„Medialismus“, Roman: 30. Kapitel

ralfcschusterWir verbrachten einen Abend bei Martin, der den Abschied von seiner verlebten Zweizimmerwohnung mit Pizza und Wodka feiern wollte. Inzwischen betrieb er mit einigen anderen Absolventen seiner digitalen Kunstakademie ein Büro für Internetgestaltung, angeblich ein florierendes Geschäft. Er meinte, er habe alle eingeladen, die ihm wichtig seien. Das waren auffällig viele Geschäftskontakte. Ansonsten Kollegen, Studienfreunde und wir, also Achim, Tina und ich. In dem länglichen Raum, in dem ich damals auf der alten Matratze die ersten Monate in Berlin verbracht hatte, war eine ausgehängte Tür auf zwei Böcken als provisorische Tafel aufgebaut, ringsherum standen Klapphocker. Die Pizza stammte von irgendeinem besonders exklusiven Italiener, Wein gab es natürlich auch.

Auf beiden Stirnseiten des Raumes wurde je eine Endlosprojektion direkt auf die stark renovierungsbedürftige Wand projiziert. Auf der einen Seite eine Super-8-Schleife aus Einzelbildern, die ich in Ost-Berlin gesammelt hatte, als es dort noch nach Ruinenlandschaft aussah. Die andere Schleife hatten Martin und ich gemeinsam am Computer entworfen. Sie zeigte die Verwandlung von Plattenbausiedlungen zu Einfamilienhäusern und umgekehrt. Im hinteren Zimmer hingen drei großformatige Schwarzweiss-Fotos von Martin. Ansonsten war die Wohnung vollständig leer, denn den Umzug hatte Martin bereits hinter sich.

Fast alle Gäste trugen ein Jackett, weißes Hemd, keine Krawatte. Eben die üblichen Abgesandten der Kreativwirtschaft. Achim und ich waren die einzigen Männer, die nicht dem vorherrschenden Dresscode entsprachen, aber ich war ja durch die Projektion als praktizierender Künstler aufgewertet, außerdem schmiegte sich Tina an meine Seite und sie sah wieder einmal so gut aus, dass ich mir sicher sein konnte, man würde mich ernst nehmen. Achim hingegen hielt sich mit seiner großen Klappe ziemlich zurück. Ihn hatte man in eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hineindelegiert, die aus dem Studienabbrecher ein wertvolles Mitglied für den ersten Arbeitsmarkt machen sollte, aber so wie er mir das im Hinterzimmer erzählte, sei alles konzeptionell und ideologisch fragwürdig, eine reine Repressionsmaßnahme gegen die hilflosesten Teilnehmer am postmodernen Ausbeutungskapitalismus, wobei er sich selbst als einen Irrläufer darstellte, während seine ABM-Kollegen die wirklich schikanierten Kreaturen ohne Perspektive seien. Früher hatte ich solche Parolen pauschal und lauthals bekräftigt, aber inzwischen hielt ich mich dezent im Hintergrund und überließ es Tina, Mitgefühl und Verständnis für Achim zu spenden.

