Feinbergiana 07

(Publiziert 1928.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] 0:00 Unkonzentriert, irgendwas stört mich, ein Kneifen. Sehr melancholisch heute, zerstreut und aufgewühlt. 0:45 Plötzlicher Einfall, der sich sofort wieder fast verflüchtigt, dann aber wider Erwarten doch festsetzt. Aber nicht lange. 1:35 Ruhe, Neuanfang. Herumspinnen, verschiedene Sachen anfassen, ausprobieren, aber ohne klares Ziel. 2:15 Gereizt auf der Suche nach einem gültigen Ansatz, immer wütender werdend, ungeduldiger. 3:08 Nein, so geht das nicht, ich muss alles viel gesetzter angehen, muss mich zusammenreißen, darf mich nicht immer so gehen lassen.  3:30 Formlosigkeit, alles zerfließt, trübes Licht, dazwischen ganz kleine, irrelevante Blitze. 4:20 Nein, sie werden jetzt doch zu einem ganzen Blitzlichtgewitter voller Zorn, Bitterkeit und Trauer. Auch Hass ist dabei, besser: Groll. Groll gegen das, was mir das Leben versagt hat. 4:50 Versinke übergangslos in amorphen, stillen Trübsinn, der mich absurderweise sogar ein wenig tröstet. 5:10 Aber nein! Schluss damit, man muss alles zerstören, alles in Frage stellen, die Welt annihilieren. Komplett. Auslöschen. Alles! 6:10 Ich renne hektisch auf und ab, um mich abzuregen. Was schließlich gelingt. 6:30 Es stockt kurz und sinkt dann wieder zurück in den Grübelmodus. 7:00 Sarkasmus. 7:20 Kompletter Ausbruch des Sich-Elend-Fühlens. Großer, haltloser Zorn. Zerschlage eine Kaffeetasse. 8:10 Innehalten. 8:25 Die Unkonzentriertheit kehrt zurück, das Kneifen von eben. Es ist immer noch da. Es ist nicht besser geworden. Es geht mir auf die Nerven. Es lässt kein inneres Gleichgewicht zu, soviel Mühe ich mir auch gebe. Es lässt mich im Kreis gehen, immer im Kreis herum, immer … 9:18 Unklare Vision einer neuen Welt, einer Lösung, eines echten Ansatzes, aber das Alte zieht mich runter, verhindert grundlegende Verbesserungen. 10:00 Mystizismus ist keine Lösung, füllt aber den Alltag. 10:30 Jetzt doch ein bisschen Frieden. Erstmal Pause machen. 10:58 Es geht weiter: Schweres Gegrübel. Depressiv, traurig. Vieles durcheinander. 11:30 Anflüge von Gedanken an Zärtlichkeit, an Berührung, an Haut. 12:00 Ja, ich werde weich. 12:20 Große Sehnsuchtsaufwallung jetzt, aber ohne Hoffnung. Trag’s wie ein Mann. 12:50 Die Sehnsucht nach Harmonie, nach dem Heilen. 13:13 Nichts mehr, Pause. 13:20 Jetzt vielleicht doch ein Neu-Anfang, ein tastender, zärtlicher, jetzt nur nach vorne sehen, sich nicht mehr ablenken lassen von Nebensächlichkeiten. 13:50 Aber ich komme wieder in diese Fantasterei, diese elende Tagträumerei hinein, diese mentalen Schlieren, dieses Weglaufen, diese Realitätsflucht. Der Tatendrang von eben ist komplett weg. 14:30 Ein Blick nach oben: Welche Farbe hat der Himmel heute eigentlich? 15:20 Immer ratloser, immer geistloser werde ich, aber die Nervosität legt sich auch. Immerhin etwas. 15:52 Schönheit, Heilheit, Zärtlichkeit. 16:10 Stärker werdendes Anrennen gegen das eigene Sosein. 16:47 Akute Hysterie. 17:09 Ich beleidige jemanden mutwillig und ohne jeden Anlass. Ich weiß, dass ich im Unrecht bin, aber es ist mir gleich. 17:18 Der Hamster im Käfig. Das ist kein Leben, nein. Es ist grausam. 17:48 Ich muss mich aber irgendwie durchschlagen, irgendwie weiterschleppen. 18:04 Das geht schon. Muss ja. Die Mitte finden, unbedingt.

Zusatz (gehört nicht zum Protokoll) Feinbergs Unwille oder Unfähigkeit (?), im 20. Jahrhundert anzukommen, geht mir diesmal gewaltig auf den Seier. Was treibt der Kerl da eigentlich? Musikalische Onanie? Für wen schreibt er das alles eigentlich auf? Wen will er wovon überzeugen? Die triste Zurschaustellung trister musikalischer Tagebucheinträge zwischen Larmoyanz und namenloser Wehleidigkeit, mehr ist das ja nicht! Ja, gut, virtuos natürlich, aber WTF? Das Interessante ist, dass ich den (unbeweisbaren) Eindruck habe, dass Feinberg das weiß, es aber nicht abstellen kann. So ohne Weiteres. Das herbe, bittere Gefühl des Verlustes (der „alten“, zaristischen (?) Ordnung). Des alten Lebensgefühls, für das einfach nichts nachkommt. Immer lockt ihn das Verlangen, ganz dem Irrationalen nachzugeben, zum Mystiker, Spiritisten, Theosophen, Anthroposophen etc. zu werden. Die Anlagen dafür hat er ja überreichlich. Aber etwas hält ihn zurück. Eine Art Nüchternheit (sein Alltag als Konzertpianist und Klavierpädagoge?). Also blickt er nur kurz hinein in dieses „dunkle Feuer“, nur ganz kurz. Um sich dann wieder in seinem Trübsinn zu suhlen. Also wenn ich nicht wüsste, dass es demnächst (etwas) anders weitergeht, ich würde das Projekt hier abbrechen: es kommen keine neuen Gedanken mehr, nur Variationen der alten. Stillstand (allerdings ein sehr bewegter, vielschichtiger, unruhiger, nervöser).


Konzept und Inhaltsverzeichnis des Projekts „Feinbergiana“

Feinbergiana 07

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