„Medialismus“, Roman: 31. Kapitel

ralfcschusterHenry und Ulrich hatten inzwischen angedeutet, dass sie sich eine größere und schönere Wohnung in einer besseren Gegend besorgen wollten. Natürlich im Ostteil der Stadt, wo inzwischen alle wohnen wollten. Beide hatten viel zu tun, verdienten gut und Henry hauste immer noch in der Abstellkammer. Aber weil sie so viel zu tun hatten, kümmerte sich keiner der beiden um die Wohnungssuche und so dachte ich mir, ich könnte den Anfang machen und zu Tina ziehen. Dann hätten die beiden mehr Platz und ich sparte Geld. Das musste ich Tina schonend, also mit einer anderen Argumentation beibringen. In manchen Angelegenheiten war sie sehr eigensinnig, aber ich wusste im Voraus nie, in welchen.

Es war gerade mal wieder an der Zeit, sie zum Essen einzuladen. Da ging ich wieder mit ihr in das teure vegetarische Spezialitätenrestaurant, von dem ich hoffte, es würde ihr Gemüt in die bestmögliche Stimmung versetzen. Ich fing mit der Halbwahrheit an, dass Ulrich und Henry gern ohne mich wohnen würden, stellte mich als Opfer dar, das ich gar nicht war und erregte Tinas Mitleid. Aber ihre Antwort war dann doch ganz anders als erwartet. Es lief nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Tina eröffnete mir, dass sie sechs Monate in Australien zu verbringen gedenke. Für sie sei es die optimale Lösung, wenn ich solange in ihrer Wohnung nach dem Rechten sähe. Sie setzte sogar noch eins drauf. Ich könne ja dann die Zeit nutzen, um für mich eine Wohnung zu suchen, denn wenn sie wiederkäme, solle ich draußen sein.

Das war einer der Momente, in denen ich stark zweifelte, ob ich Tina liebte, oder ob ich sie nicht einfach nur süß fand. Außerdem: Ein halbes Jahr Ausland? Wozu denn überhaupt? Wollte sie sich wieder einen Typen angeln und mitbringen, weil ich sie inzwischen langweilte? Oder spekulierte sie darauf, dass ich mir in dem halben Jahr nicht nur eine Wohnung, sondern auch eine neue Freundin suchen würde? Sie könnte ja immerhin fragen, ob ich mitkommen wolle, aber vermutlich war ich unumstößlich verplant, um ihren geliebten Gummibaum zu gießen. Dann sah sie mich ganz lieb an und meinte, sie habe sich gar nicht zu fragen getraut, ob ich sie begleite, weil sie wisse, dass ich keinen Wert auf Auslandsaufenthalte lege, aber sie sei schon so lange scharf auf Australien und jetzt sei die letzte Gelegenheit, das irgendwie mit dem Studium in Einklang zu bringen. Da fiel mir ein, dass Tina schon einige Male von Australien geredet hatte, aber ich war ihr immer mehr oder weniger schroff über den Mund gefahren, weil Australien im Verhältnis zur gigantischen Entfernung einen vergleichsweise geringen Kulturunterschied zu Mitteleuropa zu bieten habe. Das hatte Sabine auch so gesagt, die ja immerhin Geografie studierte und auch ansonsten meist Recht behielt.

Aber als wir im vegetarischen Spezialitätenrestaurant saßen, gab es nichts mehr zu diskutieren. Tina hatte die Reise längst beschlossen. Dann verfiel sie während des Essens in eine ansteckende Vorfreude auf die Reise und danach hatten wir sehr gelungenen Sex, so dass sich meine Bedenken zerstreuten. Erst als ich am nächsten Morgen aufstand und ein großes Blatt des Gummibaums auf dem Fußboden liegen sah, stimmte mich das etwas wehmütig. Ich kickte das Blatt mit den nackten Füßen quer durchs Zimmer, hob es aber nicht auf. Tina würde mir bestimmt fehlen. Bis sie die Koffer packte, vergingen noch ein paar Monate.

