„Medialismus“, Roman: 35. Kapitel

Ralf SchusertDie Prognose der Schauspielerin stimmte nur teilweise. Zwar zeigte sie sich wie angekündigt am nächsten Morgen sehr kooperativ gegenüber dem großen Regisseur, aber in Bezug auf den Zeitplan lag sie ziemlich falsch. Die restlichen Dreharbeiten dauerten nicht einen Monat, sondern es vergingen drei, und trotzdem waren wir immer noch nicht ganz fertig. Aber der Hauptdarsteller hatte tatsächlich in Köln eine langfristige Rolle in einer Krankenhausserie bekommen, was künstlerisch zweifellos noch fragwürdiger war als unser Projekt, aber optimale Bedingungen bot, um die Familie zu ernähren. Eddi sollte erstmal beim Abschlussfilm eines überambitionierten Regiestudenten Kamera machen, vierzehn Drehtage ohne Pause und dann noch ein Wochenende auf der Zugspitze. Auch andere Personen des Teams hatten zu dem Zeitpunkt schon neue Verpflichtungen.

Die restlichen zwei bis drei Drehtage sollten kurzfristig an Sonntagen eingeschoben werden, darauf hatten sich alle geeinigt. Um das Projekt nicht zu kippen, erklärten wir uns auch bereit, auf die uns tariflich zustehenden Sonntagszuschläge zu verzichten. Bei mir würde es immer passen, ich hatte keine Verpflichtungen, das war der große Mist. Zuvor hatte ich einige gutbezahlte Jobangebote ausgeschlagen, aus Rücksicht auf den großen Regisseur.

Aber zunächst durfte ich am Mittwoch beim Poetry Slam in der angeblich extrem coolen und total angesagten Bar mitmachen. Die Bar lag in Schöneberg, und dieser Stadtteil rutschte damals auf dem Trendbarometer gerade in den Keller. Trotzdem war der Typ an der Bar, von dem ich zunächst nicht wusste, ob es sich um den Besitzer handelte oder nur um einen von diesen selbstgefälligen Cocktailschwenkern, extrem arrogant und fand unzählige Gründe, weshalb unser Poetry Slam die Leute davon abhalten könnte, Getränke zu bestellen. Dass ich einen Projektor in den Gastraum stellen wollte, bezeichnete er als ungemütlich und faselte dann auch noch was Kritisches von wegen Elektrosmog. Es wunderte mich nicht, dass er keinen Plan hatte, wie er einzelne Lampen ausschalten konnte, um das Licht für die Filmvorführung zu dämpfen. Wie nicht anders zu erwarten, wollte er das Licht gar nicht ausschalten, sondern am liebsten gar nichts mit uns zu tun haben.

Der Moderator war schon ganz verzweifelt, dass die Backstage-Stimmung in seiner neuen, tollen Location durch so einen zickigen Barkeeper versaut wurde. Und dann sollten wir auch schon um neun anfangen, denn, so der Barkeeper, um elf müssten wir fertig sein, um elf sei die Bude voll mit Gästen, die Cocktails wollten, da habe Schluss zu sein mit der Poetry, damit sein ultracooler Acid Jazz laufen könne. Bei so viel Anteilnahme verflog die Vorfreude, und es machte mir überhaupt keinen Spaß, die Technik hinzustellen und zu verkabeln.

Die anderen Slammer, die erst später eintrafen, weil sie weder einen Projektor schleppen noch aufbauen mussten, waren unverschämt gut gelaunt und bekamen von den vielen Vorbehalten des Barkeepers gar nichts mehr ab. Stattdessen kümmerte sich plötzlich eine vorlaute Thekenschlampe um uns, die das genaue Gegenteil von ihrem Kollegen war. Sie sagte, es sei toll, dass endlich mal was los sei in dem langweiligen Schuppen und wir sollten nicht zu früh anfangen. Dass es eine Filmprojektion gab, fand sie prima. Dieser Stimmungsumschwung war zwar gut für unsere Motivation, das Publikum kam aber trotzdem nur sehr zögerlich. Erst trudelten ein paar dubiose Gestalten ein, denen weder Interesse an Poetry, noch an ultracoolem Acid Jazz anzumerken war, dann zwei Pärchen, die sich nur unterhalten wollten und schließlich doch noch ungefähr zehn Gäste, die tatsächlich wegen unserer literarischen Darbietungen gekommen zu sein schienen. Denen gefiel es dann aber so gut, dass wir problemlos bis Mitternacht vortragen konnten, zumal die 23-Uhr-Cocktail-Trinker ausblieben, obwohl sie angeblich sonst immer da seien.

