Feinbergiana 04

(Publiziert 1918.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] Verstört, mal wieder. Hektisch, zerstreut. Weiß ich überhaupt, ob ich traurig bin? Nichts geht zusammen … was soll das werden? Ich kann einfach keinen vernünftigen Gedanken formulieren (0:30). Jetzt eine gewisse Erschöpfung, ein Innehalten (1:30). Tiefe Missstimmung klingt immer ganz leise mit (1:50). Wilder, aber sanfter Bilderstrom, unreine Erinnerungen. Ich kritzle einige wirre, zerstreute Sätze in mein Tagebuch. Jetzt (2:40) werde ich allmählich immer zorniger, in sich steigernden Wellen. Dann ändert sich plötzlich alles (3:18), aber vollkommen grundlos, der Himmel klärt sich auf, es gibt ja noch andere Optionen, oder? Oder nicht? Gibt es eine ganz andere Welt außerhalb meines Kopfes? Ich weiß nicht. Weiß es einfach nicht. Nein, ich laufe viel lieber vor mir selber davon (3:30). Dunkle Erinnerungen an Ich-weiß-nicht-was. Mit den Fingern auf dem Tisch herumtrippeln (4:00). Mit allem und jedem im Krieg sein. Mit sich selbst komplett im Unreinen sein. Dieser Haß, diese Schwäche! Sehr rasch im Zimmer auf- und ablaufen. Dann ein wenig Selbstmitleid (5:25), ah, das tut so gut! Was bin ich nur für ein Schwächling, was für ein Jammerlappen! Was die anderen von mir halten, das will ich eigentlich gar nicht wissen. Pah, die anderen – auch nur Waschlappen, die meisten! Ich wünschte, ich wäre GANZ woanders (6:00), an einem Ort, den ich mir selbst nicht vorstellen kann, den ich ja EIGENTLICH, bei aller Sehnsucht nach ihm, fürchte wie kaum etwas sonst. Dann (6:30) wandern meine Gedanken in etwas freundlichere Bereiche, ohne dabei aber ihre ursprüngliche Fahrigkeit zu verlieren. Ich will jetzt schöne, klare Bilder, aber es kommen nur fade Schlieren. Deshalb erneut dieser wellenförmig anbrandende Zorn, dieser Protest gegen das Existieren an sich (7:15), dann auch sofort dieser merkwürdig abstrakte erhabene Gedanke von eben (7:30) – nur ganz kurz  -, aber was soll das alles, es ist ja alles sinnlos! Ich sollte meinen Kopf gegen die Tischplatte schlagen, mit den Fingern das Blut von der Tischplatte wischen – aber selbst dazu bin ich zu feige (7:45)! Blablala … sich komplett unterbrechen (8:25). Lass es sein. Lass es doch einfach sein. Das wird nichts, das ist nichts … Idiot. Abbruch.

Zusatz (gehört nicht zum Protokoll) Die vierte Sonate ist selbst für Feinbergs nervlich stets zerrüttete Verhältnisse verstört und beklemmend und – ja, ich sag’s gerne zum wiederholten Mal – WIRR. Aber von welcher Art ist Feinbergs Wirrnis? Für mich ist es (alles rein spekulativ hier) eine ausgesprochen „erhabene“ Art von Wirrnis, eine chaotische, dann aber doch auch wieder hoch-artikulierte (mein Gott, es gibt NOTEN, er hat es detailliert AUFGESCHRIEBEN, was für eine künstlerische und geistige Leistung!) Melange aus tatsächlicher persönlicher (individueller) „Nervosität“ („Neurasthenie“, sagte man zu Feinbergs Zeiten vermutlich) und einer tiefen Ratlosigkeit und Verschrecktheit gegenüber den tumultuarischen Zeitläuften. Ich meine, hej, was war denn 1918 in MOSKAU los … eben. Und der zarte Feingeist aus Odessa mittendrin. Wo er so gar nicht hingehört. Wo er sich aber auch nicht abgrenzen kann. Seine Sympathien sind sowas von gespalten: Die Weißen … die Roten … wer hat recht? Wer schafft GERECHTIGKEIT, wer SICHERHEIT? Komplette Überforderung. Das Klavier muss das büßen. Alles wird ins Klavier abgeleitet, das Klavier als Aufschreibesystem. Es hat heute nichts zu melden, das Klavier, keinen Skrjabin, keinen Beethoven, keinen Chopin, SCHNAUZE, heute muss es meine fahrigen, tastenden, sinnlos herumlavierenden Finger aushalten, es muss resonieren, wozu es ja gebaut ist, sonst nichts. Der Lärm von den Straßen, Erschießungen, schon wieder, immer wieder Erschießungen … es ist nicht zum Aushalten. Aber ich habe ja das Klavier. Immerhin. Besser als nichts. Hat nicht jeder.