Es waren die Monate, während denen sich die Arbeit am digitalen Kinofilm immer weiter verdichtete. Am Anfang kam ich nur zu den Wochenbesprechungen und es wurde viel über Drehorte, Schauspieler und Requisite geredet, aber dann stellten Eddi und ich die Technik zusammen, wir reparierten ein paar alte Scheinwerfer und ich musste mich um Funkmikrofone kümmern. Der große Regisseur war manchmal ziemlich witzig, aber, wie mir rückblickend erscheint, wohl auch etwas frustriert, weil es eine Menge Regisseure gab, die als noch größer galten. Seine wichtigsten Filme waren in den 70er-Jahren entstanden, Autorenfilme, aber danach hatte er versucht, vom aufwändigen 35-mm-Film wegzukommen, experimentierte mit Video und blieb irgendwo in einer künstlerischen Nische hängen, in die es mich nun durch Zufall auch hineingespült hatte.

Er bestand darauf, dass wir gemeinsam ein paar von meinen Filmen anschauten. Das taten wir dann auch nach einem unserer organisatorischen Treffen. Die hübsche Regieassistenz und Eddi blieben ebenfalls im Büro. Dann steckte ich die Videokassette mit einer meiner Meinung nach kurzweiligen Zusammenstellung meiner Filme in den Rekorder. Die Zeichentrickfilme langweilten den großen Regisseur wohl eher, mein zerkratztes Werk mit Mariannes Stimme erinnerte ihn an sein eigenes Frühwerk, aber besonders interessant fand er die digitalen Manipulationen von Gesichtern, die eigentlich Martins Idee gewesen waren. In die Richtung geht es, sagte der große Regisseur, wir drehen jetzt zwar digital, können aber noch nicht viel manipulieren. Das käme in seiner ganzen Tragweite noch auf uns zu.

Dann schweifte er ab, über seine eigenen Fehlversuche mit unbefriedigender Videotechnik oder mangelndem Interesse seitens des Publikums, beziehungsweise der Filmkritik, die ja alle paar Jahre ihre Lieblinge lanciere, aber ihn nie als solchen auserkoren habe. Die kreative Innovation müsse man mit pathetischer Wichtigtuerei verbinden, sagte er, damit die Kunstkritik eine ordentliche Erektion bekomme. Das sei leider nicht seine Art. Er brummelte dann noch was von den dänischen Angebern mit ihrem Dogma-Scheiß, den sie ja selbst nie konsequent befolgt hätten. Manche Leute lehnten sich echt weit aus dem Fenster und es gehe trotzdem so gut, dass man es ihnen nicht gönnen möchte, sagte er und wirkte niedergeschlagen. Um sich aufzumuntern, wechselte er die Videokassette und zeigte uns eine seiner eigenen Dokumentationen. Die Begutachtung und Diskussion meiner Filme war damit beendet, es ging nur noch um sein Werk.

Zuhause konnte ich mich dann von Henry und Ulrich über den aktuellen Stand der ästhetischen Entwicklung aufklären lassen. Wo bei mir eine eklatante Wissenslücke klaffte, die ich mir beim großen Regisseur zum Glück nicht hatte anmerken lassen, wussten die beiden genau Bescheid: Absolventen der dänischen Filmhochschule hätten Filmemachen völlig neu definieren wollen und eine ganze Reihe von Dogmen aufgestellt, an die sie sich bei ihren eigenen Filmen halten wollten. Zum Beispiel keine Musikunterlegung, keine Handlung mit Zeitsprüngen und allerlei weitere alberne Forderungen, die angeblich zu mehr Authentizität führen sollten. Die haben die kleinen Digitalkameras benutzt und fuchtelten damit wild herum, anstatt ordentlich zu filmen, meinte Ulrich und das haben sie geschickt als Stil verkauft. Aber dieser Stil musste früher oder später kommen, erwiderte Henry, das war ja schon längst überfällig und natürlich kommt er in brutaler Rohheit und mit dem Ideologievorschlaghammer, in ein paar Jahren ist diese Art von Handkamera im Standardrepertoire der visuellen Darstellungsformen mit drin. Nicht unbedingt für euch langweilige Fernsehreportagekameramänner, spottete Ulrich und meinte mich.

