„Medialismus“, Roman: 36. Kapitel

Ralf SchusertAchims Vorwurf, ich sei ein Opportunist, empfand ich als Frechheit, aber obwohl ich mir ausgiebig Gedanken machte, wollte ich mit ihm darüber auf keinen Fall diskutieren. Mit Marianne schon eher, zumal es mich interessierte, ob es Neuigkeiten über ihr Zerwürfnis gab. Nach einigen Tagen schaute ich vormittags bei ihr vorbei, doch es öffnete niemand. An Achims ramponiertem Briefkasten prangte in großen, roten Buchstaben die Aufforderung: Hier keine Post für Wursthorn einwerfen, unbekannt verzogen. Diese totale Ablehnung passte zu Achim. Es sah also ganz danach aus, als sei der Streit noch nicht geschlichtet und Marianne aus der Wohnung verschwunden. Ob sie auch aus Berlin verschwunden war, konnte ich nicht herausfinden, denn alle ihre Telefonnummern blieben stumm. Das Bedürfnis, zwischen ihr und Achim als Vermittler aufzutreten, verspürte ich in keiner Weise.

Weitere turbulente Drehtage folgten, nebenbei arbeitete ich an einem Trickfilm, in dem der Berliner Fernsehturm eine Rolle spielte. Die Idee war ebenso trivial wie morbid und diesmal gab ich mir keine unnötige Mühe, was die grafische Umsetzung anging. Mir reichten einige kopierte Fotos des Turms, einfache Skizzen und ein paar Formeln. Es ging um die Frage, wie lange es dauern würde, bis alle dreieinhalb Millionen Berlinbewohner, sofern es ihnen in den Sinn käme, kollektiv Suizid zu begehen, vom Fernsehturm hinuntergesprungen wären. Vielleicht deutete sich in der makabren Filmidee bereits meine aufkeimende Berlinverdrossenheit an. Meine Rechnung beruhte auf einigen Annahmen und Näherungen, aber vor allem auf der Erkenntnis, dass wohl vor allem die Transportkapazität der Fernsehturmlifte der geschwindigkeitsbestimmende Faktor des Prozesses sein würde. Meine lange vernachlässigten Ingenieursqualifikationen traten zutage und ich errechnete, dass das Ganze auf jeden Fall mehr als 68 Tage in Anspruch nehmen würde. Anschließend berechnete ich noch die Größe des Leichenhaufens am Fuß des Fernsehturms und mögliche Alternativen. Die Hauptdarstellerin des digitalen Spielfilms sprach den erklärenden Text mit ihrer schönen Stimme während einer Drehpause ein und so ergab es sich, dass ich mit sehr wenig Aufwand meinen bis dahin erfolgreichsten Animationsfilm sehr rasch fertig bekam, denn durch einen glücklichen Zufall gelang es mir, ihn im Fernsehen unterzubringen, später sollte er auf einer DVD mit anderen Filmen über Berlin erscheinen.

Als der Herbst begann, widerlich und verregnet, ließen die Dreharbeiten am digitalen Spielfilm ein Ende erahnen. Alle redeten tagelang vom gefürchteten Berliner Winter, was in seiner kollektiven Hysterie viel schlimmer war als das Wetter an sich. Gleichzeitig trafen in unregelmäßigen Abständen Postkarten von sonnendurchfluteten australischen Stränden bei mir ein und hielten mich erfolgreich davon ab, mich an andere Frauen ranzuschmeißen. Ansonsten verursachten die Postkarten eher Neid, als dass sie Trost gespendet hätten. Der Gummibaum ließ noch einige Blätter zu Boden fallen und ich ergatterte ab und zu interessante Kamerajobs, die mir wenig Spaß machten, obwohl sie gar nicht so schlecht bezahlt waren. Je näher der Jahreswechsel kam, desto verunsicherter fühlte ich mich. Vor allem, als die Postkarte mit dem Hai, der gerade eine Blondine fressen will, eintraf und Tina darauf verkündete, dass genau jetzt ihr Geld alle sei, aber sie auf jeden Fall noch bis zum März bleiben wolle, um sich den deutschen Winter zu ersparen und mir die Gelegenheit zu geben, noch ein bisschen ihre Wohnung zu bewohnen. Ihr Rückflug sei für den 25. gebucht, einem Samstag.

