweder passte man den Ton an das Bild oder das Bild an den Ton an. Jeweils mit Schere und Klebelade. Die Länge des Musikstückes stimmte, da gab es nicht viel zu tun, aber der Text war kürzer als der Film. Damit die Textpassagen an die richtige Stelle gelangten, musste Stille eingefügt werden, wofür es ein spezielles blaues Plastikband gab, das allerdings gerade nicht zu finden war. Einer von den No-Budget-Liebhabern, der im Hinterzimmer an einem tschechischen Projektor herumschraubte, rief mir zu, das Blauband sei im Regal. Das war ein sehr vager Tipp, denn das Regal nahm die gesamte Längswand des schmalen Raumes von oben bis unten ein, vollgestapelt mit nützlichen und nutzlosen Geräten, die eventuell irgendwann einmal zum Filmemachen gedient hatten oder dienen könnten. Marianne stieg auf die Leiter und suchte ganz oben, wo sie eine Filmklappe fand, mit der sie ein paar Mal freudig klappte: die erste, die zweite und die dritte. Ich durchsuchte mehrere Koffer, in denen Baustrahler und Kabeltrommeln verpackt waren, Ersatzmagazine für eine 35-mm-Kamera, Stative in den unterschiedlichsten Qualitäten für Kameras und Lampen, jede Menge Kartons mit Ersatzteilen für optische Geräte, noch mehr Kabeltrommeln und Mehrfachsteckdosen, alles Mögliche, nur kein Blauband.

Marianne entdeckte in einer unauffälligen Reisetasche eine aufblasbare Fickgummipuppe, was uns amüsierte, aber natürlich nicht erschütterte. Unser Gelächter sorgte dafür, dass der No-Budget-Liebhaber aus dem Nebenzimmer kam, eine Rolle Blauband in der Hand, und uns erklärte, dass Gummipuppen für Stunts, vor allem für Stürze von Gebäuden, die einfachste Lösung seien. Man müsse sie natürlich entsprechend anziehen, aber das müsse man ja bei allen Stunts. Er legte das Blauband auf den Schneidetisch und verschwand wieder. Als Marianne von der Leiter stieg, erklärte ich ihr, dass man statt des Blaubandes genauso gut unbespieltes Magnetband nehmen könne, wovon genügend neben dem Schneidetisch herumliege, aber mit dem blauen Band sähe das Hindurchschlängeln der geschnittenen Audiospur durch die Zahnräder und Umlenkrollen viel besser aus als bei einer eintönig braunen Spur. Außerdem hatte das den Vorteil, dass sich quasi jeder Texteinsatz vorher ankündigte, denn ähnlich wie die Schlange in dem Computerspiel, das ich so gerne mit Martin spielte, schob sich die Grenze zwischen dem stummen blauen Band und dem bespielten braunen Magnetband von der Spule links kommend durch die Rollen, und wenn das Magnetband in der Mitte an dem großen Tonkopf anlangte, ertönte die Stimme Mariannes, die wir durch Verkürzen oder Verlängern des Blaubandes an die richtige Position brachten. Es waren einige Arbeitsschritte zu erledigen, trotzdem verging die Zeit schnell.

Marianne hatte gerade ihre zweite Flasche Bier genommen und saß auf dem Fensterbrett des offenen Fensters, um zu rauchen. Ich wechselte die Musikspur mit der Geräuschspur und versuchte ihr zu erklären, dass ich noch beliebig viele weitere Spuren hinzufügen, aber leider immer nur zwei gleichzeitig am Schneidetisch würde hören können, weil es ja ein 6-Teller-Tisch sei, was bedeute, dass eine Bild- und zwei Tonspuren darauf Plätz hätten. Man müsse höllisch drauf achten, dass alle Spuren auch wirklich synchron seien, sagte ich mit dem Unterton des Bescheidwissenden und Marianne riss die Augen auf, ein schriller Schrei erstickte ihr im Hals, den Arm warf sie vors Gesicht. Dann kapierte ich, dass es nicht die Angst vor einer asynchronen Tonspur war, die ihr den Schock eingejagt hatte, sondern das Regal hinter mir. Schockiert drehte ich mich um. In den Augenwinkeln hatte ich die Gefahr bemerkt und was ich sah, versetzte mich für den Bruchteil einer Sekunde in Todesangst, denn das riesige Regal, das ja bis zu Decke reichte, kippte in seiner ganzen Breite auf mich zu wie eine sich überschlagende Welle in der Brandung. Die schweren Kisten mit den Baustrahlern sah ich direkt auf mich zukommen, ich riss die Hände hoch, doch dann änderten die Kisten ihren Kurs, es fing an zu scheppern und zu klirren, alles fiel auf den Boden und die Lawine der No-Budget-Filmgeräteverleihkisten rutsche mir bis kurz vor die Füße, aber nicht weiter.