Ich gelobte Besserung, würde ich doch auf den fahrenden Zug der digitalen Billigfilmerei mit aufspringen, wo es, wie sich bei den ersten Drehtagen schnell zeigte, bildästhetisch sehr wertkonservativ zuging. Den fuchteligen Stil hatte der große Regisseur zwar als erstrebens- und nachahmenswert erkannt und schwenkte schnell und unsauber zwischen den Schauspielern hin und her. Aber wenn es um die Schärfe ging, verstand er keinen Spaß. Uns verdarb er ihn dadurch. Die kleine Kamera war ja ziemlich leicht und handlich, also gut zum Rumfuchteln, aber wenn der Autofokus es nicht schaffte, und er schaffte es selten, dann gab es kein vernünftig zu bedienendes Schärfenrad. Junge Nachwuchsnichtskönner oder radikale Technikverweigerer hätten sich nicht drum gekümmert, die hätten das Schicksal der Schärfe in die Hand der Kamera gelegt. Wenn es aber als wichtig galt, die Fokussierung immer auf den Gesichtern liegen zu haben, dann wäre die dicke Fernsehreportagekamera, die wir bei der Seifenoper benutzt hatten, viel besser, denn da gab es ein ordentliches Schärfenrad mit Skala.

Ich war also in eine Nische geraten, in der ein Besessener unbedingt Unvereinbares vereinen wollte. Zum Glück war Eddi ein geduldiger Mensch, der dem Regisseur voller Eifer dabei half, jegliche Widrigkeiten bei der Bedienung der Kamera zu überwinden. Das kostete immer wieder eine Menge Zeit. Als Tonmann durfte ich mich für diese Probleme interessieren und bei der Lösung helfen. Aber solange ich es nicht tat, störte es niemanden. Manchmal machte ich es wie die anderen Tonmänner: Suchte mir ein bequemes Plätzchen und wartete, bis es losging. Las dabei Zeitung oder unterhielt mich mit Achim, der tatsächlich als Klappenschläger im Team war und auf mein Geheiß hin versuchte, seine guten Ideen für sich zu behalten. Klappe schlagen, nicht aufreißen! hatte ich gesagt. Die angekündigte gemeinsame Kreativität fand nur zwischen Regie, Kamera und den Schauspielern statt, wobei der Regisseur, der ja auch der Kameramann war, in der Regel nach einer ausgiebigen Diskussion seine ursprüngliche Idee aus irgendeinem scheinbar objektiven Grund beibehielt.

Die Hauptdarstellerin sollte aus dem elfgeschossigen Plattenbau rauskommen, der Hauptdarsteller hineingehen. Das war die Metapher für die Handlung des Films, meinte der große Regisseur, denn es ging ja um eine Nach-Wende-Liebesgeschichte, die Frau aus dem Osten ist Künstlerin und wohnt im obersten Stockwerk, der Mann ist Wessi und soll zunächst wegen des kaputten Fahrstuhls im Keller landen. Der Plattenbau diente als Sinnbild für die DDR, klar, der Keller für die Stasi, der elfte Stock für die Ost-Boheme, die Balkone für das Westfernsehen und den Rest des Hauses bewohnten konsumgierige Bananenfresser und CDU-Wähler.

Nachdem der Wessi einmal mit dem defekten Fahrstuhl in Kontakt gekommen war, benutzte er in der Folge immer die Treppe. Dass der große Regisseur damit zum Ausdruck bringen wollte, dass der soziale Aufstieg im Westen grundsätzlich hart erarbeitet werden musste, während die Ossis durch ihre Parteikaderlifte und Beziehungsfahrstühle positioniert wurden, stritt er auf meine Frage hin ab. Er meinte, es sähe einfach dynamischer aus, wenn der Wessi die Treppe hochgehe, er wirke so authentischer. Außerdem liege die Wohnung, in die er schließlich einziehen solle, lediglich im dritten Stock.