Am Ende der Nachricht wies sie explizit darauf hin, dass sie mich liebe. Das las sich gut, stimmte mich allerdings misstrauisch. Ich hatte keinen Anlass für Verdächtigungen, steigerte mich aber dennoch in die Wahnidee hinein, dass sie das nur schreibe, um mich in Sicherheit zu wiegen. In Verbindung mit meiner aktuell unklaren Berufsperspektive, ganz zu schweigen von der Wohnungssuche, die sowohl lustlos als auch unergiebig war, sah ich mich einmal mehr als Spielball widriger Umstände. Eigentlich zweifelte ich ja weniger an Tinas Treue als an der Notwendigkeit, ihre Wohnung zu verlassen, aber es gab da ein Restrisiko: Was wäre, wenn sie doch mit einem neuen Freund zurückkäme? Ulrich und Henry hatten sich zur gleichen Zeit plötzlich dazu entschlossen, jeweils eine Einzimmerwohnung zu beziehen, Ulrich in Charlottenburg, Henry in Mitte. Beide hüllten sich über den Grund dieser Entscheidung in Schweigen, aber der Rückweg in die WG war versperrt. Blieb nur die Flucht nach vorne, in die ostdeutsche Provinz.

Das ist auch eine Lösung, sagte ich zur allgemeinen Überraschung meiner Mitmenschen. Irgendwann hatte ich mich auf die Stellenanzeige einer der kleinen, jungen Universitäten in den neuen Bundesländern beworben. Daraufhin luden sie mich tatsächlich zu einem Bewerbungsgespräch ein und hatten dann monatelang nichts von sich hören lassen. Als ich schon längst nicht mehr damit rechnete, traf plötzlich ein Brief ein, dass ich den Job haben könnte. Eine unbedeutende Stelle mit zuverlässiger Bezahlung. Die brauchten dort jemanden, der sich um Video, Fotografie und alle anderen medialen Möglichkeiten kümmern sollte, unter den Bedingungen des öffentlichen Dienstes.

Ulrich meinte, das sei ja noch schlimmer als Charlottenburg und Henry argumentierte genauso blödsinnig. Er sagte, ich müsse ja nicht unbedingt in Mitte wohnen, so wie er, aber in die Provinz abzuhauen, das sei sehr uncool. Er wusste, dass ich nicht uncool sein wollte. Aber ich war es. Dass ich dazu fähig war, mit verschiedenen Kurzzeitjobs genügend Geld zum Überleben zusammenzukratzen, hatte ich bewiesen. Und jetzt, da sich eine Alternative bot, erschien mir mein Berliner Arbeitsalltag sowieso überhaupt nicht mehr cool, sondern anstrengend, unergiebig und total überbewertet. Martin war einer der wenigen, der mich darin bestärkte, in die Provinz zu gehen. Oder war es seine Angst, ich könnte wieder versuchen, bei ihm zu wohnen, falls Tina mich nach ihrer Rückkehr vor die Tür setzen würde?

Ich verbrachte einen Abend mit ihm in der Kunstakademie, irgendwelche tollen Klangskulpturen mussten bestaunt werden. Martin erzählte, dass einer seiner Studienkollegen von der digitalen Akademie ein Projekt an einer Provinzuni durchgeführt habe. Dort sei diesem eine Disketten-Kamera in die Hände gefallen, ein merkwürdiges Ding, das Fotos direkt auf eine 3,5-Zoll-Diskette schreibe. Martin hatte sich in den Kopf gesetzt, damit einen Film zu drehen, und ich solle den Job annehmen, wenn es diese Kamera dort an der Uni gebe. Wenn es sie nicht gebe, dann solle ich sie kaufen, möglichst schnell, denn das Ding sei sehr praktisch, aber voraussichtlich schon bald veraltet.