Über Behörden zu schimpfen und ihnen Unfähigkeit vorzuwerfen sei immer sehr leicht, mischte sich ein smarter Mitvierziger ins Gespräch, der für die Öffentlichkeitsarbeit irgendeines Bildungsträgers verantwortlich war und Martin den großen Auftrag verschafft hatte, mit dem sich seine junge Firma nun freizuschwimmen versuchte. Es entspann sich ein durch gegenseitiges Verständnis geprägtes Gespräch über das Für und Wider der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Der smarte Mitvierziger war in seiner mit vielen Fakten und moderaten Meinungen garnierten Argumentation Achims Polemik weit überlegen. Aber schrecklich langweilig, so dass wir versuchten, wegzukommen, was in der leergeräumten Zweizimmerwohnung gar nicht so einfach war. Nichtsdestotrotz halfen einige Wodkas bei der Entspannung und Tina wurde erst einmal von einem überaktiven Spezialisten für digitale Bildspeicherung angebaggert. Unterdessen wollte mir Achim weitere Unstimmigkeiten und innere Widersprüche seiner Arbeitsbeschaffungsmaßnahme erläutern. Ich konterte mit den Schattenseiten meiner eigenen Berufserfahrung, um mir sein Gejammer und vor allem seine Besserwisserei nicht anhören zu müssen. Inzwischen war meine sorgenlose Zeit bei der Seifenoper schon lang wieder vorbei und ich pendelte zwischen einigen Auftraggebern hin und her, die alle ihre spezifischen Nachteile hatten. Überall war ich nur der Ersatzkameramann und der Arbeitsalltag mit den vielen täglich wechselnden Einsatzorten für das banale Kommerzfernsehen ging mir inzwischen ziemlich auf die Nerven. Aber ich sah keine Alternative.

Die Anwesenheit der vielen jungen Männer in ihren weißen Hemden um mich herum drängte mir die Frage auf, wer denn nun eigentlich cool sei, sie oder ich, oder beide? Sie, weil sie den Typ des Jungunternehmers so lässig repräsentierten, oder ich, weil ich in meinem Karohemd und der abgeschabten Jeans mich einen Scheiß drum scherte. Cool sein, was für ein abstrakter Begriff, Ausgeburt des Wunsches, die Lage unter Kontrolle zu haben und sich nicht von den Widrigkeiten der Welt anfechten zu lassen, nach Möglichkeit ohne Anstrengung und Schweiß! Wie schön ließ es sich mit einem Glas Wodka in der Hand sagen, dass mir die Bilderwelt des Kommerzfernsehens am Arsch vorbeiging, aber wenn ich dann im Schlepptau eines Reporters oder einer dieser hartnäckigen Reporterinnen mit geschulterter Kamera Bilder sammeln musste, war es eine ernste Angelegenheit, eine Sache der Ehre, dass ich das, was ich machte, gut machte. Das Wort Ehre ist ja wiederum total uncool, und niemand traut sich, es ohne Ironie in den Mund zu nehmen, um sich nicht lächerlich zu machen. Wenn ich darüber hätte reden wollen, dann hätte ich es so formuliert, dass die Arbeit als Kameramann eine hohe Identifikation zwischen mir und dem kulturellen Produkt meiner Arbeit fordere, auch wenn diese sich auf dem Weg zum Konsumenten am Bildschirm wieder verflüchtige. Diese Identifikation und die Mühen, die sie mir bereitete, wollte ich mir nicht anmerken lassen. Wie schön war es, wenn man so wirkte, als könne man das auf der linken Arschbacke absitzen! Oder in die sogenannte Selbstverwirklichung integrieren, unterordnen, die Welt dreht sich um mich, nicht ich um sie. Was für ein anmaßender Ansatz der Selbsteinschätzung!

Solche Grübeleien und Achims Arbeitsbeschaffungsmaßnahmengerede verdarben mir schließlich die Stimmung. Oder war es der Anblick, wie der Spezialist für digitale Bildspeicherung an Tinas Ohren klebte, und sie an seinem Mund? Aber als ich mit einer abfälligen Bemerkung über die anwesenden Menschen den Rückzug einzuläuten versuchte, stimmte mir Tina zu und schaffte es nebenbei, Achim irgendeinen Grund zu liefern, weshalb er nicht bei uns im Taxi mitfahren könne. Auf der Schwelle fing er dann noch mal mit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an und überraschte mich mit der Behauptung, Marianne habe ja bereits damit begonnen, ein Theaterstück über dieses Thema zu schreiben. Mit seiner Hilfe. Ein Stipendium habe sie auch schon dafür. Das verblüffte mich etwas, was ich mir aber nicht anmerken lassen wollte. Da Marianne sich einen Scheiß darum kümmerte, wie es mir ging, wollte ich mir auch den Anschein geben, als sei es mir weitgehend egal, was sie tat oder zu tun beabsichtigte. Ich verabschiedete Achim mit einem gespielt freundlichem „bis bald“ und schob Tina die Treppe hinab.

