„Medialismus“, Roman: 37. Kapitel

Ralf SchusterNoch bevor Tina aus Australien zurückkehrte, begann in der Provinzstadt mein Angestelltenverhältnis. Von Berlin aus brauchte man dorthin ungefähr eineinhalb Stunden mit dem Zug, was mir viel zu viel war, um täglich hin und her zu fahren, ganz abgesehen davon, dass mir Berlin zu dem Zeitpunkt zum Hals raushing. Ich fand erst einmal eine Einzimmerwohnung zur Untermiete, die recht günstig war, weil der Hauptmieter auch noch Kram drin stehen hatte und in drei Monaten zurückkehren wollte.

An der Universität gab es mehrere kleine Räume und einen großen Keller für mich, oder vielmehr für die Studenten, denn ich war zu ihrer Betreuung da. Meine Aufgabe im Videolabor, wie das mit Computern, elektronischen Geräten und DDR-Filmtechnik überfüllte Kabuff genannt wurde, bestand offiziell darin, die Architekturstudenten medientechnologisch zu unterstützen, praktisch gesehen half ich ihnen beim Stressabbau in der hysterischen Zeit kurz vor der Abgabe. Meist ging es darum, Architekturmodelle zu fotografieren und zwar schnell, so schnell wie möglich. Dafür gab es nicht nur eine, sondern sogar drei Diskettenkameras. Unter meiner Obhut konnten diese von Studenten benutzt oder ausgeliehen werden und alle Studenten waren damals scharf darauf, das im richtigen Moment, also dann, wenn ihr Architekturmodell fertig gebastelt war, auch zu tun. Ich selbst bekam die Kameras deshalb in den heißen Phasen des Semesters kaum zu Gesicht. Sobald eine zurückgebracht wurde, lauerte schon der Nächste, um sie mir aus den Händen zu reißen. Es gab damals noch andere digitale Fotoapparate, auch bei mir, aber die erforderten jeweils eine bestimmte Software, um die Bilder von der Kamera auf den Computer zu laden. Selbst das Brennen einer lausigen CD war damals noch eine Angelegenheit, die nicht jeder konnte. Nur Diskettenlaufwerke gab es an jedem Rechner und deshalb war die Diskettenkamera die einzige mir damals bekannte Kamera, die nicht nur problemlos funktionierte, sondern es funktionierte genauso problemlos, ihre Bilder zu übertragen: von der Kamera auf den Rechner oder von einem Rechner zum anderen.

Der Diskettenkamerahype war ein Triumph der Problemlosigkeit über die Qualität. Erst nachdem sich ganz kurz danach USB-Anschlüsse durchgesetzt hatten, verlor die Diskette an Bedeutung und die Diskettenkameras verschwanden ziemlich schnell im Keller. Diejenigen, die bei der immer wieder aufflammenden Diskussion zum Thema „analog gegen digital“ mit der Bildqualität argumentierten, lästerten natürlich darüber, dass die Diskettenkamera eine zu geringe Auflösung habe und ich fragte dann immer, was denn genug sei. Da gab es keine klaren Antworten, aber viele Bedenken. Die neuen Technologien mussten sich daran messen, was die vorhandene Technik leisten konnte, was aber ein unfairer Vergleich war, denn meist wurde hochwertige Spezialtechnologie mit schnelllebiger Unterhaltungselektronik verglichen. Kein Wunder, dass es die digitale Unterhaltungselektronik bei den Fachleuten schwer hatte. Auch meine Freunde und ich brachen damals immer wieder eine Lanze für die alte, vom Aussterben bedrohte Analogtechnik. Wir meinten das ernst. Unsere emotionale Zuneigung zu den Geräten war echt. Ehrfürchtig betastete ich die russische 35-mm-Filmkamera, die ich im Keller des Videolabors in einer monströsen Transportkiste fand. Ebenso hatte ich ein paar Jahre vorher gestaunt, als ich am Filmschnittplatz zum ersten Mal die Magnetbandspuren zwischen all den Zahnrädern sich hindurchschlängeln sah. Ich empfand es immer wieder als einen magischen Moment, eine Filmdose zu öffnen und einen richtigen Film herauszuholen, selbst wenn es keine Unterscheidung zwischen richtig und falsch mehr gab. Auch der digitale Film ist ein richtiger Film, inzwischen sogar der bessere, nur berühren kann man ihn nicht, deshalb braucht er keine Dosen.