Martin verzichtete auf eine Vertiefung der technischen Details, weil er unter den vielen staunenden und lauschenden Gästen des Klangkunstfestivals eine Frau entdeckt hatte, die er offensichtlich unbedingt ansprechen wollte. So eine Lange, Dünne, die sehr kulturbeflissen wirkte und sich in Begleitung einer etwas dicklichen Rothaarigen befand. Wenn die Unternehmung erfolgreich sein sollte, dann müsste ich mitmachen, zumindest am Anfang. Die dünne Blondine stellte sich jedoch als ziemlich spröde und humorlos heraus, während die kleine Rothaarige total auf mich abfuhr. Leider fand ich sie nicht richtig hübsch. Der übliche Berliner Kultur-Chic, elegant im schwarzen Kleidchen und hübsche, dunkelrote Lippen, aber verglichen mit den ausgewogenen Proportionen von Tina fiel mir, wenn ich ihr in die Augen schaute, immer wieder das wenig schmeichelhafte Wort Pfannkuchengesicht ein. Allerdings wanderte mein Blick allzu oft weiter nach unten und fand dort ausreichend Nahrung, um meine Gedanken dann doch in eine quälende Ambivalenz hineinzumanövrieren.

Martin verwickelte die beiden Frauen ziemlich geschickt in ein lockeres Gespräch, wobei er sich wie nebenbei als erfolgreicher Geschäftsführer seiner Internetkonzeptions- und -realisierungsfirma darstellte, die zu diesem Zeitpunkt in Wahrheit nicht mehr war als eine ambitionierte Klitsche. Andererseits brachte er über meine kuriosen Filmprojekte künstlerischen Anspruch ins Spiel. Von der Diskettenkamera wollten wir jetzt beide nicht mehr reden, sondern lieber gleich über völlig veraltete Technik, Oldtimerromantik der Medientechnologie, die Nummer mit dem 16-mm-Film kam immer gut an, wir durften sie schließlich nicht überfordern. Unsere Mischung aus Kreativität, Nonkonformismus und Geschäftstüchtigkeit sollte genügen, um erst einmal herauszufinden, auf welches dieser drei Wettbewerbsangebote die Frauen anspringen würden. Ansonsten Sekt spendieren, ohne allzu aufdringlich zu wirken.

In der Tat ließen sie sich dazu bewegen, mit uns im Taxi zu einer Bar zu fahren, die Martin als Geheimtipp pries. Ihr Vorteil bestand aber vor allem darin, dass Martin im Nachbarhaus wohnte und er später, mit oder ohne Blondine, zu Fuß nach Hause gehen könnte. Im Taxi verriet die Blondine, dass sie in der Bank arbeite, während die Rothaarige in irgendeiner Umweltbehörde gegen die Anfeindungen diverser Chemieunternehmen zu kämpfen hätte. Das beeindruckte mich, aber sie wollte nichts von ihrer Arbeit erzählen. Unter dem Einfluss weiterer Drinks geriet ich immer weiter in den Bann ihrer üppigen Oberweite, die sich mir, vor allem wenn sie sich zu mir beugte, um zu wiederholen, was ich wegen des hohen Lärmpegels in der vollen Bar nicht verstanden hatte, unter dem enganliegenden Stoff ihres Kleides prall entgegenstreckte. Als sie aufs Klo ging, folgte ich ihr. Da ich mit dem Pinkeln schneller fertig war, erwischte ich sie, als sie aus der Damentoilette heraus in den Toilettenvorraum trat.

Ich schaute mir die Plakate an, die in beeindruckend großer Anzahl in mehreren Schichten übereinander die Wände vollständig bedeckten. Tatsächlich fand ich sogar drei Plakate meiner Filmvorführungen, zwei davon waren nur als kleiner Ausschnitt einer bereits überklebten Schicht zu erkennen. Diese wuchernden Plakatwände, die ja auch eine Art Archiv aktueller kultureller Ereignisse waren und die es damals in fast allen Toilettenvorräumen gab, liebte ich. Speziell dann natürlich, wenn auch ich einen Beitrag dazu geleistet hatte, wobei es vermutlich Martin gewesen war, der dafür gesorgt hatte, dass die Plakate in seiner Nachbarschaftskneipe aufgehängt wurden. Stolz wies ich die Rothaarige auf meine fotokopierten kulturellen Duftmarken hin und konnte es nicht lassen, ihr dabei an den Hintern zu fassen. Das war wohl genau das, was sie nicht wollte, oder noch nicht, oder nicht im Toilettenvorraum. Sie schob meine Hand weg, deutete auf das Plakat einer Tangotanzveranstaltung und berichtete mir, dass sie dort gewesen sei und es sei ja so schön gewesen.