Aber bis wir endlich im dritten Stock drehen konnten, vergingen mehrere Wochen. Die Dreharbeiten kamen nur langsam voran, sowohl im Großen als auch im Kleinen. Von innen nach außen zu GEHEN ist ganz einfach, von außen nach innen schon etwas komplizierter, weil man ja den Schlüssel braucht, oder jemanden, der öffnet. Von innen nach außen zu FILMEN ist wesentlich schwerer, wegen des starken Helligkeitsunterschieds, innen dunkel, außen hell, dazwischen große Fenster. Wir benutzten nur kleine transportable Halogenstrahler. Alle im Team, die mit Technik zu tun hatten, redeten scherzhaft die ganze Zeit darüber, dass für den großzügig verglasten Eingangsbereich unseres Elfgeschossers eine 4-kW-HMI-Stufenlinse das Richtige sei, also ein Lampenmonstrum, das 40 oder 50 kg wiegt und jeden Tag einige Hundertmarkscheine Miete kostet. Aber wir mussten es mit zwei mal 800 Watt Glühlicht hinkriegen, und das wurde teilweise weggefiltert, weil wir Blaufolie benutzten, damit unsere Lampe keinen Farbstich im Vergleich zum Sonnenlicht verursachte. Aber die Sonne war sowieso viel stärker.

Als wir anfingen, hing noch eine dichte Wolkendecke gleich über den Häusern und schluckte eine Menge Tageslicht. Da genügte zunächst eine der beiden Leuchten. Diese günstigen Bedingungen nutzten, oder vielmehr verplemperten wir, um zu überlegen, was überhaupt passieren solle. Ursprünglich dachte sich der große Regisseur, der Wessi bleibt vor den Klingelschildern stehen, schaut sich die vielen Klingeln an, klingelt, aber bevor jemand reagiert, kommt die äußerst attraktive Ost-Künstlerin von innen und öffnet. Wenn sie aber erst einmal das Haus verlassen hat, wäre es nicht plausibel, dass der Wessi ihr gleich hinterherruft. Er sollte schüchtern wirken, und da fand der Schauspieler keine überzeugende Lösung, wie er die davongehende Frau aufhalten könnte. Dachte sich also der Regisseur, dass die Haustür doch durch die Gegensprechanlage geöffnet werden sollte, und deshalb musste jemand in der leeren Wohnung im dritten Stock positioniert werden, der auf die Klingel reagiert und mit entsprechender Verzögerung den Türöffner betätigt.

Dafür wurde Achim hochgeschickt, der aber nicht zugehört hatte, da Zuhören sowieso nicht seine Stärke war. Als der Schauspieler klingelte, reagierte er innerhalb einer Sekunde. Das war natürlich zu schnell, da die Haustür erst aufgehen sollte, nachdem der Regisseur in aller Ruhe vom Finger auf dem Klingelknopf über die vielen anderen Knöpfe hinweg zum Gesicht des Schauspielers geschwenkt hatte. Anschließend musste der Regisseur mit seiner Kamera und dem Kameraassistenten hinter dem Schauspieler durch die Tür schlüpfen und innen sollte dann die Schauspielerin an den Briefkästen stehen. Nach Möglichkeit so, dass der Schauspieler sie von hinten sieht, aber für die Kamera sollte ihr Hintern auf keinen Fall einen voyeuristischen Anblick bieten.

Das war eine anspruchsvolle Aufgabe für den Hüftschwung der Schauspielerin und der Kameraschwenk wurde auch noch durch Schärfenprobleme erschwert, da der Fokus ohne Verzögerung vom dicht vor der Kamera agierenden Schauspieler zur weiter entfernten Schauspielerin springen sollte. Es brauchte schon mal fünf Anläufe, bis Achim kapiert hatte, wann er den Türöffner zu bedienen hatte. Draußen war es inzwischen etwas heller geworden und wir mussten die zusätzliche, zweite Lampe aufbauen. Für die gab aber es nicht genügend Platz, so dass sie der Regisseur, der ja auch Kamera machte, manchmal ins Bild bekam. Oder er stieß gegen die Tür oder gegen den Schauspieler oder gegen den Kameraassistenten Eddi, der versuchte, das Zurückschwenken der Tür zu verlangsamen.