Es war noch nicht spät, wir hätten auch die U-Bahn nehmen können, aber Tina würgte diese Diskussion über die Wahl der Fortbewegungsmittel grundsätzlich mit ihrem Angebot ab, dass sie das Taxi bezahlen würde. Tina fuhr gerne Taxi, auch lange Strecken, und störte sich nicht daran, in einer Nacht fünfzig Mark oder mehr für die Fahrten auszugeben. Wenn wir gemeinsam auf der Rückbank saßen und die Lichter des nächtlichen Berlin vor den Fenstern vorbeiglitten, legte sie den Kopf auf meine Schulter und sagte, dass das ihr Lieblingsfilm sei. Vor allem der Anblick der erleuchteten Hoch- oder S-Bahnen, die über dem Straßenniveau dahinschwebten, während sie auf der weichen Taxirückbank im Warmen sitze, versetze sie in Hochstimmung. Auf dem Rückweg von Martin war es ein schier endloser ICE, der über die Brücke fuhr. Die S-Bahn kam von der anderen Seite, die leuchtenden Fenster überlagerten sich und noch bevor sich die ungleichen Züge trennten, näherte sich unser Taxi der Brücke, so dass die Züge aus dem Blickfeld der Frontscheibe verschwanden. Für einen kurzen Moment sah ich die S-Bahn vor meinem seitlichen Fenster, dann achtete ich nicht mehr auf sie. Tina hingegen drehte sich um und schaute dem ICE noch hinterher, als er zwischen den Bäumen des Parks verschwand. Kniend auf der Rückbank, mit überkreuzten Armen auf der Hutablage, beobachtete sie eine Weile lang verträumt den blinkenden und blitzenden Verkehr der sechsspurigen Straße, während sich mein Blick unweigerlich auf die vereinzelten Prostituierten des Straßenstrichs konzentrierte. An dem Abend waren es nur aufgedonnerte alte Schachteln. Dann ließ sich Tina langsam umfallen, so dass sie mit dem Kopf auf meinem Schoß zu liegen kam. Ich musste den Rücken krumm machen, um sie zu küssen. Es war einer der Momente, an dem ich mir sicher war, sie zu lieben. Und zu bewundern für ihre Schönheit und Unbekümmertheit. Für ihren zierlichen, weichen Körper.

Ich solle mich um Achim kümmern, meinte sie, er sei ihrer Meinung nach in einer kritischen Situation, die sich verheerend zuspitzen könne, wenn er jetzt noch weiter in die Perspektivlosigkeit der deutschen Arbeitslosenverwaltungsmaschinerie hineinschlittere. Ich gab Tina recht, aber ich wisse trotzdem nicht, was ich machen solle, da Achim auf Grund seiner Großmäuligkeit nie zugäbe, dass er Hilfe brauche, und das sei ja das Hauptproblem: Er lebe auf merkwürdige Weise in seiner eigenen Welt. Wenn es darum gehe, Kritik auszuteilen, sei er sehr amüsant und analytisch, doch mit seinen eigenen Qualifikation stehe es nicht zum besten, wenn man nachfrage, was er selbst zustande gebracht habe, dann käme da eigentlich nichts, da erscheine seine rigorose Kritik als Anmaßung, als Stammtischpolitik. Ich solle nicht über ihn herziehen, sondern ihm helfen, meinte Tina und ich zuckte mit den Schultern. Mir schien, als sei die Zeit, in der ich selbst Hilfe bräuchte, längst nicht vorbei. Das dachte ich mir, sagte aber nichts, sondern küsste Tina auf den Mund und sie erwiderte meine Zärtlichkeit ausgiebig. Als wir Kreuzberg erreichten, zog sie ihren Kopf von meinem Schoß und setzte sich wieder neben mich. Leuchtend fuhr die Hochbahn vorbei. Tina freute sich und versuchte mir einzureden, dass dies ein gutes Omen sei.