Wenn es denn gerecht zuginge auf dieser Welt, dann wäre dieses Klavierstück seit Jahrzehnten eine Inkunabel der klassischen Moderne, denn präziser kann man die Haltlosigkeit von 1918 (wie ich sie mir vorstelle) wohl kaum auf den Punkt bringen. Feinberg war ganz offenbar imstande, sich selbst beim Improvisieren zu beobachten, ohne dass diese Improvisation dabei an musikalischer Intensität einbüßte, er konnte sich offenbar sogar längere improvisierte Passagen detailliert MERKEN (MIDI gab’s ja damals nicht, und ein Tonband ebenfalls nicht) und sie bis in alle artikulatorischen Einzelheiten memorieren. Ja, diese Sonate ist ein (fast) vollkommen a-thematischer, in ein Klavier gewälzter Bewusstseinstrom, wie ich ihn erst Jahrzehnte später wieder bei Cecil Taylor gehört habe.


Konzept und Inhaltsverzeichnis des Projekts „Feinbergiana“

Feinbergiana 04

4 Gedanken zu “Feinbergiana 04

  1. Zum Glück bin ich grade nicht depressiv, sonst hätte ich das Stück jetzt kaum ertragen.

    Alles, was du über die erstaunliche Leistung, das zu Papier zu bringen, sagst, stimmt, ja. Aber ich verstehe irgendwie sogar, dass dieses Stück nicht ins Rampenlicht gerückt ist.

    Bei vielen düsteren Stücken hört man die Zeit, in der sie entstanden sind (ein naheliegender Vergleich wäre für mich die 2.Sonate von Ustwolskaja – naja, bin halt Ustwolskajaner, mit was soll ich es also sonst vergleichen^^). Aber in diesem Stück drückt sich die totale Hoffnungslosigkeit nicht nur im Charakter des Stückes, sondern gleich auch noch in der Tonsprache aus. Es ist eben jenes Überüberchromatische, das aus der Spätromantik noch herausgequetscht wurde wie die letzten schmutzigen Tropfen aus einem Schwamm… ein Stil, der einfach nicht nach vorne blickt, den man eigentlich nicht fortschreiben kann. So geht es mir zumindest damit. Dieser ganze Wirbel an Tönen, die man überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen kann, das ist eine andere Art der Katharsis, als die der Ustwolskaja, bei der ich eben jeden letzten Ton so genau höre, dass ich fast mitschreiben könnte. Ein Schrecken ohne Lösung, denn es gibt nichts durchzuhören, es ist nur Wirbel, bis ganz nach unten, das höre ich hier. Kein Licht, das dahinter durchscheint, kein künstlerisches Machtwort, was dem Ganzen wieder Sinn zu verleihen vermag, nur Wirbel, immer weiter.
    (Und das mag auf einer Meta-Ebene wieder als große Kunst gesehen werden – und ist es wohl auch – aber ich hab nach wie vor den Eindruck, dass es halt auch eine auskomponierte Sackgasse ist, da geht es einfach nicht weiter, das lässt sich nicht fortschreiben in eine neue Richtung…)
    Naja, vielleicht überzeugst du mich mit der Feinbergiana noch vom Gegenteil. Im Moment nehme ich hier nur eine zerrüttete Oberfläche wahr, keine Ebene mehr dahinter.

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  2. @knopfspiel: Ganz lieben Dank für deinen differenzierten und ausführlichen Kommentar – exakt für einen derartigen Gedankenaustausch wurde die Weltsicht gemacht, denn wo sonst im Netz könnte man sich so breit und ungestört über Themen wie die Klaviermusik von Samuil Feinberg und / oder Galina Ustwolskaja unterhalten🙂 [F**k you, FB!]

    Ins Detail: Nun ja, „zerrüttete Oberfläche, hinter der keine Ebene mehr erkennbar ist“ ist sicherlich nicht ganz falsch … gleichzeitig frage ich mich, warum mich gerade diese Form fragloser „Oberflächlichkeit“ so anzieht (nach allem, was ich von Ustwolskajas Musik bisher mitbekommen habe, scheint sie ja eher ein „kontemplatives“ Idiom zu bevorzugen – jetzt mal ganz oberflächlich gesagt😉 ) und ich denke, ich weiß, warum: Es ist das performative Moment bei Feinberg, jetzt mal nicht nur im Sinn des Quasi-Improvisatorischen gedacht, sondern durchaus auch als theatralisches, meinetwegen sogar melodramatisches Moment. Ja, so wird ein Schuh draus: Mir gefällt, dass Feinberg eine drama queen ist, dass er Gefühle ganz direkt und ungefiltert (und doch sehr nuanciert) abbildet, er jagt sie nicht vorher durch irgendein metaphysisches oder künstlerisch wasserdicht gemachtes System, um sie „kompatibel“ zu machen (für wen eigentlich?), er, pardon, rotzt alles direkt raus.

    Exakt diese Feinberg’sche Direktheit (die andere, also nicht du jetzt, evtl. als „hysterisch-neurotisch“ qualifizieren würden) ist es, die mich besonders anspricht. Es ist auch durchaus ein Stück Exhibitionismus dabei („Schaut mich nur an, wie schlecht’s mir doch geht!“), aber – und das gestehst du ja auch zu – durchaus auf hohem künstlerischem Niveau (die Freud’sche „Sublimation“ ist hier wohl der richtige Begriff).