Zusätzlich gab es alle denkbaren Störungen im unvorhersehbaren Wechsel, also zum Beispiel ein Hausbewohner, der plötzlich die Treppe runterkam, das Klappern des Lifts, mehrmals versagte der Autofokus an der kritischen Stelle, die Schauspielerin verklemmte einmal den Briefkastenschlüssel, dann positionierte sie ihren Hintern ungünstig, obwohl ich der Meinung war, dass das bei ihr überhaupt nicht störte. Dann hatte Achim einen Ausfall am Türöffner und so ungefähr beim 20. Take tauchte das Müllauto auf. Da unzählige Blechmülltonnen aller umliegenden elf- und siebengeschossigen Häuser mit infernalischem Lärm geleert wurden, mussten wir erst einmal eine Pause einlegen.

Inzwischen war die Sonne gewandert und noch heller geworden, so dass die zwei Glühleuchten nicht mehr mithalten konnten. Wir versuchten, mit einem schwarzen Tuch Schatten auf den Eingangsbereich zu werfen, aber obwohl es drei mal vier Meter groß war, reichte das bei weitem nicht aus. Für sowas braucht man die großen Stative, meinte Eddi, oder die 4 kW. Achim eilte umgehend zum Auto, um die Sachen zu holen. Das fand der große Regisseur unglaublich komisch, da klar wurde, dass Achim nicht wusste, wie eine 4 kW aussieht, die ja gar nicht in unser Auto, einen Mittelklassekombi, passen würde. Eddi, als eifriger Kameraassistent, lachte ebenfalls und während er sich mit dem Regisseur diesem Heiterkeitsanfall hingab, durchsuchte Achim den Kofferraum. Ab und zu hielt Achim eine Lampe hoch, die ich abwinkte, während Eddi und der Regisseur feixten.

Dann meinte Eddi, das würde doch alles nix bringen, wir müssten die Szene komplett umkrempeln und im Gegenlicht als ein Spiel der Silhouetten inszenieren. Die Idee fand der Regisseur gut, das wollte er sofort ausprobieren, dann hätten wir wenigstens etwas zu tun, während sich der Müllwagen langsam entfernte. Jetzt ergaben sich wieder völlig neue Probleme, weil wir gegen die Glasscheiben des Eingangsbereichs drehten und deshalb mit Spiegelungen zu kämpfen hatten. Außerdem passte dem Regisseur nicht, dass die Rockkante der Schauspielerin in der gleichen Höhe lag wie eine Querstrebe der Verglasung. Da musste die Maskenbildnerin, die auch die Kostüme zu betreuen hatte, den Rock kürzer machen, oder vielmehr sollte sie uns vorführen, wie es aussehen würde, wenn der Rock kürzer sei. Doch nun wirkte, wie der Regisseur feststellte, die gutaussehende Künstlerin plötzlich wie ein Flittchen, oder vielmehr wie ein Ost-Flittchen, und dann könnten wir auch gleich ihren Hintern von hinten zeigen, aber das käme gar nicht in Frage, also bekam der Rock wieder seine volle Länge und die tolle Silhouetten-Idee, die ja ohnehin das schwerwiegende Manko hatte, nicht vom Regisseur selbst zu stammen, wurde kurzerhand wieder verworfen.

Zumindest teilweise, denn nun beschloss der große Regisseur, dass er mit der Kamera von vornherein im Inneren des Hauses stehen würde, der Schauspieler tritt als Silhouette in das Bild hinein und findet seine Identität erst durch den Schwenk, bei dem auch die Künstlerin ins Bild kommt, denn da verlässt er das starke Gegenlicht. Diese Kameraführung setzte allerdings die Bereitschaft voraus, an der Kamera die Automatikblende zu aktivieren, denn anders ginge es nicht, sagte Eddi. Da steckte der Regisseur wieder in seinem Dilemma, dass er die Arbeitsweise, die er von der monströsen Filmtechnik übernommen hatte, nicht auf die kleine Digitalkamera übertragen konnte. Es sei denn, scherzte Eddi, Achim hole doch noch die 4 kW aus dem Handschuhfach und alle außer Achim lachten. Diese allgemeine Erheiterung machte es dem Regisseur leichter, sich mit der Automatikblende abzufinden, und die musste er dann im weiteren Verlauf der Einstellung zur manuellen, festen Blende umschalten, damit die Hauptdarstellerin, wenn sie ins Gegenlicht trat, in den Haaren leuchtete und nicht zur Silhouette verkümmerte.