Historisch gesehen war es eine Periode technischer Entwicklung, die insgesamt ungefähr vierzig Jahre dauern sollte, von der ich zwanzig miterlebt und dabei gehofft hatte, ich könnte an meinen alten technologischen Vorlieben festhalten und mich der Entwicklung in den Weg stellen. All dies stellte sich aber letztlich als Wunschdenken und Lippenbekenntnis heraus, denn opportunistisch wie ich war, sprang ich gleichzeitig auf den fahrenden Zug, der sich später als der einzige herausstellen würde. Es zeigte sich, dass die IT-Technik sich viele andere Technologien einverleibte, die Diskettenkamera war da nur ein Vorbote. War die Information, also die Aufnahme, erst einmal DRIN im Gerät, dann wanderte sie in den Computer und blieb dort. Mit der Diskettenkamera gab erstmals der Heimcomputer die Technologie vor, und später, also heute, wurde das der Standard: Spezialtechnik für Spezialisten, extrem flexible Mainstreamtechnik für alle anderen und mischen lässt sich das auch noch. Daraus ergibt sich der beeindruckende Status quo der Jetztzeit: Mit Smartphone und Laptop steht eine komplette Produktionskette für Film, Foto und Audio bereit und über das Internet wird auch noch die weltweite Distribution der so erstellten Medienprodukte abgedeckt. Das ist beachtlich. Natürlich gibt es qualitative Schwachstellen, die sich aber durch Spezialtechnik ausmerzen lassen. Wem das nicht genügt und auch die restlichen Produktions- und Verarbeitungsschritte verbessern möchte, braucht noch mehr Spezialtechnik, und wer dann High-End-Qualität erreichen will, hat wieder genauso große Kisten und Koffer zu schleppen wie zu Zeiten des 35-mm-Films.

Als ich an die Provinzuni kam, war es noch nicht so weit und die Verwendung der Diskettenkamera ein ironischer Vorgriff auf die technische Entwicklung. Qualitativ war die Diskettenkamera aber eine einzige große Schwachstelle über den ganzen Produktionsablauf hinweg. Es begann mit einem miserablen Bild, das nichts hatte, was einen ernsthaften Bildgestalter hätte befriedigen können: Wenig Auflösung und damit keine richtige Schärfe, farbstichige Bilder und Blockartefakte, die aus der viel zu starken Komprimierung resultierten. Als wäre das nicht schlimm genug, durfte keine Aufnahmeeinstellung länger als 15 Sekunden dauern, denn mehr passte nicht auf die Diskette. Zu guter Letzt war auch der Ton blechern und wurde über ein eingebautes Mikrofon mit Kugelcharakteristik aufgenommen. Ein externes Mikro konnte nicht angeschlossen werden. Es war, als hätten wir das Filmemachen plötzlich neu erfunden, stünden wieder ganz am Anfang wüssten nicht, ob unser Film ein Gruß aus der Zukunft oder aus der Vergangenheit sein sollte. Zur Gegenwart schien er nicht zu gehören.

Auch meinen Umzug in die Provinz empfand ich als Zeitsprung, hinein in die Geborgenheit einer regelmäßigen Bezahlung und umgeben von Studenten, die jede Menge Flausen im Kopf hatten. Martin rief mich bei der Arbeit an, um mir mitzuteilen, dass er überhaupt keine Zeit für unser Filmprojekt habe. Jede Menge Aufträge für seine Firma und eine anspruchsvolle neue Freundin, bei der es sich allerdings nicht um die Bankangestellte unseres gemeinsamen Abends handle. Während ich telefonierte, hantierten direkt neben mir einige eifrige Studenten mit einer speziellen Endoskopkamera an ihrem Architekturmodell herum. Zwei von ihnen trugen einen zerzausten Punkhaarschnitt, der eine blondiert, der andere geschwärzt. Die beiden bemühten sich ständig um abschätzige Kommentare, um zu vertuschen, dass sie im im Grunde zielstrebig und ehrgeizig waren.