Am nächsten Morgen suchte sie am Frühstückstisch in ihrem Handtäschchen eine Visitenkarte, die von Mike Müller stamme, dem Spezialisten für digitale Bildspeicherung, der sich am Vorabend mit ihr unterhalten habe. Der brauche noch einen Allrounder, so jemanden wie mich, und eigentlich könne ich Achim auch noch mitnehmen, als Praktikant. Eine digitale Spielfilmproduktion sei das, mit einem kleinen Team. Ich staunte. Wieso hatte mir das Tina nicht schon am Abend erzählt? Da sei sie nicht in der Laune für solche Realitätsprobleme gewesen, sondern nur aufnahmebereit für irreale Phänomene wie Achim und seine offensichtliche Persönlichkeitsstörung. Aber die könne man doch bestimmt beheben, indem man Achim zum Klappenschläger mache, denn Mike Müller habe gesagt, der Klappenschläger müsse dabei sein, aber es gebe kein Geld für ihn, nur die Erfahrung, was es heiße, Kreativität in der Gemeinschaft zu entwickeln. Wobei Mike Müller diese Formulierung wie in Anführungszeichen ausgesprochen habe, denn sie stamme vom Regisseur. Ihn als Spezialisten für digitale Datenspeicherung könne man nicht mit solchen leeren Versprechungen an ein Filmset locken, er komme nur, wenn die Bezahlung stimme, und das sei bei dem Projekt nicht der Fall, das sei ein Projekt für Leute, die noch ein paar Jahre in Vorleistung gehen könnten oder wollten oder müssten, je nachdem, wie man es definiere.

Ich rätselte, ob ich Tinas Gerede ernst nehmen sollte. Als ich sie fragte, was Mike Müller mit dem Film überhaupt zu tun habe, wenn er sowieso nicht mitmache, sagte sie, dass sie das nicht wisse. Auf der Visitenkarte, die sie inzwischen gefunden hatte, stand allerdings Michael Münster und es gab keinerlei Berufsbezeichnung, nur ein quadratisches Feld mit Einsen und Nullen. Michael Münster und Mike Müller sei doch fast das Gleiche, zumal diese Person nur der Kontaktmann sei, der wisse, an wen ich mich zu wenden habe, sagte Tina, ich solle mich darum kümmern, denn sie habe keine Lust, den Kontakt weiter auszubauen, da Mike Müller, nachdem er die wichtigen Fakten über das Filmprojekt und seine berufliche Identität preisgegeben hatte, nur alle die langweiligen Banalitäten als Small Talk aufgetischt habe, die ihr als gutaussehender, kontaktfreudiger Frau ständig in die Ohren gepustet würden, dieses permanente Geschwätz über Berlin bei Nacht, Bars, Cocktails und Neuigkeiten über den letzten USA-Aufenthalt. Für sie sei Mike Müller der passende Name, aber sie selbst zweifellos die falsche Gesprächspartnerin, was sie ihm aber keinesfalls übel nähme.

Das klang so, als müsse ich mich tatsächlich um die Angelegenheit kümmern, auch wenn alles sehr vage schien. Früher, in meiner trübsinnigen Berliner Anfangsphase, hätte ich mich womöglich verrückt gemacht vor lauter Hoffnungswahnsinn und den Wunschfantasien, wie mich so ein Kontaktmann mit anderen Kontaktmännern so kontakten könnte, dass daraus eine unglaubliche Ereigniskette in Gang gesetzt werden würde. Es gab aber auch Phasen, während denen ich mich gar nicht um solch einen dubiosen Hinweis geschert hätte. Aber da Tina spätestens bei meiner nächsten Beschwerde über meinen Berufsalltag nachfragen würde, griff ich zum Telefon.

