„Medialismus“, Roman: 28. Kapitel

ralfcschusterDann kam Marianne dazu. Ich hatte ihr mitgeteilt, dass der Sonntagnachmittag eine gute Gelegenheit sein werde, um mal wieder bei mir vorbeizuschauen und zu plaudern. Ob sie kolorieren wolle, könne sie dann selbst entscheiden. Keinen Kaffee, sagte sie, sie müsse jetzt dringend zur Beruhigung ein paar Fische anmalen, und obwohl ich ihr Sabine vorstellte, nahm sie diese so gut wie nicht zur Kenntnis, sondern ereiferte sich darüber, dass Achim  ruhig gestellt werden müsse, er liege ihr ständig mit seinem Taxifahrer-Epos in den Ohren. Es nähere sich der Zeitpunkt, an dem sie das nicht mehr anhören wolle, und wir sollten konstruktiv dieser Misere in die Augen blicken.

Sie setzte sich, deutete auf Sabines letztes Blatt und erklärte, dass sie sehr erfreut sei, dass endlich auch rote Fische in meinem Zeichentrickfilm erlaubt seien. Ich sagte nein, aber das beeindruckte sie gar nicht, vielmehr schnappte sie sich den roten Stift und ein Blatt vom Stapel und schon wurde der nächste Fisch rot angemalt, denn es könne ja nicht sein, dass Sabine rote Fische malen dürfe und sie nicht. Mein langweiliger Realismus, die Fische grünlich-bräunlich und blau schimmernd auszumalen sei sowieso ziemlich verklemmt. Das sagte sie, als Sabine gerade wieder, so wie es von mir vorgesehen war, blaue Fische kolorierte.

Dann fuhr Marianne fort: Achim käme unter dem Vorwand, er müsse die Lage zwischen ihr und dem Akkordeonlehrer beobachten, beschwichtigen oder beruhigen, jeden zweiten Tag bei ihr vorbei und erzähle ihr eine neue Variante seiner Filmideen. Speziell die Anfangsszene sei permanenten Änderungen unterworfen. Das gehe nicht so weiter, aber wozu hätte ich denn diesen hübschen kleinen Computer gekauft, der sei doch wie dazu geschaffen, dass wir uns zu dritt hinsetzten und die schwachsinnigen von den grandiosen Ideen trennten und den Drehbuchentwurf in ein Textverarbeitungsprogramm hineintippten, damit Achim diese Version für seine Anträge von Fördergeldern und sonstigen Akquisitionsbemühungen nutzen könne.

Ob es sich bei Achim um den Achim handle, den sie schon aus unserer süddeutschen Zeit kenne, fragte Sabine. Als ich das bejahte, meinte sie, dass sich das nicht lohne. Achim hätte sie schon zweimal in Diskussionen verwickelt und ihre Einschätzung laute: Achim sei schlicht und ergreifend ein Großmaul, aber kein kreativer Geist. Wenn sie nun höre, dass er immer wieder neue Ideen anbringe, dann müsse sie aus ihrer Erfahrung sagen, dass Ideen, die sich ständig wandelten, genauso nutzlos seien, wie nicht vorhandene Ideen. Der Prozess, der jetzt beginne, entgegnete Marianne, bestehe in der Festlegung. Ideen diskutieren, formulieren, hinschreiben, ausdrucken, Antrag stellen, fertig.