So entpuppte sich die Ankündigung der üppigen Gage als Wunschdenken und es blieb nur eine Möglichkeit, das Aufwand-Nutzen-Verhältnis des Abends zu verbessern: sich unter der liebevollen Betreuung der Thekenschlampe gemeinsam mit einem der anderen Poetry Slammer volllaufen zu lassen. Er fand meinen Film gut und ich seinen Text. Ich hatte zum Film einige übersteigerte apokalyptische Visionen vorgelesen, er eine minimalistische Percussion auf Bierflaschen und Gläsern hingelegt, die nicht nur zu seinen Pointen über das Herumhängen in Bars passte, sondern auch dazu, wie wir gemeinsam am Tresen saßen und mit der Thekenschlampe Witze rissen.

Allerdings war ich schließlich so betrunken, dass ich meinen Filmprojektor nicht bis nach Hause bekam. Irgendwo ließ ich ihn einfach stehen. Ich konnte mich vage erinnern, dass ich tatsächlich in irgendeiner U-Bahnstation laut mit dem Projektor geredet und ihm vorgeworfen hatte, er sei viel zu schwer und eine aussterbende Technologie, deshalb lange es mir endgültig, ihn herumzuschleppen. Gekostet habe er mich auch nichts, was ein weiteres Indiz für seine Nutzlosigkeit sei. Deshalb werde er jetzt sofort entsorgt, und mit diesen Worten verabschiedete ich mich von diesem bewährten Produkt der tschechischen optischen Industrie, das lange Zeit in einer Ecke des Hinterhofprogrammkinos verstaubt war, bis es mir der Hinterhofprogrammkinodirektor geschenkt hatte. Nun war der Projektor weg und der größte Teil der Rückfahrt verschwand in einer tiefen Gedächtnislücke.

Am folgenden Tag spielte ich mit dem Gedanken, einige U-Bahnstationen oder gar das Fundbüro aufzusuchen, aber ich war zu schwach und ließ mich wieder ins Bett fallen. Dass ich den Projektor leichtfertig im Vollrausch zurückgelassen hatte, bescherte mir nun selbstquälerische Fragen, was das alles denn mit mir und meiner wahren Mitte zu tun haben könnte. Beim Tragen hing dieser scheißschwere Projektor an mir wie die Eisenkugel am Sträfling, aber war das nicht die notwendige Masse zur Stabilisierung meines Standpunktes? Welcher Standpunkt überhaupt? Und der Stapel von Filmdosen in meinem Arbeitszimmerregal, war das mein ICH? Vom Lokalfernsehen über die Seifenoper bis zum Neurosenregisseur hatte ich meine wertvolle Energie für einen Spottpreis hergegeben, und mir schien, als sei die dabei verpufft, im großen Rauschen des medialen Universums verschwunden. Sollte ich mich nicht glücklich schätzen, in Form des scheißschweren Projektors und der Filmdosen mit den Filmen, den Negativen und den Tonmischungen etwas zu haben, was ich sowohl anfassen konnte und das trotzdem von der kosmischen Leichtigkeit eines künstlerischen Werkes durchdrungen war? Das durch die ausreichende Masse an mir klebte und gleichzeitig als kreative Idee das Universum füllte? Oder war dieses Bedürfnis, ETWAS anfassen zu wollen, nur ein Verhaltensmuster, das ich mir schleunigst abgewöhnen sollte, wenn ich in meiner Branche mit der technischen Entwicklung Schritt halten wollte? In den wenigen Jahren, während denen ich dabei war, hatte sich schon so vieles umgekrempelt und alles wurde ständig fortentwickelt, schlichtweg unglaublich und beeindruckend! Nein, es war vermutlich nur eine romantische Vergangenheitsverklärung, wenn ich dachte, der scheißschwere Projektor könne mir Stabilität verleihen. Nochmals versuchte ich aufzustehen, schwankte in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Kniete dann im Klo vor der Schüssel und versuchte vergebens, mich zu übergeben. Den anderen Projektor aus dem Gehöft von Tinas Opa, fiel mir schließlich ein, hatte ich ja auch noch, deshalb schmiss ich mich wieder ins Bett und verließ es erst am Abend.

