„Medialismus“, Roman: 38. Kapitel

Ralf SchusterAm nächsten Tag saß ich verschlafen in meinem Büro und zum Glück wollte niemand etwas von mir. Ein eigenes Büro zu haben, war für mich neu, zugleich beruhigend und komfortabel. Die Konsolidierung meines Arbeitslebens wirkte sich besonders an jenen Tagen wohltuend aus, an denen ich die Exzesse des Vorabends ausbaden musste, und so freute ich mich an der Gewissheit, bezahlt zu werden, auch wenn ich dösend im Zimmer saß und darauf spekulierte, nicht gestört zu werden.

In der Tat störte mich an jenem Tag niemand. Die meisten Studenten waren bei der Party gewesen. Auch wenn es vielleicht ratsam gewesen wäre, sich um die laufenden Projekte des Studiums zu kümmern, schliefen sie vermutlich. Für mich gab es außer einigen banalen Untertitelungen eines englischsprachigen Interviewfilms nichts zu tun. Da nichts Konkretes dagegen sprach, die Sache vor mir her zu schieben, auf morgen, übermorgen oder die folgende Woche, machte ich keinen Finger krumm.

Als das Telefon klingelte, überlegte ich, ob ich überhaupt ran gehen sollte, denn es war durchaus denkbar, dass sich eine anspruchsvolle Aufgabe ankündigte, deren Bewältigung mich in meinem verkaterten Zustand überfordern könnte. Aber es war noch schlimmer, es war Achim, der nach monatelangem Schweigen dringend mit mir reden musste. Die Telefonnummer hatte er wohl von Martin erfahren. Es ging ihm, wie kaum anders zu erwarten, um Marianne, denn die habe nun ihr unsägliches Theaterstück, das auf seiner Mitarbeit beruhe, inzwischen fertig. Ein schreckliches Machwerk, das zu seinem Entsetzen sogar aufgeführt werde, natürlich im Südwesten der Republik. Dort, wo die Menschen Arbeitslosigkeit nur aus den Nachrichten kennen würden, habe das Stück inzwischen Premiere gefeiert. Das Scheißstück von der blöden Marianne, der alles wurstegal sei, nur ihr Geschreibe nicht, aber er habe sich den Dreck angeschaut, obwohl es ihm schwer gefallen sei, es bis zum Ende auszuhalten, und es gebe, da seine Versuche gescheitert seien, mit der Theaterleitung den Eklat auf diplomatische Weise zu vermeiden, indem das Stück vom Spielplan genommen werde, leider nur noch die Möglichkeit, eine Klage anzustrengen, also eine einstweilige Verfügung zu veranlassen, die eine weitere Aufführung verhindere.

Das sei doch Wahnsinn sagte ich, aber Achim widersprach mir. Das sei kein Wahnsinn, das sei notwendig und ich müsse ihm bestätigen, dass die Idee zu dem Stück von ihm stamme, ich sei doch dabei gewesen, mehrmals, und habe sehen können, dass Frau Wursthorn sich seines Materials bedient habe, um ihren gequirlten Mist daraus zusammenzubrauen, was somit nicht nur ein moralisches, sondern auch ein urheberrechtliches Vergehen sei. Ihr Problem, sagte ich, oder vielmehr: euer Problem. Sogleich wurde ich von schier endlosen Tiraden der Polemik über Marianne, über ihr Theaterstück und über das bornierte Theater, das sich erdreistet habe, das Machwerk aufzuführen, überrollt. Mir brummte der Kopf. Der hysterische Achim, der die Weltverschwörung herbeiredete, war auf nüchternen Magen unerträglich. Ich hatte ja bereits Wochen zuvor meinen Unwillen, den Vermittler zu spielen, nur allzu deutlich gespürt. Deshalb versuchte ich, seine Argumentation abzuwürgen und sagte ihm, dass er spinnen würde.

Zwischendurch steckte die Sekretärin des Professors ihren Kopf durch die Tür und hatte irgendein Anliegen. Gerade jetzt. Ich konnte durch eine Geste der Kenntnisnahme einen Aufschub erwirken und sie zog sich wieder zurück, würde aber sicher im Lauf der nächsten Minuten nochmals auftauchen, so gut kannte ich sie inzwischen. Achim solle alles mit Marianne klären und mich aus der Sache draußen lassen, erklärte ich und versuchte, dabei möglichst bestimmt zu klingen. Trotzdem musste ich es mehrmals wiederholen. Als er es endlich verstanden zu haben schien, bekam ich den Vorwurf zu hören, dass ich ein mutloser Drückeberger sei, der sich in die Kunst flüchte, um dort Stellvertreterkriege zu führen, aber für eine Kontroverse im echten Leben zu feige sei. Dann knallte er den Hörer hin.