Großmaul sein sei eine der immer wieder unterschätzten Charaktereigenschaften, behauptete ich. In unserer Gesellschaft der Chancengleichheit müsse man ja leider so unglaublich viele Konkurrenten in den Schatten stellen. Dabei könne ein großspuriges Auftreten die Ausgangsbedingungen durchaus verbessern. Sabine malte den nächsten Fisch bräunlich-grün an, widersprach mir aber vehement. So wie sie das Wort Großmaul verstehe und benutze, bedeute es, dass die entsprechende Person keineswegs ein gesundes Selbstvertrauen habe, was ja durchaus eine gute Ausgangsposition für jegliches soziales Agieren sei, sondern dass es sich um eine Person handle, deren Qualifikationen deutlich und offensichtlich von der Selbsteinschätzung und -darstellung abwichen, und zwar im defizitären Sinn. Und dies sei bei Achim der Fall. Es mache wenig Sinn, seine fixen Ideen aufzupäppeln. Das solle uns aber nicht davon abhalten, mit ihm Spaß zu haben, oder seine durch und durch subjektive Wertschätzung zu nutzen, um unser eigenes Selbstvertrauen damit zu füttern. Denn so wie sie es erlebt habe, sei Achim vermutlich mein größter, oder zumindest mein lautester Fan und sie, Sabine, könne sich gut vorstellen, dass er auch Mariannes Werk schätze.

Aber er kommt immer wieder mit seinem Taxi-Film an, beschwerte sich Marianne, und sie sei tief in seiner Schuld, dass müsse sie zugeben. Achim kümmere sich in der Tat unermüdlich um so viele ihrer Probleme. Wenn ihm ihr Wohlergehen wichtig sei, dann solle er sie doch einfach mal in Ruhe lassen, erwiderte Sabine und griff jetzt doch wieder zum unerlaubten roten Stift. Ihr hatte ich schon viel über Marianne erzählt, vielleicht sogar zu viel, denn sie hatte mir bereits mehrmals die Frage gestellt, ob ich es denn auf Marianne abgesehen habe, was ich entschieden verneint hatte. Marianne wusste hingegen so gut wie nichts über Sabine. Vielleicht hatte ich bei einer entsprechenden Gelegenheit ihre Existenz erwähnt oder die Tatsache, dass ich über ihre Beziehungen zu der Wohnung gekommen war.

Marianne versuchte trotzdem, mich zu überzeugen. Sie sähe durchaus Potential in Achims Drehbuchidee, es gäbe in der Kultur- und Kunstszene eine gewisse Unberechenbarkeit, und das Thema Taxi, da müsse sie Achim Recht geben, passe gut ins urbane Leben. Es komme eben darauf an, wie man es ausgestalte. Außerdem ginge es ja nur darum, ein Treatment zu schreiben, oder ein Exposé, eben einen Text, in dem drin stehe, wie man sich den Film vorstellen müsse. Damit könne man dann Drehbuchförderung beantragen. Und bekommen, aber bis dahin vergehe erst einmal ein Jahr, und sie könne dann helfen, wenn es darum gehe, das Drehbuch auszuarbeiten. Sie wisse schon, dass es beim Film lukrativere Möglichkeiten gäbe als beim Theater. Außerdem gehöre es manchmal auch dazu, und bei dieser Erklärung wandte sie sich explizit an Sabine, das Unwahrscheinliche und Außergewöhnliche zu versuchen, denn das Normale, Naheliegende und Rationale machten sowieso viel zu viele. Sie könne durchaus grüne Fische malen, aber nur, wenn es sein müsse.

Ja, es muss sein, sagte ich mit etwas zu viel echter Empörung, ich bestehe darauf, dass die roten Fische eine Ausnahme sind, und dabei nahm ich ihr den roten Stift ab, mit dem sie gerade ansetzen wollte. Das sei mein Film, ich habe tagelang dafür gezeichnet, oder vielmehr wochenlang. Beide Frauen hätten sich bereit erklärt, mir beim Ausmalen zu helfen, aber nach meiner Meinung beinhalte diese Hilfe die stillschweigende Übereinkunft, dass meine Vorgaben eingehalten würden. Wer rote Fische malen wolle, könne dies ausgiebig in eigenen Projekten, in Öl und auf Papier, praktizieren, aber nicht bei mir. Jawohl Chef, sagte Marianne, und Sabine wiederholte diese prägnante Formulierung ebenso zackig, also mit der gleichen Mischung aus Ironie und Zustimmung. Wir beugten uns alle drei über die Zeichnungen und malten weiter.