Für Tango interessierte ich mich nun überhaupt nicht, schlimmer noch: Ich konnte Leute, die sich für Tango interessierten, nicht leiden, schon gar nicht, wenn als Alternative die Betrachtung eines meiner Filmplakate zur Verfügung stand. Ohne weiteren Meinungsaustausch gingen wir zurück an den Tisch, wo Martin mit der Blondine erfolgreich zu flirten schien. Das hätte mich ermuntern können, stattdessen fühlte ich mich mit einem Mal völlig entmutigt, die Luft war raus. Mir fiel nichts mehr ein, obwohl die Rothaarige mich immer wieder groß anschaute. So quälte ich mich mit Smalltalk und versuchte dann nochmals eine Berührung,  indem ich meine Hand auf ihrem Bein platzierte. Da küsste sie mich ganz energisch auf den Mund und erklärte anschließend, sie verabscheue One-Night-Stands. Also litt sie offenbar ebenfalls unter ambivalenten Gefühlen.

Sie nahm mich mit auf die Straße, um dort mit mir zu knutschen, ging dann zurück und unterhielt sich mit ihrer Freundin, während ich an der Bar Getränke holte. Den Sekt, den ich ihr hinstellte, verschüttete sie, vielleicht sogar mit Absicht. Dann lachte sie plötzlich ohne erkennbaren Grund laut auf und beschloss von einer auf die andere Sekunde, sich ein Taxi zu nehmen, ich solle mich nicht bemühen, sie nach draußen zu bringen, sie kenne den Weg. Als ich ihr dennoch folgte, fiel sie mir wieder um den Hals, küsste mich leidenschaftlich, wollte wissen, ob ich sie liebe und weil ich mit meiner Antwort länger als drei Sekunden zögerte, beschimpfte sie mich, ich sei so, wie alle anderen Schwanzmenschen auch, triebgesteuert und rücksichtslos. Sie scheuchte mich davon, ich solle wieder rein gehen. Als ich über die Schwelle trat, hörte ich ein seufzendes Klagen und glaubte zu verstehen, wie sie sich halblaut darüber beschwerte, dass ich ja tatsächlich mache, was sie von mir verlange.

In diesem Moment nahm ich endgültig Abstand von dem Gedanken, ich könnte mit dieser sprunghaften Frau intim werden. Martin und die Blondine waren allerdings inzwischen verschwunden und deshalb trank ich an der Bar allein einen Whiskey. Dabei versuchte ich möglichst emotionslos zu wirken, während mir die Vorwürfe der Rothaarigen weiter  in den Ohren klangen. Am nächsten Tag schrieb ich gleich nach dem Aufstehen einen knappen Brief an die Personalstelle der Provinzuni, um mitzuteilen, dass sie mit mir rechnen konnten. Zum angegebenen Termin würde ich die Stelle antreten.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 36. Kapitel

3 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 36. Kapitel

  1. Aha, es geht endlich weiter, der Übergang zum nächsten und vielleicht letzten Medium und Handlungsort wird eingeleitet, sehr gut, war auch höchste Zeit, hat sich zuletzt etwas gezogen.

    Eventuell war der im Roman beschriebene, flirrende Aktionismus im Berlin der 1990er tatsächlich statischer und unbeweglicher als man aus der Distanz vermutet. Geht in der Provinz mehr? Zumindest wird weniger dahergeschlaumeiert.

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  2. Volker schreibt:

    @Dennis – Ja, äh, ich, ähm, also ich bin da. Und eine Vermutung hätte ich da auch noch, wenn Du schon den vermeintlich flirrenden Aktionismus der Metropole ansprichst:
    Nachdem unser Held das Soebenmitderdicklichenrothaarigenerlebte mit einem Whiskey an der Bar heruntergespült hat, dabei offensichtlich erfolglos versucht habend, emotionslos zu wirken, will ich mal nicht ausschließen, dass er es in der Provinz mit vertrauenswürdigeren Liebeserklärungen als der postalischen von Tina zu tun bekommen wird. Wäre jedenfalls nett, oder?
    Ansonsten Guten Beschluss!

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