    Rainald Goetz macht in seinen besten Arbeiten („Abfall für alle“) nichts anderes: „eigentlich“ schreibt er „nur“ Tagebuch – und dennoch bildet sich allmählich eine ganze Welt darin ab, in der irgendwann (nicht sofort, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt, der bei manch einem Leser nie kommen mag, aber das ist nun mal so) auch ganz anders tickende Individuen (hier: LeserInnen) massive Inspiration und, ja: – Unterhaltung finden können🙂

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  3. Jetzt frage ich mich aber, wie Feinberg selber denn reagiert hätte, wenn man ihm sagt, er hätte es einfach ausgerotzt.^^
    Und was würde wohl passieren, wenn sich eine Horde Musik-Analytiker auf das Stück stürzen würden und ein Jahrzehnt lang Doktorarbeiten verfassen – würde das Dahingerotzte verschwinden in der systematischen Erfassung jeder Note, der Stilmerkmale, der dahinterstehenden Logik, wie auch immer sie beschaffen ist?

    Ich glaube, was mich an dem Stück irritiert – egal obs nun stimmt oder nicht – ist der Eindruck, dass Feinberg sich auf ein Vokabular der Romantik beschränkt, zwar wütet er, aber er wütet in einem System, das eigentlich gar nicht mehr so recht geeignet ist, sein Wüten aufzunehmen. Die seltsamen verwackelten Rhythmen (Vierteltriole auf dem zweiten Schlag?!) entsprechen dem Wunsch, eigentlich was anderes, neues zu machen (sofern man sie nicht als „aufgeschriebene Improvisation sieht), die Harmonik ist aber geradezu eingesperrt in Floskeln, fast Zitaten („Seuferzermelodik“, „Vorhalte“) der Vergangenheit.

    Der eine „lichte Moment“ fällt so aus dem Rahmen, dass ich auch nach wiederholtem Hören die Risse nicht mit Mörtel der Gewohnheit kitten kann (äh, verzeih die Sprache, es ist spät ._.) – wobei ich muss mich korrigieren, jetzt kam gerade wieder dieser Moment, und irgendwie wars grade doch stimmig – allerdings empfinde ich ihn wohl nicht als licht, sondern eher als pathetisch, nicht aber positiv-pathetisch.

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  4. @knopfspiel: … und schon sind wir mittendrin in Bereichen der, hm, „Analyse“, über die Konsens zu erreichen wohl per definitionem unmöglich ist (und das ist auch gut so).

    Zu deinen Bemerkungen im Einzelnen:

    „Jetzt frage ich mich aber, wie Feinberg selber denn reagiert hätte, wenn man ihm sagt, er hätte es einfach ausgerotzt.“ – Keine Frage, die mich interessieren würde (bei allem Respekt für Feinberg als Person und Komponist) – hier „benutze“ ich Feinbergs Musik recht schamlos für meine Zwecke.

    „Und was würde wohl passieren, wenn sich eine Horde Musik-Analytiker auf das Stück stürzen würde …“ – Nun ja, das, was mit allen Stücken passiert, die „professionell“ rezipiert werden (& was ich hier so treibe, ist, so gesehen, informierter Dilettantismus): Die Rezeption baut eine Membran zwischen der Hörerin und dem Artefakt ein (bzw. baut die bestehende Membran um). Wie „dick“ diese Membran wird, was sie durchlässt oder nicht, ob sie eher fokussierend oder eher störend wirkt, all das wäre dann wieder komplett kontingent.

    „Vokabular der Romantik“ – Nun ja, das ist jetzt natürlich die „professionelle“ Perspektive (was nicht als Vorwurf gemeint ist, du hast völlig recht, 1918 war selbst die Spätromantik „eigentlich“ vorbei, trotz oder gerade wegen R. Strauss etc.), aber ich denke, im Wesentlichen erfasst deine Formulierung exakt Feinbergs (unbewusste?) künstlerische Intention: Ein nahezu blindes Wüten gegen das „Alte“ in der „Sprache“ des Alten, ohne irgendeine Vision des „Neuen“ zu haben. Seine genuine künstlerische Leistung besteht darin, dieses komplexe Geschehen (auf zugegeben etwas krude Art und Weise) musikalisch dargestellt zu haben – er hat es natürlich nicht musikalisch gelöst. Jetzt ist es Geschmacksache oder – besser – eine Frage persönlicher Neigung, ob einen an Musik eher „Problemlösungen“ oder die möglichst subtile Darstellung von Problemlagen interessiert. Meine Präferenz, das wirst du dir denken können, liegt beim Letzteren.

    Natur des „lichten Moments“ – Auch hier stimme ich zu, dieser Moment ist zwar „im Grunde“ positiv, bleibt aber emotional abstrakt und hat im Gesamtkontext des Stücks keine echte Trostfunktion.

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