Das erwies sich ebenfalls als bedienungstechnisch schwieriger Eiertanz, aber inzwischen hatten alle Beteiligten kapiert, dass das Zeitempfinden des Regisseurs sehr flexibel war und wir sowieso den ganzen Tag im Treppenhaus verbringen würden. Denn als es endlich geklappt hatte, dass der eintretende Herr einen schwermütigen Blick auf die hübsche Künstlerin an den Briefkästen werfen konnte und sich daraus ein Gespräch entwickelte, in dessen Verlauf er sich als arbeitsloser Wessi bezeichnete, mussten sich der Regisseur und Eddi gemeinsam die zwei gelungenen Takes mehrmals in einem kleinen transportablen Monitor anschauen, um sich sicher zu sein, dass alles stimmte, vor allem die Schärfe. Inzwischen war es schon fast Mittag und wir hatten tatsächlich nur eine einzige Einstellung gedreht, allerdings 32 Mal.

Achim raunte mir zu, dass er schrecklichen Hunger habe, aber die Mittagspause sollte erst stattfinden, wenn die Naheinstellungen der Schauspieler im Kasten seien. Das dauerte nur knapp über eine Stunde und ich hörte sogar einmal das Knurren von Achims Magen im Kopfhörer. Als der Regisseur endlich verkündete, es genüge ihm, schlug Achim eine Klappe mit der Ansage „Mittagspause, die erste und langersehnte“. Ich fand das lustig, die anderen nicht, und der Regisseur, der sich vorher ungehemmt über Achim und die 4 kW im Handschuhfach lustig gemacht hatte, schaute jetzt so humorlos, als wolle er sich für die Rolle des Stasispitzels qualifizieren.

Ich schob die Tonangel zusammen, klopfte Achim auf die Schulter und ging mit ihm nach draußen, wo der Fahrer und Kaffeekocher, der als Produktionsassistent bezeichnet wurde, ein paar belegte Brötchen bereit gelegt hatte. Der Film wird eine Geduldsprobe, meinte ich zu Achim, während er ein Brötchen verschlang und gleichzeitig das nächste griff. Bei der Seifenoper hatte es viel mehr und besser zu Essen gegeben. Ich zählte in Gedanken unser Team durch, warf einen Blick auf das bescheidene Buffet und gab Achim den Hinweis, dass wir uns nicht hemmungslos satt essen sollten, sonst bliebe für den als letzten kommenden großen Regisseur nichts mehr übrig. Das sei auf jeden Fall zu vermeiden. Denn der große Regisseur käme als letzter, weil er am meisten zu tun habe. Erst müsse er mit Eddi irgendwelche technischen Details prüfen, dann den Schauspielern Lob oder Anregungen zukommen lassen und außerdem dürfe er auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als brauche er eine Pause. Die Pause sei nur für die Lohnsklaven.

