„Medialismus“, Roman: 25. Kapitel

ralfcschusterAlso erst mal einen Whisky auf den Schreck. Dann nutzten wir den Münzfernsprecher, um Achim dazu aufzufordern, zu uns zu kommen. Wir brauchten jemanden, dem wir die unglaubliche Geschichte mit dem Regal erzählen konnten. Achim freute sich über unseren Anruf, er müsse sowieso etwas Wichtiges mit Marianne besprechen, aber vorher habe er noch einen dringenden Termin, der nicht lange dauere. Leider im falschen Stadtteil, deshalb sollten wir schon mal unbeschwert ein Bier trinken. Er käme so schnell es ginge und das war letztendlich eineinhalb Stunden später.

Wir unterhielten uns unterdessen zunächst über Mariannes Doppelkopf spielende Spaß-Guerilla, dann über Drehbücher, die dringend zu schreiben seien, bevorzugt von mir. Oder von Achim. Wieso von Achim, fragte ich und Marianne wunderte sich, weil ich mich wunderte. Ich kannte Achim als jemanden, der begeistert mitmachte, aber selbst keine Initiative ergriff. Mangel an Selbstorganisation oder Probleme mit den eigenen Ansprüchen, vielleicht auch einer, der die Aufgaben zu lang vor sich herschiebt. Deshalb hatte Achim chronisch Probleme mit dem Studieren und ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob er noch für irgendein Fach immatrikuliert war.

Marianne, die Achim erst seit einigen Monaten kannte, meinte, ihr gegenüber habe er sich dahingehend geäußert, dass es ihn nicht interessiere, zu studieren, da ihm der akademische Wissenserwerb zu schwerfällig und unzeitgemäß erscheine, er sei an der Praxis orientiert. Um Kulturmanagement erfolgreich zu betreiben, müsse man keinen Doktor über das Verhältnis von Adorno zur Naturwissenschaft schreiben, habe er gesagt, weil der Agentur-Chef, für den Achim regelmäßig an Werbekampagnen arbeitete, tatsächlich über Adorno promoviert habe. Deshalb wisse Achim, dass es durchaus schädlich sei, wenn eine derartige geisteswissenschaftliche Überqualifikation bestehe. So berichtete Marianne über Achim.

Nach meinem Informationsstand war es allerdings so, dass Achims Mitarbeit an Werbekampagnen darin bestand, dass er Plakatierer war, und weil er keinen Führerschein hatte, sogar nur Hilfsplakatierer. Man könnte auch sagen, Plakatierungsassistent: abends zu zweit mit dem Leimtopf und einem Stapel Plakaten im Kleinbus durch die Stadt, wobei der Fahrer grundsätzlich weniger mit dem Leim zu hantieren hat, damit das Auto sauber bleibt. Angeblich würde man ganz gut verdienen, wenn man schnell genug plakatiere, wenn man gut im Blick habe, wo ein frischer Bauzaun stehe, der groß genug für 50 Plakate nebeneinander sei oder ab und zu die Plakate der anderen Agentur überklebe. In der Tat könne eine intensive Beschäftigung mit Adorno die Klebegeschwindigkeit negativ beeinflussen, gab ich zu bedenken.

Außerdem sei Achim dabei, ein Drehbuch zu schreiben, für das er Drehbuchförderung beantragen wolle, erklärte Marianne. Dazu konnte ich nichts sagen, weil ich nichts darüber wusste, aber ich vermutete, dass Achim nur sehr langsam vorankommen würde. Das sei wohl zutreffend und das Hauptproblem, räumte Marianne ein. Es gäbe viele Fragmente der Handlung, aber die Anfangsszene bereite ihm die größten Schwierigkeiten, immer wieder komme Achim zu ihr und sage, er hätte einen neuen Anfang und solange er sich nicht entscheide, wie es losgeht, könne er nicht mit dem Schreiben beginnen, geschweige denn fertig werden und so stünde er sich selbst im Weg. Vielleicht sollten wir ihm unter die Arme greifen, schlug sie vor und da kam er auch gerade herein, entschuldigte sich für die Verspätung, die wegen einer unnötigen U-Bahnbaustelle entstanden sei, aber er hätte gute Nachrichten, denn Marianne könne schon am Wochenende bei einem mit Achim befreundeten Akkordeonlehrer einziehen, eine wunderbare Wohnung im mittelwestlichen Westen, womit Achim den großbürgerlichen Norden von Wilmersdorf meinte.

