„Medialismus“, Roman: 26. Kapitel

ralfcschusterWir setzten Marianne in ihrem Zimmer ab, stellten die letzten Taschen um sie herum auf den Boden und da sie sich erbat, alles ungestört auspacken zu dürfen, gingen wir. Schweigend trotteten wir zurück zur U-Bahnstation. Das Straßencafé erinnerte uns an eine glückliche Zeit, die nur eine halbe Stunde zurücklag. Wir waren uns einig, dass es sich nicht lohnen würde, ohne Marianne nochmal dort herumzusitzen. Also fuhren wir ohne Verzögerung und unsere Wege trennten sich bereits nach zwei U-Bahnstationen.

Dann befand ich mich allein zwischen den Menschen, die Zeitungen und Bücher in den Händen hielten. Ich hatte versäumt, mir etwas zu lesen mitzunehmen. Schließlich nahm ich den zerflederten Rest einer Tageszeitung, die ein dicker Handwerker auf seinem Sitz liegengelassen hatte. Regierungswechsel in Italien, ein gewisser Silvio Berlusconi, Medienunternehmer, hatte die Regierung übernommen. Angeblich unglaublich reich, unglaublich einflussreich und unglaublich manipulativ, schrieb die Berliner Boulevardpresse und versuchte offensichtlich, mich ebenfalls zu manipulieren. Dazu ein passendes Foto. Er war mir wegen seines selbstgefälligen Grinsens sofort unsympathisch. Der Text lieferte mir die passenden Fakten zu meiner impulsiven Beurteilung des Fotos. Das Foto war zweifellos gut ausgewählt worden, oder sah dieser Mensch auf allen Aufnahmen so abschreckend aus? Ich fragte mich, wie viele Agenturfotos am Wahlabend von einem Wahlsieger geschossen werden. Tausende? Wie viele sortieren davon die Fotografen aus? Wie viele Fotos lagen damals einer deutschen Zeitung vor, wenn sie abends die Wahlergebnisse aus dem 2000 km entfernten Rom bekam? Inzwischen hat sich die Anzahl der Fotografen vermutlich vermehrt, die Anzahl der Fotos vervielfacht. Über das Internet schwappt bei jedem öffentlichen Ereignis eine Welle von Bildern über die ganze Welt. Vielleicht hatte damals die Redaktion nur ein brauchbares Bild? Jenes mit dem selbstgefälligen Grinsen. Bestimmt nicht.

Ohne konkreten Grund nahm ich die Zeitung mit, als ich die U-Bahn verließ und nach Hause ging, denn ich erinnere mich daran, dass Ulrich das Berlusconi-als-Wahlsieger-Foto sah und daraufhin sagte, vielleicht sollten wir jetzt alle nach Italien auswandern, denn es könne sein, dass dort ein goldenes Zeitalter für hochqualifiziertes Videoaufnahme- und Bearbeitungsfachpersonal anbreche, weil ein Medienunternehmer Regierungschef geworden war.

Den Witz fanden weder ich noch Henry lustig, zumal Henry sich sowieso schon auf einer höheren Bewusstseinsebene wähnte. Wegen dem Power Mac, den er sich am Nachmittag gekauft hatte. Das also war das Geheimnis der beiden gewesen, ein neuer Computer, das Super-Top-Modell, in dem ein Prozessor verwendet wurde, der zu einer neuen Generation gehörte, angeblich sensationell schnell, schneller als die anderen Macs und mit einer Dose, wie damals ein Rechner mit DOS-Betriebssystem genannt wurde, überhaupt nicht zu vergleichen.