Anstatt feige hätte ich lieber harmoniebedürftig gehört. Dafür könnte man auch friedliebend sagen, oder schlicht und einfach friedlich. Friedlich ist eine positive Charaktereigenschaft, sagte ich mir, daran gibt es nichts auszusetzen. Leider hatte Achim nicht friedlich gesagt, sondern etwas ganz anderes, und das ging mir tagelang durch den Kopf. Vergeblich wartete ich darauf, dass sich der Gedanke an Achims Vorwürfe verflüchtigte. Stattdessen wurde es immer schlimmer, vermutlich, weil nun auch noch Tinas Rückkehr nahte. Obwohl es immer noch keine konkreten Hinweise gab, verdichtete sich die Vorahnung einer bösen Überraschung und bildete zusammen mit meinem Grübeln über Achims Vorwürfe eine lähmende Gedankenschleife.

Tina hatte mir nochmals eine Postkarte mit ihrer Ankunftszeit geschickt, die sehr liebenswürdig formuliert war. Ich spielte mit dem Gedanken, am Samstag mit dem Zug direkt aus der Provinz zum Flughafen zu fahren, doch dann verwarf ich diesen Plan und setzte mich bereits am Freitagnachmittag in den Zug, damit ich Tinas Wohnung aufräumen und putzen konnte und vielleicht auch, um darüber nachdenken, was in den Kühlschrank gehörte, um ihr die Rückkehr zu verschönern. Als ich die Wohnung betrat, befremdete mich der Gedanke, dass ich nur noch eine Nacht lang der Hausherr war, danach nur noch Gast. Merkwürdig schwankend zwischen Befürchtungen und Freude registrierte ich, dass der Gummibaum gleich zwei Blätter abgeworfen hatte, aber im Großen und Ganzen gut im Saft stand. Wie nicht anders zu erwarten, blinkte der Anrufbeantworter. Dass einige Nachrichten von Achim stammten, wunderte mich nicht. Sie waren allerdings längst überholt und stammten aus der Zeit, als er meine neue Bürotelefonnummer noch nicht wusste. Es folgten Nachrichten von Marianne. Sie sei erschüttert über Achim und bat mich, sie zurückzurufen, dringend. Es gab insgesamt drei Nachrichten von ihr, wobei sie zweimal die Nummer hinterlegte, unter der ich sie erreichen könne. Keine Berliner Nummer, auch sie schien irgendwo in der Provinz zu stecken. Ich versuchte es und tatsächlich ging sie ans Telefon.

Ob Achim mich schon erreicht habe, wollte sie wissen. Ich bestätigte. Dann sei mir ja klar, was los sei, da brauche sie gar nichts zu erzählen, und sie zweifle daran, ob es irgendetwas helfen würde, wenn ich jetzt versuchte, Achim zu besänftigen. Ob Achim mir auch erzählt habe, dass er inzwischen Hausverbot im Theater habe, wo ihr Stück gespielt werde, da er die Besucher mit Flugblättern gegen sie aufzuhetzen versuche. Sind Arbeitslose Arschficker? sei die Schlagzeile seines Pamphlets, das er als Fotokopie inzwischen nicht mehr im Theater verteilen dürfe, aber das könne ihn in seinem missionarischen Eifer nicht aufhalten, er verteile es jetzt eben auf der Straße vor dem Theater. Dabei habe er selbst in Spiel gebracht, dass die Mitglieder der ABM-Maßnahme in der Mittagspause über Analverkehr diskutierten, und nun, da seine Vorschläge umgesetzt seien, behaupte er dreist, hier handle es sich um die Diskreditierung einer sozialen Gruppe, eine Beleidigung für alle Arbeitslosen des ganzen Landes. Mit solchen haarsträubenden Thesen habe er erst die Theaterdirektion belästigt und jetzt seien die Passanten und Theaterbesucher auch nicht mehr vor seinen verbalen Attacken sicher. Also ein richtiger Skandal, der zum Glück nur im kleinen Theater einer kleinen süddeutschen Stadt seine kleinen Kreise ziehe, doch es habe sie ziemlich aus der Bahn geworfen.