Dass ich einen Film drehen wollte, hatte sich schon vorher herumgesprochen, dass ich gerade mit den konkreten Vorbereitungen beginnen wollte, erfuhren sie durch das Telefonat, das in ihrer Anwesenheit geführt wurde. Spontan erklärten sie ihre Bereitschaft, mitzumachen, wenn es TRASH sei und das konnte ich garantieren, denn genau aus diesem Grund hatte ich beschlossen, die Diskettenkamera zu verwenden. Sowohl der blondierte als auch der schwarz gefärbte Architekturpunk hatten jeweils eine Studentin im Auge, die aus annäherungstrategischen Gründen dringend mitmachen müsste und bestimmt auch mitmachen würde. Ich spekulierte darauf, dass auch Tina ihre Rückkehr umgehend dazu nutzen würde, mich in der Provinz zu besuchen, um als Schauspielerin dabei zu sein. Da die Studenten mir ihr Wohngemeinschaftshaus als Drehort anboten, nahm das Projekt ganz schnell konkrete Formen an. Es war gerade Dienstag, am Mittwoch würde dort eine Party stattfinden. Das sei die richtige Gelegenheit, alle diejenigen kennenzulernen, die als Helfer und Helfershelfer für den Film in Frage kämen, sagte der blondierte Architekturpunk und ich hatte sowieso nichts Besseres zu tun.

Mühsam vertrödelte ich am Mittwoch nach Feierabend die Zeit. Obwohl ich mir viel Mühe gab und erst nach zehn Uhr abends an der angegebenen Adresse auftauchte, herrschte dort noch entspannte Ruhe. Es standen schon einige Leute herum, die den Eindruck erwecken wollten, als seien sie noch gar nicht richtig da. Ansonsten waren sie alle jung und die meisten studierten Architektur, was mit sich brachte, dass sie ganz heiß darauf waren, der Party eine extravagante Note zu geben. Damals waren es Relikte aus der DDR, die hoch im Kurs standen, blinkende Ampelmännchen, Lampen aus verfallenen Industrieanlagen oder große und kleine Schilder, die von ideologisch veralteten Institutionen kündeten. Ein Mosaik mit dem Händedruckemblem des FDGB diente als Tischplatte, war jedoch kaum zu erkennen, weil Flaschen und Gläser einen Großteil der Fläche bedeckten.

Der blondierte Architekturpunk, der Karsten hieß und mich eingeladen hatte, tauchte plötzlich neben mir auf, um mir eine Bierflasche in die Hand zu drücken. Die Räume im Erdgeschoss gehörten zum gemeinschaftlich genutzten Teil des Hauses, es gab dort ein Badezimmer mit einer Wanne für alle und zwei weitere Räume, die die Funktion des Wohnzimmers erfüllen sollten. Da könnten wir dann auch mal eine Filmvorführung veranstalten, meinte Karsten, am besten die Premiere. Ich sagte wenig, um mich noch nicht festzulegen. Das Haus als Filmschauplatz zu nutzen, war ein verlockendes Angebot. Je länger ich dort blieb, desto besser gefiel mir alles, bis ich kaum noch Zweifel verspürte. Auch Karsten steigerte sich während unseres Gesprächs in eine sich selbst verstärkende Euphorie hinein, die eine Menge Vorschläge für den Film hervorbrachte, mir also die Arbeit abnahm. Die Frauen müssten sich auf der „Liegewiese“ räkeln, sagte er, die Liegewiese wiederum sei eine Installation des schwarzhaarigen Architekturpunks, der damit eine akustische Verkopplung der Partygäste mit einer Metaebene ermögliche und diese Metaebene bezeichnete er als leise Stimme der Geschlechtlichkeit. Für den Film sei die akustische Komponente sicher nutzlos, aber was durchaus wichtig sei, sei das Bewusstsein, dass die unsere Gesellschaft bisher dominierende Sexualmoral durch die digitale Vernetzung im Wandel begriffen sei. Ich verstand nicht, was er meinte, bis ich es mir selbst auf der Liegewiese bequem machte.

Sie bestand aus einem etwa kniehohen Kubus, der aus billigen Schaumgummimatratzen gestapelt und mit einem großen Betttuch überzogen war, inmitten eines ansonsten leeren Raumes. Aus dem Inneren der Liegewiese drangen Wortfetzen zu mir, die ich erst verstand, als ich das Ohr auf die Fläche drückte. Weibliche Stimmen flüsterten Obszönitäten: Ich bin Maria aus Teterow und brauche ein paar dicke Schwänze, die mich vollspritzen. Hallo, wer sucht eine vollbusige Blase-Blondine? Mein Name ist Angelika, ich brauche es dringend, wer macht es mir hart? Schwänze interessieren mich nur, wenn sie in mir stecken, egal in welchem Loch.