Welcher Lohn? fragte Achim ironisch, denn er sollte ja nur ein Praktikantentaschengeld bekommen, was ihn aber, wie er behauptete, nicht störe. Aber wenn er bloß zwei Brötchenhälften am Tag abkriegte, würde ihm irgendwann die Klappe wegen Entkräftung aus der Hand fallen. Ich riet ihm, mehr zu frühstücken, was er aber angeblich nicht vertrage. Schließlich endete die Mittagspause damit, dass Achim unbedingt zum Bäcker oder Imbiss gehen wollte. Während er weg war, stellte der Produktionsassistent plötzlich noch mal eine Platte mit Brötchen hin. Dann ging es recht schnell wieder ins Haus hinein. Als die Klappe geschlagen werden sollte, war Achim noch nicht wieder zurück. Die Maskenbildnerin sprang für ihn ein, aber es gab natürlich eine kritische Bemerkung vom Regisseur über den verschwundenen Klappenschlägerpraktikanten, der dann zu allem Überfluss auch noch genau in dem Moment durch die Haustür kam, als die Kamera dorthin schwenkte. Es wäre ein wunderschöner Outtake gewesen, aber Outtakes wurden bei dem Projekt nicht gesammelt. Denn der große Regisseur meinte alles, was inhaltlich mit seinem Film zu tun hatte, sehr ernst. Meiner Meinung nach zu ernst.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 31. Kapitel

9 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 31. Kapitel

  1. Bester Satz in diesem Kapitel: „Klappe schlagen, nicht aufreißen!“
    Täusche ich mich oder werden die Kapitel immer länger? Vielleicht brauche ich aber auch nur immer länger zum Lesen, keine Ahnung.

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  2. Gerhard schreibt:

    Viel Sprachwitz in dieser Folge.

    „…und dann könnten wir auch gleich ihren Hintern von hinten zeigen“
    Ich las komischerweise: „und dann könnten wir auch gleich ihren Hintern von vorne zeigen“. Das Surreale schwebt ja quasi auch als Feinstaub durch die Erzählung.

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  3. Gerhard schreibt:

    Noch etwas: Die Lügenkultur in dieser Erzählung ist ja eine ganz Besondere! Es wird gelogen, getäuscht,vorgegeben, verschwiegen, auf Teufel komm raus, Hauptsache der Hauptdeal passt und das ist ein süsser Hintern – oder anders rum eine Wärmflasche im Bett.

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  4. @Gerhard: Nun ja, nach meiner Erfahrung ist das „Anpassen“ der Fakten, um sich beim jeweils anderen Geschlecht möglichst günstig darzustellen, ja gerade nichts Besonderes😉 Besonders an Ralfs Perspektive scheint mir eher zu sein, wie ausgesprochen lakonisch (pfurztrocken) er dieses Alltagsgeschehen immer wieder zu schildern weiß. Man ist sozusagen immer wieder gezwungen, sich über die jeweiligen Verrenkungen der ProtagonistInnen zu amüsieren – bei aller oftmaligen Bitterkeit der Verhältnisse…

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  5. Gerhard schreibt:

    @Stefan, komisch: Ich dachte mir immer, der eigentliche Zweck von Beziehungen sei der, endlich einmal (weitestgehend) offen sein zu können. Vielleicht bin ich auch von vorgestern, aber so habe ich es gelernt🙂.
    Man geht zusammen, um voneinander zu lernen. Das sei der eigentliche Zweck von Beziehungen.
    Wenn aber alles so einfach ist: Wieso macht sich der Protagonist denn Gedanken, ob er Tina liebt oder sie nur süss findet. Viel einfacher wäre doch eine Zweckbeziehung, dann wäre auch all das Lügen schlicht Beipack und sogar amüsant!

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  6. @Gerhard: Einen „eigentlichen Zweck“ zwischenmenschlicher Beziehungen sehe ich nicht. Was es gibt, sind evolutionsbiologische Faktoren, die unser Verhalten determinieren und, auf der anderen Seite, unsere intellektuelle Kreativität, die uns innerhalb dieses Gefüges eine Menge Spielraum gibt (den die meisten Menschen, aus welchen Gründen auch immer, nicht nutzen).

