Feinbergiana 05

(Publiziert 1921.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] Fallendes Herbstlaub, heiter-gelöste Stimmung, ein kontemplativer Spaziergang. (0:20) Ein unangenehmer Gedanke, der sich ganz allmählich in den Vordergrund schiebt, mit den Herbstblättern um Aufmerksamkeit konkurriert. (1:10) Plötzlicher heftiger Wutanfall, Ärger über X, abrupt unterbrochen von nagendem Selbstzweifel. (1:16) Hatte X doch recht? (1:37) Nein, verdammt soll er sein! (1:56) Ich weiß nicht recht, es könnte auch anders sein. (3:00) Besänftigender Gedanke an Y, aber nur kurz, dann wieder Zorn über X. Mein Gott, wie hat er mich verletzt, der Hund! Ich werde es ihm so bald wie möglich heimzahlen, hehe. (4:25) Ja, die Herbstblätter, wie sie fallen, so andächtig. Ich möchte mich beruhigen, mir eine schöne Geschichte erzählen. (4:40) Ein klarer, aber etwas dunkler Gedanke steigt auf, ein Racheplan. (5:05) Irgendwas juckt, irgendwas kribbelt, läuft mir den Rücken hinunter, ein feines körperliches Unwohlsein, das mich bei der Kontemplation empfindlich stört. (5:19) Ich zähle in Gedanken etwas nach – aber das Kribbeln lässt mir keine Ruhe. (5:41) Was ist das nur, es ist ja kaum zum Aushalten! Ich muss das ausblenden, mich auf die Blätter konzentrieren und auf das Zählen. Es gelingt mir manchmal, manchmal nicht. (5:5) Mein Gang wird unsicher. Ich bin jetzt ganz gefangen in meinen Gedanken, aber gut ist das nicht. (6:28) Ja, ich möchte mich beruhigen, unbedingt … aber fallende Herbstblätter sind ja eigentlich langweilig, und so entsetzlich morbide. (6:40) Mein Leben, ein fallendes Blatt. Dieser Stumpfsinn. Leere. (7:22) Ich langweile mich auf diesem Spaziergang, aber warum eigentlich nicht? (7:35) Nur noch die Erinnerung an Erregung jetzt im Kopf, bin eh gleich wieder zuhause, gut.

Zusatz (gehört nicht zum Protokoll) Ein eher schwächeres Werk. Viel Geplänkel und Geplinkel im Diskant. Unstete, unausgegorene Gedanken. Die Wut ist authentisch, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit auch, aber ansonsten „geht nicht viel zusammen“ (allerdings auf viel unspektakulärere Weise als in Sonate 4, wo zwar auch „nichts zusammenging“, das aber in höchster Dramatik und Aufgewühltheit. Hier könnte man eher von einer gewissen Lustlosigkeit und Uninspiriertheit sprechen, die sich hinter vielen vielen sehr hohen und sehr schnellen Tönen zu verbergen sucht (auch vor sich selber!)). Immer klarer wird mir im Verlauf dieses Projekts, wie linkshändig Feinberg wirklich war, eigentlich traut er der rechten Hand gar nichts Rechtes zu (pardon the pun), Melodien finden fast immer links, also „unten“, statt oder sind, obwohl „oben“, der linken Hand zugeordnet (Bassschlüssel oben, Violinschlüssel unten, das kommt öfter vor hier).

Diesmal ist es besonders gut, dass ich mir die Noten erst nach der Protokollierung angesehen habe, denn die sind hier mal wieder besonders fürchterlich kompliziert und extrem abschreckend für mich als Pianisten. Was mit der Musik rein gar nichts zu tun hat, aber, würde ich nur die Noten kennen – ich hätte keine Lust, mir die Musik anzuhören. Das ist aber ein persönliches Problem, für versierte Notenleser mag es sich da ganz anders verhalten.


Konzept und Inhaltsverzeichnis des Projekts „Feinbergiana“

Feinbergiana 05

2 Gedanken zu “Feinbergiana 05

  1. Volker schreibt:

    Sehr hübsch das Wortspiel! Mir fiel dabei Chico Marx ein, den man sicherlich weniger unter die Gilde der Pianisten zählen sollte, bei dem es aber die Rechte war, mit der er umzugehen wusste, während es bei seiner Linken doch eher linkisch blieb (also so wie bei mir jetzt😉 ) Unerreicht für mich bei alledem – und das hat jetzt mit Feinberg wirklich gar nichts zu tun – die Szene (weiß grad nicht mehr, aus welchem Film – kann jemand helfen?), wo Chico den Steinway so malträtiert, dass dieser arme Flügel sich so „seiner Federn“ entledigt, dass schlussendlich nur noch der Rahmen mit den Saiten übrigbleibt, den Harpo in die Vertikale bringt und weiter Harfe darauf spielt🙂

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  2. @Volker: Manchmal denke ich mir, hätte der Jude Feinberg mehr von dem angeblich bei Juden „generell“ vorhandenen Humor besessen, wäre er vielleicht erfolgreicher gewesen mit seiner Musik (aber dann hätte er ja auch anders komponiert). Aber nein, ich kann in seiner Musik viel entdecken – aber Humor gehört (leider) nicht dazu: Er scheint ein durch und durch „ernster Mensch“ gewesen zu sein (mit allen Vor- und Nachteilen).

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