Angeblich alles aus Telefonhotlines, sagte der blondierte Architekturpunk, der es aber nicht selbst aufgenommen habe, es sei sein schwarzhaariger Freund und WG-Kumpan gewesen, der dazu unter einem Vorwand das gute Richtmikrofon aus meinem Videolabor ausgeliehen hatte. Die Telefonsexrecherche und die darauffolgende Telefonsexaufnahme hatten für eine deftige Rechnung gesorgt. Eine Zahlungsaufforderung über dreihundert Mark sei Karsten, auf dessen Namen der Anschluss angemeldet war, völlig unerwartet ins Haus geflattert. Sein Mitbewohner musste zugeben, dass er an einigen einsamen Abenden diese neuartige Kommunikationstechnologie ausprobiert, aber sich nicht einfach nur der Selbstbefriedigung hingegeben, sondern, darauf aufbauend, künstlerisch die Initiative ergriffen hätte: zunächst das gute Mikro besorgen, dann eine Aufnahme mit dem MiniDisk-Rekorder durchführen, schneiden und zu guter Letzt aus dem Studentenwohnheim einen Stapel ausgemusterter Matratzen holen, an denen bestimmt bereits der eine oder andere Tropfen Sperma klebte.

So sei die Liegewiese als temporäres Kunstwerk für den Partyabend entstanden und nun drangen aus ihrem Inneren dezent vulgärerotische Avancen als Endlosschleife nach draußen. Mit gefiel das sehr gut. Im Laufe des Abends legte ich mich immer wieder hin, um zu lauschen. Aber zunächst unterhielt ich mich ausgiebig mit dem blondierten Architekturpunk, der alle männlichen Studenten zu kennen schien und so tat, als wisse er, auf welche Frau jeder von ihnen gerade scharf war. Für meinen Film sollten sich dann möglichst viele von diesen Frauen, zumindest aber die, auf die er und sein Kumpel es abgesehen hatten, auf der Liegewiese räkeln. Als Parallelmontage sollten junge Männer bei ihren Junge-Männer-Ritualen zu sehen sein: auf der Hantelbank, bei einer exotischen oder auch banalen Sportart, beim Autofahren. Der Letzte und Intellektuellste solle dabei gezeigt werden, wie er das größte und schönste Architekturmodell aller Zeiten baue.

Die Auswahl der Sportarten und des Autos bot viel Diskussionsstoff. Jeder vertrat eine andere Meinung. Alle vorbeikommenden Frauen sollten eine Stellungnahme darüber abgeben, was sie am meisten beeindruckte, damit uns Datenmaterial für eine demoskopische Analyse zur Verfügung stand. Das war völlig unwissenschaftlich und keineswegs repräsentativ, machte aber viel Spaß. Ich selbst war strikt gegen den amerikanischen Straßenkreuzer, der von vielen Befragten genannt wurde. Zu klischeebelastet, aber eine Spießerlimousine erschien uns auch zu uncool. Karsten wollte ein Cabrio, wobei im Bekanntenkreis nur ein banales Golf Cabrio vorhanden war, also engte sich im Lauf des Abends die Auswahl auf einen roten Käfer und einen rostigen 80er-Jahre Mercedes 200 ein, bei den Sportarten lief es auf Capoeira, Baseball und Windsurfen hinaus. Die Diskussion verflachte nach einigen Bieren, aber das Thema funktionierte die ganze Nacht hindurch als Vorwand, jeden und jede anzusprechen.

So geriet ich an den Kommunikationstechnologieexperten. Er kam mit suchendem Blick in die Gemeinschaftswohnung und setzte sich auf die Liegewiese. Dann schaute er sich um, verschwand wieder und kehrte mit einer Bierflasche zurück. Wir gerieten ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er neben mir einer der wenigen anwesenden Nicht-Studenten war. Er sei, so wie ich, erst einige Wochen zuvor an die Provinzuni gekommen. Sein Diplom als Elektrotechniker habe er in Süddeutschland gemacht und nun lebe er tatsächlich in der Provinzstadt, da der keine Ambitionen verspüre, von Berlin aus zu pendeln. Zwangsläufig kamen wir auf das Top-Thema des Abends zu sprechen, wobei er immer wieder den amerikanischen Straßenkreuzer forderte und behauptete, dass dies doch die einzige Motivation sein könne, überhaupt ein Auto ins Spiel zu bringen. Meine Abneigung gegen alle Ikonen und Symbole des Hollywoodkinos wollte er nicht gelten lassen, weil ich doch meine Filme sowieso nicht dort drehen würde. Das war ein Argument, zu dem mir leider nichts mehr einfiel. Sein eigener Opel Kadett kam in seiner braven Banalität als Filmauto auch nicht in Frage. Trotz meines Ansatzes, die Szenerie durch minderwertige Bildqualität zu unterhöhlen, hatte diese Karre sogar als ironisches Prestigeobjekt zu wenig Potential.

