Rieger und Gonggrijp pfeifen im Wald – und sammeln ihre Truppen

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Typische Begleitgrafik zum Vortrag von Rieger & Gonggrijp. Doch sie scheinen selber zu bezweifeln, ob diese Form von „gutem altem“ Hacker-Zynismus noch ausreicht, um die Dinge wirklich voranzubringen.

Die „Hackervereinigung“ Chaos Computer Club (CCC) fand sich Ende 2015 zum Jahrestreffen und CCC-Boss Rieger hielt mit dem Niederländer Rop Gonggrijp, offenbar einem alten Kampfgefährten, dort etwas, was man anderswo vielleicht „Impulsreferat“ oder auch keynote address zu nennen pflegt: Wie ist er denn so, der allgemeine Stand der Dinge in der Community, wie fühlt sie sich, die Systemadministratoren-  und IT-Beratergemeinde (denn ich nehme doch stark an, der durchschnittliche CCCler ist genau sowas – und nicht etwa ein Hacker im kriminellen Sinn) in diesen Post-Snowden-Jahren?

Kurz gesagt: desillusioniert, desorientiert, depressiv. Der staatliche Kontrollwille bedient sich angesichts konkreter und eingebildeter Terrorgefahren weiter der so unendlich flexiblen Digitalsphäre, um dem angeblich unersättlichen Sicherheitsbedürfnis der Bürger auch angemessen Rechnung tragen zu können. Dabei, so Rieger und Gonggrijp, kommt ihm zupass, dass die Erwirtschaftung persönlicher und vertraulicher Daten nicht nur leichter, sondern – und dieses Argument hört man nicht so oft – billiger geworden ist durch den technologischen Fortschritt der vergangenen 10, 20 Jahre.

Aber es gibt auch andere Töne in diesem Vortrag: Da wird dann ganz klassisch an das Gemeinschaftsgefühl appelliert, die eigene Exzellenz betont, zum Stolzsein auf das bereits Erreichte aufgerufen etc. Eigentlich das, was „normale“ CEOs bzw. ParteiführerInnen ständig machen (manche machen sogar nichts anderes). Im traditionell coolen bis ultracoolen CCC-Soziotop wirkt das jedoch geradezu innovativ (und wurde vom Publikum im Übrigen gut aufgenommen). Rieger & Gonggrijp möchten wohl einfach ihre Truppen sammeln, sie möchten wohl auch, dass sich ein paar mehr aus ihren Kreisen von gelangweilten Wohlstandsnerds in disziplinierte linksliberale Polit-Aktivisten wandeln. Rieger sinngemäß: „Es gibt Wichtigeres, als darüber zu diskutieren, welche Linux-Distribution die beste ist.“

Es ist nicht ohne unfreiwillige Komik, wie man die beiden Herren sich winden sieht in diesem langen und auch ein wenig langatmigen Vortrag: Einerseits sind sie ja schon, auf ihr Referat aus dem Jahr 2005 mit dem schönen Titel „We lost the War“ verweisend, ganz Club-of-Rome-mäßig stolz darauf, immer schon alle Katastrophen vorausgeahnt zu haben, andererseits wollen sie ihr Auditorium auch nicht komplett in die Depression treiben. Also pfeifen sie ein wenig im Wald bzw. verbreiten so eine Art schizophrener „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“-Atmosphäre. Speziell Gonggrijp, der bisher offenbar stets als wohlgelittener „Warner und Mahner“ aufzutreten pflegte, scheint sich in dieser Rolle nicht mehr wohlzufühlen. Ihm fällt aber auch keine neue ein, also warnt und mahnt er munter weiter, Eulen nach Athen tragend.

Das ist menschlich verständlich, strategisch aber eher kontraproduktiv. Denn natürlich war „We lost the War“ 2005 nicht wörtlich, sondern als trotziger „Jetzt erst recht!“-Schlachtruf gemeint. Bleibt für mich als externen Beobachter der Eindruck einer tiefen Verunsicherung, die sich da im (prinzipiell sympathischen und unterstützenswerten!) organisierten „Hackertum“ breitgemacht zu haben scheint: So wie bisher kann es nicht weitergehen, aber wie es weitergehen soll, wissen wir auch nicht. Immerhin diese Botschaft wurde überzeugend kommuniziert.

Rieger und Gonggrijp pfeifen im Wald – und sammeln ihre Truppen

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