Michael Münster meldete sich, machte nicht viel Aufhebens und gab mir eine andere Telefonnummer, von der ich zwar auch nicht viel Konkretes erfuhr, aber ich sollte schon zwei Tage später im Produktionsbüro vorbeikommen. Also würde sich schnell klären lassen, ob etwas dran war an diesem Kontakt. Achim wollte ich zunächst gar nicht erwähnen, musste ich dann auch nicht, weil man mir es geradezu aufdrängte, ihn ebenfalls für das Projekt zu gewinnen, wie sich der wichtige Regisseur höchstpersönlich ausdrückte.

Es passte wirklich alles wunderbar zusammen, denn als ich in der fast leeren Fabriketage ankam, die als Produktionsbüro diente, stieß ich mit Stefan zusammen, jenem Studienkollegen von Martin, der bei der Premiere des falschen Films auf unserem Gehöft zu Besuch gewesen war. Er fungierte zwar auch nur als Berater für digitale Technologie und hatte gerade einen Schnittplatz installiert, aber er kannte sowohl das Projekt, als auch den Regisseur und gab mir gleich die wichtigen Informationen über die Technik, die verwendet werden sollte. Die Aufnahmeleiterin, die mir einen Kaffee vor die Nase stellte, beschwatzte er, dass ich vermutlich genau die Art von Videoexperte sei, den sie bräuchten. Das verstand sie nicht, aber während Stefan ihr erzählte, das ich mich mit Super-8- und 16-mm-Film herumgeschlagen hätte, tauchte der Regisseur auf, der gleichzeitig die Kamera führen würde. Mit einer von diesen neuen, kleinen Digitalkameras, mit denen ich mich doch hoffentlich schon auseinandergesetzt hätte, da sich hier unglaubliche neue Möglichkeiten erschlössen.

Ja, zum Glück hatte ich fünf Minuten vorher diese Auseinandersetzung mit der digitalen Technik durch Stefan im Schnellverfahren übergestülpt bekommen. Ungeachtet dieses Zufalls schien der Regisseur meine unzusammenhängende Sammlung an Erfahrungen als genau passend einzuschätzen. Er und Stefan hatten in den letzten Tagen den sogenannten Workflow festgelegt, also ein Konzept, welche Technik und welche Dateiformate in den jeweiligen Produktionsphasen verwendet werden würden. Offensichtlich genoss Stefan genügend Vertrauen, so dass seine gute Meinung von mir hoch eingeschätzt wurde. Er, Stefan, war es auch, der die Bemerkung fallen ließ, wir könnten doch auch noch meinen guten alten Freund Achim ins Team integrieren und niemand widersprach. Dann stellte sich heraus, dass die Regieassistenz eine von den Reporterinnen war, mit denen ich bereits zusammengearbeitet hatte. Es sah also ganz danach aus, als ob ich perfekt ins Team passen würde. Aber in welcher Funktion?

Die Kamera wollte der Regisseur selbst führen, als Kameraassistent war Edgar vorgesehen, also Eddi, der ja auch ein super Typ sei, mit dem ich mich bestimmt toll verstehen würde. Die Position des Tonmanns war noch nicht besetzt, wie wäre es denn damit? Eine Tonangel werde ich schon halten können. Anregend fand ich das nicht, Tonmänner sind Pedanten und das müssen sie auch sein. Dachte ich mir, und versuchte noch mal auf Kameraassistenz oder Beleuchtung zu sprechen zu kommen, doch Beleuchtung würden wir kaum brauchen, es sei ja geplant, vor allem available light zu nutzen, also die vorhandenen Lichtquellen, und dass ich als Tonmann auch beim Einrichten des Lichtes mithälfe, davon gehe er aus, deshalb wolle er ja einen vielseitigen Menschen wie mich und keinen verbohrten Fachidioten. Das mit Eddi sei allerdings schon völlig sicher, Eddi werde Assistent. Sie hätten gemeinsam bereits die ersten Aufnahmen gemacht, um den Look des Films zu definieren.

