Feinbergiana 10

(Publiziert 1944.)

Die Zeitangaben in allen Protokollen beziehen sich auf die Interpretationen von Nikolaos Samaltanos (Sonaten 1, 4, 5, 9, 10 und 11) und Christophe Sirodeau (Sonaten 2, 3, 6, 7, 8 und 12) aus den Jahren 2003 und 2004, die als MP3-Download erhältlich sind: Sonaten 1 – 6, Sonaten 7 – 12

[Semantisierendes Echtzeit-Hörprotokoll] 0:00 Beste Laune heute, wenn auch etwas schräg beieinander. Aber im Grunde geht alles flott von der Hand. Man muss die Dinge, das Von-der-Hand-Gehen, mechanisieren, das ist es! 1:04 Roboter, Maschinen! Die Zukunft gehört dem Apparat, im doppelten Sinn, harhar. Alles geht voran, automatisch. 1:20 Wir sind marschierende Maschinen im staksigen Stolperschritt. Mit uns zieht die neue Zeit. Oder so. 2:15 Etwas setzt aus auf einmal, kein Treibstoff mehr, aber die Zahnräder drehen sich noch, leer. 2:30 Der Motor springt wieder an. 3:00 Hemmungsloser Aktivismus bei äußerer Freundlichkeit und gelegentlicher Ruppigkeit (was für mich ungewöhnlich ist). 3:20 Draußen zieht jetzt eine Art Prozession vorbei, gemessenen Schrittes, ich sehe kaum hin. Diese neue Gesellschaft ist choreographisch und choreographiert. 3:55 Es geht jetzt darum, mit der neuen Zeit Schritt zu halten, in die Zukunft zu blicken, alte Zöpfe abzuschneiden. Der Horizont ist offen, was vergangen ist, ist vergangen. Ich bin nahezu ausgeglichen, um Jahre verjüngt. 4:20 Die Prozession verschwindet allmählich wieder, was ich ohne jedes Bedauern konstatierte. Manchmal holpert mein neuer Motor noch, ich verhasple mich in meinem Eifer, die Zahnräder sind noch nicht eingelaufen. Das Neue eifrig durchdeklinieren, alle Varianten durchhecheln, pflichteifrig, eher un-begeistert. 5:49 So etwas wie Tragik existiert ja im Grunde gar nicht, allein die Sachlichkeit der Tatsachen ist es, die zählt! 6:16 Hysterischer Anflug von nostalgisch eingefärbter Melancholie, dann wieder dieses ruppige Zusammenreißen, diese unfreiwillig komische neue Härte gegen mich selbst! 6:43 Ich habe zwar im Grunde kein Talent zum Pompösen, Feierlichen, aber eine Parodie staatstragender Gemütshaltung bekomme ich schon hin, der Aufmerksame wird schon verstehen, wie ich’s wirklich gemeint habe. Wenn nicht, ist’s auch egal. Uneigentliches Sprechen. 7:30 Wenn nicht nur immer wieder meine Hysterie hindurchschimmern würde, diese verdammte Unfähigkeit, irgendetwas ganz zu empfinden, in kompletter Abwesenheit der exakt gegenteiligen Empfindung! Kleine Raserei, die Leute amüsieren sich sicherlich über mich. 8:05 Leichte Erschöpfung jetzt, aber ich muss in dieser Art fortfahren, muss, muss! 8:30 Blöder Aktivismus, tausend Dinge sind zu tun, rede ich mir permanent ein. Irgendwann sind sie dann wirklich zu tun, die Dinge. Dummes Geschwätz anderer ist schlicht zu ertragen, mannhaft. 9:00 O weh, mein tiefer Sarkasmus und meine Hektik werden mir irgendwann noch zum Verhängnis werden! 9:30 Ich komponiere heute einfach seitenverkehrt, das wäre zweifellos eine Lösung! 9:44 Ist man erst mal drin in der Mühle, läuft es von selbst. Auch wieder langweilig. Nur keine Tragik! 10:10  Erneut geht das Benzin aus und ich kann der Maschine ein wenig beim Leerlauf zusehen, stoisch. 10:40 Es ist genug, aber ich werde es noch anständig zu Ende bringen, systematisch permutierend, abbauend bis auf Null. Gut jetzt.

Zusatz (gehört nicht zum Protokoll) Die Wende ist da! Zwischen Sonate 9 und diesem Werk liegen Welten (aber nur 5 Lebensjahre). Nun, „Neo-Klassizismus“ à la Strawinski betreibt SF hier zwar nicht, aber eine gewisse anti-romantische und, vor allem, anti-tragische Ernüchterung glaube ich schon deutlich herauszuhören. Gut, es gibt weiterhin eine Unmasse an Tönen, es wird weiter „um’s Leben gespielt“, aber irgendein Zahn wurde in diesen 5 Jahren gezogen. Irgend eine ganz große Trauer, irgend ein ganz großes Pathos ist aus dem Weg geräumt (was nicht heißt, dass es nicht gelegentlich laut und vernehmlich nachdonnern darf). „Rekonvaleszenz“ fällt mir ein, halb scheint der Komponist noch heimgesucht zu sein von den gnadenlosen Gespenstern der Vergangenheit, halb versucht er, sich in der neuen, nüchternen, aber „realen“ Gegenwart zurechtzufinden. Noch scheint er kein rechtes „Gefühl“ für diese Gegenwart zu haben. Er nimmt sie in ihrer Sachlichkeit, die ihm eigentlich erst mal komplett zuwider ist, begeisterungslos (aber doch auch neugierig!) zur Kenntnis, frostig, mit sarkastischem Unterton. Er wehrt sich aber nicht mehr (etwas in ihm dagegen wehrt sich durchaus pausenlos mit Händen und Füßen, aber im Endeffekt scheint das nur eine Methode zu sein, nicht mehr benötigte Emotionen gefahrlos abzufackeln). Ja, der große Kampf ist gekämpft, ist ausgefochten, jetzt geht es darum, das Programm auszuführen: „Feinberg 2.0“, ab sofort.


„Feinbergiana“

Advertisements
Feinbergiana 10

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s