Marianne schaute allerdings fast so verschreckt wie in dem Moment, als das Regal auf sie niederstürzte, denn sie wusste überhaupt noch nichts von ihrem Umzug. Das könne sie ja auch gar nicht, da sich die Ereignisse gerade überstürzten, aber er, Achim, habe alles im Griff. Die Besitzerin der Wohnung, in der Marianne gerade untergebracht sei, käme vorzeitig aus Südamerika zurück. Ein schwuler Gigolo habe sie hemmungslos ausgenutzt, da hätte sie nun die Schnauze voll von der Copacabana. In zwei Tagen werde sie am Flughafen ankommen, habe sie Achim mitgeteilt. Achim sollte ja eigentlich nur die Blumen gießen. Dass Marianne die kompletten vier Monate ihres Stipendiums in ihrer Wohnung zu verbringen gedenke, sei der Frau in Südamerika gar nicht bewusst gewesen, obwohl Achim ihr durchaus mitgeteilt habe, dass ein junges schriftstellerisches Talent die Wohnung temporär zum Schlafen nutzen werde. Soweit das Problem, aber die Lösung sei bereits unter Dach und Fach, man müsse nur ein bisschen aufräumen und dann den Umzug am Freitag durchführen. Da haben wir ja noch 36 Stunden, scherzte Marianne, wobei Achim einschränken musste, dass der Akkordeonlehrer darum gebeten habe, nicht vor 15 Uhr bei ihm aufzutauchen.

Da wir kein Auto hatten, sollte Mariannes Umzug mit der U-Bahn stattfinden. Ihr Hausrat bestand immerhin aus drei Umzugskartons, zwei Schreibmaschinen und sechs Reisetaschen, dazu noch ein Müllsack mit ihrem Federbett und ihr großer Rucksack. Achim als Organisator und Bescheidwisser meinte, das sei alles kein Problem, er bringe noch ein paar Leute mit, Henry werde doch bestimmt auch gern helfen, vielleicht sogar Ulrich, jeder nehme einen Gegenstand, und Karawanen seien ein seit Jahrtausenden bewährtes Transportmittel, besonders effektiv, wenn man es mit der U-Bahn kombiniere. Seinem Optimismus wussten wir nichts entgegenzusetzen, wechselten das Thema, erzählten endlich unser Abenteuer mit dem Regal im Schnittraum. Das erheiterte uns alle, aber Marianne war dann doch nicht wohl in ihrer Haut. Ein Bier später wollte sie wissen, was das für ein Akkordeonlehrer sei und ob der denn in dieser Wohnung Akkordeon spiele, oder ob da womöglich nicht nur er, sondern auch noch seine Schüler musikalisch aktiv würden, ganz abgesehen davon, dass sie ja eigentlich gar nicht in einer WG wohnen wolle. Achim beschwichtigte: Der sei supernett und spiele supergut und es sei ja vor allem superpraktisch, dass das so schnell ginge, weil Achim das super organisiert habe, sie könne ja mal probieren, eine Wohnung zu bekommen, von Mittwoch auf Freitag.