    Die Sehnsucht, sich jemandem mehr oder minder bedingungslos anvertrauen zu können (Schaffung eines geschützten intersubjektiven „Innenraums“), scheint mir eine evolutionsbiologische Konstante zu sein und hat nichts mit „von vorgestern sein“ zu tun🙂

    Die Komik in Ralfs Roman entsteht immer dann, wenn sich seine Figuren in ihrem Egoismus, der mal als Naivität, mal als Chuzpe, dann wieder als Zynismus und ein andermal (wie hier bei Tinas Australien-Projekt) ganz unverstellt rüberkommt, selbst verraten – denn die Leserin sieht sich nicht in der Lage, ihnen ihr Verhalten wirklich übelzunehmen😉

    Letztlich, so der Autor, sind wir ja doch alle ziemlich gleich schlau / gebildet / gerissen / intelligent – und doch immer auch ein bisschen dumm, und im Zweifelsfall meist sogar noch ein bisschen dümmer, als wir selbst von uns dachten. Das scheint mir der meinetwegen „humanistische“ Kern von Schusters Roman zu sein (bisher zumindest, denn er ist ja noch nicht fertig, also der Roman jetzt).

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  7. Gerhard schreibt:

    @Stefan: Was meinst Du genau mit
    „unsere intellektuelle Kreativität, die uns innerhalb dieses Gefüges eine Menge Spielraum gibt „.

    Ich stehe etwas in der Tradition von psychologischen Lehren, in denen „Bindung“ eine große Rolle spielt. Wie gehe ich mit Bindung um? Nutze ich die Möglichkeit, den eigenen Innenraum zu öffnen, was für Kräfte wirken dem entgegen. Inwieweit muß ich mich schützen ect.

    Der im Roman anzutreffende „humanistische Kern“ scheint zu sein, daß wir alle Spieler (und egoistische Schweine) sind. Alle rasseln herum, tummeln sich…Freunde gibt es in diesem Roman so nicht, nur Weggefährten. Ein wildes Volk Individualisten, ein Zirkus…wobei besonders individuell sein zu können, einen besonderen Status in dieser Melange mit sich bringen kann.

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  8. @Gerhard: Ich meine, dass wir uns weder als übertrieben frei noch als übertrieben determiniert betrachten sollten. Leider liegt der Ball ja seit Jahrzehnten im Feld der Deterministen (Neuro-Wissenschaftler sind’s vor allem, aber auch Genetiker, auch zunehmend Rechtspopulisten wie Sarrazin oder Trump). Als philosophisch interessierter Mensch und als Bürger versuche ich stets, deren deprimierende Halbwahrheiten („Gegen deine Gene kannst du eh nicht an!“, „Beuge dich dem Willen des Herrn, und du wirst frei sein!“, „Deine soziale Herkunft bestimmt dein Leben zu 100%!“, „Die Libido determiniert das menschlichen Handeln, sonst nichts!“, „Geld regiert die Welt!“ etc.) zu unterminieren. All diese klugen Fatalisten / Zyniker / Gläubigen vergessen nämlich chronisch, dass jeglicher Fortschritt in der menschlichen Zivilisation immer aus Anomalien, chaotischen Abweichungen, Zufällen und „Verrücktheiten“ einzelner oder kleiner Gruppen entstand (ich denke hier an die bekannte Metapher einer im Kreis gehenden Gruppe von Menschen, wo dann einer plötzlich mal geradeaus geht) und gerade nicht aus der vorhersehbaren Iteration mehr oder minder komplexer „Gegebenheiten“ bzw. „Systeme“.

    Weiterhin: Ich empfinde die „Bindungsrealitäten“ in Schusters Text nicht ganz so pessimistisch wie du („Spieler“ / „egoistische Schweine“). Ich denke, es macht ihm einfach Spaß, Individuen auch als solche darzustellen, ohne sie gleich durch die Bank als neoliberale Raubtiere aussehen zu lassen. Es gibt bei ihm eben kein moralisches Schwarzweiß, dafür aber 50 shades of grey 😉 Was es nicht gibt, das gebe ich zu, sind echte Heilige und richtige Verbrecher. Das ist eine, wenn man so will, post-religiöse Weltsicht mit scharfem moralischem Fokus, aber ohne moralisches Fallbeil. Dennoch empfinde ich die Haltung des Romanprotagonisten nicht als moralisch indifferent. Er schlägt sich halt durch, ebenso scharfsichtig wie nachsichtig, also – auf seine Art – „humanistisch“. Like.

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