Marianne und ich atmeten erleichtert aus. Die Schienen, an denen die Regalböden befestigt waren, hingen schief an der Wand. Sie hatten sich verbogen, aber nicht ganz gelöst. Durch die Schieflage waren die Kisten aus dem Regal herausgerutscht, zu guter Letzt sogar die Tasche mit der Fickpuppe, dadurch wurden die Regalschienen entlastet und sie verbogen sich nicht weiter. Wenn das Regal steif gewesen und umgekippt wäre, hätte es mich bestimmt erwischt, da der Raum höher als breit war. Nun kam der No-Budget-Liebhaber aus dem Hinterzimmer angerannt und sagte, dass er schon immer vermutet habe, die Dübel könnten das unmöglich halten. Wenn das vorhin passiert wäre, dann lägen wir jetzt unter dem Haufen, beschwerte sich Marianne und nahm einen nervösen Schluck aus der Bierflasche. Hoffentlich ist die Bolex nicht im Eimer, erwiderte der No-Budget-Liebhaber, die Arri sei ihnen ja erst neulich geklaut worden und dann hätten sie gar keine funktionierende 16 mm mehr. Er wühlte wirr in dem Technikhaufen. Schließlich fragte er, ob wir mit dem Filmschnitt fertig seien, er müsse erst mal aufräumen und den Schreck verdauen. Er solle sich nicht grämen, meinte Marianne, der Fickpuppe sei bestimmt nichts passiert, die sei ja für Stürze vorgesehen. Ich rollte unterdessen meine Tonspurmagnetbänder und den Rohschnitt des Films zusammen, steckte alles in die Tasche und wir gingen, ohne die vereinbarten 20 D-Mark für die Schnittplatzmiete zu bezahlen.

Für Perfoband, Blauband und die Überspielung von Kassette auf das Perfoband seien auch jeweils soundsoviel Pfennige pro Meter zu berechnen, erklärte ich, als wir die Straße entlangliefen. Marianne war entsetzt. Ob ich denn auch noch dafür bezahlen wolle, dass man uns fast umgebracht habe? Das sei doch keine Absicht gewesen, sondern nur Fahrlässigkeit, die daraus resultiere, dass sich die armen No-Budget-Liebhaber das alles vom Mund absparten und sich leider keine größeren Dübel hätten leisten können, weil sie stattdessen lieber eine Rolle Blauband kauften. Das seien Technik-Onanisten, behauptete Marianne, sie hätte das durch die Entdeckung der Puppe durchschaut und ich solle auch aufpassen, dass ich nicht zu sehr auf all die Zahnräder und Umlenkrollen schaue, sondern auf die Mattscheibe. Den Zuschauer interessiere es nicht, ob dieses komische blaue Band wie eine Schlange im Computerspiel über den Schneidetisch gekrochen sei. Aber wenn ich keine Beziehung zu der Technik habe, mit der ich arbeiten muss, dann macht mir das keinen Spaß. Willst du einen guten Film machen oder willst du Spaß haben? Beides, sagte ich und schüttelte wirr meine Arme. Das ist ein hoher Anspruch. Mal sehen, ob dir das gelingt. Dann nahm Marianne einen großen Schluck und leerte damit auch ihre zweite Bierflasche, die sie an den Straßenrand stellte. Jetzt können wir etwas Trinken gehen, sagte sie, denn wir standen sowieso gerade vor einer von Achims vielen Lieblingskneipen.


Inhaltsverzeichnis

V E R A N S T A L T U N G S A N K Ü N D I G U N G

Ralf Schuster liest aus „Medialismus“

Wann? Sonntag, 11. Oktober 2015, 19 – 21 Uhr
Wo? Living Room Event bei Schütze/Kneis, Rotkreuzstr., Würzburg
Eintritt? Frei, jedoch ist aus Platzgründen eine Voranmeldung in Form eines Kommentars auf diesem Blog oder per E-Mail an dennisschuetze (at) gmx.de bis 24 h vor Veranstaltungsbeginn erwünscht.

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„Medialismus“, Roman: 24. Kapitel

4 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 24. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    …ein sehr dichtes, ja sogar stellenweise lebensgefährliches Kapitel, und das am Tag der Silbereinheit 😉 – bin begeistert und freue mich auf die Lesung in einer Woche:-)

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  2. Gerhard schreibt:

    Ein etwas trockenes, aber gut lesbares Kapitel.
    Interessant für mich, daß Frauen in den letzten 2 Kapiteln etwas an impact verloren haben. Im Moment sind sie nur Ratgeber,Kritiker oder schlicht Begleiter durch den (Projekt)Alltag. Sie kommen quasi nur als müde Zitate vor, Stichwort Puppe und gefallene Mädchen. Die Frauen in der Welt des Helden trinken auch alle gerne, wie auch jetzt Marianne. Hierin ist sie regelrecht langweilig, weil vorhersehbar – wo ist eigentlich die Veganerin, wo die Naturköstlerin, die Antialkoholikerin in diesem Roman?

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