Schließlich brach Sabine das Schweigen und kehrte zur ursprünglichen Thematik zurück. Unvermittelt, aber ganz sachlich, fragte sie, wie es denn zwischen Marianne und Achim „beziehungsmäßig“ aussähe. Das Thema sei durch, da gebe es nichts mehr zu diskutieren. Nachdem sie ihm einen Korb gegeben habe, sei er zum großen Bruder mutiert, der sich um all ihre irdischen Probleme kümmere, antwortete Marianne, und ich wunderte mich, wieso ich das nicht wusste und auch nie gefragt hatte. Vielleicht, weil Marianne nicht mein Typ war? Sabine eigentlich auch nicht.

Marianne begann nun, über ihren Ex-Freund herzuziehen, der ebenso wie Achim einen Helferkomplex habe und der aus gutem, wenn nicht gar allerbestem Hause käme, was ihn damals, zu Abiturzeiten, erst recht dazu animiert habe, sich der hilfsbedürftigen Mitschülerin mit den romantischen literarischen Ambitionen anzunehmen. Was sie gar nicht hätte leiden können, und sie scheiße auf die gute Beziehung, die der Vater ihres Ex-Freundes sowohl zum Lektor, als auch zum Direktor des ortansässigen bedeutenden Verlagshauses gehabt habe.

Wenn die Typen älter seien, wollten sie sich eine junge Geliebte als Statussymbol halten, wenn sie jung seien, nähmen sie eine Künstlerin, die dann wie ein Rennpferd gehegt und gepflegt werde, damit man sie erfolgreich ins Rennen schicken könne, aber das funktioniere ja nur mit den schlechten Künstlerinnen, die aber durch diese umfangreiche Unterstützung und vielfachen Beziehungen trotzdem gut im Geschäft seien. Wenn nicht sogar besser als die tatsächlich guten Künstlerinnen!

Am Anfang könne man als eifriges, ungesponsertes Individuum noch mithalten, aber die Zeit arbeite für die Rennstall-Künstlerinnen, sie hätten den längeren Atem in Form der monatlichen Leibrente und ihrer mit allen Wassern gewaschenen Unterstützer. Man könne sie nur ausbremsen, indem man es schaffe, unmittelbar nach dem Studium in die Professionalität zu springen, mit all den dazugehörigen Risiken. Risiken, wie die überall lauernden Typen aus der Unterhaltungsindustrie und Werbebranche, die unzählige junge Talente abfingen, damit die einfacheren Gemüter unter ihnen dann Seifenopern und die anspruchsvolleren Werbekonzepte produzierten.

Sabine widersprach den Erläuterungen Mariannes ab und zu halbherzig. Ich sagte gar nichts, auch nicht, als Marianne mich provokant als einfaches Gemüt bei der Seifenoper abkanzelte. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die vielen Details meiner eigenen Zeichnung und behielt dabei die Aktivitäten der Frauen im Blick. Ich bearbeitete die komplizierten Motive, ganz davon abgesehen, dass ich sie mir ausgedacht hatte.

Die beiden Frauen blieben noch lang, mehrere Stunden. Fast schien es mir, als warteten beide darauf, dass die andere endlich ginge, damit die Zurückbleibende über die andere lästern könnte. Ich fühlte mich nicht behaglich dabei, malte und malte, während das Gespräch sich immer mehr um die üblichen, banalen Berliner Kulturthemen drehte, was schließlich unverfänglich genug war, um mich zu beruhigen. Aber obwohl Marianne an jenem Nachmittag vergleichsweise ernsthaft argumentiert hatte, erschien sie mir gegenüber Sabine aufgedreht, naiv und zwanghaft. Zum Blumenrock trug sie ein orangenes King-Kong-T-Shirt, während Sabine in blass gefärbtem Öko-Leinen eine Ikone der kultivierten Langeweile abgab. Eine um Kultur bemühte, großbürgerliche Edel-Schlampe, die mit ihren abgeklärten, pragmatischen Ratschlägen viel zu oft Recht behielt. Das gönnte ich ihr nicht, dieses unauffällige, aber penetrante „Recht behalten“.