Ja, das war beachtlich, aber was Achim organisatorisch nicht gelang, war die Verfügbarkeit von hilfswilligen Freunden zu gewährleisten, die unsere Karawane bilden sollten. Meine beiden Designer-Mitbewohner hatten irgendeinen geheimnisvollen Termin, wegen dem sie schon seit Tagen tuschelten. Also standen wir zum vorgesehenen Zeitpunkt, Freitag um 14 Uhr, zu dritt in Mariannes Hauseingang und warteten vergebens auf weitere Helfer. Immerhin hatte ich ein ordentliches Transportrollbrett dabei. Da konnte ich die drei Umzugskartons drauf stapeln, legte noch den Müllsack mit dem Federbett oben drauf und wenn ich auch fast nichts sah, konnte ich die Fuhre doch ohne große körperliche Anstrengung über den Bürgersteig rollen. Achim schaffte es, die sechs Reise- und Umhängetaschen gleichzeitig zu tragen, Marianne schulterte ihren Rucksack und nahm in jede Hand eine der Schreibmaschinen.

Sie arbeite ja lieber mit der mechanischen Reiseschreibmaschine, aber es gäbe auch Momente, da sei es unabdingbar, dass sie die elektrische verwenden könne. Zuhause habe sie sogar noch eine weitere riesige Schreibmaschine für großes Papier, also DIN A3. Verschiedene Maschinen für verschiedene Stimmungen. Leider wisse man ja nicht im Voraus, welche Stimmung sich einstelle und sie wisse auch nicht im Voraus, mit welcher Schreibmaschine sie auf diese Stimmung reagieren müsse. Das sei ihr aber dann, wenn sie schreiben wolle, sofort klar. Die elektrische Schreibmaschine sei mit einer Korrekturfunktion ausgestattet, da könne man bis zu 50 Buchstaben mit der integrierten Tipp-Ex-Rolle wieder verschwinden lassen. Das sei für Anträge und Geschäftsbriefe sehr vorteilhaft. Ob aber künstlerisches Schreiben in einer Wohnung, in der ein Akkordeonlehrer sein Unwesen treibe, überhaupt möglich sei, das könne sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Inzwischen waren wir am Treppenabgang der U-Bahnstation angelangt. Achim ging mit allen sechs Taschen die erste Treppe hinunter, legte diese unten ab, kam mir entgegen, als ich den ersten Karton runtertrug, nahm sich auch einen, dann wir beide nochmal hoch für den letzten Karton, das Rollbrett und den Müllsack mit dem Federbett. Marianne sagte, ihr Rucksack sei schwer, das Absetzen zu kompliziert und mit dem Rucksack die Treppe rauf und runter zu gehen zu anstrengend, ganz zu schweigen von der Gefahr, dass jemand ihre Schreibmaschinen klaue und beteiligte sich deshalb weder an den Umzugskartons, noch an den Taschen und wir erledigten auch den nächsten Treppenabsatz zu zweit mit der gleichen Prozedur, während Marianne alles überwachte. Einer der drei Kartons enthielt viele Bücher, Mariannes Reisebibliothek, und war schwer zu tragen, aber ansonsten ging es leicht von der Hand, zumal wir keine Eile hatten.

Am Bahnsteig angelangt, ließen wir eine U-Bahn vor unserer Nase wegfahren, damit wir zum Einsteigen alles bereitlegen konnten. Es erwies sich als möglich, das Rollbrett mit allen drei Kartons durch geschicktes Hochlupfen von der Bahnsteigkante aus direkt in die U-Bahn hineinzuschieben. Dadurch verlief auch das Einsteigen reibungslos. Wir fuhren einen Umweg, um einen Umsteigebahnhof zu nutzen, bei dem wir am gleichen Bahnsteig bleiben konnten. Allerdings mussten wir auch noch ein zweites Mal umsteigen, und beim zweiten Mal ging es eine Treppe hoch und zwei runter. Da begannen wir zu schwitzen und die dritte U-Bahn war richtig voll. Die anderen Fahrgäste drückten sich ohne zu murren eng zusammen, um uns Platz zu machen. Zu dritt umringten wir unseren Umzugskartonturm mit der Mülltüte oben drauf.