Leider gab es keine Möglichkeit, mir diese Rechenleistung zu demonstrieren, denn die beiden schoben stapelweise 3,5-Zoll-Disketten in das Laufwerk und installierten irgendwelche Software, wobei sie von jedem Programm behaupteten, dass es total geil sei. Ab und zu begeisterten sie sich für eines der Computergeräusche, die der Mac ausstieß. Mich erheiterte ihre merkwürdige, kindliche Freude. Ansonsten schaute ich ihnen mit nur mäßigem Interesse über die Schulter. Nebenbei erzählte Henry, dass die Kiste schweineteuer gewesen sei, aber die Firma, in der er arbeite, habe einen großen Auftrag von einem Automobilkonzern bekommen. Eine ganze Serie hochwertig gestalteter Broschüren für eine neue Zielgruppe, kombiniert mit einer darauf abgestimmten Internetseite, und weil sie dafür weitere Leute einstellen wollten, sei er in der Hierarchie nach oben gerutscht. Es sei damit zu rechnen, dass er im nächsten halben Jahr total ranklotzen müsse, aber er habe sich schon einmal im Voraus dafür belohnen wollen. Er sei ja einer der ersten in der ganzen Stadt, der so einen Power Mac besitze.

Zwar gelang es ihm nicht, mir begreifbar zu machen, worin der technologische Quantensprung, der diesem Computer nachgesagt wurde, bestand, aber trotzdem herrschte bei beiden Designern ungetrübte Weihnachtsstimmung. Was wird aus dem kleinen? fragte ich mit Unschuldsmiene. Den kannst du haben, antwortete Henry, Ulrich will ihn nicht. Ulrich erklärte, dass er sich demnächst auch einen Power Mac holen würde, er müsse nur noch ein bisschen sparen und Henry fuhr fort, dass ich auf jeden Fall den alten Mac nehmen solle, denn mir traue er zu, dass ich mir aus reinem Pragmatismus, oder gar aus Sparsamkeit, eine Dose kaufen könnte und das müssten sie, Ulrich und er, als kulturbewusste Menschen auf jeden Fall verhindern, einerseits, um mich vor diesen abscheulichen Windows-Rechnern zu bewahren, andererseits wäre unsere Wohngemeinschaft durch eine solche Inhomogenität der Betriebssysteme ernsthaft gefährdet.

Wer einen DOS-Rechner hat, den will Henry nicht als Freund haben, warf Ulrich ironisch ein. Das will ich wirklich nicht, meinte Henry mit unerwarteter Ernsthaftigkeit. Vierhundert und er ist deiner! Außerdem würde es ihm den Abschied erleichtern, wenn der kleine Mac im Haushalt bleibe. Das dachte ich mir auch, aber umgekehrt, denn es wäre ja ganz praktisch, wenn ich den Rechner von Henry übernähme. Dann könne er mir helfen, wenn ich nicht weiter wüsste, sagte ich. Du wirst keine Hilfe brauchen, das sei ja das Gute an dem Gerät, während bei einer Dose ein Technikfreak für den Computer und ein Psychiater für die mentalen Folgeschäden erforderlich seien. Trotzdem käme bei der Benutzung nichts Brauchbares raus. Ulrich nickte zu Henrys Polemik.

Ich ging in mein Zimmer und sah die alte Schreibmaschine auf meinem Arbeitstisch stehen, im Regal daneben die vielen Aktenordner mit den abgehefteten Ideensammlungen, Zeitungsausschnitten und Entwürfen. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um den Schutzdeckel vom obersten Regalbrett herunterzuklauben. Dann stülpte ich ihn über die Maschine und schob sie unter den Schreibtisch. Ich hätte sie auch gleich in den Keller bringen können, denn ich benutzte sie nie wieder. Ohne Henry und Ulrich bei ihrer wichtigen Installationstätigkeit am Power Mac zu stören, holte ich mir den kleinen Mac aus Henrys Zimmer, stellte ihn auf meinen Schreibtisch. Er sah gut aus, aber bevor ich ihn einschaltete, ging ich zum Geldautomaten und zog die gewünschten 400 Mark. Ulrich und Henry staunten, als ich das Geld auf den Tisch legte. Ich glaube, sie wollten etwas Witziges sagen, was ihnen aber nicht gleich einfiel.