Es folgten einige Tage Dreharbeiten mit dem großen Regisseur, jeweils mit zusätzlichen Schauspielern, was zur Beruhigung der Gemüter beitrug und ohne emotionale Verwerfungen über die Bühne ging. Als ich wieder einen Tag frei hatte, putzte ich halbherzig die Wohnung, las schwermütig ein trockenes Blatt des Gummibaums vom Boden auf und bevor ich anfing, in der Küche mit dem Schrubber Unheil zu stiften, ging ich lieber spazieren. Ich lenkte den Schritt in die Richtung von Achims Wohnung, aß unterwegs einen Döner und trotz bemühter Langsamkeit war es erst halb vier, als ich ankam. Ich klingelte und wurde eingelassen.

Die Wohnungstür war angelehnt, drinnen in der Wohnung herrschte Stille, nicht das übliche Klackern der Tastatur. Marianne war allein, saß zurückgelehnt vor ihrem Laptop und ließ die Arme merkwürdig lasch nach unten hängen. Eine Haltung, die ich an ihr noch nie gesehen hatte. Als ich mit einem fragenden Hallo um die Ecke bog, schien sie Erleichterung zu verspüren, atmete tief aus und meinte, jetzt sei sie beruhigt, dass ich es sei und nicht Achim. Ob Achim keinen Schlüssel habe? fragte ich. Doch, den habe er, allerdings sei er derzeit völlig unberechenbar.

Eben, kaum zehn Minuten zuvor, habe er die Tür, auf deren Schwelle ich gerade stünde, zugeknallt, von außen laut zugeknallt und damit den Streit beendet, in dessen Verlauf er ihr die Freundschaft gekündigt habe. Sie habe während der letzten Tage gemerkt, wie Achim eine ganz allmählich zunehmende Skepsis entwickelt habe. Zunächst bezog sich diese Skepsis nur auf einen Running Gag, der direkt mit ihm zu tun hatte: Jede Szene ihres Theaterstücks beginne damit, dass der Protagonist seinen Kollegen erkläre, er habe eine neue Anfangsszene für sein großartiges Drehbuch. Zunächst habe Achim diese Anspielung lustig gefunden, schließlich ging es um seine ABM-Erfahrungen. Erfahrungen, die er Marianne aus freien Stücken anvertraut hatte. Die übelsten Schoten und Zoten seien ihm am Anfang noch nicht schockierend genug gewesen, um die Sinnlosigkeit der Angelegenheit sowie die Borniertheit ihrer behördlichen Durchführung zu entlarven.

Aber all die Anekdoten, die er lieferte, so Marianne, seien lediglich Schildbürgerstreiche der Teilnehmer gewesen und das habe sich schließlich auch in ihrer Bearbeitung niedergeschlagen, sie sei ja nicht der Bund der Steuerzahler, sondern eine Schriftstellerin und müsse mit dem Material arbeiten, das er ihr anbiete. Da sei Achim wohl im Laufe der letzten Tage aufgegangen, dass er mit seiner schonungslosen Offenheit seinen Kollegen keinen Dienst erwiesen habe, sondern dass sie in die Pfanne gehauen würden, nicht von ihm, aber von Marianne.

In Achims Augen, wie könne es auch anders sein, sei Marianne schuld daran, dass die Angelegenheit aus dem Ruder laufe, sie hätte seine Schilderungen falsch interpretiert. In den Tagen zuvor seien es nur skeptische Zwischenfragen und zynische Bemerkungen gewesen, aber dann sei es plötzlich aus ihm herausgeplatzt, er habe ihr vorgeworfen, sie mache sich über die Arbeitslosen lustig und gebe sie der Lächerlichkeit preis. Was sie aus seinen Schilderungen gemacht habe, sei eine Perversion seiner ursprünglichen Absichten und ein Schlag in das Gesicht derer, die sowieso von der Gesellschaft um die Würde einer sinnhaften sozialen Position beschissen würden. Achim hätte Marianne vorgeworfen, dass ihr Text mit voller Absicht genau das Gegenteil von dem aussage, was er habe ausdrücken wollen.

Mariannes Rechtfertigungsversuche hätten ihn noch weiter in Rage gebracht, bis er sich schließlich von ihrem gemeinsamen Projekt distanziert, oder sie vielmehr angeschrien habe, dass sie sein großes Thema doch gefälligst verschonen solle, sie könne sich ihre reaktionären und sexistischen Phantasien, ihr schmieriges Geschreibe einrahmen oder in den Häcksler stopfen, er jedenfalls wolle nichts mehr damit zu tun haben. Damit basta, Türzuknallen und das wäre es gewesen. Sie habe ihn noch nie so aufgebracht gesehen, obwohl er sich ja oft in Erregung rede. Nach ihrer Einschätzung werde er sich nicht einfach wieder beruhigen. Darüber hinaus sei fraglich, ob er sein Urteil zu ihrem Theaterstück jemals revidieren werde.