Achim fing an, uns vorzurechnen, dass er ja auch ein Auto hätte ausleihen können. Wenn er denn einen Führerschein hätte. Aber das Auto hätte er in Pankow abholen, über eine Stunde nach Neukölln fahren und danach wieder zurückbringen müssen. Also zwei Arbeitsstunden. Die Fahrt mit dem Auto von Wohnung zu Wohnung hätte schätzungsweise eine Dreiviertelstunde gedauert, während wir jetzt eine Stunde brauchten, allerdings zu dritt, und so hätten wir unter dem Strich eineinviertel Arbeitsstunden gespart. Fragt sich nur, warum so viel Leute mit den Autos hin- und herführen, wenn doch ein Umzug mit der U-Bahn so schön praktisch sei, fragte Marianne. Alles Opfer der Konsumpropaganda, sagte ich, und Achim versuchte mich mit dem Hinweis zu bestätigen, dass drei Freunde ein Auto ersetzten, wobei er aber konkrete Beispiele, wie er das meinte, verschwieg. Mariannes Problem sei nämlich, dass sie nur zwei Freunde habe, also uns beide. Zwei Freunde langten aber nur, um einen Urlaub zu sparen. Nichtsdestotrotz, erwiderte Marianne, fühle sie sich gerade, als habe sie ausgerechnet jetzt einen Urlaub dringend nötig, trotz ihrer zwei Freunde.

Als wir am Ziel-U-Bahnhof die Treppe hochkamen und Marianne auf ihre Frage, wo denn nun die Wohnung sei, erklärt bekam, dass es jetzt leider noch fünf bis zehn Minuten zu Fuß weiterginge, da setzte sie mit einem großen Seufzer ihre zwei Schreibmaschinen ab und sagte, dass sie das nicht schaffe. Achim, der sich gerade mit den sechs Taschen belud, war nicht aus der Ruhe zu bringen. Kein Problem, sagte er, gehen wir eben zweimal. Marianne wurde in ein Straßencafé gesetzt, drei der sechs Taschen blieben bei ihr, ebenso die Schreibmaschinen und der Rucksack. Wir beiden Männer wollten gerade loslaufen, da hielt uns Marianne zurück, weil sie etwas aus dem obersten Umzugskarton herausholen wollte. Eigentlich wären die Kartons, wie sie sagte, nach der Wichtigkeit ihrer Inhalte gestapelt gewesen, oben sei all das drin, was sie jederzeit und überall brauche, aber durch unsere ständigen Treppauf- und Treppabtransporte seien die drei Kartons inzwischen falsch sortiert. Achim hob also den obersten Karton herunter, dann auch den zweiten und schließlich nahm sich Marianne aus dem untersten Karton zwei Blatt Schreibmaschinenpapier, verharrte dann kurz und nahm noch ein drittes Blatt. Drei genügen auf jeden Fall, sagte sie, ihr könnt jetzt gehen. Während wir die Kartons wieder stapelten, wunderte ich mich über uns. Wir hätten uns durch Mariannes Verhalten durchaus die Stimmung verderben lassen können, aber keineswegs, wir waren beide bester Laune und es amüsierte uns, als Marianne uns als letzten Hinweis hinterherrief, dass wir die Kartons in der Wohnung auf jeden Fall wieder entsprechend ihrer Wichtigkeit zu stapeln hätten. Das taten wir dann auch.

Während wir ohne Gepäck beschwingt zum U-Bahnhof zurückgingen, zeigte sich Achim ausnahmsweise ernsthaft besorgt, denn das Problem mit dem Akkordeonlehrer sei ja wirklich eine tickende Zeitbombe. So wie er Marianne kenne, werde spätestens am Montag die Schreibblockade einsetzen, an der dann vordergründig natürlich der Akkordeonlehrer und sein unermüdliches Akkordeonspiel schuld sein werde, aber letztendlich falle das ja auf ihn, Achim, zurück. Er habe zwar Marianne mit dem Versprechen nach Berlin gelockt, sich um eine Unterkunft zu kümmern, aber diese Verwicklungen in Brasilien habe er ja beim besten Willen nicht vorhersehen können.