Dass wir mit der Diskettenkamera drehen wollten, nahm der Kommunikationstechnologieexperte emotionslos zur Kenntnis, obwohl, oder gerade weil er mir einiges an Wissen über digitale Technologie voraushatte. Die Datenrate sei eben etwas niedrig, das habe Konsequenzen, aber egal, die Entwicklung sei im Gange, was heute noch nicht gehe, gehe morgen, oder übermorgen, aufhaltbar sei das nicht. Die Videotechnik mit ihren Unzulänglichkeiten habe ja nur eine Steigbügelhalterfunktion eingenommen und werde im Lauf der Zeit in der digitalen Informationstechnik aufgehen. Noch sei die Informationstechnik eine lahme Krücke, wer wolle schon mit einem Auto fahren, das sich langsamer als Schrittgeschwindigkeit fortbewege, da könne man ja gleich laufen. Der notwendige Geschwindigkeitszuwachs sei ein anspruchsvolles technisches Problem, aber die Lösungen schon unterwegs. Der alte chemische Film, der habe es ja ganz einfach gehabt, das sei wie Stempeln gewesen, einmal den Stempel aufs Papier geknallt, schon sei das ganze Bild gespeichert gewesen, also technisch habe das ja bedeutet, dass das Licht aus der Optik für eine lächerliche Fünfzigstelsekunde aufs Negativ gefallen sei und alle chemischen Moleküle hätten sofort und gleichzeitig reagiert.

Die arme Digitaltechnik hingegen, die müsse seriell arbeiten, das sei, wie wenn man das vollgeschriebene Blatt Papier nicht kopiere, sondern abschreibe, ich solle mir doch mal vorstellen, 25 Seiten pro Sekunde abzutippen, da würden die Finger ganz schön flott fliegen, aber erschwerend käme ja hinzu, dass die Seiten ziemlich groß seien, nämlich jede 140 Quadratmeter, wenn man die Auflösung eines High-Definition-Bildes zugrunde lege. Geschwindigkeit sei zwar keine Hexerei, aber da werde die technologische Umsetzung durchaus anspruchsvoll, denn die Diskettenkamera schaffe ja gerademal ein Zehntelpromille des erforderlichen Datendurchsatzes, weil die Laufwerke grundsätzlich so langsam seien. Da helfe dann eben nur noch Komprimierung. Weil die Reaktionäre unter den Technologen aber alle argumentativen Geschütze aufführen, um an ihrer dem Untergang geweihten, total redundanten Analogtechnik festzuhalten, sei Komprimierung umstritten.

Der Kommunikationstechnologieexperte verfiel jetzt in einen Erkläreifer, der mir in meiner Partystimmung etwas zu weit ging. Konzentrieren konnte ich mich auch nicht, denn es legte sich gerade eine eindrucksvolle dunkelhaarige Studentin mit orientalischen Gesichtszügen auf die Liegewiese. Bestimmt war sie durch eines der vielen internationalen Austauschprogramme in die ruinöse Hälfte der deutschen Provinz geraten. Sie verstand kaum Deutsch und als ich ihr übersetzen wollte, was die leisen Stimmen sagten, die zwischen den Matratzen flüsterten, schaute sie mich zunehmend entsetzt an. Schließlich verschwand sie, was für mich der Anlass war, einen Streifzug durch das Haus zu unternehmen.