Aber ich kann da nichts machen, sagte ich, ihr müsst euch einigen, oder soll ich Händchen halten? Wem denn bitte? Achim doch wohl nicht! Marianne fiel mir erregt ins Wort. Vielleicht musst du ihm eine reinhauen, sie könne das nicht, sie sei eine Frau, sagte sie und ich erkannte keinerlei Ironie in ihrer Stimme. Achim habe sie auf offener Straße beschimpft, das sei kein Spaß gewesen, das wolle sie nach Möglichkeit in Zukunft vermeiden. Es sei reiner Zufall gewesen, dass sie sich an einer völlig beliebigen U-Bahnstation, die weder besonders nah an Achims Wohnung noch an ihren bevorzugten Aufenthaltsorten lag, begegnet seien und Achim sie auf dem Bahnsteig als Demagogin, Sexistin und Lügnerin angefeindet habe, natürlich mit lauter Stimme, so dass alle Umstehenden groß geschaut hätten. Es sei eine unglaublich peinliche Situation gewesen. Zum Glück sei Achim in die U-Bahn eingestiegen und weggefahren, während sie am Bahnsteig zurückgeblieben und dann aus Panik versehentlich in die andere Richtung gefahren sei, was letztendlich dazu geführt habe, dass sie die Stadt mit der Ringbahn fast vollständig umkreist habe, um schließlich mit Stunden Verspätung an ihr Ziel zu kommen.

Vielleicht solle sie ihren Namen ändern und eine neue Identität annehmen, sagte sie, um aus dieser Scheiße herauszukommen, denn ich sei ja offensichtlich keine Hilfe. Nein, das bin ich nicht, warf ich mit einem Anflug von Trotz ein, denn ihre Aufforderung, ihr zu helfen, verdarb mir die Stimmung. Ich erinnerte mich daran, welche Geheimniskrämerei sie und Achim damals gemacht hatten, und wie sie versucht hatten, mich aus der ganzen Geschichte raus zu halten. Darum erklärte ich ihr kurz und mit demonstrativer Sachlichkeit, dass ich nicht gedenke, als Zeuge für Achims angestrebte Prozesse zu dienen und mich ansonsten freue, wieder von den beiden zu hören, wenn sie sich versöhnt hätten. Das, quietschte Marianne, werde nicht passieren. Mir egal. Schönen Abend. Ich musste die Vorbereitungen für Tinas Rückkehr hinter mich bringen, ging noch mal auf die Straße, um mir einen Wein zu besorgen, den ich trank, während ich aufräumte und putzte, ein bisschen Staub wischen, Fegen, dann noch mehr Staub wischen. Ich wunderte mich, wo der ganze Staub herkam.

Aber ich dachte die ganz Zeit an Marianne, nicht an Tina. Und an Achim. Obwohl sein Anruf in meinem neuen Büro schon einige Tage zurück lag, waren seine absurden Anschuldigungen durch seine Anrufbeantworternachrichten und das Telefonat mit Marianne nun machtvoll ins Bewusstsein zurückgekehrt. Sollte ich ihm vielleicht doch eine runterhauen? Ich empfand es als Frechheit vom ihm, dass er mich als feige bezeichnet hatte, dabei war es seine Unbeherrschtheit, die ihm diese Schwierigkeiten eingebracht hatte, dieses mangelnde Vermögen, sich selbst einzuschätzen, dieses über die Stränge schlagen, als sei er ein testosterongetriebener enttäuschter Liebhaber. Tina hatte gesagt, daran erinnerte ich mich leider allzu deutlich, ich solle ihm helfen, und jetzt, da sie zurückkehrte, war die Lage erst so richtig beschissen.

Inzwischen hatte ich keinerlei Anhaltspunkte darüber, wie Achim sein sonstiges Leben gestaltete. Wenn er sich weiterhin als Arbeitsloser und Gelegenheitsarbeiter durchschlug, wäre es für ihn zweifellos ein teures Vergnügen, einen Prozess anzustrengen, zumal es hier nur darum ging, sein Vergeltungsbedürfnis zu befriedigen. Vielleicht konnte er sich das gar nicht leisten? Bei dem Gedanken, dass Achim aus rein materiellen Gründen im Zaum gehalten werden könnte, empfand ich keinerlei Bedauern und bedauerte auch nicht, dass mir dieses Bedauern fehlte. Ich bedauerte auch Marianne nicht und versuchte herauszufinden, was ich überhaupt empfand. Wenn mich etwas berührte, dann war es das Beleidigtsein darüber, dass sie mich erst übergangen hatten und jetzt beschimpften, weil ich meine Solidarität verweigerte. Andererseits amüsierte mich das Schmierentheater und ich lachte in mich hinein, wie Achim seinen Ruf als Provokateur zu immer neuen Höhepunkten trieb. Aber trotz des Unterhaltungswertes hatte er die Grenze des guten Geschmacks nun weit überschritten und angesichts der Peinlichkeit seines irren Benehmens war es höchste Zeit, sich von ihm zu distanzieren.