Während sie noch nach Worten suchten, klingelte das Telefon und ich ging in den Flur, um abzunehmen. Es war Marianne, die sehr paranoid klang: Hörst du es? Es ist so weit, er spielt. Dann verstummte sie und so sehr ich mich auch bemühte, etwas zu hören, waren es doch nur verwaschene Geräuschfetzen, die aus dem Hörer drangen. Akkordeonmusik konnte ich beim besten Willen nicht wahrnehmen. Er spielt, sagte sie. Hörst du es? Ich meinte, es sei sehr leise. Ja genau, das ist das Problem, erwiderte Marianne, es sei so leise, dass es sie in den Wahnsinn triebe. Wäre es noch leiser, würde sie es gar nicht hören, wäre es etwas lauter, könnte sie es als Musik empfinden, aber es sei dazwischen, so dass sie die Musik nicht hören würde, solange sie auf den Tasten ihrer Schreibmaschine herumklappere, aber sobald sie eine Pause einlege, dringe die unterschwellige Akkordeonmusik in ihr Hirn ein und lege sofort alle Bereiche lahm, die dazu geeignet wären, Literatur zu erzeugen.

Was sollen wir dagegen unternehmen? fragte ich. Marianne antwortete überraschend gefasst: Nichts! Sie müsse sowieso noch mal in die Uckermark, dort könne sie zwei Tage länger bleiben, um die letzten Korrekturen am Stipendiaten-Text vorzunehmen und danach wäre die verbleibende Zeit in Berlin am besten damit zu nutzen, dass sie Akkordeon lerne, oder hätte ich eine bessere Idee? Oh ja, da fielen mir mehrere, auf Eis liegende Projekte ein, bei der ihre Hilfe wertvoll sein könnte, oder der Zeichentrickfilm und mein neuer Computer. Das würde wohl genügen, sagte sie, unterbrach kurz das Telefonat, weil offensichtlich jemand mit ihr redete und berichtete mir dann, dass die Freundin des Akkordeonlehrers sie gerade darauf hingewiesen habe, dass in wenigen Minuten ein Gemüseauflauf serviert werde, um sie in der Wohnung willkommen zu heißen. Dann sei doch alles bestens, sagte ich, aber Marianne verriet mir flüsternd, dass sie weder Gemüseaufläufe noch WG-Kochabende leiden könne.

Doch als kleine Stipendiatin habe man ja keine Wahl, man müsse das alles über sich ergehen lassen, diese Begrüßungs-, Verabschiedungs-, Kennenlern- oder Belobhudeligungsveranstaltungen, Bergfeste, gesellige Abende, Besichtigungen und Einladungen bei Kulturfunktionären und Bürgermeistern. Aber sie sei im Kapitalismus angekommen und habe kapiert, dass man das für die 800 Mark pro Monat von ihr erwarte. Das Schreiben ihres Theaterstücks würde sie umsonst und sowieso machen, daran könne sie niemand hindern. Das Geld sei zum Überleben und für den Kulturrummel. Ich mischte mich ein: Der Gemüseauflauf werde das Verhungern verhindern und das gemeinsame Essen Hinweise auf die sozialen Gesetzmäßigkeiten ihrer neuen Wohnstätte geben, das diene doch letztendlich alles dem Erkenntnisgewinn und ohne Erkenntnisgewinn habe man nichts mitzuteilen und damit seine Berechtigung als Literat verwirkt. Widerspruchlos nahm Marianne meine Belehrung hin, sie gab sogar zu, dass sie Hunger habe und sowohl der Akkordeonlehrer als auch seine Freundin sympathische Menschen zu sein schienen. Sympathisch genug für ein Abendessen allemal, wenn sie nur nicht mit ihnen wohnen müsste, das beunruhige sie sehr. Ich wünschte ihr Guten Appetit und legte auf.

Danach kochte auch ich einen Topf Nudeln, aber meine beiden Mitbewohner waren nicht von ihrem Computer wegzulocken, sie hockten da den ganzen Abend. Ich hatte keine Ahnung, was es so lange zu tun gab.


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Ein Gedanke zu “„Medialismus“, Roman: 26. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    „Das Straßencafé erinnerte uns an eine glückliche Zeit, die nur eine halbe Stunde zurücklag.“ – Oh ja, Augenblick verweile doch, du bist so wunderschön, aber so ist das Leben, auch nix mit „hier und jetzt“, denn kaum hab ich’s getippt, ist’s auch schon vorbei…;-)

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