Feinbergiana 09

(Publiziert 1939.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] 0:00 Heiter-gelöst und ziemlich flatterhaft, unstet. Fliegen am Fenster. Tja, wie füllen wir ihn, den heutigen Tag? Ja … ja … tja [trällert]. 0:30 Hab ich alles erledigt, ist alles getan, ist, ach, ist egal. 1:12 Der Schalk sitzt mir im Nacken heute, ich könnte alle auf und in den Arm nehmen, einschließlich meiner selbst.1:30 Melancholischer Einschuss. Es gibt ja doch noch sehr viele Dinge, die nicht sonderlich gut laufen, die mich betrüben, denen ich nachtrauere. 2:30 Ist mir aber egal – weg davon, mit rabiater Entschiedenheit! 2:50 Mein sorgloses Herumträllern wird mir langsam selber unheimlich. Der übliche Zorn auf mich und alles andere gewinnt allmählich die Oberhand. Kurzer, aber verheerender Zornausbruch. 3:30 Dann eine starke Niedergeschlagenheit, eine hoffnungslose Missstimmung. Alles, einfach alles war vergeblich. 4:12 Aber auch das vergeht wieder. Ich versuche, meine ursprüngliche Heiterkeit wieder zu erlangen, aber alles wird jetzt etwas hektisch, zerfahren und erzwungen, die Leichtigkeit lässt sich beim besten Willen nicht wieder herstellen. 4:42 Alles überschlägt sich, eine blinde Hetzerei auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht. 5:00 Chaotische Überfülle widersprechendster Gefühle: Sehnsucht, Zorn, Angst, Euphorie. 5:15 Manische Raserei im Wohlgefühl, dieses gründlich unterhöhlend. 6:20 Alles mündet in eine seltsame Endlosschleife aus Euphorie und Angst, dann Stille. Erschöpfung. 7:07 Mir ist schwindelig, ich taumle im Raum umher, muss mich festhalten, egal wo. Dabei habe ich nicht getrunken. 7:20 Der Horizont verschwindet, das diffuse Empfinden von „Süße“ kehrt wieder, leise, aber äußerst schmerzhaft. 8:10 Wutausbruch (Selbsthass), hektisches Umhertasten, Protest, einfach nur Protest, egal gegen was. 8:30 Ein letzter Versuch, heiter zu sein. 8:55 Das wichtigste ist Selbstachtung.

Zusatz (gehört nicht zum Protokoll) Der mittlerweile vertraute Feinberg’sche „Gefühlscocktail“, diesmal aber eine besonders gehaltvolle Mixtur. Fast ebenso disparat wie Sonate 4, aber musikalisch einfallsreicher und ergiebiger, auch weniger depressiv. Es gibt Passagen und Wendungen, die einfach erstaunen machen, abrupte Volten, komplett impulsive Ausschläge und Launen, aber alles pianistisch „eingeholt“, kultiviert. Sozusagen äußerste Aggressivität bei gleichzeitiger kompletter Gewaltlosigkeit, merkwürdig (und sympathisch, das gebe ich zu). Auch wenn ich diese Sonate öfter hintereinander höre, bleibe ich unsicher, was hier eigentlich vor sich geht, was sehr merkwürdig ist. Als ob man ein Gemälde 5 Minuten intensiv betrachtet und doch nicht weiß, welche Farben eigentlich vorherrschen. Das geht eigentlich gar nicht, die Sache verstört (und fasziniert!) mich nicht wenig! Ich nenne es jetzt mal provisorisch „Meisterschaft“, ohne im Augenblick benennen zu können, worin diese eigentlich besteht. Treibt Feinberg hier seinen „psychologischen Momentanismus“, seinen pianistischen stream of consciousness auf die Spitze, oder ist er ihn endgültig leid und sucht (einmal mehr) nach etwas ganz Anderem? Einige Melodiefetzen erinnern in ihrer Lieblichkeit von fern an die Sonaten 1 und 2, aber das sind nur Schemen. Im Zentrum dessen, was er ausdrücken will, steht weiterhin: die Unruhe. Feinberg als „Pessoa des Pianos“, einsam, misanthrop, solitär. Oder ist es nur Pose und er war „in Wirklichkeit“ leutselig, gesellig und ein Gruppenmensch?


„Feinbergiana“

Feinbergiana 09

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