Dieser Gedanke war mir zum ersten Mal durch den Kopf gegangen, als sich Marianne beschwert hatte, dass Achim sie mit seinen ständig neuen Drehbuchideen belästige. Inzwischen hatte ich meinen Lebensschwerpunkt in die Provinz verlegt und war gerade dabei, meine letzte Nacht in der eigenen Wohnung in Berlin zu verbringen. Meine ohnehin schwach gewordene Beziehung zu Achim konnte ich ganz einfach abstreifen, ich brauchte bloß NICHTS zu tun. Das dachte ich in unzähligen Variationen, während ich die Küche putzte und das Geschirr so sortierte, wie es Tina haben wollte. Alles abstreifen, alles zurücklassen, alles neu machen, alles was vorher war, glaubte ich plötzlich nicht mehr zu brauchen. Ich schüttete den letzten Rest aus der Weinflasche in mein schon wieder leeres Glas. Endlose Runden aus Essen, Trinken, Onanieren und anderen Samenergüssen dienten mir dazu, mich in ein Selbstbedauern hineinzusteigern, mit dem ich mich über die Unsicherheit hinwegtrösten wollte, die mir Tina bereitete.

Aber dann schlief ich gut und tief, brachte am nächsten Morgen die vielen leeren Weinflaschen in den Altglascontainer und fuhr zum Flughafen. Dort verlief alles wie in einem billigen Familienfilm: Wir umarmten uns, küssten uns, freuten uns, hatten uns viel zu erzählen, fuhren mit dem Taxi quer durch die sonnige Frühlingsstadt, Tina schaute verträumt aus dem Fenster, ich auf ihre braungebrannte Haut, auf die wirren Strähnen ihrer nun blondierten Haare, die sie länger trug als zuvor. Sie lachte ständig und die einzige auffällige Abweichung von ihrem üblichen Verhalten war die Tatsache, dass sie das Taxi nicht bezahlte, die letzten australischen Dollar waren ausgegeben und deutsches Geld habe sie sowieso nicht, sagte sie lachend. Sie müsse sich jetzt dringend von Luft und Liebe ernähren, ausgiebig. Für sie als Jetlag-Gequälte sei das Bett die einzige Rettung und ich solle mich als Rettungshelfer betätigen. Von Müdigkeit konnte bei ihr nicht die Rede sein, sie war überaktiv und schöner denn je.

Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bis wir das Bett wieder verließen. Dann kochte ich und sie führte einige Telefonate. Beim Essen rückte sie mit Hintergründen heraus, die sie mir bisher immer verheimlicht hatte. Der Onkel, dessen 16-mm-Kamera in meinen Besitz übergegangen war, hatte ihr damals neben seiner fototechnischen Gerätesammlung eine nicht unerhebliche Summe an Geld vererbt. Dieses Geld, das wegen testamentarischer Formalitäten erst nach ihrer Indienreise bei ihr angekommen sei, habe die letzten Jahre dazu gedient, dass Tina sorgenfrei leben konnte. Mit voller Absicht habe sie sich damals dazu entschlossen, das Geld einfach auszugeben, keine Rücklagen durch fragwürdige Kapitalanlagen zu bilden oder Zeit durch Nebenjobs zu verschwenden. Sie habe einfach von der Substanz gelebt und diese Substanz sei nun weg, Australien habe den Rest aufgezehrt, ihr Konto, das fünf Jahre lang ununterbrochen im Plus gewesen sei, sei jetzt ordentlich überzogen. Nun beginne für sie der Ernst des Lebens. Mein neuer banaler Job an der Provinzuni passe dazu ganz gut, sowas brauche sie auch. Am besten sofort. Aber erst müsse sie noch die Masterarbeit für ihr Studium schreiben. Umgehend und schnell, ohne Motivationsprobleme, ohne Verzögerungen, ohne Beziehungskrisen und ohne sexuelle Durststrecke, wie sie gerade eine hinter sich habe. Verstanden? fragte sie und ich sagte ja. Also los.


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„Medialismus“, Roman: 38. Kapitel

2 Gedanken zu “„Medialismus“, Roman: 38. Kapitel

  1. Gerhard schreibt:

    Gefällt mir recht gut!

    Muß es nicht „ohne Beziehungskrisen und ohne sexuelle Durststrecke, wie sie gerade eine hinter sich habe.“ heissen?
    Genauso statt: „eine Beleidigung für alle Arbeitslose des ganzen Landes“: „eine Beleidigung für die Arbeitslosen des ganzen Landes“?.

    Vielleicht bin ich da ein wenig zu kritisch oder auch einfach schlicht borniert🙂
    Wenn letzteres zutrifft, kannst Du die Passage von mir löschen…
    Schönen Tag!

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