Auch ihre Einschätzung Achims stimmte, wie sich umgehend zeigte. Eine Woche nach dem gemeinsamen Ausmalen brachte Marianne Achim zu mir. Wir setzten uns an den Computer, diskutierten dort drei Tage lang die Irrungen und Wirrungen, die der Taxifahrer im Drehbuchentwurf über sich ergehen lassen müsste, einigten uns trotz schlagkräftiger Gegenargumente für den Vulkanausbruch mit Zerstörung Berlins als surreale, aber gewünschte Handlungskomponente und gestalteten auch noch ein hübsches Deckblatt, so dass Achim schließlich ein wunderhübsches Exemplar seines Exposés in die Hand gedrückt bekam, damit er es, wie er immer wieder behauptet hatte, bei der Drehbuchförderung einreichen könne.

Als wir ein paar Tage später Marianne verabschiedeten, da ihre Zeit in Berlin abgelaufen war und sie zurück in ihre sächsische Heimat musste, stieß uns Achim ohne jegliches Schamgefühl vor den Kopf. Freudig erklärte er uns, er habe einen neuen Anfang für das Drehbuch. Marianne versuchte sich in Ironie, indem sie meinte, sie hätte schon geahnt, dass Achims Kreativität unsere Vorstellungskraft und erst recht das Format eines Exposés sprengen werde. Außerdem sei es doch unbedingt nötig, so erklärte Achim weiter, dass der Held als Gegenspielerin eine Kontrolleurin aus der U-Bahn bekommen müsse. Davon war nie die Rede gewesen und wir hatten nun die Gewissheit, dass unsere Hilfe nutzlos gewesen war.

Die Verabschiedung von Marianne verlief schnell und schlicht. Sie wurde von ihrem Vater, der gerade geschäftlich in der Stadt war, mit dem Auto abgeholt. Der Akkordeonlehrer wollte uns noch zu einem Brokkoli-Auflauf einladen, aber ich fand einen wichtig wirkenden Vorwand, um zu gehen und ließ Achim allein zurück. Brokkoli konnte ich sowieso nicht leiden. In den folgenden Wochen meldete ich mich nicht bei Achim.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 28. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 28. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Die Charaktere sind allesamt merkwürdig zwanghaft. Woher kommt das?
    Die „Edelschlampe“, die in zu vielem recht hat und zwanghaft ihr eigenes ungerades Leben ausblendet.
    Achim, der seinen Ideen zwanghaft nie vertraut.
    Die Hauptfigur, die nie merkt, was genau beziehungsmässig sttatfindet, also zwanghaft subtile Zeichen nicht wahrzunehmen pflegt – oder wegdrückt.

    @Stefan und @Ralf: Da ist ein mysteriöser Satz drin:
    „Ich bearbeitete die komplizierten Motive, ganz davon abgesehen, dass ich sie mir ausgedacht hatte.“
    Sind die Motive hier Sabine und Marianne oder das Fischwerk?

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  2. @Gerhard: Da hast du mit deinem feinen psychologischen Gespür mal wieder eine, hm, „Tiefenstruktur“ des Textes entdeckt. Dieser Entdeckung kann ich nur voll und ganz zustimmen. Der Grund für die durchlaufenden Anankasmen mehr oder minder aller Beteiligten erscheint mir allerdings wenig geheimnisvoll: Er ist in der Persönlichkeitsstruktur des Autors zu suchen (und – im Übrigen – verbindet mich gerade dieser Wesenszug seit jeher mit ihm, früher instinktiv und „unbewusst“, heute mehr und mehr ganz explizit).

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