Es war eine alte Bude, die innen und außen dringend mal einen neuen Anstrich brauchte. Ein Stockwerk weiter oben hatte man eine Wohnung leergeräumt, die als Tanzfläche diente. Elektronische Mainstream-Musik mit lasziven weiblichen Gesangselementen bumberte vor sich hin. Die Gäste drängten sich dicht aneinander, so dass ich für mich keinen Platz fand und noch weiter nach oben stieg. Im Treppenhaus schlängelte ich mich zwischen verschiedenen Grüppchen hindurch, die auf den Stufen entweder tiefsinnige Gespräche führten, rauchten oder beides gleichzeitig. Bei den Wohnungen handelte es sich um Zweizimmerappartements, in denen viele Zimmertüren abgesperrt waren, andere standen offen und dort befanden sich weitere trinkende Menschen. Die wenigsten kannte ich, aber einige glaubte ich schon gesehen zu haben.

Schließlich traf ich auf eine blonde Studentin, die bereits ihre Mitarbeit im Film zugesagt hatte. Sie mixte für alle Vorbeikommenden einen sehr wirksamen Drink aus allerlei Schnäpsen, von dem sie behauptete, es sei ein polnisches Geheimrezept. Ich war gerade der einzige, der an ihrer Theke stehenblieb. Deshalb gab es für mich eine besonders wirksame Mischung und sie erzählte mir von ihrem goldenen Plastikminirock, der bestimmt perfekt für den Film sei und außerdem habe sie weiße Plateaustiefel. Eifrig bekräftigte ich, wie gut das in den Film passe. Wir unterhielten uns, bis mein Drink leer war, so dass es sich lohnte, mir noch einen zweiten einschenken zu lassen, mit dem ich dann die Treppe wieder hinunterstieg. Dann schaute ich wieder zur Liegewiese, später auch auf die Tanzfläche und noch später kehrte ich zur Theke im dritten Stock zurück und bekam noch einen ihrer hochkonzentrierten Drinks.

Ab und zu überfiel mich die Erinnerung, dass es Mittwoch war. Um neun Uhr hatte ich im Büro zu erscheinen. Aber das brachte mich nicht aus der Ruhe. Ich kam plötzlich zu der Erkenntnis, dass die Party ja auch zu meiner Einarbeitung in den neuen Arbeitsplatz gehörte. Schließlich musste ich die Studenten kennenlernen, um sie zu verstehen, und wenn ich sie verstünde, könnte ich ihnen besser helfen. Diese Hilfe war die eigentliche Aufgabe meines neuen Jobs. In dem Bewusstsein, dass ich kein gewöhnlicher Partygast war, sondern soziale Recherche zur Optimierung meiner Serviceleistungen im Dienste der Universität betrieb, verbrachte ich deshalb gutgelaunt noch weitere Stunden zwischen den tanzenden Studenten.


Inhaltsverzeichnis

„Medialismus“, Roman: 37. Kapitel

4 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 37. Kapitel

  1. Sehr gutes, wenn auch etwas langes Kapitel. Endlich geht’s weiter und der Autor kommt dankenswerterweise auch mit voller Wucht auf das Kernthema des Romans zurück, remember: Medialismus, Evolution der filmerischen Medienformate aus pseudo-autobiografischer Sicht. War höchste Zeit hier mal wieder eine klare Position zu beziehen. Der Miniexkurs zu Möglichkeiten digitaler Vertriebsformen kommt mir zwar noch etwas früh, aber immerhin wird kurz auch mal der MiniDisc-Recorder erwähnt. Ein kurzzeitig angesagtes Übergangsformat, das – wie die Diskettenkamera – ebenfalls mit Komprimierung operierte und deswegen bald überholt war. Komischerweise hat sich kurz danach weltweit das mp3-Format etabliert, das meines Wissens viel härter komprimiert als die Minisdisk. Dafür ist es aber volldigital, unabhängig vom Speichermedium und kinderleicht transferierbar, das war vermutlich der Grund für den Siegeszug des Audiodatenformats.

    Bin gespannt was den Autor noch in derUniversitätsstadt erwartet. Die Studentenschaft scheint ja ein umtriebiges und inspirierendes Umfeld zu bieten.

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  2. Gerhard schreibt:

    Schönes Stück!
    „Sie bestand aus einem etwa kniehohen quadratischen Kubus“ – ein Kubus hat doch per se Würfelform, sodaß der kniehohe Kubus sicher nicht zum Ablegen geeignet ist.:-)
    Aber vielleicht war der Kubus auch garnicht zum Ablegen vorgesehen! Die aufdringlichen Stimmen aus dem Innern sind ja penetrant und da ist solch ein kleiner Kubus sicherlich geeignete Wahl, um Kurzschlußreaktionen zu unterbinden.

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