Ursprünglich, und das erfuhr ich erst jetzt, habe Marianne während der ganzen Zeit ihres Stipendiums in der Uckermark sitzen sollen, dort stehe ein Stipendiaten-Landhaus für sie zur Verfügung, aber die Unsitte, junge Literaten in trostlose Provinzkäffer zu schicken, wo sie für ein paar hundert Mark pro Monat voll der Dankbarkeit für die Stiftung herumzusitzen hätten, habe schon genügend Talente in die Depression getrieben, und deshalb habe Achim mit dem Heimleiter, also dem Literaturagenten und Kunstkurator des Stipendiaten-Landhauses, den Deal ausgehandelt, Mariannes Anwesenheitspflicht in der Uckermark auf einige Pflichtveranstaltungen zu reduzieren, damit sie ihre Zeit stattdessen in den Wohnungen verbringen könne, die Achim für sie in Berlin organisiere. Dort schreibe sie ja viel besser als in dem Landhaus, das, nebenbei bemerkt, zwar idyllisch an einem See läge, aber trotzdem eine nach DDR stinkende alte Bude sei. Dort würde Marianne sofort in Trübsinn verfallen. Was in Berlin nicht der Fall wäre. Außerdem könne er, Achim, sich in Berlin um sie kümmern, da gäbe es ja immer wieder einiges zu tun, um ihre vielen Alltagsprobleme zu klären.

Als wir am Straßencafé ankamen, war Marianne gut gelaunt. Sie hatte tatsächlich ihre mechanische Reiseschreibmaschine geöffnet und klackerte munter mit den Tasten. Dazu trank sie einen Kaffee und meinte, sie würde uns gern erst einmal ein Bier spendieren, das sei sie uns für die Mühen schuldig. Wir hätten es doch bestimmt noch nicht eilig. Bevor sie in die Akkordeonhölle einziehe, müsse sie noch ein paar Gedanken zu ihrem letzten Willen notieren. Sie sagte tatsächlich Akkordeonhölle und Achim begann erneut mit Lobpreisungen des ach so netten Akkordeonlehrers. Marianne meinte, er solle die Klappe halten, sie hätte ja noch sechs Wochen, um sich selbst eine Meinung zu bilden. Außerdem würde sie das Theaterstück zu Ende schreiben müssen, was aber, ehrlich gesagt, kein Problem sei, denn sie sei bereits so gut wie fertig, nur noch ein paar Korrekturen.

Wie es mit Achims Drehbuch stehe, wollte sie unvermittelt wissen, was Achim erst einmal überraschte. Er habe eine neue Anfangsszene, in der die Wohnungsprobleme des tragischen Helden stärker betont würden. Der Film müsse unmittelbar damit beginnen, wie dieser einen Einschreibebrief öffne und von der sofortigen Kündigung seines Mietverhältnisses erfahre. Ich fiel ihm ins Wort: erschwerend könne hinzukommen, dass er kein Auto und nur zwei Freunde habe. Achim nahm einen Schluck Bier, dann erklärte er mir geduldig all das, was ich nicht wusste, was aber Marianne schon etliche Mal angehört haben musste, denn sie warf mir einen verschwörerischen Blick zu und tippte dann in beachtlichem Tempo wieder auf ihrer Schreibmaschine herum. Der tragische Held habe gar keine Freunde, aber ein Auto, denn er sei Taxifahrer. Mit Leidenschaft, er liebe sein Taxi und er liebe die Menschen, die er herumfahre, doch diese positive Grundeinstellung bringe ihm immer wieder nur Ärger ein, immer wieder lehne er sich gegen den allgemeinen Defätismus auf und immer wieder sei er der Verarschte. Erst zum Ende wende sich das Blatt und in einem völlig übertriebenen fantastischen Showdown verschwänden seine Widersacher mitsamt der U-Bahn, in der sie säßen, in einer sich plötzlich öffnenden Erdspalte, Berlin werde von einem Vulkanausbruch weitgehend zerstört und der Held erreiche mit dem letzten Tropfen Benzin die Stadt Schwedt, wo er hinfort ein glückliches Leben mit einer Tankstellenbesitzerin führe.