Da gab ich ihr Recht, Achims Sturheit sei bekannt und unerschütterlich. Also müsse SIE nachgeben. Da schaute sie mich an, als hätte ich ihr gesagt, sie solle sich aus dem Fenster stürzen. Das gehe nicht, meinte sie mit spürbarer Ergriffenheit, sie habe es doch geschrieben und ich überlegte, ob dieses Argument überhaupt eine Berechtigung hatte. Ich bekomme dafür das Stipendium, ich muss das Stück abgeben, ich bin davon überzeugt, ich will das nicht ändern, ich muss das fertig machen. So wie es ist.

Es reizte mich, Marianne zu widersprechen, da mir die Ichbezogenheit ihrer Begründung nicht gefiel. Auch wenn ich überhaupt nicht einschätzen konnte, ob das Stück, wie Achim behauptet hatte, wirklich moralisch fragwürdig war. Vermutlich war seine Begründung ebenfalls total ichbezogen. Er hatte sich in der letzten Zeit ideologisch immer weiter von Marianne und mir entfernt, aber nicht, wie mir schien, weil er sich bewegt hatte, sondern weil er stehengeblieben war. War Achim nun ein Muster an Standhaftigkeit oder an Verbohrtheit? Während wir uns anpassten und das als Flexibilität und Wandlungsfähigkeit bezeichneten. So flexibel, das bei Nichterreichen des Ziels der aktuelle Aufenthaltsort zum Ziel erklärt wird. Ich erinnerte mich daran, dass mir noch vor Kurzem in meinen delirant-verkaterten Gedanken der scheißschwere Projektor als Standpunkt erschienen war und ich glaubte, eben jetzt sein Gewicht am Arm zu fühlen, dieses Gezerre, ihn durch lange U-Bahnverbindungsgänge zu schleppen. Ich versuchte, diese Gedankengänge, die meiner eigenen ichbezogenen Argumentation entsprungen waren, zu verscheuchen. Marianne schaute mich schweigend an. Ob wir spazierengehen sollten, fragte ich.

Sie nickte und wir durchquerten mehrmals die Hasenheide, ohne viel zu reden. Schließlich fragte ich sie doch nach den Gründen für ihre Geheimniskrämerei mir gegenüber. Erst tat sie so, als wisse sie nicht, was ich meine. Aber das stimmte nicht, das war mir klar. Ich bohrte weiter, bis sie zugab, dass Achim mich als Opportunisten bezeichnet habe und es ihm durchaus bewusst sei, wie wenig ich ihn ernst nähme. Dass ihn auch die anderen nicht erst nähmen und dass ihn diese Anbiederei an Wichtigtuer wie den großen Regisseur und Typen wie Schleimspur-Eddi nerven würden, überhaupt sei es ihm zuwider, wie sich all die liberal-alternativen Geistesmenschen in ihrer vermeintlichen Künstlerselbstverwirklichung gegeneinander ausspielen ließen. Was sie davon halte, fragte ich und Marianne gab zu, dass sie Achims Einschätzung nicht völlig verkehrt fand. Auch wenn jetzt das gegenseitige Vertrauen im Eimer sei, immerhin habe sie auf seine Meinung so viel gegeben, dass sie das Theaterstück gemeinsam mit ihm begonnen habe, so ganz könne sie sich seiner Gedankenwelt nicht entziehen. Immerhin sei er sehr konsequent.

Ich fragte mich wehleidig, ob sie damit andeuten wollte, dass nun auch das Vertrauen zwischen ihr und mir im Eimer sei. Aber ich unterdrückte die Bemerkung und fragte stattdessen, wie sie unter den veränderten Bedingungen weitermachen wolle. Darauf, sagte Marianne, wisse sie beim besten Willen erst einmal keine Antwort.


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„Medialismus“, Roman: 35. Kapitel

7 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 35. Kapitel

  1. Volker schreibt:

    @Robert – stimmt, warum eigentlich nicht? Z.B. wäre für mich da bereits der „große Regisseur“ ein heißer Kandidat, der sich seine Filme auch nur deswegen leisten kann, weil er noch Zugriff auf die verschobenen KoKo-Millionen und ganz nebenbei konspi- und lukrative😉 Immobiliengeschäfte an der Ostsee laufen hat…

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  2. Volker schreibt:

    …oder der Hinterhofprogrammkinodirektor, der zu DDR Zeiten in Schwerter zu Pflugscharen gemacht und wöchentlich seinen IM-Bericht geliefert hat – Deckname „Spule“😉

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