Eine sehr harte Bildästhetik. Die kleine Kamera liefere ja knallharte Kontraste, damit müssten sie leben, oder vielmehr eine Tugend draus machen. Wer es weich und lieblich haben wolle, der müsse eben die große 35-mm-Ausrüstung mitnehmen, mit diesem dazugehörigen riesigen Apparat an Menschen und Bedienungstechnologie. Das habe er, der Regisseur, jahrelang gemacht, jetzt sei hoffentlich endlich Schluss mit der Unterdrückung der Menschen durch die Technologie, jetzt habe er sich diese Kamera gekauft, die so billig sei, dafür könne man ja die professionelle Filmausrüstung nur drei Tage lang mieten. Aber selbst, wenn man sich die Ausrüstung 20 Tage lang miete und dann noch das Filmmaterial bezahle, müssten alle, die da mitmachten, 16 oder 18 Stunden am Tag hektisch arbeiten und schafften es trotzdem nicht, die hochfliegenden Ansprüche der inzwischen verwöhnten Produzenten und Regisseure zu befriedigen, weil die ständig nach Hollywood schielten und sich dort orientierten, wo die Teams noch mal doppelt so groß und die Stars fünf mal so teuer seien und die Werbebudgets inzwischen ins Unermessliche abdrifteten. Monströs und maßlos überteuert sei die Profifilmtechnik, sie würde ihm längst zum Hals raushängen, meinte der Regisseur. Wir hingegen hätten ein halbes Jahr Zeit, um gemeinsam den Stoff zu entwickeln, gemeinsam zu inszenieren und für den Schnitt stünde nochmal ein Jahr zur Verfügung. Natürlich müsse man aber für diese Freiheiten auch Einschränkungen hinnehmen, vor allem bei der Bezahlung. Noch horrender als die Mieten für die professionelle Technik seien nur die Honorare des langweiligen, hochspezialisierten Technikbedienpersonals. Deshalb schätze er junge, experimentierfreudige Menschen, die an der ganzen Bandbreite des kreativen Filmschaffens interessiert seien und Spaß daran hätten, ästhetische Grenzen zu erforschen.

Mir war klar, worauf diese Anpreisung von unqualifizierten Arbeitskräften hinauslief. Der Tagessatz, den der Regisseur nach seiner umfangreichen Lobeshymne auf die digitale Technologie endlich verriet, war nur ein Drittel vom Honorar, mit dem ich bei der Seifenoper verwöhnt worden war. Auch Achim könne ich mitbringen, eine Praktikantenpauschale, die nicht zum Überleben reichen würde, sei ihm sicher. Mir selbst war die Bezahlung egal, ich hatte ein paar Ersparnisse beiseitegelegt und brauchte nicht viel zum Leben. Die Sache klang spannend, schließlich sollte ein Kinofilm dabei rauskommen. Oder Kinofilmchen? Die Kamera, mit der wir drehen würden, war ziemlich mickrig und die dazugehörigen DV-Tapes verschwanden in der hohlen Hand. Mir persönlich hing die große, maßlos überteuerte Filmtechnik überhaupt nicht zum Hals heraus, weil ich ihr überhaupt noch nie nahe gekommen war. Ob die Welt, so wie der große Regisseur sagte, von ihr befreit werden sollte, wollte ich mir nicht anmaßen zu entscheiden.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 30. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 30. Kapitel

  1. Heute hatte ich beim Lesen mehrfache Deja-vus. Der Text wirkte wie ein längst etablierter, moderner Klassiker auf mich, den man nach wiederholter Lektüre über die Jahre immer mehr genießen kann, ein äußerst angenehmer Effekt. Das liegt natürlich an der Lesung, bei der Ralf den Text in meinem Wohnzimmer vorgetragen hat, ach ja, war schön.

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s