Was für ein erhabener Schwachsinn, dachte ich mir, dazu wusste ich gar nichts zu sagen, abgesehen davon, dass meiner Meinung nach der Vulkanausbruch schwierig zu filmen sein würde. Marianne lugte hinter ihrem inzwischen vollgeschriebenen Blatt hervor: Achim hätte mir alles falsch erzählt, das Ende sei überhaupt nicht wichtig und könne geändert werden, die liebenswürdigen Details im Alltag des Taxifahrers seien die Stärke der Handlung, soweit sie dies aus Achims bisherigen Schilderungen, die ich ja nicht kennen würde, beurteilen könne. Es gebe so viele Taxifahrer, die sich alle den Film anschauen würden, das sei ein riesiges Potential, bemerkte Achim, der noch nicht mal die Anfangsszene festgelegt hatte, aber offensichtlich schon intensiv darüber nachdachte, wie es in der Kinokasse klingelt. Alles recht unrealistisch, sagte ich. Das ist ja die Stärke des Drehbuchs, entgegnete Achim. Marianne zog mit Schwung ihr Blatt Papier aus der Schreibmaschine und sagte: Genau, das denke ich auch, aber jetzt ist es genug, wir gehen.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 25. Kapitel

10 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 25. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    Guten Morgen, liebe Lesergemeinde, die, das will ich jetzt aber doch mal stark annehmen, seit letzten Sonntag zumindest gendermäßig bereichert sein sollte😉
    Spätestens seit heute wissen wir jetzt dann auch, warum die U-Bahn U-Bahn heißt – RICHTIG! die UMZUGS-Bahn. Und dabei muss ich an Ralfs hervorragenden U-Bahnfilm denken, den ich aber zuletzt auf vimeo nicht mehr fand. Kann mir da jemand helfen???

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  2. @Volker: … und weil man in der S-Bahn auch Sex haben kann, steht S-Bahn „eigentlich“ für … aber lassen wir das. – Ach ja, der U-Bahn-Film, der ist irgendwann einem Großreinemachen von Seiten Herrn Schusters auf seinem Vimeo-Account zum Opfer gefallen, aber sicherlich nur temporär, Ralf, gell?😉

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  3. ralf schuster schreibt:

    Kleine Anmerkung: Ich hatte in letzter Zeit versucht, die Filme auf meiner Vimeo-Seite auf 24 Filme zu beschränken. Soeben bin ich zu der Einsicht gelangt, dass meine filmisches Werk so bedeutend ist, dass auch eine Erweiterung auf 36 (3×12, denn 12 passen auf eine Seite, wenn man die von mir bevorzugte Listen-Darstellung wählt) Filme denkbar sind. Deshalb habe ich sowohl den U-Bahn-Film, als auch „Mobilität“ und „Eine Begegenung, wie sie kommt und geht“ wieder aktiviert. Also bitte
    https://vimeo.com/user5286544/videos
    besuchen.

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  4. Volker schreibt:

    Famos, Famos! Habe mir gleich „Täglich unterwegs“ wieder angesehen.Gibt mir Gelegenheit noch anzumerken, weshalb ich diesen Film für hervorragend halte – wegen der Musik! Will sagen: Bilder und Musik ergeben hier gemeinsam das Erlebnis und gehören unbedingt zusammen!

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  5. @alle: Kleine Korrektur: Im Fall von „Evolution“ und „Eine Begegnung…“ habe ich die Musik nach dem fertigen Film komponiert, bei allen anderen Arbeiten war die Musik zuerst da.

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  6. Gerhard schreibt:

    Ganz schön verquer…diese story muss.an wohl langsam mit dem strohhalm einschlürfen und darauf achten,sich nicht an ein paar fleischbrocken zu verschlucken.
    Da ganze hat splapstick-Charakter..das wurde sich vielleicht nur ändern,wenn es ernst würde, also eine Liebschaft wieder das trommeln übernehmen würde.
    Ganz schön surreal das..oder ist es eher irreal?
    Spannende schreibe jedenfalls

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